Losgeschossen (noch ein Auszug)

LLosgeschossen.

Ein Bericht. (Auszug)

Eine Schreibmaschine ist eine Waffe.
Haut man die jemandem auf dem Kopf, ist der hin.

– Jörg Fauser

KAPITEL 4

Der Schulbus rollt, rattert, rumpelt und bollert durch die Straße. Die Reifen knarzen, der Motor schnauft, die Kupplung ächzt, der Fahrer zieht die Nase hoch. Melanie sitzt ganz vorne, das tat sie längst nicht immer, vorne waren sonst die Streber und hinten waren diejenigen, die sich für cool, angesagt, rebellisch, verweigernd, idealistisch hielten und nicht erkannten, dass die wahren Coolen im Mittelteil des Busses saßen, auf den orangenen Plastiksitzen mit den oft angekokelten, mit Kaugummis oder Filzstiftzeichnungen versehenden Holzplatten mit Stoff. Dort saß man und drückte aus, dass man zwar kein Streber oder Junior, doch auch kein krampfhaft lockerer Bildungsverweigerer war, der bloß hinten hockte und für den der Sitzplatz ein soziales Statement war, was er natürlich nicht war, nicht mehr heute und nicht mehr hier. Melanie sitzt ganz vorne bei den Strebern, notgedrungen, sie hatte sich von Stefanie, der Kursbesten, die Zettel über Industrialisierung und Arbeitsrecht im 19. Jahrhundert geben lassen, schließlich steht heute ein Geschichtstest auf dem Plan und sie hat keine Ahnung, sie ist an sich eine gute Schülerin, keine, die Torten bei Einsen bekommt, weil es so ein seltenes Ereignis ist, keine, die nur noch müde Blicke bei vergeigten Arbeiten einheimst, aber auch kein entgleisendes Gesicht voller Überraschung, Zorn und Angst á la „Was bedeutet das nun für uns Eltern? Mal schauen, was das Internet dazu sagt!“, sie ist unterer Durchschnitt und berechnet aus Prinzip nie ihren Zeugnisdurchschnitt, man ist doch keine Zahl, zumindest nicht bloß Zahl. Eigentlich besteht man heutzutage aus Millionen von Zahlen, eine pure Kaskade von Zahlen und Zahlen, ein unaufhörlicher Strom von Konstanten und Variablen, von Werten und Schätzungen, von Gleichungen und Ungleichungen. Wer sich langweilt, kann dann und wann alle Zahlen addieren oder potenzieren, doch das Ergebnis macht in den meisten Fällen nicht glücklich. Die Kunst bestand bloß darin, in den Zahlen das zu sehen, was sie sind: Zahlen, nicht mehr, aber leider auch nicht weniger. Werte, die einem alles erklären können, auch sich selbst.

Sie sitzt da nun und liest eifrig die Zettel über Industrialisierung, vieles erschient ihr fremd, obwohl sie im Unterricht klar kommt. Stefanie blickt mit trüben Blick aus dem beschlagenen Fenster hinaus in eine soeben aufwachende Kleinstadt, sah die Häuser, die Straßen, die Bäume, die Supermärkte, die Häuser, die Straßen, die Bäume, das Ortsausgangsschild, Kornfeld, Kornfeld, Maisstoppeln bis zum Horizont, Wald, Wald, Wald, Bushaltestelle, Kreisverkehr, Dorfbauernschaft, Ortseingangsschild, die Häuser, die Straßen, die Bäume, die Supermärkte, die Häuser, die Straßen, die Bäume, das Ortsausgangsschild. Das dreimal, durch die Stadt und drei Dörfer geht die Fahrt, dann war man am Gymnasium, dem außerhalb der Stadtgrenzen, man gönnt seinen Kindern ja sonst nichts außer miesen Busfahrten ins nebelige Nichts, dafür wird man immerhin im Stadtzentrum während der Freistunden nicht überfahren, gell. Soll Stefanie gucken, bis ihr die Augen ausfallen, Melanie muss lernen, zumindest bis Hirschendorf, das sind noch ein paar Minuten, bis dahin muss alles in ihren Kopf sein, über die Dampfmaschine, die Nähmaschinenbollwerke, die Kinderarbeit, die Bergwerke, die 50-Stunden-Wochen, ach, lass es meinetwegen auch 60 Stunden gewesen sein. Dann nach dem Test ein paar Freistunden, dann noch irgendwas, sie hat das gerade nicht im Kopf, eh nicht so wichtig. Vielleicht auch schwänzen, wär ja auch eine Idee, das macht sie viel zu selten. Alle ihre Stufenkameraden waren da viel nachlässiger, die schwänzten einfach, ohne das moralisch zu hinterfragen. Da ging es einfach so, nur sie, Melanie, überlegt stundenlang und dann überlegt sie so lang, dass die Stunde schon angefangen hatte. Die Straßen, die Bäume, das Ortsausgangsschild. Auf den Zetteln sind die üblichen Fotos von den kohlegeschwärzten Kindern, die üblichen Zeichnungen von Käthe Kollwitz, Schlesischer Weberaufstand, wir weben hinein den dreifachen Fluch. Fuck, fuck, fuck, denkt Melanie, sie beherrscht den Stoff längst nicht so gut, wie sie dachte. Von einer neolithischen Revolution hatte sie noch nie zuvor gehört. Ging es hier nicht um die industrielle Revolution? Oder ist das vielleicht das Gleiche? Gut möglich, Revolutionen ähneln sich eh meistens, denkt Melanie, alle haben das gleiche Muster, durch irgendeine Aktion, einen Befreiungsschlag, beginnt alles Davorgewesene ordentlich zu rattern, rumpeln und zu bollern und dann hat man meistens den Salat, sieht man immer wieder. Sonst benötigt es eigentlich nur Glück und Zufall und vor allem bloß Zeit. Glück konnte sie jetzt auch gebrauchen, ihretwegen auch Zufall, sofern er ihr wohl gesinnt war. Sie schreibt sich ein paar Jahreszahlen in die Handinnenfläche, mit ihrem Füller. Während die Tinte in ihre Haut einzieht, überlegt sie, wie lange sie diesen Füller schon hat. Tragisch, denkt sie, wie egal einem so ein Füller wird. Als sie ihren ersten Füller bekam, aus Holzimitat und roter Plastikklappe, natürlich von Lamy, was denn sonst, – als sie also ihren ersten Füller bekam, da gab es Sekt, wurde stundenlang getanzt, erzählten die Verwandten aus ihrer Jugend, am Ende schlugen sich alle ihre sehr ordentlich geführten Wohlstandsbäuche mit Sahnetorte voll. Möglich, dass sie das jetzt mit ihrer Erstkommunion verwechselt hat. Fiel ungefähr in denselben Zeitraum. Das hat jetzt aber nix mit dem Zeitraum der Industriellen Revolution zu tun. Melanie fragt sicherheitshalber Stefanie, ob sie für den Test auch das triadische Modell von David S. Landes draufhaben müssen, Stefanie schüttelt den Kopf, ohne vom Fenster wegzusehen, wir weben hinein den triadischen Fluch, Stefanie ist vielleicht krank drauf, wirklich fucked up, sowas denkt Melanie eigentlich selten, womöglich kommen solche Floskeln wie fucked up von ihrem Freund, der bringt ihr nur so Unfug bei, Unfug beibringen – das klingt ja wie so ein Moralspruch von besorgten Eltern. Dein Freund bringt dir nur Unfug bei.

Die Eltern von Melanie sorgen sich aber proportional wenig. Morgens zum Frühstück steht keiner von ihnen mehr auf, aber Melanie verschläft eh nie. Mittags steht das Mittagessen auf dem Herd, sie muss es sich dann aufwärmen. Und abends –  ach, abends! Da kann sie eh machen, was sie will und Melanie will viel, sie will viel von ihrem Freund, von ihren schulischen Leistungen, von ihren besten Freundinnen. Die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, denkt Melanie, und meine Eltern sowieso nicht. Das kann aber auch ruhig so bleiben, denkt sie, während sie sich fett auf die Handinnenfläche noch das Wort „neolithisch“ schreibt, damit das später keine Rechtschreibfehler gibt. Vertrauen ist gut, Kontrolle auch ganz in Ordnung. Dann reißt sie sich aus ihrem Collegeblock einen Papierfetzen, schreibt ein paar Orte, Namen und Jahreszahlen drauf. Vertrauen ist gut, aber auf Vertrauen kann man sich nicht nur verlassen, das gibt sonst ein Unglück. Sie stopft den Spicker in ihrer Westentasche. Melanie grinst, Stefanie hustet. Die Straßen, die Bäume, das Ortseingangsschild.

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