Gesetzliche Feiertage

Im Ofen briet der alljährliche und deshalb längst nicht mehr inbrünstig erwartete Weihnachtsputer und seine goldbraune Haut ähnelte auf unangenehme Weise der Haut von Rita, der verwitweten Tante, die stets bei Familienfeiern höflich eingeladen wurde, da sie selber keinen hatte, mit dem sie sonst feiern konnte. Sie war erst vor ein paar Tagen von ihrem Urlaub auf St. Lucia in der Karibik heimgekehrt. Woher sie das Geld für diese Reise hatte, war allen unklar. Man spekulierte auf das Erbe des vielleicht doch gar nicht mal so armen Onkel Hubert, der vor ein paar Jahren von einem Baum erschlagen wurde. Sowohl ihr Karibik-Urlaub wie auch das zahlreiche Make-Up, das für Festtage wie diesen im Laufe der letzten Monate akribisch aus den Gratisbeilagen der Frauenmagazine  zusammengehortet wurde, erzeugten auf ihrer Haut den ähnlichen Teint wie auf der des Puters.

Monika, die Mutter, stand in der Küche und rührte emsig in den zahlreichen, dampfenden Töpfen auf den vier Elektroherd- und zwei Gasherdstellen. Karsten, ihr Mann, las den Kindern irgendeine Geschichte vor. Er verhinderte damit, dass die Kinder mitbekamen, wie die vom Wein und Kaminfeuer schwitzende Rita die zahlreichen Geschenke unter den diesmal betont schlicht geschmückten Weihnachtsbaum stellte. Man sah sofort, welches Geschenk von wem stammte: die in rosa-glänzender Kunststoffverpackung stammten von Monika, die neutral-blauen von Karsten, die mit überschwänglicher Weihnachtsdeko und gekräuseltem Geschenkband eindeutig von Rita und der hoffnungslos vertesafilmte Rest unverkennbar von den Kindern.

Der Abend verlief anfangs gut und begann damit, dass Karsten erstmal sein Auto in die Garage umparkte. Im Radio hatten sie unüblich viel Schneefall angekündigt und da Karsten morgen angeblich mit dem Auto zum Flughafen musste, um in Frankreich einen muslimischen Geschäftspartner zu treffen, dem Weihnachten anscheinend egal war, wollte Karsten morgen das Auto nicht erst freikratzen und von Schnee befreien. Rita wollte das Auto partout nicht umstellen, schließlich seien Weiße Weihnachten irre-romantisch und so oft komme das gar nicht vor, die Statistik hätten sie heute nachmittag noch im Radio erwähnt, aber sie habe da nicht ganz zugehört. Die Kinder saßen im Wohnzimmer und fraßen die Süßigkeitenteller leer, während Monika in der Küche emsig rührte, mit einem Löffel die Soße probierte und durch den Flur rief, wie sie heute Nachmittag buchstäblich die Allerletzte im Laden war, um den Rotkohl noch einzukaufen. Der Weihnachtsputer wurde zusammen mit dem Curryreis und Rotkohl verspeist. Ein Kind war gegen Curry allergisch, das andere mochte keinen Rotkohl und keine Pute und aß deshalb nur ein paar Kekse vom Süßigkeitenteller, bis das andere Kind dann auch den Teller wegstellte und sie gemeinsam Süßigkeiten futterten. Während sie alle größtenteils schweigend aßen, lief im stummgeschalteten Fernseher die Weihnachtsansprache der Bundeskanzlerin und im etwas zu lauten Radio dudelte der Weihnachtsfunk. Beim Dessert, halbaufgetaute Schwarzwälder Kirschtorte von Coppenrath & Wiese, sprach Rita über ihren Karibikurlaub, Monika über die unfreundlichen Verkäufer während der Weihnachtszeit, Karsten über den nervigen Islam-Geschäftspartner, den er morgen angeblich treffen müsse, und ein Kind stand unwillig Rede und Antwort über die Reha-Physiotherapie, die es seit dem Knochenbruch im Schulsport in Anspruch nehmen musste.

Dann gab es Bescherung. Die Kinder verschenkten an alle das Selbe, ein selbstgemachtes Sperrholz-Mobilé mit mit der Laubsäge ausgesägten Weihnachtsfigürchen. Ein Kind heulte, als es kein iPhone bekam, sondern bloß eine Lichtorgel für den Partyraum im Keller. Die Erwachsenen mussten dann für die nächsten paar Minuten debil die Lichtorgel bejubeln, wie toll und verrückt-bunt das Ding doch sei, damit das Kind aufhörte, zu flennen. Das andere Kind war mit seinem letzten Geschenk, einem Puppenhaus, grundzufrieden und stopfte Kekse in sich hinein. Rita bekam ein hässliches Kleid, Monika bekam ein Kochtopf-Set von Karsten, Karsten bekam einen Rotwein von Monika. Rita lachte, dass das ja wie bei den Hoppenstedts sei. Monika wusste nicht, wer die Hoppenstedts seien und ob man die kennen müsse. Rita sagte, die Sendung da von Loriot. Karsten sagte, er höre von so einer Sendung zum ersten Mal, und Monika nickte beipflichtend.

Die Kinder wurden ins Bett geschickt. Rita trank ihr sechstes Weinglas leer und erzählte, dass die karibischen „Boys“ sehr viel körperbetonter und gesünder lebten als die jungen Männer hierzulande. Monika erzählte nochmal, dass sie die buchstäblich letzte im Supermarkt gewesen war, als sie den Rotkohl einkaufte. Karsten fand, dass Frankreich vor allem im Winter schön sei und er sich deshalb eigentlich ja doch ein bisschen auf das Treffen mit dem muslimischen Geschäftspartner freue. Das Wichtige beim Calypso, erklärte Rita, sei, dass niemand merken dürfe, dass man Tourist sei. Monika verstand nicht, was so schlimm sei, Tourist zu sein.

Um Mitternacht hatte Rita ihr achtes Weinglas geleert und fuhr daraufhin im Schneesturm nach Hause. Monika ging in die Küche und wusch ab. Karsten rief seine Geliebte an und fragte, in welchem Hotel in Paris sie sich träfen, ob das Geschenk per Post pünktlich angekommen sei, und ob sie schon geil wäre, wenn sie an morgen dachte, weil er sei total geil, er habe schon einen Ständer, wenn er an sie dachte. Später lagen Monika und Karsten übereinander im Bett. Während Monika es über sich ergehen ließ, stellte sich Karsten vor, dass er es mit seiner Geliebten trieb, oder mit Rita, oder mit einer karibischen jungen Schlampe, oder dann doch wieder mit der französischen Geliebten.

Das nächste Weihnachten verbrachte Rita in einem Luxushotel auf St. Lucia mit einem reizenden alleinstehenden Herrn, den sie im April auf der Gruppenreise in die Karibik kennengelernt hatte. Karsten feierte mit seiner französischen Geliebten und Monika bestellte für sich und die unablässig Schokokekse futternden Kinder eine große Familienpizza, schließlich sei Weihnachten ja das Fest der Familie.

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