Ein Wohlfühl-Literat im Interview

OObszön große Wiesen. Ein Wohlfühl-Literat im Interview.

***

Der Interviewer drückt die letzte Zigarette aus. Daraufhin drückt er auf den Sendeknopf, über die letzten Sekunden eines Huey Lewis & the News-Songs stellt er den Gast, sein Buch und sein Aussehen vor. Daraufhin fängt das Interview – für viele Zuhörer sehr unmittelbar, but that’s modern radio business, you know – an.

INTERVIEWER MIT DICKER KRAWATTE: Diese ganzen Figuren Ihres Buchs, diese Sprünge im Plot, diese vielen Zitate – ist das beabsichtigte Banalität oder ein Sich-Abarbeiten?

Literat: Ich würde eher sagen, es ist ein Sich-Abarbeiten.

Ein Sich-Abarbeiten wovon?

Von meiner Vergangenheit höchstwahrscheinlich. Aber bestimmt auch von gewissen Faktoren, die jetzt persönlich nichts mit mir zu tun haben. Vielleicht Dinge in Deutschland, die…

In Deutschland, sagen Sie?

Ja. Also Großraum Deutschland. Bestimmt auch Österreich oder die Benelux-Staaten. Ich war schon mal in Österreich. Es ist da ja alles sehr ähnlich.

Gibt es irgendwelche Staaten, vor denen es sich Ihnen beim Schreiben graust?

Naja, da muss man natürlich distinguieren, also unterscheiden, zwischen mir, der Privatperson, und zwischen dem Autor, der Figur, die ich nach außen hin spiele. Ich würde jetzt als Privatperson kein Land so pauschal verurteilen, aber als Figur würde ich schon sagen: Joa, China, Russland, was soll das?

Ist Schreiben für Sie eine Art Therapie, um von all diesen Ängsten und Zweifeln China und Russland gegenüber wegzukommen? Wollen Sie sich durch Wörter befreien?

Naja, also ich sehe da keinen direkten Anlass zu. Natürlich kann man jetzt viel behaupten.

Behaupten kann man  viel, sehr richtig.

Aber bei Licht betrachtet muss es einem doch auffallen, dass ich in meinen Romanen noch nie Russen oder Chinesen auftreten lassen habe. Auch am Theater, da inszeniere ich ja zurzeit „Drei oder vier Dinge, die ich am liebsten an diesem System verändern würde, aber zettzett – ziemlich zügig!“, da treten auch keine Russen oder Chinesen auf.

Was sehen Sie also, wenn Sie schreiben?

Wiesen. Obszön große Wiesen. Mit dicken, grünen Grashalmen, die so saftig aussehen, dass man am liebsten reinbeißen würde. Dann und wann sitz ich vor meinem Laptop und denke mir: „Was geht es uns doch gut!“. Ich denke dann an afrikanische Kinder, südafrikanische Jugendliche oder Christen in der arabischen Welt. Und dann verliere ich mein Lächeln. Ich muss dann erstmal ein wenig Distanz zum Geschriebenen aufbauen, zum Seienden sozusagen, damit ich merke, dass ich doch eigentlich nichts bin. Damit ich den Boden unter den Füßen nicht verliere. Das ist sehr wichtig heutzutage. Ich sehe mich nicht als Schriftsteller oder Dramaturg. In erster Linie sehe ich mich als Mensch.

Was hat das jetzt mit Wiesen zu tun?

Nun, ich wollte damit sagen, dass – egal, wie groß und grün und saftig das Gras aussieht – es dennoch Landstriche gibt, wo weder Gras noch Nächstenliebe gedeihen will. Die Kunst muss solche Gegenden stärker berücksichtigen. Die nächste Literatur, die bestimmt kommen wird, ich drück zumindest beide Daumen… die nächste Literatur sollte sich um diese Planquadrate, die nur zu gern vom Kulturbetrieb ignoriert werden, verstärkt kümmern.

Sie sagen „Kulturbetrieb“. Frage: Sehen Sie in Kultur etwas Maschinelles, Unmenschliches, Entmenschlichtes, Menschenunwürdiges? Betrieb wie in „Industrieller Massenmordbetrieb“?

Nein. Meine Bücher haben eine sehr positive Message: Teile das Brot, liebe deinen Nächsten, freitags kommt die Müllabfuhr. Das ist mir auch sehr wichtig. Das sag ich auch meinen Leuten beim Verlag oder der Intendanz beim Theater. Ich sag, Leute, sag ich, die vier fünf Bestseller, die auf meine Kappe gehen, die sind nicht ohne Grund Bestseller. Deswegen versucht nicht, in meine Texte Ironie oder Hass reinzukriegen. Meine Texte sind ohne Ironie oder Hass. Meine Texte sind Wohlfühl-Literatur. Wohlfühl-mit-dennoch-erhobenem-Zeigefinger-Literatur.

Dieser erhobene Zeigefinger macht Sie seit Jahr und Tag zur Zielscheibe von kränkendem Hohn, beißendem Spott, verletzender Häme. Wie schaffen Sie das, rein körperlich gesehen jetzt?

Ich jogge viel und gerne, durch meine Heimat Köln. Alle Kölner, die das hier gerade hören: Ich grüße euch! Haltet mir das Stadtarchiv ja trocken! Haha. Wenn ich dann durch das wunderschöne Köln laufe, Mohammed am Dönerstand grüße, und den Kindern winke, die geduldig vor der Fußgängerampel warten, dann machen mir die ganzen neidischen Kritiker oder politisch verwirrten Studenten nichts mehr aus.

Sie nähern sich ja seit Längerem dem Film an. Ihr erster experimenteller Kurzfilm, der stark überbelichtete „Cheesecake Monologue “, beinhaltet einen Käsekuchen und erzählt in narrativer Finesse, die wir aus Ihren Romanen kennen und schätzen, was einem so als Käsekuchen so durch den Kopf geht.

Ja. Vor allem harmlose Dinge. Die weichen, zarten, mütterlichen Hände der Bäckerin. Das Leuchten der Kinderaugen am Bäckertresen. Das wohlige Rascheln des Verpackungspapiers.

All das erhält eine grausige Ironie, denn der Zuschauer weiß: Nach diesem Monolog wird der Käsekuchen verspeist. Zerstört von den immer hungrigen Mechanismen einer aus dem Ruder gelaufenen Esskultur?

Daran hab ich beim Schreiben eher weniger gedacht, obwohl mir das natürlich komplett bewusst war. Während der PP, also der Post-Production des Films, habe ich schwer mit mir gehadert, konnte nachts kaum noch schlafen. Ich überlegte: Kann ich diese Ironie zulassen? Lasse ich den Text so lebensfroh, obwohl der Käsekuchen einen schlimmen Tod haben wird? Andererseits gönnt man Anne Frank ja auch, dass sie sich im Hinterhaus verliebt hat, das ist ja auch keine Ironie. Liebe gehört zu unserem Leben. Das vergessen unsere feinen Herren Kulturkritiker manchmal.

Letzte Frage. Was ist für Sie ein beruflicher Glücksmoment?

Wenn ein Kind mich nach einer Lesung am Signiertisch mit leuchtenden Kinderaugen anschaut, es forsch und keck mir mein Buch zum Signieren entgegenhält und mit Stolz und vor Ehrfurcht bebender Stimme sagt: „Das Buch habe ich ganz allein komplett durchgelesen.“ Dann weiß ich, Kultur ist wichtig, Kultur ist notwendig, Kultur ist Leben. Kultur ist Freude. Kultur ist Leidenschaft. Kultur ist Kinderlachen. Kultur ist…-

Ja, danke. Das neue Buch unseres Gasts, „Was tun, wenn die Polarkappen schmelzen?“, erscheint in zwei Wochen im Verlag „Gedanke und Wagnis“. Danke, dass Sie hier waren im Studio und tschüss.

Ich habe zu danken.

_________________________________________

((geschrieben von M und D))

((gesprochen von M))

((Musik von Erik Satie & The Caretaker))

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s