„into a hole where no one can escape“ – Die Geschichte von Neutral Milk Hotel

wwe ride rollercoasters into the ocean, we feel no emotion

Die Geschichte von Neutral Milk Hotel.

Aufsatz von mlampin, Herbst 2011, an seinen besten Freund.

_____________________________________

Als Jeff Mangum 1998 mit seiner Band Neutral Milk Hotel das Album In The Aeroplane Over The Sea veröffentlichte und kurz darauf für immer verschwand, dachte wohl keiner, zu was für einer Legende sich die Band mausern würde. Einer Legende, die wohl auch durch übliche Faktoren der Legendenbildung angeheizt worden ist (– sei es das explosive Aus-dem-Nichts-Erscheinen dieser mehr als seltsam-innovativen Band, sei es das noch plötzlichere Verstummen der Band, sei es das seltsame, mitunter autistisch wirkende Verhalten ihres Frontmanns Jeff Mangum, seien es seine mitunter unfassbar liebevollen, mitunter unfassbar verstörend-surrealen Songtexte).

Natürlich waren NMH damals schon relativ bekannt, vor allem in der pulsierenden Indierock-Szene in Athens, Georgia. Athens war Schmelzpunkt zahlreicher Einflüsse. Die sich Elephant 6 nennende Szene brachte unfassbar großartige Bands hervor; wie The Apples in Stereo mit ihrem paranoiden Stadionrock, The Olivia Tremor Control mit ihrem beatles-angehauchten Klangkunst-Rock oder auch zu nennen ist der verspielt-schlüpfrige Experimental-Pop von of Montreal .

Mit einem Hauptagitator von Elephant 6, Robert Schneider, nahm Jeff Mangum schon ab 1990 Kassetten mit seinen Songs auf. Begonnen mit Invent Yourself a Shortcake (1991), das vor allem noch harmlose Indie-Liederchen eines Oberstufenschülers gemischt mit brachialen Krachexperimenten beinhaltete, ging der Weg über Fantastic Analysis hin zu Hype City Soundtrack. Auf Hype City Soundtrack von 1993 wurden bereits  erste Variationen späterer NMH-Songs gespielt. Ob „Synthethic Flying Machine“ , was später „King of Carrot Flowers, Pt. 3“ wurde, oder „Gardenhead/Leave Me Alone“, welches auf dem Debütalbum in etwas temporeicherer Form veröffentlicht wurde.

Nach ein paar Tapes voller bizarrer Schönheiten war Jeff Mangum eine zwar nebulöse, aber dennoch präsente Figur in den Insidermusikkreisen von Athens. Auch mit dem ersten properen Album, On Avery Island (1996), änderte sich das kaum. Zwar wurde Neutral Milk Hotel nun zu einer in den USA durchaus bei Hipstern gefragten Band. Doch ihr Legendenstatus war noch lange nicht abzusehen. On Avery Island beinhaltet noch sehr viel den Fuzz-Effekt, also den Effekt, dass die Gitarre sehr übersteuert, fransig und rauschend klingt. Mangum nannte seine Musik auch nie “indie rock” oder “folk”, sondern stets “fuzz folk”.

On Avery Island beginnt mit “Song Against Sex”, einem minimalistischen, doch komplett großartigen Song mit rätselhaften Text, doch eingängigem Titel. Mangum verzichtet auf einen Refrain, sondern lässt in kurzgeschichten-artigen Strophen viel Raum, um seine Gedanken und traumartigen Situationen zu schildern. Vor allem die dritte Strophe macht die Intention von Mangum klar: verantwortungsloses Herumficken ohne Gefühl und Liebe, nur des Fickens willen, sei gefährlich und vor allem unästhetisch. In einem Interview mit Pitchfork sagt er 1997:

I’m grossed out about sex being used as a tool for power, about people not giving a shit about who they’re putting their dick into. I find that to be really upsetting. I’ve known a lot of people that have been heavily damaged by some asshole’s drunken hard-on. And that stuff really upsets me. It’s not against sex itself.

So singt er auch bei “Where You’ll Find Me Now” : “Smells good to me / as long as we stay in our clothes.” On Avery Island beinhaltet textlich also noch harmlose Metaphorik, fast schon zarte Bilder entstehen: “Follow me through the city of frost-covered angels. / I swear I have nothing to prove. / I just want to dance in your tangles / to give me some reason to move”, singt Mangum in „Leave Me Alone“, dem wohl schönsten Liebeskummerlied, was jemals geschrieben wurde. Auch klare Liebeslieder (so klar, wie es Mangum mit seinen abseitigen Songtexten erlaubt!) sind enthalten: “Naomi”, eine Ode an Galaxie 500-Gitarristin Naomi Wang.

Nach On Avery Island tourte Neutral Milk Hotel durch die Vereinigten Staaten. Es war damals eine Band unter vielen, der Masse kaum auffallend. Zwar wurde die Musikpresse langsam aufmerksam (“die waren von Elephant 6, die mussten gut sein!”), doch ein Hype entstand nicht.

Das änderte sich auch nicht nach dem Erscheinen ihres zweiten und letzten Albums, In the Aeroplane over the Sea (1998). Obwohl es heute als Meisterwerk gehandelt wird, gar als bestes Indierockalbum aller Zeiten, obwohl es die seltene Auszeichnung 10/10 von Pitchfork bekam und dort auch als bestes Album der 90er erwählt wurde, war die Resonanz 1998 entmutigend. Der Rolling Stone gab im Oktober 1998 drei von fünf Sternen und schrieb was von “blutleerem, verfaseltem Zeugs”. Dabei kann man Neutral Milk Hotel vieles vorwerfen, aber keine Blutleere.

Denn nicht nur die zarten Metaphern hatten sich seit On Avery Island geändert. Sowohl die Songtexte wurden ernster, packender, emotionaler, deutlicher. Aber auch das musikalische Gewand hatte sich geändert. Die Gitarre rauschte immer noch, doch die Band hatte sich mit Scott Spillane (Trompete und Horn), Julian Koster (Säge, Banjo, Bass) und Jeremy Barnes (Schlagzeug) erweitert – nicht im Standardrockoutfit GitarreBassSchlagzeug, sondern mit obskuren, veralteten Instrumenten. Passend zum Design des Albumcovers, dass eine verfremdete Postkarte von 1900 zeigt, wurde auch das Album mit Equipment aus den vierziger Jahren aufgenommen. Laut NMH sei die Platte “incomplete without surface noise”, also dem Knacken und Knistern einer LP auf Schallplattenspielern.

Mangum geht hier explizit in seinen Songtexten vor. Ob er über seine schwierige, von christlichen Fundi-Sommercamps geprägten Jugend erzählt (die legendäre “I LOVE YOU JEEESUS CAAAHRIIIHIIHIIIST”-Passage) oder das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie während seiner Pubertät (“And Mom would stick a fork right into Daddy’s shoulder / and Dad would throw the garbage all across the floor / as we would lay and learn / what each other’s bodies were for.”)

Auch Sexualität spielt eine große, undurchsichtige Rolle. Ob männliche Masturbation (“And how you’d build the tower tumbling through the trees / with holy rattlesnakes that fell all around your feet”) oder weibliche Masturbation (“She proves that she must still exist / she moves herself above her fist”) mit eindeutigen Onanievorlagen (“Semen stains the mountaintops”) in “Communist Daughter”  – all das spielt eine wichtige Rolle auf dem Album. Genauso wie, ja, doch, vermutlich schon, Ejakulation ins Gesicht. So singt Mangum am Ende von “Two-Headed Boy” : “And I will take you and leave you alone / watching spirals of white softly flow / over your eyelids and all you did will wait until the point when you let go…”

Doch wer nun glaubt, dass hinter Mangum ein verkappter Perversling und Homo steckt, soll sich an “Song Against Sex” erinnern. Und daran, dass “Aeroplane” vor allem ein Album ist, um die es um die Vergänglichkeit der Jugend geht. Im Titeltrack singt er: “And one day we will die / and our ashes will fly in the aeroplane over the sea / but for now we are young / and let’s lay in the sun / and count every beautiful thing we can see.” Denn – “how strange it is to be anything at all”. Im Outtake “Engine”, was es trotz herzergreifend trauriger Grundstimmung nicht aufs Album schaffte, singt er über Brustmilch (jaja, schon wieder so’n Perversling-Ding), doch falls es etwas gäbe, was mehr zum Leben verführt, dann “wake up your widows / and watch as those sweet babies crawl away…”. Tod gehört zum Leben, alles ist ein Kreislauf. Mangum meint es gut mit uns und will uns zum Leben verführen. Ganz im Stile des Fin du Siècle um Frank Wedekind und Gottfried Benn, dass – oh Wunder! – zu der Zeit in Mode war, die als größte Inspiration von Neutral Milk Hotel dient – die Jahrhundertwende 1880-1920.

Doch wer dient hier als Symbol für die Vergänglichkeit und Schönheit der Jugend? Wessen Jugend wurde auf die schlimmstmögliche Art und Weise beendet? Mangum nimmt Anne Frank als Symbol. Anne Frank, 1929 in Frankfurt als jüdische Tochter eines Industriellen geboren (“and she was born in a bottle rocket, 1929”, „Ghost“). 1933 flieht sie in die Niederlande und verschanzt sich ab 1942 mit ihrer Familie und Freunden in einem Hinterhaus. Dort wird sie erwachsen, macht ihre Pubertät durch und verliebt sich unglücklich. Während der Zeit ihres größten Liebeskummer wird ihr Versteck verraten. Die Gestapo verhaftet die etwa 10 untergetauchten Juden. Anne und ihre Schwester Margot sterben in Bergen-Belsen. “Holland, 1945” (man achte auf den Titel!) dreht sich komplett um Anne Frank – “but then they buried her alive, one evening 1945, with just her sister at her side, and only weeks before the guns all came and rained on everyone”. Im Gegensatz zur grässlichen Realität lebt Anne Frank bei Mangum weiter – “now she’s a little boy in Spain playin’ pianos filled with flames”.  Und bei “Ghost”  singt er: “I know that she will live forever, she won’t ever die.”

Doch bei Oh Comely, dem gigantischen, voller Hass und Trauer geiferndem leisen Akustikstück streut Mangum acht Minuten lang Salz auf seine Wunden: “I know they buried her body with others, her sister and mother and 5,000 families. And will she remember me? Fifty years later? I wish I could save her in some sort of time machine.”

Neben dieser expliziten Anne Frank-Referenz bildet “Oh Comely” das Nervensystem des Albums. Mangum schafft hier die Meisterleistung, in einem Songtext ein Sittengemälde zu erstellen – ob grässliche Jugend, Vergänglichkeit der Jugend, sexuelle Angst, unterbewusste Begierden, albtraumhafte Sequenzen. Man kann sich schnell zurücklehnen und verlauten, “Oh Comely ist soooo langatmig.” Richtig. Aber das ist die Stärke des Songs. Wer richtig zuhört, dem wird die Langatmigkeit als wichtige Zutat für den verstörenden Inhalt des Songs zuordnen können.

Enden wird das Album mit Tränen. In “Two-Headed Boy, Pt. II”, dem zweifelsohne traurigsten Song des Albums, besingt Mangum mit radikaler Offenheit erneut seine Liebe – zu wem? Wir wissen es nicht? Womöglich immer noch zur ideellen Anne Frank-Figur. “And in my dreams you’re alive, and you’re crying, as your mouth moves in mine, soft and sweet. Rings of flowers round your eyes and I love you, for the rest of your life when you’re ready.” Niemand kann sich diesen eindringlichen, enblematischen Zeilen verwehren. Hier ist kein Etepetete-Gesinge, kein gekünsteltes Tränendrüsen-Gewäsch. Der Hörer realisiert, dass es bei Aeroplane um unglückliche Liebeslieder geht – und das ist das Traurige.

Neutral Milk Hotel verschwand in der Versenkung. Der letzte Song, den Mangum je schrieb, “Little Birds”, handelt in ungewöhnlich klaren Bildern über den Tod von Matthew Shepard. Shepard, 21 Jahre alt, wurde in der Nacht vom sechsten auf den siebten Oktober 1998 von zwei betrunkenen Jugendlichen angegriffen, an einen Weidenzaun gefesselt, mehrere Stunden lang gefoltert und daraufhin zum Sterben nachts dort liegengelassen. Er starb fünf Tage später im Krankenhaus an den Folgen. Grund dafür war seine Homosexualität. Während der Beerdigung wurde über den Friedhof ein „God Hates Fags“ und „Faggot Matthew in Hell“-Banner ausgebreitet. Mangum widmet den Song Matthew Shepard und singt in der Rolle der Mörder: „Another boy in town at night he took him for his lover / And deep in sin they held each other / So I took a hammer and nearly beat his little brains in / Knowing God in heaven could have, never could forgive him.“ Erstaunlich klare Zeilen, ohne viel metaphorisches Schnickschnak.

Seitdem schweigt Jeff Mangum. Im November 2011 erschien eine großartige Box mit unveröffentlichten Songs und Postern. Seit 2010 tourt er wieder, ohne neues Material zu präsentieren. Seine Konzerte haben fast schon etwas Hippieeskes, etwas Religiöses. Alle Fans singen laut mit, die Fans stellen Fragen, Jeff antwortet, am Ende futtern alle gemeinsam Kekse.

Warum mag ich Neutral Milk Hotel so sehr? Nun. Spätestens beim Anne Frank-Vergleich in Oh Comely muss ich fast weinen. Danach muss ich wieder begeistert aufatmen, wenn Jeff Mangum bei Ghost aus sich herausgeht, in das viel zu nah am Mund positionierte Mikro „INTO A HOLE WHERE NO ONE CAN ESCAPE“ brüllt, und man regristiert, dieses Album, diese Texte sind keine bloße Metaphorik, hier geht es um mehr. Oh gott, hier geht es um so viel. Beim Untitled Song die Sau rauslassen, bevor dann bei Two-Headed Boy Pt. 2 alles versiegt. Die Grundessenz des Albums ist: Es wird immer Leid und Ungerechtigkeit geben, und es werden unschuldige, schöne Menschen darunter leiden, sterben (Anne Frank, Matthew Shepard).  Doch anstatt dies tagelang zu beweinen, sollte man nach der Maxime des Titeltracks leben: „for now we are young so let’s lay in the sun and count every beautiful thing we can see.“ Denn das Wunder des Lebens ist das Leben selbst: „How strange it is to be anything at all.“ Oh gott, ich liebe Musik. Ich liebe diese Musik. Und ich liebe den Sonnenuntergang, der gerade mein neues Schlafzimmer erhellt, in dem ich sitze, und ich liebe meine Freunde und ich liebe Jeff Mangum und ich liebe all das hier und liebe es, mit Freunden im Gras zu liegen und every beautiful thing we can see zu zählen. Denn es ist so seltsam, dieses Leben, diese Erwartungen, Ironie vs. Ideologie, diese Widersprüche und das ist schon wieder fucking geil.

Ich wünsche dir sehr viel Spaß und falls es dir nur ein Prozent soviel bedeutet wie mir, hab ich mit diesem Text alles richtig gemacht.

Dein Matthias

Nationaler Ethikrat und die Jugendherbergen

~Betr.: Abschrotten aller Jugendherbergen – ein Fanal für die Zukunft~

Rede gehalten von

Dr. Detlev Reinschreier

(Nationaler Ethikrat, Bundesverteidigungsministerium, Willys Flotte Hüpfer-Kegelverein e. V.)

~~~~~~~

Meine Damen und Herren,

wir haben uns heute hier versammelt, um nach reiflichen und auch nötigen Jahren der Bedenkzeit unseren Beschluss kundzutun, alle Jugendherbergen auf deutschsprachigem Gebiet abzufackeln, uns jauchzend in den Trümmern zu wühlen und zum Wohle unserer Kinder nie wieder diese garstigen Institutionen der General-Ödnis in Betracht zu ziehen. Darauf ein Prosit mit dem Sekt.

Ja, der Herr Meier in der vorletzten Reihe guckt schon ganz skeptisch, aber Herr Meier, keine Bange, ich erklär es Ihnen allzu gern noch einmal ausführlich, warum unsere Interessensgemeinschaft zur Überzeugung gekommen ist, dass wir mit der Komplettverschrottung aller Jugendherbergen der Utopie einer perfekten Welt mit einem Siebenmeilenstiefel-Schritt näherkommen.

Nun, Herr Meier, liebe Damen und Herren, liebe Presse, liebe Kinder, liebe Gattin, liebe Henriette, Mama und Papa, lassen Sie mich erklären, warum Jugendherbergen der Unrat der deutschen Bildungspolitik sind.

Punkt 1, den wir denPunkt über die Jugend“ genannt haben, weil das so dolle klingt: Jugendherbergen bringen der Jugend so viel wie Fliegenfänger den Fliegen. Nur weil Jugend draufsteht, ist Jugend nicht drin. Als Jugendlicher will man möglichst entspannt dem kollektiven Bildungsnirvana entgegenschimmeln. Da wird man nur allzu ungern mit der lästigen Pflicht einer Klassenfahrt konfrontiert. Leider gehen tendenziell alle Klassenfahrten aber in diese grauen, zutiefst uncoolen und immer nach alten, pappigen Nudeln riechenden Gebäude, die immer entweder irgendwo aufm Deich, innem Wald oder inner Innenstadt stehen, nie aber an wirklich außergewöhnlichen Orten, sondern fünf Bushaltestellen weiter weg mindestens.

Ja, ich höre, Ihr Applaus gibt unseren Thesen recht, aber ich muss Sie alle bitten, Ihre Begeisterung zu zügeln. Danke. Auch in Anbetracht meiner Kinder dort hinten in der vorletzten Reihe, Jenny und Luca, sieben und neun Jahre alt, potzblitzgescheit die Kleinen. Lasst uns ihre Jugend nicht nehmen, indem wir sie in einer Jugendherberge versauern lassen.

Denn das führt mich zum zweiten Punkt unserer Argumentation, den Punkt über die Einrichtung“. Wer schon mal in einer Jugendherberge war, kennt das Prozedere. Man kommt nach einer für alle Sinne erbärmlich langweiligen Busfahrt mit brustbehaarten Busfahren, die auf Hälfte der Strecke auf irgendeiner zentraldeutschen Autobahn auch gern mal ihr Hemd ausziehen, weil ihnen so heiß ist, an der Jugendherberge an und muss einchecken. Wie im Stasi-Gefängnis werden einem die absurdesten Regeln aufgedrückt: Nachtruhe um 22 Uhr, Bettenpflicht um 24 Uhr, keine Drogen, kein freudiges Flaschendrehen, keine freie Liebe – kurzum: Nichts, was Jugendliche begeistert. Stattdessen gibt es einen elend unspaßigen „Spaßraum“ mit Internet-Cafe, auseinanderfallenden Brettspielen und Gratiszeitschriften vom Fremdenverkehrsamt. Wer die Gratiszeitschriften unachtsam liegen lässt oder auch sonst gegen eine der drakonischen Regeln verstößt, wird vom Jugendherbergen-Personal vor die Wand gestellt und erschossen. Naja, ich übertreibe. In Wahrheit wird ihnen ordentlich der Marsch geblasen. Also, man ermahnt sie. Doch Ermahnungen sind für Jugendliche einfach „not cool“. Das ist Englisch und heißt „uncool“. Die Betten knarzen und falls man die arme Sau ist, die im Doppelbett unten schlafen muss, kann man als Gute-Nacht-Lektüre die ganzen Filzstift-Schmierereien auf dem Bettkasten über einem lesen. Das reicht vom zwanzigfachen „Ich war hier“-Schriftzug bis zu eindeutigem Handynummerntausch. Morgens darf man in die viel zu enge Gruppendusche, natürlich ohne Sichtschutz und ohne Heißwasser, dafür aber mit am Hahn klebenden Brusthaaren des Busfahrers, der auch in der Jugendherberge übernachtet. Das führt den mittlerweile psychisch komplett labilen Jugendherbergler zum Frühstück.

Und das führt uns zum dritten Punkt, dem „Punkt über die Verpflegung.“ Wie bitte? Die Presse möchte nun Fotos schießen? Gern. Hier. So. Lächeln? Ja? Was meine Schokoladenseite ist? Oh, äh, nie drüber nachgedacht. So in etwa? Ja? Ist das gut? Okay. Haha. Hallo. Ja, ich halt auch mal mein Thesenpaper in die Kamera. Sollen meine Kinder auch mit aufs Bild? Nein, das ist doch überhaupt kein Problem! Jenny! Luca! Die Mistbiester sind wohl wieder rauchen. Dann halt nicht.

So. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. DerPunkt über die Verpflegung“. Wer glaubt, Gammelfleisch und Instant-Käse gäbe es nur in ZDF-Politmagazinen als Sommerlochfüller, hat noch nie in einer Jugendherberge gespeist. An den Seiten sich purpurn wellende Mortadella! Schmierig-alte Salami, die nach Thrombosestrumpf schmeckt! Uralter Käse, der inzwischen ein Eigenleben führt und bereits auf zweitem Bildungsweg das Abitur nachholt! Reis, der so aneinander pappt, dass muskulöse Köchinnen ihn auf einen Teller meißeln müssen! Hühnerfrikassee-Soße, deren Hauptzutat entweder Sperma oder Dreck oder Cäsium ist! Lunchpakete, die lieblos aus einer Bifi, einer Alibi-Orange, einem scheiße schmeckenden Saftpäckchen und einem auseinander proffenden Käsebrötchen zusammengeschustert wurden! Unfreundliches Personal, das nicht mal Ersatzgeschirr holt, wenn man den Teller vor Ekel gegen die Wand schmeißt!

Das bringt uns zum vierten und letzten Punkt, denPunkt über das Personal“. Kennen Sie Jugendherbergen-Personal? Also ich nicht! Sie auch nicht, was? Keiner kennt das! Das liegt daran, dass das auch keine Menschen sind. Das sind extra ausgebildete Spezialkräfte der Haudraufpackzu-Sonderpägagogik. Der finster grinsende Abyss der Dienstleistungsgesellschaft! Der garstge Behemoth der Schullandheim-Landschaft!

Leider, leider hat der Bundesrat unser Gesetz nicht erlassen, jegliches Jugendherbergen-Personal für vogelfrei zu erklären. Ja, ich weiß, es ist ein herber Rückschlag, aber wie gesagt, wir vom Nationalen Ethikrat haben ja bereits beschlossen, alle Jugendherbergen abzufackeln, hurrra. Das Bombardement beginnt in zwanzig Minuten.

Vielen Dank.

 

Schreibmüll

KKeine Korrekturen Keine Anhaltspunkte Keine Inhaltsangaben

***********************

Man setzt sich, die Musikanten geben den Takt vor, sehr ordentlich machen sie das, geradezu tadellose Führung, leise sich gegenseitig umschmeichelnde Noten, viel Luft und Leere, Erinnerung an die ersten Farbfernseher-Farben, das übergelbe Gelb, das nuklear gleißende Grün, das pausbackenapfelrote Rot auf der wie Zuckerglasur glänzenden Oberfläche eines alten Ford Mustang, amerikanisches Werbefernsehen war noch nie so cool wie heute, dank Mad Men, dank Jon Hamm, der es erstaunlicherweise noch nicht zu einer Zweitkarriere als Wichsfantasie homosexueller Studenten geschafft hat, wird noch nicht von Studenten angehimmelt, die in ihm so ne kranke Art von Vaterkomplex besänftigen wollen, was weiß ich, diese jämmerlich langweilige Art von Studenten, die Serien natürlich und ohne jeden Zweifel mit englischer Originalsynchronisation gucken müssen, also bitte, schnauben sie echauffiert, alles andere ist echt Unterschicht, Studenten, die entweder keinen Fernseher oder keine Tageszeitung mehr haben, nicht wegen GEZ und nicht wegen öder Presselandschaft, sondern weil es ihnen die feinen Herren Blogger aus den Weiten des Internets so vorleben, für so was möchte ich doch keine Gebühren zahlen, mecker, mecker, mecker – alle Studenten, die so drauf sind, haben bloß das Konzept des Fernsehens nicht verstanden: dass man wegschalten kann, dass Volksmusik nur eine Komponente ist, worüber schreib ich hier eigentlich, ist es etwa das, was mir unter den Nägeln brennt, das, von dem ich denke, dass ich es unbedingt herausposaunt haben möchte, so stark posaunt wie damals bloß in Jericho mit den einstürzenden Altbauten, hahaha, Insider, haha, naja, fast, bitte keine Satzzeichen außer Kommata, sonst ist’s nicht so wagemutig und experimentell, Punkte könnten dazu führen, dass der Leser eine Pause macht und Pausen soll es beim Lesen nicht geben heute nicht mehr nie mehr auch Kommata führen zu Pausen schalte den Sinn ab lass dein Auge gleiten dieses seltsame Gefühl wenn man beim Lesen gedankenverloren an was anderes denkt und sich ablenken lässt und die Augen zwar weiterlesen aber der Sinn ganz woanders ist sich mit was ganz Anderem beschäftigt und so muss man zurückblättern und alles noch mal lesen ab da wo der Sinn noch beim geschriebenen Wort war und nicht bei irgendwelchen uralten Urlaubserinnerungen du und deine Schwester an der Nordsee aufkeimende Wellen einstürzende Sandbauten träge Wolken sonst nichts aber wer braucht schon mehr außer dann und wann die Gewissheit dass man geliebt wird haha was für ein Standardsprüchlein da hätte man gern mit mehr rechnen können auf jeden Fall bitte nicht mehr mit Anstrengung lesen Hirn aus Augen auf Zeile um Zeile verstreichen lassen nicht im Nachhinein Kommata oder gar Sätze Absätze Kapitel einfügen alles verstreichen lassen denn Literatur ist wie Zeit nichts kommt wieder Literatur ist keine ewige Wiederkehr wer redet so einen erbärmlichen Schwachsinn wer erlaubt sich sowas bitte nie mehr etwas glauben nie mehr anfangen zu akzeptieren nie mehr tolerant sein nie mehr nicken nie mehr pausieren oder großbuchstaben schreiben.

Love Test: Hast du Berührungsängste oder bist du einfach scheiße-faul?

HHiiii Leute! Wieder Zeit für einen Test, der sich gewaschen hat! Bist du zielstrebig oder lässt du dich treiben? Bist du Sommer- oder Winter-Typ? Welches Fach soll ich studieren und falls ja: wer? Wie schaffe ich es meinen Traumboy ins Bett zu kriegen, obwohl er eine richtig harte Hausstauballergie hat und ich so öde Pferdedecken von unserer rumänischen Oma? Habe ich Eiterbeulen und falls ja: wessen? Kann ich mein Pferd von der Steuer absetzen? Hilfe, bin ich in meinen Deutschlehrer verknallt? Hilfe, habe ich meinen Deutschlehrer abgeknallt? Kann ich stärker werden, indem ich Beton esse? Ist es erlaubt, seine Deutschlehrer zu heiraten und falls ja: wieviel?

Diese und viele andere Fragen werden mit dem folgenden Love Psycho Beauty Test ein für alle Mal nicht beantwortet! Also Bleistift angespitzt, die blöden Ellis aus dem Zimmer gejagt, in die liebste Kuscheldecke kuscheln und gaaaanz ehrlich sein! ;-)

:-) <3 Euer Love Psycho Beauty Test Team! <3  :-)

Kontakt: lovepsychobeautytestteam@verlagsAGholtzbrinckundsoehne.de 

________________________________________________________________

  • Oh man, voll traurig, ey! Erster Schultag nach den Ferien und du bist ganz wild darauf, deinen Schwarm zu begrüßen! Doch plötzlich küsst er eine andere! Was tust du!?
  1. Ich prophezeie ihnen eine wirklich kurze Zukunft, hacke mich in ihre Facebook-Profile ein und schreib das da auch so rein. Digital Native my ass, alda!
  2. Voll kein Problem, ich steh da drüber. Nachdem ich mich stundenlang bei meiner allerbesten Freundin ausgeheult, beim Flennen vor lauter Zorn ihren Kleiderschrank umgeschmissen, sie mit teurem Porzellan beschmissen und zu guter Letzt ihren Hund aus dem Fenster geworfen habe! Jungs sind doch eh das Aaaalllerletzte, stimmt’s oder hab ich recht? ;-)
  3. Was im arabischen Raum funktioniert, muss hier nicht schlecht sein. Durch mein Sowi-Referat über Polygamie weiß ich genau über meine Rechte und Pflichten als Haremsmitglied Bescheid. Schnell zur Berufsberatung und mich beraten lassen, wie ein Lebenslauf so aussehen muss! Mein Traumboy ist noch lang nicht verloren.
  4. Ich töte die andere. :)
  • Oh man, voll überbewertet, ey! Die Theater-AG inszeniert „Warten auf Godot mit Inlineskatern“ von Samuel Beckett als interaktives Mitmachmusical. Dein Crush bekommt die Hauptrolle „Estragon McRainbow“. Doch der blöde Englischlehrer erkennt dein schauspielerisches Potenzial nicht! Was tust du?!
  1. Ich spiel als Kulisse mit. Der Baum ist eh der heimliche Held in der Inszenierung!
  2. Voll kein Problem, ich steh da drüber! Schließlich war Samuel Beckett ja eh bloß der Langweiler unter den Theaterfuzzis, wenn ihr mich oder meinen Papa fragt! Seriously! Zwei Leute auf einer Bühne und mehr nicht? I beg your pardon!!!?!??! Ich akzeptiere, dass ich nichts kann. Nachdem ich mich stundenlang bei meiner allerbesten Freundin ausgeheult, beim Flennen vor lauter Zorn (etc.)
  3. Rrraaaaawwwwwrrrr, stelle mir schon vor, wie nah wir uns bei den Proben sein werden! Werde sofort als „Vladimir Putin“ die zweite Hauptrolle spielen. Bei der Premierenfeier füll ich ihn dann ab und dann machen wir zwei unser ganz privates Absurdes Theater, wenn ihr wisst, was ich meine. ;-)
  4. Ich zünde die Aula an. :)
  • Oh man, voll der Schock, ey! Bei einem Verkehrsunfall werden deine Eltern schwer verletzt und du musst bei ihrer letzten Salbung beim Krankenbett stehen. Problem: Du hast dich für den Abend schon mit deinem Traumboy fürs Kino verabredet. Was tust du?!
  1. Familie geht vor, ganz klar! Ich sage sofort alles ab und hör dem Gelaber vom Priester zu! Als um 20 Uhr alles gelaufen ist, wieder ab ins Kino! Zur Spätvorstellung natürlich! FSK 18! Ka-booooom!
  2. Voll kein Problem, mein Crush ist auch morgen noch da, doch meine Eltern nicht. (Höchstwahrscheinlich.) Geh natürlich zu meinen Ellis und greine ein bisschen rum!
  3. Da Vollwaisen ein dicker Abtörner sind (siehe Ausgabe 11/08: Augen auf beim Traumboykauf – Do’s und Don’ts beim Lügen), erzähl ich meinem Schwarm gar nichts, lehne mich an seine starke Brust und heule hemmungslos rum. Sage später im Auto einfach, dass mich die Stimme von Adam Sandler so sehr an meinen toten Hamster erinnert! ;)))))
  4. Ich nehm meinen Crush mit zu den halbtoten Eltern – Schwiegersohn meets Eltern! Sexy-hexy! :)

Oh man, what the actual fuck! Beim Duschen merkst du auf einmal, dass du total dick bist! Leider hat dein Freund bei Facebook geschrieben, dass er auf, Zitat „fette Uschis“, kaum steht! Alarmstufe Rot oder kein Grund zur Sorge? Was tust du!?

  1. Ich lasse mich erstmal wiegen. Problem: Der Kerl, der dazu immer die Seilwinde ins Badezimmer einbaut, hat am Freitag frei! Muss bis Montag also erstmal inaktiv bleiben und ein bisschen was essen.
  2. Radikale Diät: 1,4 statt 1,7 TicTacs täglich! Ich mein, mal ehrlich, Mädels – was tun wir nicht alles für die Boyz, was? ;)))
  3. Tja! Da muss der Boy wohl mit leben! Wer mich liebt, liebt gefälligst auch meinen Körper. Und was gibt’s Schöneres als ne Tafel Schoki nach nem stressigen Tag? Richtig: Siebzehn Tafeln Schoki nach einem gar nicht mal soooo stressigen Tag! :D :D :D
  4. Ich kann auch auf gesunde Weise überflüssige Pfunde zum Schmelzen bringen. Und zwar mit formoline L112! Von Beginn an leichter erreichbare Abnehmerfolge! Besonders in den ersten Wochen einer Gewichtsreduktion erleichtert formoline L112 durch einfache Anwendung und weniger strenge Maßnahmen die Ernährungsumstellung und fördert durch die ersten Erfolge die Motivation! formoline L112 ist in der Lage, einen wesentlichen Teil der Nahrungsfette im Magen-Darm-Trakt an sich zu binden und der Verwertung zu entziehen! Resultat: Mit formoline L112 kann ich entscheidend mehr abnehmen als ohne. Das ist durch Studien belegt! (18 Seiten gekürzt. – Die Hrsg.) Wirksam, sicher und gut verträglich! Dranbleiben mit formoline L112 lohnt sich! Sie werden staunen, wie einfach Abnehmen funktionieren kann! Gibt’s in der Apotheke zum Kennenlernpreis für nur 13, 95 €.

______________________________________________________

AUSWERTUNG

Größtenteils 1): Du kleine Schnepfe weißt wohl alles besser! Du denkst immer nur an dich! Ich glaube langsam, wir sind gar keine wirklichen Freunde!

Größtenteils 2): Immer wieder gut, wenn deine beste Freundin dir stets so aufmunternd zuhört. Vielleicht erlaubt sie es dir mal, ihren Freund auszuspannen! Fragen kostet ja nix! :D

Größtenteils 3): Du würdest alles für deinen Crush machen und das weißt du ganz genau, du kleine Konkubine! Tipp: Nackt zur Schule kommen! (Kann in die Hose gehen, klar, aber hey – man ist nur einmal jung! :D)

Größtenteils 4): Du bist entweder ein Bot, hast Komplexe oder wurdest in einer FDP-Familie erzogen. Nichtsdestotrotz: Glückwunsch! Du hast die meisten Chancen, deinen Crush rumzukriegen,  babbyyyyy!

______________________________________________________

Zum Vorschein kommen

ZZum Vorschein kommen
 

Oh Gott!
Alles wird heruntergerissen,
– an mir, an Dir, an uns –
wie alte grau-gelb gewordene Tapeten,
die seit Jahren an den Küchenwänden hingen
und hinter denen nun ihre Vorgänger,
uralte Tapeten mit teils öden, teils kitschigen
Motiven aus den 60er Jahren
zum Vorschein kommen.

Oh Welt!
Du wirst immer älter und ich
immer jünger und dümmer,
so dass wir uns bald nichts mehr
zu sagen haben werden,
und so dass wir im Nachhinein sagen werden,
wir hätten uns kaum gekannt und
uns nie viel zu sagen gehabt.

Oh Boy!
Alles ist ertragbarer als der Anblick
fast nicht schwebender Flugzeuge,
die mit Anmut von der Rollbahn abheben,
während Fensterputzer von außen
die Glasscheiben des Wartebereichs
mit Reiniger vollsprühen.

Losgeschossen (noch ein Auszug)

LLosgeschossen.

Ein Bericht. (Auszug)

Eine Schreibmaschine ist eine Waffe.
Haut man die jemandem auf dem Kopf, ist der hin.

– Jörg Fauser

KAPITEL 4

Der Schulbus rollt, rattert, rumpelt und bollert durch die Straße. Die Reifen knarzen, der Motor schnauft, die Kupplung ächzt, der Fahrer zieht die Nase hoch. Melanie sitzt ganz vorne, das tat sie längst nicht immer, vorne waren sonst die Streber und hinten waren diejenigen, die sich für cool, angesagt, rebellisch, verweigernd, idealistisch hielten und nicht erkannten, dass die wahren Coolen im Mittelteil des Busses saßen, auf den orangenen Plastiksitzen mit den oft angekokelten, mit Kaugummis oder Filzstiftzeichnungen versehenden Holzplatten mit Stoff. Dort saß man und drückte aus, dass man zwar kein Streber oder Junior, doch auch kein krampfhaft lockerer Bildungsverweigerer war, der bloß hinten hockte und für den der Sitzplatz ein soziales Statement war, was er natürlich nicht war, nicht mehr heute und nicht mehr hier. Melanie sitzt ganz vorne bei den Strebern, notgedrungen, sie hatte sich von Stefanie, der Kursbesten, die Zettel über Industrialisierung und Arbeitsrecht im 19. Jahrhundert geben lassen, schließlich steht heute ein Geschichtstest auf dem Plan und sie hat keine Ahnung, sie ist an sich eine gute Schülerin, keine, die Torten bei Einsen bekommt, weil es so ein seltenes Ereignis ist, keine, die nur noch müde Blicke bei vergeigten Arbeiten einheimst, aber auch kein entgleisendes Gesicht voller Überraschung, Zorn und Angst á la „Was bedeutet das nun für uns Eltern? Mal schauen, was das Internet dazu sagt!“, sie ist unterer Durchschnitt und berechnet aus Prinzip nie ihren Zeugnisdurchschnitt, man ist doch keine Zahl, zumindest nicht bloß Zahl. Eigentlich besteht man heutzutage aus Millionen von Zahlen, eine pure Kaskade von Zahlen und Zahlen, ein unaufhörlicher Strom von Konstanten und Variablen, von Werten und Schätzungen, von Gleichungen und Ungleichungen. Wer sich langweilt, kann dann und wann alle Zahlen addieren oder potenzieren, doch das Ergebnis macht in den meisten Fällen nicht glücklich. Die Kunst bestand bloß darin, in den Zahlen das zu sehen, was sie sind: Zahlen, nicht mehr, aber leider auch nicht weniger. Werte, die einem alles erklären können, auch sich selbst.

Sie sitzt da nun und liest eifrig die Zettel über Industrialisierung, vieles erschient ihr fremd, obwohl sie im Unterricht klar kommt. Stefanie blickt mit trüben Blick aus dem beschlagenen Fenster hinaus in eine soeben aufwachende Kleinstadt, sah die Häuser, die Straßen, die Bäume, die Supermärkte, die Häuser, die Straßen, die Bäume, das Ortsausgangsschild, Kornfeld, Kornfeld, Maisstoppeln bis zum Horizont, Wald, Wald, Wald, Bushaltestelle, Kreisverkehr, Dorfbauernschaft, Ortseingangsschild, die Häuser, die Straßen, die Bäume, die Supermärkte, die Häuser, die Straßen, die Bäume, das Ortsausgangsschild. Das dreimal, durch die Stadt und drei Dörfer geht die Fahrt, dann war man am Gymnasium, dem außerhalb der Stadtgrenzen, man gönnt seinen Kindern ja sonst nichts außer miesen Busfahrten ins nebelige Nichts, dafür wird man immerhin im Stadtzentrum während der Freistunden nicht überfahren, gell. Soll Stefanie gucken, bis ihr die Augen ausfallen, Melanie muss lernen, zumindest bis Hirschendorf, das sind noch ein paar Minuten, bis dahin muss alles in ihren Kopf sein, über die Dampfmaschine, die Nähmaschinenbollwerke, die Kinderarbeit, die Bergwerke, die 50-Stunden-Wochen, ach, lass es meinetwegen auch 60 Stunden gewesen sein. Dann nach dem Test ein paar Freistunden, dann noch irgendwas, sie hat das gerade nicht im Kopf, eh nicht so wichtig. Vielleicht auch schwänzen, wär ja auch eine Idee, das macht sie viel zu selten. Alle ihre Stufenkameraden waren da viel nachlässiger, die schwänzten einfach, ohne das moralisch zu hinterfragen. Da ging es einfach so, nur sie, Melanie, überlegt stundenlang und dann überlegt sie so lang, dass die Stunde schon angefangen hatte. Die Straßen, die Bäume, das Ortsausgangsschild. Auf den Zetteln sind die üblichen Fotos von den kohlegeschwärzten Kindern, die üblichen Zeichnungen von Käthe Kollwitz, Schlesischer Weberaufstand, wir weben hinein den dreifachen Fluch. Fuck, fuck, fuck, denkt Melanie, sie beherrscht den Stoff längst nicht so gut, wie sie dachte. Von einer neolithischen Revolution hatte sie noch nie zuvor gehört. Ging es hier nicht um die industrielle Revolution? Oder ist das vielleicht das Gleiche? Gut möglich, Revolutionen ähneln sich eh meistens, denkt Melanie, alle haben das gleiche Muster, durch irgendeine Aktion, einen Befreiungsschlag, beginnt alles Davorgewesene ordentlich zu rattern, rumpeln und zu bollern und dann hat man meistens den Salat, sieht man immer wieder. Sonst benötigt es eigentlich nur Glück und Zufall und vor allem bloß Zeit. Glück konnte sie jetzt auch gebrauchen, ihretwegen auch Zufall, sofern er ihr wohl gesinnt war. Sie schreibt sich ein paar Jahreszahlen in die Handinnenfläche, mit ihrem Füller. Während die Tinte in ihre Haut einzieht, überlegt sie, wie lange sie diesen Füller schon hat. Tragisch, denkt sie, wie egal einem so ein Füller wird. Als sie ihren ersten Füller bekam, aus Holzimitat und roter Plastikklappe, natürlich von Lamy, was denn sonst, – als sie also ihren ersten Füller bekam, da gab es Sekt, wurde stundenlang getanzt, erzählten die Verwandten aus ihrer Jugend, am Ende schlugen sich alle ihre sehr ordentlich geführten Wohlstandsbäuche mit Sahnetorte voll. Möglich, dass sie das jetzt mit ihrer Erstkommunion verwechselt hat. Fiel ungefähr in denselben Zeitraum. Das hat jetzt aber nix mit dem Zeitraum der Industriellen Revolution zu tun. Melanie fragt sicherheitshalber Stefanie, ob sie für den Test auch das triadische Modell von David S. Landes draufhaben müssen, Stefanie schüttelt den Kopf, ohne vom Fenster wegzusehen, wir weben hinein den triadischen Fluch, Stefanie ist vielleicht krank drauf, wirklich fucked up, sowas denkt Melanie eigentlich selten, womöglich kommen solche Floskeln wie fucked up von ihrem Freund, der bringt ihr nur so Unfug bei, Unfug beibringen – das klingt ja wie so ein Moralspruch von besorgten Eltern. Dein Freund bringt dir nur Unfug bei.

Die Eltern von Melanie sorgen sich aber proportional wenig. Morgens zum Frühstück steht keiner von ihnen mehr auf, aber Melanie verschläft eh nie. Mittags steht das Mittagessen auf dem Herd, sie muss es sich dann aufwärmen. Und abends –  ach, abends! Da kann sie eh machen, was sie will und Melanie will viel, sie will viel von ihrem Freund, von ihren schulischen Leistungen, von ihren besten Freundinnen. Die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, denkt Melanie, und meine Eltern sowieso nicht. Das kann aber auch ruhig so bleiben, denkt sie, während sie sich fett auf die Handinnenfläche noch das Wort „neolithisch“ schreibt, damit das später keine Rechtschreibfehler gibt. Vertrauen ist gut, Kontrolle auch ganz in Ordnung. Dann reißt sie sich aus ihrem Collegeblock einen Papierfetzen, schreibt ein paar Orte, Namen und Jahreszahlen drauf. Vertrauen ist gut, aber auf Vertrauen kann man sich nicht nur verlassen, das gibt sonst ein Unglück. Sie stopft den Spicker in ihrer Westentasche. Melanie grinst, Stefanie hustet. Die Straßen, die Bäume, das Ortseingangsschild.

Ein Wohlfühl-Literat im Interview

OObszön große Wiesen. Ein Wohlfühl-Literat im Interview.

***

Der Interviewer drückt die letzte Zigarette aus. Daraufhin drückt er auf den Sendeknopf, über die letzten Sekunden eines Huey Lewis & the News-Songs stellt er den Gast, sein Buch und sein Aussehen vor. Daraufhin fängt das Interview – für viele Zuhörer sehr unmittelbar, but that’s modern radio business, you know – an.

INTERVIEWER MIT DICKER KRAWATTE: Diese ganzen Figuren Ihres Buchs, diese Sprünge im Plot, diese vielen Zitate – ist das beabsichtigte Banalität oder ein Sich-Abarbeiten?

Literat: Ich würde eher sagen, es ist ein Sich-Abarbeiten.

Ein Sich-Abarbeiten wovon?

Von meiner Vergangenheit höchstwahrscheinlich. Aber bestimmt auch von gewissen Faktoren, die jetzt persönlich nichts mit mir zu tun haben. Vielleicht Dinge in Deutschland, die…

In Deutschland, sagen Sie?

Ja. Also Großraum Deutschland. Bestimmt auch Österreich oder die Benelux-Staaten. Ich war schon mal in Österreich. Es ist da ja alles sehr ähnlich.

Gibt es irgendwelche Staaten, vor denen es sich Ihnen beim Schreiben graust?

Naja, da muss man natürlich distinguieren, also unterscheiden, zwischen mir, der Privatperson, und zwischen dem Autor, der Figur, die ich nach außen hin spiele. Ich würde jetzt als Privatperson kein Land so pauschal verurteilen, aber als Figur würde ich schon sagen: Joa, China, Russland, was soll das?

Ist Schreiben für Sie eine Art Therapie, um von all diesen Ängsten und Zweifeln China und Russland gegenüber wegzukommen? Wollen Sie sich durch Wörter befreien?

Naja, also ich sehe da keinen direkten Anlass zu. Natürlich kann man jetzt viel behaupten.

Behaupten kann man  viel, sehr richtig.

Aber bei Licht betrachtet muss es einem doch auffallen, dass ich in meinen Romanen noch nie Russen oder Chinesen auftreten lassen habe. Auch am Theater, da inszeniere ich ja zurzeit „Drei oder vier Dinge, die ich am liebsten an diesem System verändern würde, aber zettzett – ziemlich zügig!“, da treten auch keine Russen oder Chinesen auf.

Was sehen Sie also, wenn Sie schreiben?

Wiesen. Obszön große Wiesen. Mit dicken, grünen Grashalmen, die so saftig aussehen, dass man am liebsten reinbeißen würde. Dann und wann sitz ich vor meinem Laptop und denke mir: „Was geht es uns doch gut!“. Ich denke dann an afrikanische Kinder, südafrikanische Jugendliche oder Christen in der arabischen Welt. Und dann verliere ich mein Lächeln. Ich muss dann erstmal ein wenig Distanz zum Geschriebenen aufbauen, zum Seienden sozusagen, damit ich merke, dass ich doch eigentlich nichts bin. Damit ich den Boden unter den Füßen nicht verliere. Das ist sehr wichtig heutzutage. Ich sehe mich nicht als Schriftsteller oder Dramaturg. In erster Linie sehe ich mich als Mensch.

Was hat das jetzt mit Wiesen zu tun?

Nun, ich wollte damit sagen, dass – egal, wie groß und grün und saftig das Gras aussieht – es dennoch Landstriche gibt, wo weder Gras noch Nächstenliebe gedeihen will. Die Kunst muss solche Gegenden stärker berücksichtigen. Die nächste Literatur, die bestimmt kommen wird, ich drück zumindest beide Daumen… die nächste Literatur sollte sich um diese Planquadrate, die nur zu gern vom Kulturbetrieb ignoriert werden, verstärkt kümmern.

Sie sagen „Kulturbetrieb“. Frage: Sehen Sie in Kultur etwas Maschinelles, Unmenschliches, Entmenschlichtes, Menschenunwürdiges? Betrieb wie in „Industrieller Massenmordbetrieb“?

Nein. Meine Bücher haben eine sehr positive Message: Teile das Brot, liebe deinen Nächsten, freitags kommt die Müllabfuhr. Das ist mir auch sehr wichtig. Das sag ich auch meinen Leuten beim Verlag oder der Intendanz beim Theater. Ich sag, Leute, sag ich, die vier fünf Bestseller, die auf meine Kappe gehen, die sind nicht ohne Grund Bestseller. Deswegen versucht nicht, in meine Texte Ironie oder Hass reinzukriegen. Meine Texte sind ohne Ironie oder Hass. Meine Texte sind Wohlfühl-Literatur. Wohlfühl-mit-dennoch-erhobenem-Zeigefinger-Literatur.

Dieser erhobene Zeigefinger macht Sie seit Jahr und Tag zur Zielscheibe von kränkendem Hohn, beißendem Spott, verletzender Häme. Wie schaffen Sie das, rein körperlich gesehen jetzt?

Ich jogge viel und gerne, durch meine Heimat Köln. Alle Kölner, die das hier gerade hören: Ich grüße euch! Haltet mir das Stadtarchiv ja trocken! Haha. Wenn ich dann durch das wunderschöne Köln laufe, Mohammed am Dönerstand grüße, und den Kindern winke, die geduldig vor der Fußgängerampel warten, dann machen mir die ganzen neidischen Kritiker oder politisch verwirrten Studenten nichts mehr aus.

Sie nähern sich ja seit Längerem dem Film an. Ihr erster experimenteller Kurzfilm, der stark überbelichtete „Cheesecake Monologue “, beinhaltet einen Käsekuchen und erzählt in narrativer Finesse, die wir aus Ihren Romanen kennen und schätzen, was einem so als Käsekuchen so durch den Kopf geht.

Ja. Vor allem harmlose Dinge. Die weichen, zarten, mütterlichen Hände der Bäckerin. Das Leuchten der Kinderaugen am Bäckertresen. Das wohlige Rascheln des Verpackungspapiers.

All das erhält eine grausige Ironie, denn der Zuschauer weiß: Nach diesem Monolog wird der Käsekuchen verspeist. Zerstört von den immer hungrigen Mechanismen einer aus dem Ruder gelaufenen Esskultur?

Daran hab ich beim Schreiben eher weniger gedacht, obwohl mir das natürlich komplett bewusst war. Während der PP, also der Post-Production des Films, habe ich schwer mit mir gehadert, konnte nachts kaum noch schlafen. Ich überlegte: Kann ich diese Ironie zulassen? Lasse ich den Text so lebensfroh, obwohl der Käsekuchen einen schlimmen Tod haben wird? Andererseits gönnt man Anne Frank ja auch, dass sie sich im Hinterhaus verliebt hat, das ist ja auch keine Ironie. Liebe gehört zu unserem Leben. Das vergessen unsere feinen Herren Kulturkritiker manchmal.

Letzte Frage. Was ist für Sie ein beruflicher Glücksmoment?

Wenn ein Kind mich nach einer Lesung am Signiertisch mit leuchtenden Kinderaugen anschaut, es forsch und keck mir mein Buch zum Signieren entgegenhält und mit Stolz und vor Ehrfurcht bebender Stimme sagt: „Das Buch habe ich ganz allein komplett durchgelesen.“ Dann weiß ich, Kultur ist wichtig, Kultur ist notwendig, Kultur ist Leben. Kultur ist Freude. Kultur ist Leidenschaft. Kultur ist Kinderlachen. Kultur ist…-

Ja, danke. Das neue Buch unseres Gasts, „Was tun, wenn die Polarkappen schmelzen?“, erscheint in zwei Wochen im Verlag „Gedanke und Wagnis“. Danke, dass Sie hier waren im Studio und tschüss.

Ich habe zu danken.

_________________________________________

((geschrieben von M und D))

((gesprochen von M))

((Musik von Erik Satie & The Caretaker))

Corona

Corona

Komm, setz dich, jetzt hab doch nicht ständig solche Angst, wirklich, nein, es gibt keinen Ärger, diesmal nicht. Du bist elf, ich bin fünfzig. Du kannst nicht stets davon ausgehen, dass  ich dir was Böses will. Die Erde besteht nicht nur aus schlechten Menschen. Schlechte Menschen sind, was du draus machst. Die Erde besteht vor allem aus Möglichkeiten. Der Erdball ächzt unter der gigantischen Last aller Möglichkeiten. Noch nie gehört? Manchmal kann man bei günstigen Windverhältnissen die Erde ächzen hören, bis alles ganz still ist. Und jetzt glaub nicht, dass man die ganzen Möglichkeiten ausnutzt. Der Großteil bleibt auf ewig ungenutzt. Ob das jetzt Schicksal oder Zufall ist, für welche Möglichkeiten wir uns letztlich entscheiden, weiß ich nicht. Oh boy, keine Ahnung, aber das ist jetzt kein Grund, so verlegen zu gucken, okay? Jetzt setz dich doch zu mir in den Staub. Ich bin dein Vater – ich erwarte, dass du das tust, was ich von dir will. Das ist das Grundprinzip moderner Erziehung, boy.

Setz dich. Den Staub kannst du dir doch später von der Hose abklopfen. Der Staub beißt nicht. Sonst kann ich dir die Hose auch später waschen. Was denn? Die Sonne blendet dich? Dann schau auf den Boden. Oder schau auf den Hof oder die Weide, mir völlig egal. Glaub aber nicht, dass ich dir Schutz vor der Sonne geben werde. Du bist so blass, werd‘ ruhig brauner. Deine Mutter war auch so blass, also früher, also ganz früher, bevor du gelebt hast. Bevor ich sie kannte. Lang, bevor ich sie kennenlernen durfte. Vor 30, 40 Jahren. Sie war so blass, dass man sie auf den alten überbelichteten Fotos nie wirklich klar gesehen hat. Sie stach niemals hervor, sie schimmerte immer weißlich. Die billigen Farbfilme aus dem What-a-Milkshake-Laden, also damals war da kein What-a-Milkshake, da war ein Krämerladen. Dieses Land verrottet, wenn es Milkshakes den Farbfilmen bevorzugt und nichts dabei verwerflich findet, nichts dabei empfindet. Versprich mir, immer weiter zu fotografieren.

Ich hab deine Fotos gesehen, letztens beim Elternabend. Sie hingen an der Wand, zwischen den ganzen lahmen Gruppenfotos. Ich hab’s ja an den Motiven sofort sehen können, dass es deine waren. Sie stachen aus der Menge heraus. Das Haus und wie es so einen Lichtkranz hat, weil die pralle Sonne direkt hinter dem Dach steht. Der Titel für das Foto war doch so toll, shed with a corona. Woher kanntest du das Wort corona? Ich musste in der Encyclopaedia nachschlagen, ehrlich. Deine Fotos stachen heraus aus dem ganzen Lachende-Kinder-hier-verregnete-Ferienfreizeit-da-Mist, immer dieselben Motive, man erstickt fast dran, sie bedeuten überhaupt nichts mehr, komplett austauschbar, Kopien von Kopien von Kopien. Hör mir zu. Langweile ich dich? Ich lobe dich. Das Foto von der Küche, wo ich koche – wo du den Verschluss so lange offen hieltest, dass der Film stundenlang belichtete. Ich merkte die Kamera auf der Fensterbank gar nicht. Ich bin ganz verwischt. Wie ein Geist. Caspar the friendly ghost. Den kennst du doch. Deine Mutter sah auf Fotos auch stets wie ein Geist aus. Ich habe mich ihr nahgefühlt, lächel nicht so erwachsen, ich meine das ernst. Deine Fotos, die… die Kamera war bloß für Schnappschüsse gedacht, hier fotografier doch mal den Weihnachtsbaum ist das das nicht ein toller Thanksgiving-Truthahn du musst wirklich dein Karnevalskostüm im Spiegel fotografieren. Und jetzt steh ich da letztens vor der Fotowand im Klassenraum und sehe diese beiden Fotos.

Die Mitschüler – mögen die das? Kommen die damit überhaupt klar? Verstehen die das eigentlich? Antworte mir doch mal. Du redest gar nicht mehr. Antworte mir doch. Antworte mir. Du redest seit wie viel Tagen nicht mehr mit mir? 54 Tage ist es nun schon her? 54 Tage ohne eine Silbe aus deinem elfjährigen Mund. Ich habe mich noch nie so einsam gefühlt. Ich weiß, warum du schweigst. Glaube ich. Für mich war das auch hart. Erinnerst du dich noch an den Geruch im Bestattungshaus? An den Fenstern klebten die Marienkäfer auf der Suche nach einem Refugium für den Herbst, und es roch nach Marienkäfern überall. Seitdem habe ich diesen Geruch in der Nase, wo ich gehe, wo ich stehe, Marienkäfer. Beim Kochen, beim Schlafen, beim Laufen, beim Arbeiten, Marienkäfer. Rede ruhig durch deine Fotos, es ist alles in Ordnung, boy, man muss nicht zwangsläufig mit Worten oder Silben sprechen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagen sie das nicht ständig im Fernsehen, wird es da nicht pausenlos gesagt? Ich… ich… ständig, ständig Marienkäfer. So ein ekelhaft-süßer Geruch, ganz fein, andauernd in der Nase. Die Sonne ist jetzt fast untergegangen. Es wird kalt, ich muss später noch kochen. Bitte rede doch mit mir. Was möchtest du später haben? Pfannkuchen? Ich könnte dir Pfannkuchen machen, magst du doch so gern. Hey. Bitte. Ich. Hör mal, ich kann morgen in die Stadt. Ich kann dir eine Fotokamera holen, eine professionelle. Fotos schießen, weißt du. Ich habe auch mal Fotos geschossen, als ich elf war.

Meine Kindheit besteht nur aus Erinnerungen. Wie meine Mutter tagsüber ständig schlief, stundenlang, sie hatte diese Krankheit, ich habe ihren Namen vergessen. Und dein Großvater war ständig im Keller, ohne Unterlass. Nur zum Essen und Schlafen kam er hoch, sonst saß er da unten und reparierte alles Mögliche aus der Nachbarschaft, kostenlos. Hauptsache, er saß umgeben von Schrauben und Kabeln und nicht bei uns oben. 1951 war das.  Und ich war draußen in unserem schäbigen Vorgarten. Schiefer Maschendraht, Laub, graues Gras, Wellblechgartenhäuser, du weißt, was ich meine. Und Fotos. Das Geräusch einer herauskommenden Polaroid. Oder das selbstzufriedene Klicken einer analogen Kamera, ein Abbild wieder auf dem Film gespeichert. Ich habe sie dann selbst entwickelt, in meiner winzigen Rotlichtkamera auf dem Dachboden, so weit weg vom Vater wie möglich. Jeder Meter zählte, physischer Meter, Zeit und Raum, es hatte seine Gründe. Du guckst so seltsam. Ich weiß, ich habe dir nicht erzählt, warum ich meinen Vater nicht ausstehen konnte. Hör mir weiter zu und es wird dir klar werden. Aber auch ohne weitere Erklärungen meinerseits musst du einfach wissen, dass man nicht immer  Gründe angeben kann, warum man bestimmte Personen nicht mag. Kennst du das, wenn man Menschen so unglaublich sehr hasst, obwohl man gar nicht weiß weshalb und obwohl sie einem nie etwas getan haben? Die Gründe, die dir selbst unbekannt sind, sind die stärksten Gründe. Ich glaube, das ist eine Warnung an uns.

Ich fotografierte vierzigmal unser Dach, an einem Tag. Immer fotografiert, wie die Sonne im Bezug zum Dach steht, ein Gefühl für Zeit und Raum bekommen, das Haus als physische, nicht als psychische Konstante verstehen, Distanz aufbauen, Licht als Waffe sehen. Corona. Meine Mutter fand die Polaroids interessant. Sie war immer mit ihrer rosablau geblümten Kochschürze oben in meinem holzvertäfelten Zimmer und lobte die Fotos, Tag ein Tag aus. Ohne auf die Fotos einzugehen. Tag ein, Tag aus. Absolut idiotisch, wenn du mich fragst. Denn sie lobte jedes Foto, permanent, es hatte überhaupt keinen Wert mehr, dass sie lobte, es wurde pure Routine, austauschbar, unpersönlich und beliebig. Sie hätte genauso gut nichts sagen können. Sie hätte genauso gut gar nicht da sein müssen. Vater sagte nie etwas. Er war schweigsam, so oder so, doch mit mir sprach er nie. Ich konnte tun, was ich wollte. Deine Großmutter schlief im mit Tüchern verdunkelten Schlafzimmer, dein Großvater hockte stumm im Keller.

Mein Leben war leer und ich injizierte das Leben in die Leere hinein. Osmotisch. Ohne es zu berühren.  Hinein und hinaus. Hinaus und hinaus und hinaus. Ich sag dir das, damit du weißt, dass ich deine Leere kenne, boy. Ansatzweise. Und ich wie auch versuchte, diese Taubheit zu füllen. Es schmerzt, es ist ein extrem verlangsamter Heilungsprozess, boy. Aber der Schmerz ist nur das, was du in deine Leere füllst. Verstehst du mich? Ist meine Botschaft bei dir angekommen? Gut. Tu nicht so, als würdest du nicht verstehen, was ich meine. Hohler, trüber Schmerz. Du kennst ihn sicherlich besser als ich und du bist erst elf Jahre alt. Zwischen deinem Herz und deinen Rippen sitzt er allabendlich und kommt nicht hervor, wie ein wichtiges Blatt Papier hinter einer Tischkante, uneinholbar, aber vorhanden. Es reißt dir das Leben auf, aber mal ehrlich, boy, was gäbe es da für uns zu verlieren. Okay? Ich versteh das schon alles. Irgendwie. Es wäre unmöglich für meinen Vater gewesen, sich für mich zu interessieren, Fotos oder dergleichen sich auch nur anzusehen.

Die Vorstellung, dass der Vater eines Tages meine Fotos in den Händen hielt, wurde mit der Zeit so unrealistisch, dass die Vorstellung unheimlich und unerträglich wurde. Manche meiner Albträume aus dieser Zeit verfolgen mich bis heute: er auf meinen Dachboden und seine Lippen formen lautlos das Wort „interessant“. Doch der Albtraum sollte sich bewahrheiten. Klischee, okay. Aber ist wahr. Eines Tages kam er auf den Dachboden, das war ein Wunder. Im religiösen Sinne des Wortes. Unmöglich, unwahrscheinlich, unfassbar. Thauma. Plötzlich stand er da, mit seinem alten abgewetzten Hemd, seiner verlumpten Latzhose, seinen mit Öl besprenkelten und großen, rauen Händen. Er stand mitten im Raum und blickte aus dem Fenster. Lange Zeit sagte keiner etwas. Ich sah mir seine Obere-Unterschicht-Kleidung an, ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen, ich hatte meinen Vater schon lange nicht mehr gesehen. Dann sagte er sehr leise, fast sanft: „Deine Fotos.“ Und dann eine lange Pause. Luft holen. Er wartet, ich warte. Alles pausierte. Alles bekam ein Gefühl für Zeit und Raum. Einfach… bloß… Stille… …ungefähr… so. Dann fuhr er fort: „Deine Fotos. Weißt du, die sind weg.“ Es war kein Bedauern, keine Verlegenheit in seiner Stimme. Ich fragte ihn, was er meinte. Ich habe einfach nichts verstanden. Ich habe mich wie ein Kleinkind angestellt, you see, doch ich fühlte mich erwachsen. Ich spürte in jenem Moment, ich war der Erwachsenere von uns beiden. Verstehst du das, Sohn? Manchmal merkst sicherlich auch du, dass du reifer bist als ich, in manchen Momenten zumindest. Kultiviere diese Momente, lasse sie reifen, baue sie aus, übe. Vielleicht ist dein Stummsein ein Signal davon. Ich weiß es nicht. Du bist schwer zu durchschauen, boy, ich mag das. So. Er sagte: „Deine Fotos. Weißt du, die sind weg.“ Ich verstand nichts, er wiederholte es, ich verstand nichts, er wiederholte es. Ballwechsel wie beim Tennis. Das Publikum schaut synchron von links nach rechts nach links nach rechts nach links. Er hatte Aufschlag und sagte: „Hab sie weggetan. Das war nichts mit Kunst, das war sinnloser Quatsch.“ 40 love. Daraufhin lächelte er, als wäre seine Entscheidung nachvollziehbar und natürlich auch die richtige. Und ging wieder nach unten. Dieses Wort, Quatsch, diese Einschätzung von oben herab, boy. Er entschied, was Quatsch ist, was man von ihm zu halten habe und wie er zu beseitigen sei. Meine Kamera wurde mir abgenommen. Ich bekam sie nur an Weihnachten oder Thanksgiving für ein paar Gruppenfotos, you see.

Junge, mein Sohn, ich finde du bist alt genug, zu erfahren, dass ich meinen Vater später in jener Nacht töten wollte. Ich stand an seinem Bett mit einem Küchenmesser und dachte, wow, erstich ihn! Hab’s nicht getan. Starb vor zwölf Jahren am Herzinfarkt. Umgefallen, tot. Du hast ihn nie kennengelernt und das freut mich. Es schmerzt, sowas zu sagen, doch es stimmt. Denn weißt du, ich bin seitdem ein Tennisball. Schau ruhig belustigt. Ich bin ein Tennisball. Von außen weich, Kunstfaser, samten, ich liege gut in der Hand. Ich bin ergonomisch geformt, aerodynamisch, ich zerschneide die Luft. Ich fliege sanft trotz unförmiger Statur, ich schwebe. Und von innen bin ich komplett leer, ausgehöhlt, nur Luft. Süßlicher Geruch absoluter Leere. Luft, nichts sonst. Ich bin ein verfluchter Tennisball, boy, und ich möchte, dass du es nicht wirst. Ein Wind zieht auf. Eiskalt. Wir stehen auf. Nein, hey. Geh nicht ins Haus. Bitte geh nicht ins Haus. Stelle dich dem kalten Wind. Schau in die Richtung, wo der Wind herkommt. Ja, so. Öffne deine Augen. So. Breite deine Arme aus. Na los, breite sie aus. Friere. Realisiere, dass du auf äußere Einflüsse reagierst. Das Leben ist ein Ballwechsel beim Tennis. Du reagierst auf sie, sie auf dich, du auf sie, sie auf dich. Sie leben, du lebst, sie leben, du lebst. Du lebst, boy. Realisiere das.

(2. Februar 2012)

Tweet Zwanzigtausend – für Euch

Ein Nachrichtenstudio.

Nachrichtensprecher: …laut Aussagen des Bundesgrenzschutzes gehe es dem Kind mittlerweile aber wieder gut und erwäge, in Zukunft auch Fahrscheine für den Zug zu kaufen.

Kommen wir nun zu einem anderen Thema. Seit Wochen wird im Münsterland eifrig geschraubt, hantiert und gewerkelt. @mlampin, Twitterbenutzer, achtzehn Jahre, Idol einer gesamten Generation, feiert sein Twitterjubiläum. Der zwanzigtausendste Tweet soll, so ein Sprecher der mlampin-Brigade für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, in den nächsten Stunden veröffentlicht werden. Anlass genug, zurückzuschauen auf die bewegte Geschichte eines Twitterers, der sich selbst niemals gut genug war, und dem Publikum auch nicht. Unsere Mitarbeiterin Katrin Müllerhodenstein mit einem Portrait eines Ausnahmetalents, eines Jungspundes, eines kreativen Tunichtguts, eines wilden Wasserfalls der Emotionen, eines Nashorns der Gemütlichkeit, eines sagt mal, wie lang geht die Aufzählung hier eigentlich noch weiter, eines Chronisten der Belanglosigkeit, eines Waschbeckens der lustvollen Unschuld, eines Mahners der Durchschnittlichkeit-

Abrupter Schnitt.

Bericht: Twitter. Ein Name, ein Fanal. 2006 von einer Horde junger Wilder aus dem Silicon Valley gegründet. Ziel von Twitter ist es, sich als Nutzer cooler als ein Facebooknutzer zu fühlen.

Auch Mlampin zieht es in den eisig-kalten Winternächten des Julis 2009 zu Twitter und kommt davon nicht mehr los.

Dr. phil. Jacob Jacobsen, politischer Journalist mit ausufernden Handbewegungen: Was Mlampin mit einer großen Eloquenz bei Twitter schafft, ist die Kunst, Sätze zu schreiben, die nicht länger als 140 Zeichen sind. Die Qualität der Sätze ist dabei meistens so lala bis so durchwachsen bis kompletter Schrott. Aber wenn man bedenkt, dass ich für einen politischen Kommentar in einer überregionalen Tageszeitung mehrere Anzeigenplätze schalten muss, weil sonst mein Text da nirgends rein passt – dann finde ich das überaus erstaunlich, überaus interessant. Und bewundernswert. Und bin scheißeneidisch.

Bericht: Nun, knapp zweieinhalb Jahre später, kann ein großer Meilenstein gefeiert werden. Im Hause der Mlampins knallen die Sektkorken gegen die 70er-Jahre-Sperrmüll-Lampen mit Blumenmotiven, denn es heißt: Der 20.000. Tweet steht bevor.

Doch was bedeutet die Zahl 20.000 wirklich? Der Mathematiker Billy Gerwitz muss es wissen. Seit Jahr und Tag manövriert er sich durch den Kosmos der Zahlen, berechnet zum Einschlafen die eulersche Zahl (irgendwo zwischen 9 und 10), und kann inzwischen „Hallo, wie geht es dir?“ auf Algebra sagen.

Billy Gerwitz: Mathematiker 20.000 ist eine runde Zahl, was bedeutet, dass überproportional viele Nullen vorkommen. Vergleichen Sie das zum Beispiel mit der Zahl 34827384, wo keine einzige Null drin vorkommt.  34827384 ist also nicht rund, höchstens sechseckig. Wenn man 20.000 durch 2 teilt, kommt 10.000 heraus. Was herauskommt, wenn man die Zahl verdoppelt, weiß ich noch nicht. Aber ich promoviere da zurzeit drüber, danach schreib ich das bei WolframAlpha rein und dann kann mir keiner was.

Bericht: Auch das Feuilleton erinnert sich gerne an die kulturelle Schlagkraft von mlampin. Unvergessen seine großen Werke „Ich hab sturmfrei“ (Sommer 2009), „Scheiße, einen Korb bekommen :‘-((((“ (30. Dezember 2010), oder „Ich kann nicht kochen, es gibt Kekse und Saft“ (etwa täglich).

Der Nagetierzüchter und Literaturkritiker Marcel Reich-an-Karnickeln erinnert sich:

Marcel Reich-an-Karnickeln: Was mir bei mlampin besonders gefällt, ist, dass er nicht auf Rumänisch schreibt. Oder auf Russisch. Oder Isländisch. Das sind alles Sprachen, die ich nicht verstehe.

Bericht: Doch welches Werk von @mlampin schätzen Sie persönlich am Meisten?

Marcel Reich-an-Karnickeln: Ich fand den Tweet über die Todesfuge sehr gut. Irgendwas mit so nem Kerl in nem Haus und dann ein Grab in den Wolken. Ach, das war ja von Paul Celan, nicht von @mlampin. Naja. Ähm. Ich fand seine Sturmfrei-Tweets gut.

Bericht: Matthias, der nebulöse Drahtzieher hinter seinem mlampin-Kollektiv, will seinen 20.000 Tweet selber wenig feiern. Laut seinem Pressesprecher muss er noch seine Englisch-Hausaufgaben machen und dann nach dem Dschungelcamp ab ins Bett.

Das hindert zahlreiche Fans jedoch nicht daran, sich in Großstädten einzufinden und „Public-20.000ster Tweet-Lesing“ zu zelebrieren. Promis wie Dieter Nuhr, Til Schweiger oder Detlev D. Soost werden in der Berliner Volksbühne je ein Wort abwechselnd vom Tweet vorlesen. Eintritt kostet etwa fünfzig Euro, die Dauer des Vortrags beträgt etwa vierzig Sekunden (mit Pause).

Andere Twitter-Größen wie Ashton Kutcher, Justin Bieber oder Barack Obama wollen irgendwann in den nächsten Tagen ihre Grüße überbringen.

Justin Bieber: Hey, super cool to be on the program. Yeah, I just wanted to say that uhm mlampin is a pretty cool guy, you know, uhm. The first time I uhm read a tweet of him I was like, you know, uhm, „Oh my Gawd! What the, uhm, you know, fuck? How super cool is that.“ And basically uhm, you know, I was like, „Oh my Gawd!“ Yeah. That’s pretty much about it. You know. Uhm.

Barack Obama: kann seltsamerweise perfektes Deutsch Ich als Präsident der Vereinigten Staaten freue mich sehr darauf, auch meine zweite Amtsperiode mit Tweets von @mlampin zu versüßen. Da sind die Atombömbchen aus Teheran oder die doofen Republikaner plötzlich auch nur noch Menschen.

Bericht: Doch was soll drinstehen im Tweet 20.000? Laut Insidern aus dem Organisationsteam soll im Tweet folgendes auffindbar sein: eine Mischung aus Liebe, Hass, seltsamen Humor und sehnsuchtsvollem Gegreine für Musik, die kein Arsch kennt.

Was auch immer drin steht – wir werden uns drauf freuen und berstend vor Geilheit retweeten und faven, bis wir mit Sabber triefend und zerrissenem Kleid auf dem Parkettboden unserer Großstadtwohnung liegen und mehr verlangen. Und das ist das größte Geschenk, was wir @mlampin heute geben können. Zurück ins Studio.

Nachrichtensprecher: Ein denkwürdiger Tag, ein erstaunlich unlustiger Beitrag. So ist das halt, wenn man voller Ambitionen was Lustiges ins Blog kleckern will und am Ende klingts doch nur so, als hätte man „Die Dreisten Drei“ rückwärts geguckt.

Kommen wir zur Politik. Während des letzten Beitrags hat sich Kanada aufgelöst. Wie es zu diesem Fauxpas kommen konnte, versucht uns nun Horst Lichter zu erklären, der zwar nicht in Kanada wohnt und auch sonst keine Ahnung von Irgendwas hat, aber dafür einen drolligen Schnurrbart hat. Hallo, Horst! Grüße nach Berchtesgaden!

___________Und nun mal schluss mit lustig:________

Ich danke euch allen, dass ihr mich 20.000 Tweets lang ertragen habt. Naja, von ertragen kann hier keine Rede sein, man kann mich ja stets entfolgen. Perfides System eigentlich. Naja, auf jeden Fall toll von euch, dass ihr nicht Entfolgen geklickt habt. Ich hab euch alle ganz ganz doll lieb und ich verspreche feierlich, dass ich keinerlei Emotweets mehr schreiben will. Das Versprechen brech ich aber eh bald wieder. Tschüssi :D

Gesetzliche Feiertage

Im Ofen briet der alljährliche und deshalb längst nicht mehr inbrünstig erwartete Weihnachtsputer und seine goldbraune Haut ähnelte auf unangenehme Weise der Haut von Rita, der verwitweten Tante, die stets bei Familienfeiern höflich eingeladen wurde, da sie selber keinen hatte, mit dem sie sonst feiern konnte. Sie war erst vor ein paar Tagen von ihrem Urlaub auf St. Lucia in der Karibik heimgekehrt. Woher sie das Geld für diese Reise hatte, war allen unklar. Man spekulierte auf das Erbe des vielleicht doch gar nicht mal so armen Onkel Hubert, der vor ein paar Jahren von einem Baum erschlagen wurde. Sowohl ihr Karibik-Urlaub wie auch das zahlreiche Make-Up, das für Festtage wie diesen im Laufe der letzten Monate akribisch aus den Gratisbeilagen der Frauenmagazine  zusammengehortet wurde, erzeugten auf ihrer Haut den ähnlichen Teint wie auf der des Puters.

Monika, die Mutter, stand in der Küche und rührte emsig in den zahlreichen, dampfenden Töpfen auf den vier Elektroherd- und zwei Gasherdstellen. Karsten, ihr Mann, las den Kindern irgendeine Geschichte vor. Er verhinderte damit, dass die Kinder mitbekamen, wie die vom Wein und Kaminfeuer schwitzende Rita die zahlreichen Geschenke unter den diesmal betont schlicht geschmückten Weihnachtsbaum stellte. Man sah sofort, welches Geschenk von wem stammte: die in rosa-glänzender Kunststoffverpackung stammten von Monika, die neutral-blauen von Karsten, die mit überschwänglicher Weihnachtsdeko und gekräuseltem Geschenkband eindeutig von Rita und der hoffnungslos vertesafilmte Rest unverkennbar von den Kindern.

Der Abend verlief anfangs gut und begann damit, dass Karsten erstmal sein Auto in die Garage umparkte. Im Radio hatten sie unüblich viel Schneefall angekündigt und da Karsten morgen angeblich mit dem Auto zum Flughafen musste, um in Frankreich einen muslimischen Geschäftspartner zu treffen, dem Weihnachten anscheinend egal war, wollte Karsten morgen das Auto nicht erst freikratzen und von Schnee befreien. Rita wollte das Auto partout nicht umstellen, schließlich seien Weiße Weihnachten irre-romantisch und so oft komme das gar nicht vor, die Statistik hätten sie heute nachmittag noch im Radio erwähnt, aber sie habe da nicht ganz zugehört. Die Kinder saßen im Wohnzimmer und fraßen die Süßigkeitenteller leer, während Monika in der Küche emsig rührte, mit einem Löffel die Soße probierte und durch den Flur rief, wie sie heute Nachmittag buchstäblich die Allerletzte im Laden war, um den Rotkohl noch einzukaufen. Der Weihnachtsputer wurde zusammen mit dem Curryreis und Rotkohl verspeist. Ein Kind war gegen Curry allergisch, das andere mochte keinen Rotkohl und keine Pute und aß deshalb nur ein paar Kekse vom Süßigkeitenteller, bis das andere Kind dann auch den Teller wegstellte und sie gemeinsam Süßigkeiten futterten. Während sie alle größtenteils schweigend aßen, lief im stummgeschalteten Fernseher die Weihnachtsansprache der Bundeskanzlerin und im etwas zu lauten Radio dudelte der Weihnachtsfunk. Beim Dessert, halbaufgetaute Schwarzwälder Kirschtorte von Coppenrath & Wiese, sprach Rita über ihren Karibikurlaub, Monika über die unfreundlichen Verkäufer während der Weihnachtszeit, Karsten über den nervigen Islam-Geschäftspartner, den er morgen angeblich treffen müsse, und ein Kind stand unwillig Rede und Antwort über die Reha-Physiotherapie, die es seit dem Knochenbruch im Schulsport in Anspruch nehmen musste.

Dann gab es Bescherung. Die Kinder verschenkten an alle das Selbe, ein selbstgemachtes Sperrholz-Mobilé mit mit der Laubsäge ausgesägten Weihnachtsfigürchen. Ein Kind heulte, als es kein iPhone bekam, sondern bloß eine Lichtorgel für den Partyraum im Keller. Die Erwachsenen mussten dann für die nächsten paar Minuten debil die Lichtorgel bejubeln, wie toll und verrückt-bunt das Ding doch sei, damit das Kind aufhörte, zu flennen. Das andere Kind war mit seinem letzten Geschenk, einem Puppenhaus, grundzufrieden und stopfte Kekse in sich hinein. Rita bekam ein hässliches Kleid, Monika bekam ein Kochtopf-Set von Karsten, Karsten bekam einen Rotwein von Monika. Rita lachte, dass das ja wie bei den Hoppenstedts sei. Monika wusste nicht, wer die Hoppenstedts seien und ob man die kennen müsse. Rita sagte, die Sendung da von Loriot. Karsten sagte, er höre von so einer Sendung zum ersten Mal, und Monika nickte beipflichtend.

Die Kinder wurden ins Bett geschickt. Rita trank ihr sechstes Weinglas leer und erzählte, dass die karibischen „Boys“ sehr viel körperbetonter und gesünder lebten als die jungen Männer hierzulande. Monika erzählte nochmal, dass sie die buchstäblich letzte im Supermarkt gewesen war, als sie den Rotkohl einkaufte. Karsten fand, dass Frankreich vor allem im Winter schön sei und er sich deshalb eigentlich ja doch ein bisschen auf das Treffen mit dem muslimischen Geschäftspartner freue. Das Wichtige beim Calypso, erklärte Rita, sei, dass niemand merken dürfe, dass man Tourist sei. Monika verstand nicht, was so schlimm sei, Tourist zu sein.

Um Mitternacht hatte Rita ihr achtes Weinglas geleert und fuhr daraufhin im Schneesturm nach Hause. Monika ging in die Küche und wusch ab. Karsten rief seine Geliebte an und fragte, in welchem Hotel in Paris sie sich träfen, ob das Geschenk per Post pünktlich angekommen sei, und ob sie schon geil wäre, wenn sie an morgen dachte, weil er sei total geil, er habe schon einen Ständer, wenn er an sie dachte. Später lagen Monika und Karsten übereinander im Bett. Während Monika es über sich ergehen ließ, stellte sich Karsten vor, dass er es mit seiner Geliebten trieb, oder mit Rita, oder mit einer karibischen jungen Schlampe, oder dann doch wieder mit der französischen Geliebten.

Das nächste Weihnachten verbrachte Rita in einem Luxushotel auf St. Lucia mit einem reizenden alleinstehenden Herrn, den sie im April auf der Gruppenreise in die Karibik kennengelernt hatte. Karsten feierte mit seiner französischen Geliebten und Monika bestellte für sich und die unablässig Schokokekse futternden Kinder eine große Familienpizza, schließlich sei Weihnachten ja das Fest der Familie.