Tweet Zwanzigtausend – für Euch

Ein Nachrichtenstudio.

Nachrichtensprecher: …laut Aussagen des Bundesgrenzschutzes gehe es dem Kind mittlerweile aber wieder gut und erwäge, in Zukunft auch Fahrscheine für den Zug zu kaufen.

Kommen wir nun zu einem anderen Thema. Seit Wochen wird im Münsterland eifrig geschraubt, hantiert und gewerkelt. @mlampin, Twitterbenutzer, achtzehn Jahre, Idol einer gesamten Generation, feiert sein Twitterjubiläum. Der zwanzigtausendste Tweet soll, so ein Sprecher der mlampin-Brigade für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, in den nächsten Stunden veröffentlicht werden. Anlass genug, zurückzuschauen auf die bewegte Geschichte eines Twitterers, der sich selbst niemals gut genug war, und dem Publikum auch nicht. Unsere Mitarbeiterin Katrin Müllerhodenstein mit einem Portrait eines Ausnahmetalents, eines Jungspundes, eines kreativen Tunichtguts, eines wilden Wasserfalls der Emotionen, eines Nashorns der Gemütlichkeit, eines sagt mal, wie lang geht die Aufzählung hier eigentlich noch weiter, eines Chronisten der Belanglosigkeit, eines Waschbeckens der lustvollen Unschuld, eines Mahners der Durchschnittlichkeit-

Abrupter Schnitt.

Bericht: Twitter. Ein Name, ein Fanal. 2006 von einer Horde junger Wilder aus dem Silicon Valley gegründet. Ziel von Twitter ist es, sich als Nutzer cooler als ein Facebooknutzer zu fühlen.

Auch Mlampin zieht es in den eisig-kalten Winternächten des Julis 2009 zu Twitter und kommt davon nicht mehr los.

Dr. phil. Jacob Jacobsen, politischer Journalist mit ausufernden Handbewegungen: Was Mlampin mit einer großen Eloquenz bei Twitter schafft, ist die Kunst, Sätze zu schreiben, die nicht länger als 140 Zeichen sind. Die Qualität der Sätze ist dabei meistens so lala bis so durchwachsen bis kompletter Schrott. Aber wenn man bedenkt, dass ich für einen politischen Kommentar in einer überregionalen Tageszeitung mehrere Anzeigenplätze schalten muss, weil sonst mein Text da nirgends rein passt – dann finde ich das überaus erstaunlich, überaus interessant. Und bewundernswert. Und bin scheißeneidisch.

Bericht: Nun, knapp zweieinhalb Jahre später, kann ein großer Meilenstein gefeiert werden. Im Hause der Mlampins knallen die Sektkorken gegen die 70er-Jahre-Sperrmüll-Lampen mit Blumenmotiven, denn es heißt: Der 20.000. Tweet steht bevor.

Doch was bedeutet die Zahl 20.000 wirklich? Der Mathematiker Billy Gerwitz muss es wissen. Seit Jahr und Tag manövriert er sich durch den Kosmos der Zahlen, berechnet zum Einschlafen die eulersche Zahl (irgendwo zwischen 9 und 10), und kann inzwischen „Hallo, wie geht es dir?“ auf Algebra sagen.

Billy Gerwitz: Mathematiker 20.000 ist eine runde Zahl, was bedeutet, dass überproportional viele Nullen vorkommen. Vergleichen Sie das zum Beispiel mit der Zahl 34827384, wo keine einzige Null drin vorkommt.  34827384 ist also nicht rund, höchstens sechseckig. Wenn man 20.000 durch 2 teilt, kommt 10.000 heraus. Was herauskommt, wenn man die Zahl verdoppelt, weiß ich noch nicht. Aber ich promoviere da zurzeit drüber, danach schreib ich das bei WolframAlpha rein und dann kann mir keiner was.

Bericht: Auch das Feuilleton erinnert sich gerne an die kulturelle Schlagkraft von mlampin. Unvergessen seine großen Werke „Ich hab sturmfrei“ (Sommer 2009), „Scheiße, einen Korb bekommen :’-((((“ (30. Dezember 2010), oder „Ich kann nicht kochen, es gibt Kekse und Saft“ (etwa täglich).

Der Nagetierzüchter und Literaturkritiker Marcel Reich-an-Karnickeln erinnert sich:

Marcel Reich-an-Karnickeln: Was mir bei mlampin besonders gefällt, ist, dass er nicht auf Rumänisch schreibt. Oder auf Russisch. Oder Isländisch. Das sind alles Sprachen, die ich nicht verstehe.

Bericht: Doch welches Werk von @mlampin schätzen Sie persönlich am Meisten?

Marcel Reich-an-Karnickeln: Ich fand den Tweet über die Todesfuge sehr gut. Irgendwas mit so nem Kerl in nem Haus und dann ein Grab in den Wolken. Ach, das war ja von Paul Celan, nicht von @mlampin. Naja. Ähm. Ich fand seine Sturmfrei-Tweets gut.

Bericht: Matthias, der nebulöse Drahtzieher hinter seinem mlampin-Kollektiv, will seinen 20.000 Tweet selber wenig feiern. Laut seinem Pressesprecher muss er noch seine Englisch-Hausaufgaben machen und dann nach dem Dschungelcamp ab ins Bett.

Das hindert zahlreiche Fans jedoch nicht daran, sich in Großstädten einzufinden und „Public-20.000ster Tweet-Lesing“ zu zelebrieren. Promis wie Dieter Nuhr, Til Schweiger oder Detlev D. Soost werden in der Berliner Volksbühne je ein Wort abwechselnd vom Tweet vorlesen. Eintritt kostet etwa fünfzig Euro, die Dauer des Vortrags beträgt etwa vierzig Sekunden (mit Pause).

Andere Twitter-Größen wie Ashton Kutcher, Justin Bieber oder Barack Obama wollen irgendwann in den nächsten Tagen ihre Grüße überbringen.

Justin Bieber: Hey, super cool to be on the program. Yeah, I just wanted to say that uhm mlampin is a pretty cool guy, you know, uhm. The first time I uhm read a tweet of him I was like, you know, uhm, „Oh my Gawd! What the, uhm, you know, fuck? How super cool is that.“ And basically uhm, you know, I was like, „Oh my Gawd!“ Yeah. That’s pretty much about it. You know. Uhm.

Barack Obama: kann seltsamerweise perfektes Deutsch Ich als Präsident der Vereinigten Staaten freue mich sehr darauf, auch meine zweite Amtsperiode mit Tweets von @mlampin zu versüßen. Da sind die Atombömbchen aus Teheran oder die doofen Republikaner plötzlich auch nur noch Menschen.

Bericht: Doch was soll drinstehen im Tweet 20.000? Laut Insidern aus dem Organisationsteam soll im Tweet folgendes auffindbar sein: eine Mischung aus Liebe, Hass, seltsamen Humor und sehnsuchtsvollem Gegreine für Musik, die kein Arsch kennt.

Was auch immer drin steht – wir werden uns drauf freuen und berstend vor Geilheit retweeten und faven, bis wir mit Sabber triefend und zerrissenem Kleid auf dem Parkettboden unserer Großstadtwohnung liegen und mehr verlangen. Und das ist das größte Geschenk, was wir @mlampin heute geben können. Zurück ins Studio.

Nachrichtensprecher: Ein denkwürdiger Tag, ein erstaunlich unlustiger Beitrag. So ist das halt, wenn man voller Ambitionen was Lustiges ins Blog kleckern will und am Ende klingts doch nur so, als hätte man „Die Dreisten Drei“ rückwärts geguckt.

Kommen wir zur Politik. Während des letzten Beitrags hat sich Kanada aufgelöst. Wie es zu diesem Fauxpas kommen konnte, versucht uns nun Horst Lichter zu erklären, der zwar nicht in Kanada wohnt und auch sonst keine Ahnung von Irgendwas hat, aber dafür einen drolligen Schnurrbart hat. Hallo, Horst! Grüße nach Berchtesgaden!

___________Und nun mal schluss mit lustig:________

Ich danke euch allen, dass ihr mich 20.000 Tweets lang ertragen habt. Naja, von ertragen kann hier keine Rede sein, man kann mich ja stets entfolgen. Perfides System eigentlich. Naja, auf jeden Fall toll von euch, dass ihr nicht Entfolgen geklickt habt. Ich hab euch alle ganz ganz doll lieb und ich verspreche feierlich, dass ich keinerlei Emotweets mehr schreiben will. Das Versprechen brech ich aber eh bald wieder. Tschüssi :D

Gesetzliche Feiertage

Im Ofen briet der alljährliche und deshalb längst nicht mehr inbrünstig erwartete Weihnachtsputer und seine goldbraune Haut ähnelte auf unangenehme Weise der Haut von Rita, der verwitweten Tante, die stets bei Familienfeiern höflich eingeladen wurde, da sie selber keinen hatte, mit dem sie sonst feiern konnte. Sie war erst vor ein paar Tagen von ihrem Urlaub auf St. Lucia in der Karibik heimgekehrt. Woher sie das Geld für diese Reise hatte, war allen unklar. Man spekulierte auf das Erbe des vielleicht doch gar nicht mal so armen Onkel Hubert, der vor ein paar Jahren von einem Baum erschlagen wurde. Sowohl ihr Karibik-Urlaub wie auch das zahlreiche Make-Up, das für Festtage wie diesen im Laufe der letzten Monate akribisch aus den Gratisbeilagen der Frauenmagazine  zusammengehortet wurde, erzeugten auf ihrer Haut den ähnlichen Teint wie auf der des Puters.

Monika, die Mutter, stand in der Küche und rührte emsig in den zahlreichen, dampfenden Töpfen auf den vier Elektroherd- und zwei Gasherdstellen. Karsten, ihr Mann, las den Kindern irgendeine Geschichte vor. Er verhinderte damit, dass die Kinder mitbekamen, wie die vom Wein und Kaminfeuer schwitzende Rita die zahlreichen Geschenke unter den diesmal betont schlicht geschmückten Weihnachtsbaum stellte. Man sah sofort, welches Geschenk von wem stammte: die in rosa-glänzender Kunststoffverpackung stammten von Monika, die neutral-blauen von Karsten, die mit überschwänglicher Weihnachtsdeko und gekräuseltem Geschenkband eindeutig von Rita und der hoffnungslos vertesafilmte Rest unverkennbar von den Kindern.

Der Abend verlief anfangs gut und begann damit, dass Karsten erstmal sein Auto in die Garage umparkte. Im Radio hatten sie unüblich viel Schneefall angekündigt und da Karsten morgen angeblich mit dem Auto zum Flughafen musste, um in Frankreich einen muslimischen Geschäftspartner zu treffen, dem Weihnachten anscheinend egal war, wollte Karsten morgen das Auto nicht erst freikratzen und von Schnee befreien. Rita wollte das Auto partout nicht umstellen, schließlich seien Weiße Weihnachten irre-romantisch und so oft komme das gar nicht vor, die Statistik hätten sie heute nachmittag noch im Radio erwähnt, aber sie habe da nicht ganz zugehört. Die Kinder saßen im Wohnzimmer und fraßen die Süßigkeitenteller leer, während Monika in der Küche emsig rührte, mit einem Löffel die Soße probierte und durch den Flur rief, wie sie heute Nachmittag buchstäblich die Allerletzte im Laden war, um den Rotkohl noch einzukaufen. Der Weihnachtsputer wurde zusammen mit dem Curryreis und Rotkohl verspeist. Ein Kind war gegen Curry allergisch, das andere mochte keinen Rotkohl und keine Pute und aß deshalb nur ein paar Kekse vom Süßigkeitenteller, bis das andere Kind dann auch den Teller wegstellte und sie gemeinsam Süßigkeiten futterten. Während sie alle größtenteils schweigend aßen, lief im stummgeschalteten Fernseher die Weihnachtsansprache der Bundeskanzlerin und im etwas zu lauten Radio dudelte der Weihnachtsfunk. Beim Dessert, halbaufgetaute Schwarzwälder Kirschtorte von Coppenrath & Wiese, sprach Rita über ihren Karibikurlaub, Monika über die unfreundlichen Verkäufer während der Weihnachtszeit, Karsten über den nervigen Islam-Geschäftspartner, den er morgen angeblich treffen müsse, und ein Kind stand unwillig Rede und Antwort über die Reha-Physiotherapie, die es seit dem Knochenbruch im Schulsport in Anspruch nehmen musste.

Dann gab es Bescherung. Die Kinder verschenkten an alle das Selbe, ein selbstgemachtes Sperrholz-Mobilé mit mit der Laubsäge ausgesägten Weihnachtsfigürchen. Ein Kind heulte, als es kein iPhone bekam, sondern bloß eine Lichtorgel für den Partyraum im Keller. Die Erwachsenen mussten dann für die nächsten paar Minuten debil die Lichtorgel bejubeln, wie toll und verrückt-bunt das Ding doch sei, damit das Kind aufhörte, zu flennen. Das andere Kind war mit seinem letzten Geschenk, einem Puppenhaus, grundzufrieden und stopfte Kekse in sich hinein. Rita bekam ein hässliches Kleid, Monika bekam ein Kochtopf-Set von Karsten, Karsten bekam einen Rotwein von Monika. Rita lachte, dass das ja wie bei den Hoppenstedts sei. Monika wusste nicht, wer die Hoppenstedts seien und ob man die kennen müsse. Rita sagte, die Sendung da von Loriot. Karsten sagte, er höre von so einer Sendung zum ersten Mal, und Monika nickte beipflichtend.

Die Kinder wurden ins Bett geschickt. Rita trank ihr sechstes Weinglas leer und erzählte, dass die karibischen „Boys“ sehr viel körperbetonter und gesünder lebten als die jungen Männer hierzulande. Monika erzählte nochmal, dass sie die buchstäblich letzte im Supermarkt gewesen war, als sie den Rotkohl einkaufte. Karsten fand, dass Frankreich vor allem im Winter schön sei und er sich deshalb eigentlich ja doch ein bisschen auf das Treffen mit dem muslimischen Geschäftspartner freue. Das Wichtige beim Calypso, erklärte Rita, sei, dass niemand merken dürfe, dass man Tourist sei. Monika verstand nicht, was so schlimm sei, Tourist zu sein.

Um Mitternacht hatte Rita ihr achtes Weinglas geleert und fuhr daraufhin im Schneesturm nach Hause. Monika ging in die Küche und wusch ab. Karsten rief seine Geliebte an und fragte, in welchem Hotel in Paris sie sich träfen, ob das Geschenk per Post pünktlich angekommen sei, und ob sie schon geil wäre, wenn sie an morgen dachte, weil er sei total geil, er habe schon einen Ständer, wenn er an sie dachte. Später lagen Monika und Karsten übereinander im Bett. Während Monika es über sich ergehen ließ, stellte sich Karsten vor, dass er es mit seiner Geliebten trieb, oder mit Rita, oder mit einer karibischen jungen Schlampe, oder dann doch wieder mit der französischen Geliebten.

Das nächste Weihnachten verbrachte Rita in einem Luxushotel auf St. Lucia mit einem reizenden alleinstehenden Herrn, den sie im April auf der Gruppenreise in die Karibik kennengelernt hatte. Karsten feierte mit seiner französischen Geliebten und Monika bestellte für sich und die unablässig Schokokekse futternden Kinder eine große Familienpizza, schließlich sei Weihnachten ja das Fest der Familie.

Großes Jahresendlistengesause 2011

Au Revoir, 2011! Ein Jahr ist nun fast vorüber. Fast. Es sind noch ein paar Tage. Ich wünsche mir manchmal, eine Band zu gründen, die irgendwann am letzten Veröffentlichungstag des Jahres (also 2011 wär’s der 19. Dezember gewesen) ein dermaßen geniales Meisterwerk raushaut, dass alle hippen Online-Redakteure ihre Jahresend-Bestenlisten hastig redigieren müssen, Musikzeitschriften aus lauter Furcht vor schmähender Leserpost kollektive „Wir haben versagt!“-Texte online gehen lassen und generell alle derbe verwirrt sind.

Eigentlich aber total egal. Denn was wichtig ist, in diesem Artikel zumindest, ist, was denn nun 2011 so erschien. In Sachen Buch, Film und Mucke. Vor allem in Mucke. Da kenn ich mich am Meisten aus, sozusagen. Ich las dieses Jahr kaum aktuelle Bücher, und Filme sah ich nur vereinzelt und die waren auch nur vereinzelt aus diesem Jahr. (Ich musste gerade zum Beispiel meine eh schon total spartanische Filmliste kürzen, als ich merkte, dass der Scott Pilgrim-Film schon 2010 erschien. Jetzt ist doch bloß Melancholia auf Platz #1. Lahm.)

Ich hoffe für 2012, dass es ein bisschen spannender wird. Hoffentlich erreicht uns im Falle der Musik mal wieder so ein großartiges Jahr wie 2009. Weiterhin hoffe ich, dass Thees Uhlmann etwas weniger wichtig wird, PeterLicht etwas weniger „Höhö, das gefällt bestimmt auch BWL-Studenten“-Musik macht, und dass ihr euch alle mächtig durch die Gegend verknallt.

<3 und xoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxo, euer Matzi.

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~{#MUSIK#}~

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BESTES ALBUM DES JAHRES

05. ONEOHTRIX POINT NEVER: Replica

Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never (lies: One-Oh-Tricks) bastelt seit längerem bereits aus alten Werbevideos der 90er Jahre seltsame Collagen, Montagen und Tracks. Nicht wirklich in ein Genre einzuordnen, das ganze. Lopatin ist klug genug, die erwartbaren Samples aus den Werbevideos („Oh mein Gott, Judy, schreddert diese Saftpresse etwa auch Innereien?“ – „Ja, Bob!“ – „Oh my Gaawd, ist das nicht fantastisch!“) zu vermeiden und kreiert aus den alten Schnipseln ganz eigene, vom Subjekt unabhängige Klangkosmen, die erstaunlich viel Gefühl und wenig nervige Ironie besitzen. Sicherlich für mich die Überraschung des Jahres.

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04. UNKNOWN MORTAL ORCHESTRA: Unknown Mortal Orchestra

Da muss man auf jeden Fall drauf achten, auf die Musikszene, die da gerade in Neuseeland entsteht. Unknown Mortal Orchestra ist ein mysteriöses Bandprojekt irgendwo aus diesem mysteriösen Land. Und obwohl das Plattencover unheimliche Architektur aus dem Ostblock zeigt, klingt die Musik komplett konträr zum Cover: sie klingt frei und ungebunden. Smack My Bitch Up, aber bitte langsam und in gegenseitigem Einverständnis. Ein schleppender Funk-Drumbeat, darüber eine rauchige (natürlich etwas verstimmte) Gitarre, androgyn-lässiges Gesinge drüber, alles einmal mit Hall versehen und fertig ist mein Sommerhit des Jahres, Ffunny Ffrends. Man hört es und die diesigen Wolken ziehen weg. Und zurück bleibt nur Lavendelduft.

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03. BELONG: Common Era

Joy Division trifft auf Unmengen von Krach. Irgendwo in diesem Geräuschnebel stecken die frühen 80er, man hört die Synthies, man sieht vor seinem inneren Auge die New Wave-Jugendlichen, die niemals müde durch niemals müde Städte fahren und gleichzeitig das alles bescheuert finden. Und während man noch all dieses 80er-Geschwurbel im Kopf hat, klart es auf und man erkennt, dass diese Musik – chaotisch, seltsam, hymnisch, wunderschön – perfekt zu unserer chaotisch, hymnischen, wunderschönen Welt passt. Ja, auch jetzt, auch hier, auch 2011.  Modern Talking trifft auf die Swans, 80er-Zuckerpop auf tiefe Düsternis, Metaphysik auf glasklare Offenheit, Lo-Fi auf Hi-Fi. Unverzeihlich, dass dieses Album nicht bekannter wurde.

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02. JOHN MAUS: We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves

John Maus, von Beruf Philosophiedozent auf Hawaii, macht seltsame Musik. Sie klingt wie abgelaufene Ahoi-Brause, die auf geschmolzenen Musikkassetten der 80er prickelt. Das kann man entweder großartig oder grässlich finden, aber wer es großartig findet, dem bleibt es im Kopf stecken und man erinnert sich so oft und so gern an die Musik zurück, wie sonst bloß an den Tag, als man Ahoi-Brause zum ersten Mal durch die Nase schniefte.

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01. PJ HARVEY: Let England Shake

 Ein Konzeptalbum über den kriegsähnlichen Zustand in Afghanistan, von einer in den 90ern hochgelobten Sängerin – das klang eigentlich sehr, sehr gruselig, doch überraschenderweise entpuppte sich diese Gruseligkeit als die größte Stärke des Albums. Über allen Songs liegt ein Schleier des Unwirklichen, der Angst, der Diskepanz. Diskepanz wozwischen? Zwischen der engelsgleichen Stimme, der wunderschön ruhigen Musik und den grausam-detaillierten Texten über Krieg, Folter, Leichen, Zerstörung und korrupte Politik.

„The West’s Asleep / Let England Shake“ ist die erste Zeile des Albums. Für die nächsten 35 Minuten folgt eine detaillierte Auflistung von Kriegsverbrechen, Impressionen und Gefühlen. Bis dann das Album mit einer unfassbar traurigen Geschichte eines sterbenden Soldaten endet. Klingt alles nach Kitsch, nach Pathos, nach Patriotismus? Oh hell no! Das ist ja das Große am Album: PJ Harvey ist klug genau, niemals tumbe und blöde Slogans rauszuhauen („Hey, böser Cameron, kein Blut für Öl!“, „War Is Death, weißte Bescheid!“), sondern stattdessen bloß ein paar Sätze rauszuhauen, die einem den Atem nehmen. So singt sie am Ende von „The Words That Maketh Murder“ (s.o.) die göttliche Zeile „What if I take my problems to the United Nations?“. Geiles Album, wichtiges Thema, super Umsetzung, warum nicht mal sowas aus Deutschland? Ach ja, richtig, wir sind viel zu sehr bemüht, Casper zu hören.

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EBENFALLS GANZ, GANZ TOLL

Moon Duo kombinierte auf „Mazes“ Punk, Apathie und Wüste.

Grouper brachte auf „A I A: Alien Observer / Dream Loss“ das Universum in seltsame Schwingungen und ließ sich davonwehen.

Battles ließen es auf „Gloss Drop“ ordentlich krachen, und sorgten mit My Machines auch für ein tolles Video.

Gang Gang Dance dachten sich die Popmusik der letzten 50 Jahre als weiße Leinwand und gingen dann auf „Eye Contact“ wie Jackson Pollock vor.

Amen Dunes sorgte auf „Through Donkey Jaw“  für tollen Grusel und DAS undefinierbare Album 2011.

Tyler, The Creator zeigt auf Goblin, dass Rap über gestörte Kids, miese Vaterbeziehungen und psychiatrischen Unsinn immer noch spaßig und klug sein kann.

Und Chuckamuck sind nicht nur privat abgefuckt und lustig, sondern zeigen auf „Wild for Adventure“ als deutsche Power-Pop-Hoffnung, wie es geht mit der allgemeinen Lustigkeit.

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KLASSIKER NEU ENTDECKT

Smog – A River Ain’t Too Much To Love (still, langsam, leise, groß). Deerhunter -  Weird Era Cont. (Messdiener nehmen Drogen, schließen sich mit ihren Gitarren ins Pfarrheim ein und haben sehr viel Sex). Boards of Canada – Music Has the Right to Children (Kindheit als Diagnose: so paranoid kann Schönheit klingen.) The Books – The Lemon of Pink (Vergangenheit ist OVER !!!). Stereolab – Dots & Loops (Frankodelisches, psychoesque, Musik zum Frühstücken). The Microphones – The Glow, Pt. 2 (Gutaussehender Junge macht gutklingende Jungsmusik für Erwachsene.) Broadcast – The Noise Made by People (Ruhe sanft, Trish). Animal Collective – Sung Tongs (Drogen nehmen, im Laubwald rumrennen, whoop whopp!). Slowdive – Souvlaki (Shoegaze my ass. So klingt herbstlicher Liebeskummer kurz vorm Hörsturz.)

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~{#VISUELLE MEDIEN#}~

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FILM

05. Super 8 (J. J. Abrams) – Unschuldige Jugendkomödie, hach.

04. Winter’s Bone (Debra Granik) – Drogendrama mit grobkörnigen, abstoßend-hinterwälderischen Bildern. Wohlig betrunken und im Halbschlafdelirium in einem fast leeren Kino in Dortmund geguckt.

03. Black Swan (Darren Aronovsky) – Weil durch den Film Millionen unschuldiger Teenies verstört wurden, die doch eigentlich nur einen fröhlichen Tanzfilm sehen wollten.

02. Eine dunkle Begierde (David Cronenberg) – So it goes: Psychoanalyse zur Zeit, als das alles noch ziemlich badass war.

01. Melancholia (Lars von Trier) – Ach, Lars.

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TV

TWIN PEAKS (arte, April bis Juni)

Klassiker, ich weiß, schon 20 Jahre alt. Aber wie die Mischung aus Horror (siehe oben), Drama, Soap, David-Lynch-Wahnsinn und Comedy in so eine großartige Serie mündete, ist wunderbar und hat mich über das Jahr gerettet.

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Oberstufe

Prototyp dieses Gedichts entstammt einer Mathestunde, wurde daraufhin im Laufe mehrerer Tage zigmal überarbeitet. Nun „steht“ es mehr oder weniger, und ich bin sehr stolz drauf.

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OBERSTUFE

Während morgiges Genie

krachend die Scheingrenze bricht,

offenbart sich durch geschlossene Wahl

unter unnachgiebig-dunkelgrünem Holz

wilder, übrig-unteilbarer Rest,

der sich gelbäugig

Rätsel in den Kopf

schlagen lassen muss.

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Aus dem Wald strömen Touristen

Der Wind rauscht durch den Wald, der sich vor Anstrengung mühsam reckt und streckt. Knarzend biegen sich die Äste, das Laub fährt über das Laub der anderen Bäume, der Nachbarn. Das Rauschen, das Knarzen, das Wispern,  seit vier Tagen jetzt, seitdem es windig ist, und es macht mich wahnsinnig. Die gigantischen Baumkronen der uralten Eichen strecken sich und ich stehe unter ihnen, etwas verwirrt, wie so ein bisschen Luft so verzweigte, organische, steinharte Gebilde zum Vibrieren, Zittern und Wanken bringen kann, direkt vor meinen Augen. Wenn man sich an die Baumrinde stellt und nach oben schaut, sieht es so aus, als würde der Baum vornüber kippen, entwurzeln, einen mit seinem tonnenschweren Gewicht ohne jegliche Anstrengung erschlagen, bis dann nach wenigen Wochen die ersten Eltern beim familiären Waldspaziergang ihre Kinder auf dem umgestürzten Baumstamm klettern lassen. Doch all das passiert nicht. Ich stehe bloß vor dem Baum, schaue nach oben, doch nichts kippt, entwurzelt, erschlägt. Stattdessen rauscht, knarzt und wispert alles. Das Geäst schwingt durch die Luft, die steife Nordbrise verwandelt den Wald in ein Ballett. Beim Theater spielen die untalentierten Kinder immer die Bäume, hier spielen die Bäume die Menschen, bewegen sich im Takt der Luft, knarzen unheilvoll, werfen Schatten und lassen ihr Laub durch die Luft nach unten auf den nassen, laubbedeckten Boden fallen. Nachts ist manchmal für ein paar Stunden Ruhe.

Das gleichsam konstante Hintergrundrauschen der nahen Autobahn ignoriere ich gekonnt, es ist Übung und Gewohnheit zugleich. Dann und wann kann man bei schönem Wetter von der laubbedeckten Autobahnbrücke in der Ferne den Kirchturm erkennen, bei günstigem Wind kämpft sich das unstete Geläut der Glocken durch das Rauschen der Blätter. Der Feierabendverkehr setzt ein, die Verkehrsaufkommen ändern sich, ich lege mich ins Bett. Mit weit geöffnetem Fenster höre ich dem Rauschen zu, das Rauschen der Autobahn – tagsüber laut, nachts leise -, das Rauschen der Bäume – tagsüber laut, nachts lauter. Die Felder sind nachts vom Vollmond und von den Blendlichtern der Windräder erhellt, die sich unablässig drehen und drehen und drehen. Die Windräder flattern, surren und verhaken sich.

Falls die Wolken günstig stehen und das Laub getrocknet ist, kann man sich im tiefen Laub des Waldes eingraben und sich Flügel aus Erde wachsen lassen. Das Laub prallt einem auf die Stirn und hinterlässt blutige Wunden. Die Tannenzapfen klackern durch das Geäst zum Boden und landen auf der Brust. Die Sterne weisen einem abends den Weg nach Hause. Nachts ist manchmal für ein paar Stunden Ruhe.

Plötzlich Menschen auf Erkundungsfahrten. Sie kartographieren mit ihren Digitalkameras den Tag. Sie stromern durch ihre fremde Heimat und lauschen dem Wind, der alles hinfortweht, was sie sind. Sie springen mit ihren Gummistiefeln in Pfützen, die so tief sind, dass sie vollends darin eintauchen. Der Herbst hält Einzug, der Feierabendverkehr setzt aus, ein Ellenbogen wäscht den Anderen. Die Kinder klettern auf den umgestürzten Baumstämmen. Urlaub unter Laub. Sie stechen ihr Gebiet ab und reden mit den Leuten. Ich schaue ihnen aus den winzigen Lücken im Dickicht hinterher und höre, wie die dumpfen Glocken läuten. Eine leichte Panik maändert als Efeu über das Land. Wer sich noch nicht kennt, verliebt sich ordentlich.  Der Vogel ist abgeschossen und liegt nackt im Laub. Kinder machen Fotos, aus dem Wald strömen Touristen. Mit Edding notieren sie kurze Worte in den Staub. Die restlichen Herbstferien regnet es.

Durch den Kreisel aus Wind bin ich gelaufen, mit etwas Glück habe ich gute Fotos der zerrissenen Wolken schießen können. Der Schatten der Bäume fällt auf mich herab und hier lebt es sich überdurchschnittlich gut, sagen die Stimmen auf den Radiosendern.

Unsere 10 unvergesslichsten TV-Momente

Minitext ohne Anspruch, maximal für ein paar seltsame Schmunzler. Die Idee kam mir beim Twittern. Innerhalb von wenigen Minuten aufgeschrieben.

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Wir hatten unseren Fernseher etwa für fünf Jahre. Nun mussten wir ihn neulich weggeben und einen neuen kaufen. Seitdem läuft es in unserer Ehe nicht mehr rund. Die Gespräche wurden zu inhaltsleerem Gerede, die Zärtlichkeiten zu rohklotzigen Gräueltaten, auch unser Sexualleben ist zum Ödland verkommen.  Der Therapeut in unserer Eheberatung meinte, der Fernseher könnte ein wichtiges Element unser bis dato perfekt in Einigkeit harmonierenden Beziehung gewesen sein. Er schlug uns vor, aufzuschreiben, was wir mit diesem Gerät verbanden. Da unser Ehetherapeut ein vernünftiger Mann ist, dachten wir, dass dies eine gute Idee wäre. Wir hoffen, dass unsere Ehe dadurch wieder den nötigen Groove bekommt.

Unsere 10 unvergesslichsten TV-Momente.

TV-Moment 1: Martha bestellt sich den Fernseher beim MediaMarkt und er kommt einen Tag zu früh!

TV-Moment 2: Als der hübsche MediaMarkt-Assistent bei uns den Fernseher in das Schlafzimmer stellt, verknackst er sich den Fuß. Martha reicht ihm ein blaues Kühlgel-Kissen.

TV-Moment 3: Als wir einmal Fernsehen gucken wollten, haben wir uns dann doch für das Radio entschieden.

TV-Moment 4: Martha schaltet den Fernseher ein und daraufhin schaltet sie ihn fünf Wochen nicht mehr aus.

TV-Moment 5: Der Adventskranz wird im Jahr 2009 auf dem Fernseher platziert. Unsere Gäste bemängeln dies.

TV-Moment 6: Als wir den Fernseher Mitte August 2010 einmal anschalteten, kam für ein paar Minuten kein Signal. Es war wohl Gewitter.

 TV-Moment 7: Martha wirft mir vor, beim Geschlechtsverkehr nur auf den Fernseher zu schauen. Wir können heute inzwischen wieder darüber lachen.

TV-Moment 8: Meine Mutter schlägt uns vor, einen neuen Plasma-Bildschirm zu erwerben. Wir verschanzen uns für unsere stillen Tränen in unser Schlafzimmer.

TV-Moment 9: Martha erschlägt mit unserem Fernseher ihre Schwiegermutter und schändet ihre Leiche.

TV-Moment 10: Wir verscharren ihre Leiche in einer Weide nahe der Stadtgrenze und geben den Fernseher zum Sperrmüll. Wir können heute inzwischen wieder darüber lachen.

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Losgeschossen

Losgeschossen

Ein Bericht.

(Auszug.)

Eine Schreibmaschine ist eine Waffe.
Haut man die jemandem auf dem Kopf, ist der hin.

- Jörg Fauser

KAPITEL 1

Ein neuer Kick, ein neuer Kill, eine neue Statistik. Eine neue Fehlermeldung, ein neuer Blindgänger, ein neuer Statusreport. Ein neues Smartphone, eine neue Brieftasche, ein neuer Substanzverlust. Ein neues Absturzprotokoll, ein neuer Filter, eine neue Konstruktion. Ein neuer Schwanzvergleich, eine neue Facebookabfrage, ein neues Blinken und Glitzern. Ein neuer Vaterlandsverrat, ein neuer Konsens, ein neuer Pistolenlauf zwischen deinen Zähnen. Ich bin bereit, ich bin jetzt da, hallo, das Mikrofon nimmt schon auf, schon seit ein paar Wochen. Schieß los, hat das Mikrofon gesagt und daraufhin hab ich auch genau das gemacht, einfach mal geredet und man kennt das ja, man gerät dann ins Labern, man offenbart sich einfach dem Wort und das Wort hat Macht, das hatte es schon immer. Literatur ist an sich auch nur plumper Quatsch, sind auch nur zwar mit Bedeutung vollgesogene Buchstaben, aber Buchstaben sind Buchstaben, abstrakt, neutral und steril. Worüber will man denn noch schreiben? Es wurde doch über alles geschrieben und alles, was man schreibt, führt im schlimmsten aller möglichen Fälle einen Diskurs nach sich und dann sitzen da dann vollgewichste Studienräte und Feuilletonisten in perfekt ausgeleuchteten und prima verkabelten TV-Studios und bereden, ob ein neuer Groove durch das Land, die Welt, den Kontinent gehen solle. Oh gott, nein, bitte nicht, sagt der vollgewichste Studienrat, wir hatten ja schon 1834 einen Groove und postmoderner Groove groovt schlecht, aber Herr vollgewichster Studienrat, sagt daraufhin der vollgewichste Feuilletonist, das ist ja keine bloße intertextuelle Reflektion eines früheren Grooves, das ist neuer Text, neues Material, neuer Groove. Also doch bitte, Groove hier und dann da, schieß los, hat der Groove gesagt, füll die Seiten. Wo weißes Papier ist, lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Texte. Ein neuer Tag, ein neuer Monat, ein neuer Abschnitt. Also einfach in den Tag starten, beim ersten Kaffee die Nachrichtensender einschalten, Ton aus, Huey Lewis and the News spielen lassen und die Laufbänder erstmal in Ruhe warmlaufen lassen. In diesem Land dort hinten ist schon wieder etwas in sich zusammen gefallen, klingt nach menschlichem Versagen, im Grunde ist alles auf Dauer menschliches Versagen, menschliches Versagen klingt gut, private Katastrophen, humaner Verfall, anthropologischer Missmut, Vatermutterkind-Verrat, geht ganz gut ab und ein riesiger Berg von Geld wurde zur Seite geschafft, über die Berge gehievt, sorgsam weggeschlossen. Menschliches Versagen. Daraufhin hat man sich das Sektglas geschnappt und ordentlich gefeiert. Menschliches Versagen. 500 Tote beim Zugunglück. Menschliches Versagen. Explosion in einem stillgelegten AKW in Frankreich, bisher laut unseren Atomexperten noch keine Atomwolke im badischen Land. Menschliches Versagen. Ob man nun einen Zug entgleisen, einen Reaktor in die Luft gehen oder ein Flugzeug in ein Hochhaus knallen lässt, es ist und bleibt menschliches Versagen, denn Menschen sitzen im Führerhäuschen, in der Kommandozentrale und im Cockpit, es sind weder Hunde noch Wolken. Von meteorologischem Versagen hat bei Naturunglücken noch nie jemand gehört. Der Kontoauszug vorm Fernseher, quaderartig zusammengefaltet durch die Hosentasche, der ist schon alt und nichts Besonderes. Nur dieser Standardwerbetext, der immer auf dem letzten Blatt eines Kontoauszugs steht, zumindest bei der Volksbank. Die sind da ja immer flexibel, bei der Volksbank, die haben ja gut lachen, die werden von Bauern und Gutmenschen frequentiert, die legen nie in böse, in vergiftete, in menschlich versagte Aktien und Fonds und Blasen und Kredite an. Die bleiben bei ihrem Sparbuch, jedes Jahr 40 € mehr drauf und zum Weltspartag gibt’s ein Kartenspiel und ein paar Zinsen extra, lecker, lecker, mjam. Mit unserem extra Sparscheißkonto bekommen Sie noch weniger Risiko und dafür ein Skatkartenspiel zum Weltspartag, dauert ja nicht mehr lang, Ende Oktober, da werden Sie sich umgucken, Herr Große-Ommebrink, wie schnell der Monat vorüber ist. Tag der Deutschen Einheit, einmal Augen zu und schon ist Weltspartag und Sie können in Ihrer Lieblingskneipe beim vierzigsten Bier mit den Jungs Skat spielen, das ist doch fein, das ist doch ach Sie spielen kein Skat? Sie sind mehr so der Doppelkopfspieler? das ist doch gar kein Problem! da würde ich zu unserem extra-Karobubenfonds raten, da bekommen Sie den fünften Stich gratis, was sagen Sie? Oder doch eher ein Kalender, Notizbuch, Frisbee für das Kind, Dildo für die Frau, wir haben soviel zu verschenken, denn wir sind ja die Volksbank und das finden Sie doch gut, deswegen sind Sie doch hier. Wegen der Geschenke. Aufgrund der Volksbankwerbegeschenke arbeitet man bei der Konkurrenz mit Hochdruck an ähnlichen Artikeln. Commerzbank-Bratpfanne. Deutsche Einheitshits-CD der Deutschen Bank. Der Staat kann es eh nicht besser als der Markt, sagt mein Kopf und mein Bauch sagt, Ach nein, das ist doch eine dreiste und infame Polemik, wo wären wir denn, wenn wir das nicht privat regulieren würden, in einem Armutsstaat wären wir dann. Apropos Armutsstaat: Was ist mit Griechenland? Hat ordentlich viel Geld einkassiert dank der Faulheit, jetzt lebt es sich gut mit Ouzu und Zaziki und Gyros. Morgenthau-Plan, da wollten die Deutschland einfach in einen Agrarstaat machen, so richtig eiskalt, ohne Umzüge, Paraden und Uniformen. Klingt nach einem goldenen Zeitalter zumindest für die Anderen. Auf jeden Fall, und das ist es, was ich sagen will, es gibt eine große Diskrepanz zwischen Agrarstaat und Armutsstaat. Ton an, VOLUME auf volle Lautstärke. Um den konkreten Verfall Griechenlands von einer Griechenland-Expertin perfekt analysiert zu bekommen, begrüßen wir nun Vicky Leandros im Studio. Frau Leandros, Sie schrieben in der BILD-Zeitung, Griechen sind auf der einen Seite schön, allerdings ist das in Griechenland, das Finanzielle, nicht schön. Das Schöne im Unschönen, das Wahre im Falschen, die Ästhetik in der Katastrophe? Ja und nein, ich wollte damit ausdrücken, dass Griechenland weiterhin schön bleibt, Sie Europäer denken allesamt, dass die Sonne nicht mehr scheint und unsere jungen Männer nicht mehr braungebrannt und knackig aussehen, aber das tun sie sehr wohl. Um diesen Fakt weiter zu beleuchten, das Wunderschöne im Überaus Grässlichen, habe ich zum Einen Karlheinz Stockhausen per Telefonleitung in die Hölle am Apparat, und per Skype habe ich Rosamunde Pilcher da, hallo, ihr zwei. Stocki, Sie sagten nach den Terroranschlägen in Osnabrück, nein Verzeihung, Gladbeck, nein, New York City, dass das das tollste Kunstwerk aller Zeiten gewesen sei. Stocki, Sie waren mal Hitlerjunge. Stocki, Sie haben in ihrem Werk „Hymnen“ (jaha, was man halt so Hymnen nennt!) das Horst-Wessel-Lied gesamplet. Stocki, war das kritische Reflexion oder Nazi-Geilheit? Stocki, haben Sie geweint, am Todestag von Horst Wessel? Haben Sie geweint oder gelacht? Fragen wir nun Rosamunde Pilcher, ob sie sich vorstellen kann, in ihren Romanschauplätzen, meist Südengland, Horst Wessel wiederauferstehen zu lassen. Rosamunde, können Sie sich vorstellen-? Rosamunde? Rosamunde Pilcher? Frau Pilcher. Sie atmet nicht mehr, tot fischig und in passend kitschigen weinrotem Glockenrock auf dem doppelten Boden der Nachrichtenverwertungsanstalt TV-Studio Vier, ihr letzter Atem beschlug die Linse der Kamera 5, Halbtotale auf ihr nun gelblich aufgedunsenes Totengesicht. Wir sehen live und in Farbe die Totenmaske von Rosamunde Pilcher, natürlich bloß, weil Sie Ihre Rundfunkgebühren bezahlen. GEZ tut Gutes, meine Damen und Herren. Stockhausen, Sie sind schon tot, worauf muss sich Rosamunde Pilcher nun gefasst machen? Und meine Frage an Vicky Leandros schließt sich da an: Vicky, Sie sind derzeitig noch am Leben, was schätzen Sie besonders am Leben? Ich schätze den Rotwein, die Genüsse, die Kunst, die Fraulichkeit, das besinnungslose Rumvögeln bei Baumarkteröffnungen auf der Behindertentoilette. Außerdem will ich noch sagen, während die Leiche von Rosamunde Pilcher gerade den pflegenden Händen des Rundfunkpersonals übergehen wird, dass man den Griechen auch dadurch helfen kann, wenn man zum Beispiel mal öfters beim Griechen den Olymp-Salat oder die Große Gyrosplatte. Oder Birne Hellene, haha, ein Witz von mir und meinem Ehemann, bestellt. Kann man ja mal bringen. Stocki, wie sieht es aus in der Hölle? Sie haben sich ja noch gar nicht geäußert. Neben ihm hat sich soeben Horst Wessel materialisiert, schönen guten Tag, Herr Wessel, heute mal ohne Singer/Songwriter-Ambitionen, Herr Wessel, wie fühlt es sich an, wenn man schon 1930 als 23-Jähriger von Kommunisten getötet wird? Bevor die echte Sause, you know, was man so Sause nennt, wirklich losging? Horst Wessel antwortet nicht, nur das brodelnde Höllenfeuer füllt die Akustik. Währenddessen ist das erste Brötchen geschmiert und man kann ab zurück in das Wohnzimmer der Wahrheit zur Stunde der Entscheidung, in der uns Guido Knopp mit dramatischer Backgroundmusik erklärt, was die elliptische Flugbahn einer Gewehrkugel zu bedeuten hat. Ist die Kugel erstmal losgeschossen und ab geht’s Richtung russische Verteidigungslinie, dann gehen der Kugel zahlreiche Dinge durch den Kopf. Später dreht sich diese Tatsache und nimmt eine grausame elliptische Wendung des Schicksals: Dann geht so manchem russischen Soldaten die Kugel durch den Kopf. Warum wurde diese historische Synchronizität nie zuvor bedacht? Und warum jetzt erst? Warum sowieso? Und weshalb? Fragen, auf die auch die Geschichtsredaktion Ihres Zweiten Deutschen Fernsehens keinerlei Antwort, keinerlei Einflussnahme hat. Off, aus, Fernseher ausschalten, genug gesehen, genug erlebt, Zeitungen aus Prinzip in den Mülleimer stopfen, sich die Druckerschwärze vom Finger lutschen, damit die Mortadella nicht beschmiert. Im Türrahmen steht der Partner, doof grinsend, sein ranziger Bart lässt die Scheiben der Fenster der Küche beschlagen, mit noch vom Restalkohol schwammigen Stimme ruft er, In unserer Kindheit hieß Mortadella immer noch Kinderwurst, und du angewidert angeekelt an die Wand gestellt antwortest mit modernster deutscher Gelassenheit, Ja, bei uns hieß die Mortadella auch immer Kinderwurst, und daraufhin beißt du ab, verschluckst dich und fast muss er dir auf die Schulter klopfen mit seiner etwas zu sehr behaarten Hand, Pranke, Pfote, doch du kriegst noch so gerade die Kurve und wieder Luft.

Schlaflosgedichte

Zwei Gedichte aus schlaflosen Nächten.

GEDICHT I. Heute nacht, 04.20h

Ein wilder Sommer, ein leerer Tag
reißt das Lachen in die Ritze
vom totgelatschten Bürgersteig
Baum aus Wolle auf
den Lenden voller Gnade
gebenedeit „Unter den Linden“
erkältet erfroren im Hitzesommer
mit Nässehochwasser
und es ist Oktober und
ich habe mich fast verliebt.

und es ist Oktober und
ich bin fast tot
60 Tage sagen die Ärzte
bis dahin durchstarten
Karriere Kinder kriegen
bis dahin nur das Beste
und grüß Du auch die Anderen
und Das Leben der Anderen
super Film müssen wir mal gucken
wir zwei am Besten
bevor ich tot bin, okay

bevor ich tot bin
führt der Bach nochmal
Hochwasser als wär’s
bloß für mich
Ich habe Fieber,
Arzt sagt maximal 20 Stunden
stundenlang läuft im
Fernsehen was
als wär das bloß allein für mich
bevor ich tot bin
Werbespots und was zum Knabbern
Todeszeitpunkt so um
kurz vor elf
zwischen 1. und 2.
Werbeblock von Harald Schmidt

Gedicht II. Vor ein paar Wochen, 02.20h.

Es ist zwanzig Uhr und die Tagesschau meldet was vom Krieg
Draußen regnet es und aus den Häusern der Nachbarn tönt Jazz
Ich bleibe im Dunkeln verborgen, die Wolken sind grau und schweben
Wir kommen nun zu den Lottozahlen und die Kühe auf der Wiese weiden

Lernen und sich alles abduschen, danach wieder lernen
und den unzähligen Augen sanft hinterherblicken und
hoffen, dass man selbst nicht schon lange tot ist und
es nur noch nicht genug gemerkt hat.

Sommerhaus in Schweden, Restwasser.

Sommerhaus in Schweden, Restwasser.

Halbechte Kurzgeschichte.

*

Es ist der 1. Oktober, 18 Uhr, es ist heiß wie im Juli und ich sitze auf dem Marktplatz einer nicht weiter erwähnenswerten Kleinstadt und es ist wie immer keiner da. Es spielt momentan überhaupt keine Rolle, ob ich hier weiter nichtstuend im Herbstschatten einer Sommersonne rumhocke und mit trüben Gedanken Pink Floyd höre, denn in meinem Kopf entstehen Gedanken und ich lasse sie einfach vorüberziehen. Frauen ohne Alter; schreiendes Kind auf der Bank neben meiner; Witze ohne Pointe; und was, wenn ich doch nicht Kulturwissenschaften studieren sollte; und what exactly is a dream; and what exactly is a joke? Wurde das eigentlich jemals restlos geklärt? Oder ist das im Grunde egal? Die Leute klappen die Bordsteine hoch und Sonnenschirme ein, Feierabend, sorry Leute ehrlich aber wir schließen jetzt, ach gar kein Problem wir wollten eh jetzt sofort zahlen. Kind im Elternmantel schreitet über den Asphalt-Marktplatz. Die Plastikstühle des Rathauscafés werden gestapelt, aufeinander. Aus dem Springbrunnen fließt nun kein Wasser mehr, gurgelnd verschwindet das Restwasser im Abfluss. Das Kind schreit wieder, die Touristen haben ihr Eis auf. Aus dem Schreien wird Heulen, dann Weinen, dann Greinen, dann Murmeln, dann Wispern, dann Schweigen (noch nicht, aber bald). Kind ist müde, sagt die Mutter, ich bins auch, seit 18 Jahren schon, elender Scheißerfolgsdruck. Mit 15 hatte man die Frühstückskörbe und Gutscheine und Blumensträuße von der Volksbank und geraunt wurde auch: „Erst 15 und schon so…“ so was? Jetzt 18 und weiterhin mies. Das Kind auf der Bank neben meiner wird nun mit Handymusik sediert. Glocke geht, dingdingding, viertel nach sechs. Es wird schattig, es wird kühl, es wird kalt. Ein Schild auf dem Marktplatz zeigt die Entfernung nach Schweden an. Kinder erzählen ihrer Mutter, sie hätten Pizza gegessen, eine ganz große sogar. 910 km bis nach Moindal, Schweden. Hab das nie wirklich verstanden, diese zwei Personenraster, warum manche von sich selbst sagen: Ich kann Kinder nicht ausstehen und die anderen Manchen, die von sich selbst sagen: Ich liebe Kinder über alles. Ich will nach Schweden. Gutaussehende Menschen küssen sich an azurblauen tiefen oszillierenden Waldseen und abends gibt es Kaffee. Klischees haben etwas Tröstliches. Ich war noch nie in Schweden. Vielleicht gibt es da die gleichen trostlosen Marktplätze, vielleicht gibt es da Provinz, Hass und Tristesse. Albertslund, Dänemark, 630 km. Stört es jemanden, wenn ich sage, dass ich nicht mehr kann? Die Straßenreinigung kommt. Ein BMW fährt langsam sachte leise alles mal auscheckend über den Platz, sich alle Optionen offenlassend. Der Mann von der Straßenreinigung hat ein Laubgebläse. Durch das dank Morgentau schimmernde Herbstlaub laufe ich durch diesen geradezu schon idiotisch idyllischen Laubwald zu meinem schwedischen Sommerhaus, von April bis Oktober bin ich hier und morgen fahre ich heim, nach Deutschland, da sitz ich stundenlang auf einem Marktplatz und sterbe fast vor Angst, doch heute bin ich noch da und Björn, mein schwedischer, oder nein, Lars, Lars ist besser, und Lars, mein schwedischer Mitbewohner begrüßt mich mit seinen stets warmen und sanften Hand, er sagt, er werde das Haus gut in Schuss halten, er fahre jetzt erstmal ein paar Tage nach Stockholm fahren, es ist da zwar total teuer, aber das Nachtleben ist gut, sagt er und ich lächel verschmitzt, ich frage ihn, hast du die Adresse vom Marktplatz mit dem Schild, wo Maindal, Schweden, 910 km draufsteht, ja, ich hab sie mir auf unseren, äh, jetzt meinen Kühlschrank geklebt, ich ruf dich dann an, ich hab ja die Telefonzellennummer. Sommerhaus, später: Wir grillen Fisch aus dem See und ich will Lars fast küssen, einfach so, hab mal gehört, man macht das so an azurblauen Waldseen in Schweden, es passt einfach prima zur Stimmung, ihn nun zu küssen, aber ich versuch es nicht mal, ich will es und versuch es nicht mal, mein Kopf bewegt sich um keinen Millimeter und die allmählich im Wald vergehende schwedische Sonne zeigt mir, dass die Zeit gegen mich läuft und dieser Moment so nie wiederkommen wird, ich küsse ihn nicht, stattdessen gehen wir im letzten Sonnenlicht dieses letzten Tages im Schwedensommer im See baden, ich stürze in den See, das kühle Wasser umfängt mich, meine Klamotten ziehen sich mit Wasser voll, ich lasse mich nach oben treiben, ganz nach oben, Oberfläche, ich hole Luft und ich sehe Lars am Steg und er ruft irgendwas, doch ich höre nicht, was er ruft. Die Straßenreinigung vom Marktplatz ist einfach zu laut und übertönt alles. Die Glocke macht dingdingding, halb sieben, man bringt den Müll weg. Alle Stühle 1a weggepackt, sorgsam weggeschlossen. Der Abend kann kommen und er kommt, mit riesigen unaufhaltsamen Schritten und er zermalmt dich.   | für ej und js, 1 okt. 11.

Endloses Leid durch die Handylautsprecher

Endloses Leid durch die Handylautsprecher.

Exkursion zur Gedenkstätte Buchenwald.

*

Ich habe Facebook-Profilbilder geschossen. Ich träge lächelnd in Weimar, über mir glotzen Schiller und Goethe imposant posierend in die Gegend, als würden sie sagen: „Mein Freund, lass uns ins Bauhaus-Museum gehen.“ Schließlich ist Weimar die Hauptstadt des Bauhaus und wir waren natürlich nicht im Museum, wir haben uns freiwillig das Schillerhaus angesehen, wir waren bloß noch im Schiller-Kaufhaus. Bauhaus haben wir später sowieso noch gesehen.

„Es ist interessant, anzumerken, dass der Schriftzug in Buchenwald – Jedem das Seine – nicht in klarer, abgehackter Nazi-Schrift geschrieben ist, sondern in der welligen, modernen Bauhaus-Schrift“, sagt uns die Gruppenführerin und zeigt auf den kleinen Torbogen. „Heute würde man dazu wohl Slogan sagen“, sagt sie. Wir stehen also auf dem Gebiet der Gedenkstätte Buchenwald, Konzentrationslager, 1937-1945.

Wir stehen vor den mit Grauen und Bedeutung vollgesogenen Steinen und fühlen kaum was. Ich erinnere mich an eine arte-Doku, in der jüdische Teenager beim Auschwitz-Gedenkstättenbesuch begleitet werden. Sie weinen zum Gotterbarmen, nicht aufgrund der grässlichen Vergangenheit, sondern weil sie eben nichts fühlten. Währenddessen erzählt die Führerin etwas über einen Häftling, dessen Leben auch verfilmt wurde. „Doch der Film weicht aus dramaturgischen Gründen natürlich weit von der Wirklichkeit ab.“

Anfahrt im Bus über die Blutstraße aus Kopfsteinpflaster, ab 1937 von den ersten Häftlingen gebaut. Die Stimmung ist gut. Ich spiele Karten mit Freunden. Ein Mädel spielt diesen Rihanna-Song aus dem Handylautsprecher: „I’m perfectly bad but I’m perfectly good.“ Dann das offizielle Mahnmal. Ein gigantischer Block von Turm, oben die Zahl 1945 in römischen Buchstaben. „Boah, blendet die Sonne“, rufen die Meisten. Ich auch. Wir steigen aus, die Stimmung sinkt langsam, doch kaum merkbar. Unten liegen die mit Steinkreisen zugemauerten Massengräber. Wir schießen Fotos. „Auf Facebook kannste sowas nicht bringen“, sagt einer. „Ja, das gibt miese Kommentare“, sagt ein anderer.

Zurück im Bus. „Kann der nicht mal die Klimaanlage anmachen?“ Kartenspiele. Handylautsprecher. Im Mülleimer klappern die leeren Bierdosen. Willkommen in der Gedenkstätte Buchenwald. Der Eintritt ist frei. Das Gleiche auf Englisch, Französisch, Russisch. Kleiner gedruckt: auch in Hebräisch.  Gigantische Parkplätze. Vier Schulklassen zähle ich. Ortseingangsschild:

BUCHENWALD.

Stadt Weimar.

In einen Kinosaal. Die Hälfte des Kurses schläft ein, ich bleibe mühsam wach. Ein trockener Film über Buchenwald. Das übliche Cellogeschrammel, die üblichen Überlebenden, die üblichen Archivfotos. „Man hat das alles schon gesehen“, flüstert mir mein Sitznachbar ins Ohr. „Ja“, sage ich, „das schockt kaum noch. Wird gleich wohl noch heftiger, schätz ich. Wenn man da selber im Krematorium drinsteht.“ „Aber die Sessel sind bequem.“ Ich nicke. Warum immer der selbe öde Doku-Aufbau?

Draußen sagt ein Freund: „Man muss aber auch dazu sagen, dass es in US-Gefangenenlagern mitunter genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer…“- Anderer Freund: „Man muss überhaupt nichts dazusagen.“

Auf dem Weg aus dem Kinosaal zum Haupttor des KZ, wo die Führerin uns erwartet, ruft einer: „Oh man, die Melodie hat mich total an diese Trauermelodie aus Drawn Together erinnert. Ich konnte das nicht ernst nehmen.“ Der Zynismus fängt an, mich anzukotzen. Tausende Gags über das Wort „Führerin“ später: die Führerin erscheint.

Auf einem Modell zeigt sie uns „natürlich nicht maßstabsgetreu“ den Aufbau des KZs. Dann durch den Gefängnistrakt. „Hier in Zelle 1 erhängte man die Gefangenen, indem man sie an die Gitterstäbe fesselte.“ „Hier wurden Leute gepfählt.“ „Und nun stellen Sie sich vor: Sie sind Insasse, Sie werden gequält, und vor Ihnen das Schild JEDEM DAS SEINE.“ Jemand wird angerufen. Der Klingelton ist ein Spruch aus einem Webcartoon: „Caaarl! Das tötet Leute!“

Auf dem Barackenplatz. In der Ferne ein großer Windrad-Park. Ich: „Wetten, der Windrad-Park gab ordentlich Diskussionen?“ – Kumpel: „Och, die stehen da doch windtechnisch total günstig.“

Die Weimarer ließen die Baracken 1947 abreißen. „Es passte nicht zum Charakter eines KZs, war die Ausrede“, war die Ausrede der Führerin. Ey, wurde Schindlers Liste hier gedreht? Ey, war Buchenwald Vorbild für Schindlers Liste? Nee, das war Auschwitz. Lass die uns später mal fragen! Bekommt die sicher oft zu hören, die Frage.

Gedenksteine. Auf den Gedenksteinen: Steine. Von jüdischen Besuchern wohl draufgelegt. Während dem Gang zum Krematorium eine lange Diskussion mit Freund, ob die Genickschussanlage neu errichtet wurde. „Irgendwie sieht die so neu aus.“ Uns wird vom Lagerkommandanten Koch erzählt, der auf der einen Seite ein sadistischer Antisemit war. Auf der anderen Seite ein liebevoller, gut gelaunter Familienvater. Sein Einfamilienhaus stand nur wenige Meter vom Todesstreifen der KZ-Grenze entfernt. Später im Museum ein Propaganda-Foto von ihm und seines lachenden Sohnes. Unterschrift: „PAPI MACHT WITZCHEN.“ Mir wird schlecht. I’m perfectly bad and I’m perfectly good.

Bloß! Nicht! Zeigen! Dass! Dich! Die! Krematorien! Mitnehmen! Sonst regen sich alle auf, oh guck mal, Matze muss raushängen, dass er betroffener ist als unsereiner, oh guck mal, der heult ja, das ist doch old news, das sieht man doch pausenlos im Fernsehen, nur weil der schwul ist oder was, rosa Winkel, hahaha. Aufstand der Aufrichtigen Arschlöcher oder what? „Bevor wir in das Krematorium hineingehen. Glaubt einer von Ihnen, dass er lieber draußen bleiben möchte?“

Routinisiertes Köpfeschütteln.

Routinisiertes Grauen.

Wir stehen vor Öfen, innendrin komplett verkohltes Holz. Es riecht ein bisschen nach Holz und Benzin.  Ich fühle kaum was und würde es gern. Den anderen geht es wohl kaum anders. Ey, doofe Frage, aber war das nicht total zeitintensiv? So ne Leiche, die braucht doch bestimmt vierzig Minuten. Nein, doch bloß fünfzehn? Was für einen Brandbeschleuniger hatten die denn? Haben Sie eigentlich schon mal Nazis hier durch geführt? Oder Holocaust-Leugner? Wie sind die denn so?

In den Keller. Abindenkeller. Haken an der Wand. „Hier wurden in der Endphase tausende erhängt.“ In der Ecke ein grauer, fast auseinanderfallender Hocker mit drei Stufen. Erst nach einer Weile fällt mir auf, wofür dieser Hocker gebraucht wurde. Zum ersten Mal empfinde ich was. Ein paar Mädchen haben Tränen in den Augen. Der Rest: nichts. Eventuell vielleicht: ratlos. Idiot zückt seine Spiegelreflexkamera und fragt sich, ob er auf den Hocker steigen darf und ein Foto von dem machen darf, „was für viele das war, was sie zum letzten Mal im Leben sahen“.

Genickschussanlage. Wurde größtenteils neu errichtet (Freund: „Strike!!!“). Im Vorraum kann sich jeder Besucher für etwas Geld eine Gedenkplakette für einen Angehörigen kaufen.

„Bitte besuchen Sie auch unser Gästebuch im Internet, die Seite ist inzw. hackerfrei.“

„Der Katholische FrauenVerein aus Osnabrück besuchte die Gedenkstätte im Juli 2011. Wir waren alle sehr betrübt.“

„Unfassbar.“

„Klasse 9d aus München grüßt:“

„NEVER FORGET!“

„Gott segne dieses Land. MfG, Herr ……. aus Berlin. Februar 2011.“

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

Wir schreiben nichts in das Gästebuch. Wir haben keinen Edding dabei.

Im Museum. Fotos von Schrumpfköpfen, original Briefe, eine Amputationssäge. WOW! IST DAS BLUT ODER IST DAS ROST?, ruft einer durch den Saal.

Papi macht Witzchen. Caaarl, das tötet Leute.  I’m perfectly bad but I’m perfectly good.

Das Massengrab im Wald. Ein paar neutrale, gesichtslose Stelen unter Buchen. Buchen, die der Förster bereits zum Fällen markiert hat.

In den Werkstätten haben die Häftlinge während des Bombenkrieges Duplikate vom Schreibtisch Schillers gefertigt. Hochkultur trifft Nichtkultur, Nichtleben. Es scheint Jahre her, dass wir ein paar Stunden vorher vor eben diesem Schreibtisch von Schiller standen, ein paar Kilometer weg.

Auf dem Weg zum Bus an der großen Gedenkplatte vorbei. Blumen, Rosen, Steine. „Warum werden die Juden denn als eigenständige Nation aufgeführt?“

Im Bus schweigen wir. „Keine Witze jetzt“, sagt jemand. Ein paar tun es trotzdem, heimlich. Jemand googlet mit dem iPhone „Schindlers Liste“. Am Ende kommen Touristen, denke ich, wie der gleichnamige Film. Irgendwer vorne im Bus redet schon wieder über die US-Lager.

Ein Freund sagt nach langem Schweigen: „Es hat mich nicht so berührt, wie es mich hätte berühren sollen. Ich bin nicht traurig. Bloß erschrocken.“ Nach und nach werden die Kartenspiele wieder rausgekramt.

Auf der Rückfahrt haben wir an einem McDonalds gehalten.

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