Die Außenwelt

Der Mond hatte seine abnehmende Phase, glaube ich. An den Rändern fehlten eindeutig ein paar Teile. Wie ein unförmiges, breites Ei klebte er am Nachthimmel und färbte das Feld vor uns grau-silbrig. Dreiundzwanzig Uhr war es, eine milde Sommernacht, mit einer Jacke war es zu warm, mit einem T-Shirt zu kalt. Unseren Fahrrädern hätte mehr Luft auf den Reifen und mehr Öl auf der Kette und den Pedalen gut getan. Wir hatten gerade einen steilen Berg hinter uns und schwitzten und keuchten wie die Bekloppten. Mich wunderte es ein wenig, da er der durchtrainierte Sportler war und ich der unkonditionierte Fettsack. Aber er hatte dann und wann leichte Probleme mit Asthma. Wir waren nicht weit entfernt von meinem Zuhause, der unser Haus umgebende Wald fing schon an, uns zu verhüllen und das grau-silbrige Feld vor uns zu verdunkeln. Wir hatten die letzten paar hundert Meter schweigend und trampelnd verbracht. Ich fragte ihm, ob alles mit seiner Hand in Ordnung sei. Er hatte sich einen Tag zuvor damit verletzt, irgendetwas Blutiges auf der Baustelle, auf der er seit einer Woche vorerst arbeitete. „Geht schon alles, danke“, sagte er.

Wir hatten keine Gesprächsthemen mehr, schon seit Wochen nicht mehr, obwohl wir uns immer noch sehr mochten. Wir waren auf der Bergkuppe angekommen und ließen erstmal ein wenig, die leichte Steigung hinab, rollen.

„Wie war Wien“, fragte er und mir fiel auf, dass ich ihm noch nichts davon erzählt hatte. Also erzählte ich und danach sagte er: „Klingt nach einer optimalen Stadt für dich.“ Ich erzählte ihm noch einmal die Gruselgeschichte, die ich an dieser Stelle im Wald vor ein paar Jahren erlebt hatte. Er kannte sie schon in- und auswendig, fand sie aber immer wieder faszinierend und verlangte von mir stets, dass ich sie ihm nochmal erzählte, noch detaillierter als bisher. Kurzfassung: Auf dem Heimweg einer Party laufe ich mitten durch den Wald und sehe dort, meilenweit entfernt von Pfaden, Straßen oder Zivilisation, einen orange leuchtenden, an- und abschwillenden Lichtpunkt, eine brennende Zigarette. Irgendwo stand da nachts, mitten im Wald, irgendein Mensch und rauchte. Prima Gesprächsthema für öde Parties.

Wir kamen bei mir zuhause an, stellten die Räder in den Schuppen und liefen ein paar Meter zu seinem neuen Auto, einen schwarzen Fiat. Laut klickend sprang der Scheinwerfer an, als wir den Hof überquerten. „Ich habe wirklich keinen Bock mehr, hier zu wohnen. Es ist nicht mehr so bedrückend wie früher, aber einfach alles so tot und öde. So verlassen irgendwie“, sagte ich. „Bald bist du weit weg“, sagte er. „Als ob es in der Großstadt besser werde. Das ist ja sowieso die große Lebenslüge, der man jahrelang hinterher hechelt. Dass sich mit dem Umzug in die Stadt simsalabim alle Probleme in wohlriechenden Lavendelduft verwandeln. Dass dann alles happy go lucky wird.“ Er lachte und sagte, „Scheißpessimist.“ Ich erwiderte: „Scheißoptimist.“ Die Vermissungs-Kanonen schossen tonnenschwere Salven durch meine Neuronen. Er wandte sich lächelnd zu seinem Auto. „Mein Papa hört jetzt immer beim Fahren ein Best-Of von Paul Simon, aber die zweite Platte kann man sich nicht mehr anhören, die ist einfach bloß wie auf Drogen. Da ist nur Track 11 gut.“ Er schaltete den Auto-CD-Player an und spulte auf Track 11. „Klingt afrikanisch“, sagte ich, „mit Chorgesang und Bongotrommel.“

„Und?“, fragte er. „Was machst du jetzt so tagsüber?“ Ich sagte, „Nichts. Wie gesagt, alles tot, öde und verlassen. Ich vermodere von innen nach außen.“ – „Natürlich“, sagte er. „Das bleibt bei dieser Gegend ja auch nicht aus. Mach das Beste draus.“ Ich merkte, wie müde ich war. Er drehte den Zündschlüssel und machte die Scheinwerfer an. „Ich muss jetzt. Morgen früh um acht beim Doktor mit dem Ding hier“, er zeigte auf seine verletzte Hand.

„Grüß mir die Außenwelt“, rief ich. „Ich halte derweil hier die Stellung.“ Er lachte und die Vermissungs-Kanonen zerfetzten mir meinen Kopf. Er fuhr los. Auf dem Weg vom Hof hinein ins Haus wollte ich ihm noch hinterher winken, doch ich konnte nicht.

 

 

 

 

 

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