„into a hole where no one can escape“ – Die Geschichte von Neutral Milk Hotel

wwe ride rollercoasters into the ocean, we feel no emotion

Die Geschichte von Neutral Milk Hotel.

Aufsatz von mlampin, Herbst 2011, an seinen besten Freund.

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Als Jeff Mangum 1998 mit seiner Band Neutral Milk Hotel das Album In The Aeroplane Over The Sea veröffentlichte und kurz darauf für immer verschwand, dachte wohl keiner, zu was für einer Legende sich die Band mausern würde. Einer Legende, die wohl auch durch übliche Faktoren der Legendenbildung angeheizt worden ist (– sei es das explosive Aus-dem-Nichts-Erscheinen dieser mehr als seltsam-innovativen Band, sei es das noch plötzlichere Verstummen der Band, sei es das seltsame, mitunter autistisch wirkende Verhalten ihres Frontmanns Jeff Mangum, seien es seine mitunter unfassbar liebevollen, mitunter unfassbar verstörend-surrealen Songtexte).

Natürlich waren NMH damals schon relativ bekannt, vor allem in der pulsierenden Indierock-Szene in Athens, Georgia. Athens war Schmelzpunkt zahlreicher Einflüsse. Die sich Elephant 6 nennende Szene brachte unfassbar großartige Bands hervor; wie The Apples in Stereo mit ihrem paranoiden Stadionrock, The Olivia Tremor Control mit ihrem beatles-angehauchten Klangkunst-Rock oder auch zu nennen ist der verspielt-schlüpfrige Experimental-Pop von of Montreal .

Mit einem Hauptagitator von Elephant 6, Robert Schneider, nahm Jeff Mangum schon ab 1990 Kassetten mit seinen Songs auf. Begonnen mit Invent Yourself a Shortcake (1991), das vor allem noch harmlose Indie-Liederchen eines Oberstufenschülers gemischt mit brachialen Krachexperimenten beinhaltete, ging der Weg über Fantastic Analysis hin zu Hype City Soundtrack. Auf Hype City Soundtrack von 1993 wurden bereits  erste Variationen späterer NMH-Songs gespielt. Ob „Synthethic Flying Machine“ , was später „King of Carrot Flowers, Pt. 3“ wurde, oder „Gardenhead/Leave Me Alone“, welches auf dem Debütalbum in etwas temporeicherer Form veröffentlicht wurde.

Nach ein paar Tapes voller bizarrer Schönheiten war Jeff Mangum eine zwar nebulöse, aber dennoch präsente Figur in den Insidermusikkreisen von Athens. Auch mit dem ersten properen Album, On Avery Island (1996), änderte sich das kaum. Zwar wurde Neutral Milk Hotel nun zu einer in den USA durchaus bei Hipstern gefragten Band. Doch ihr Legendenstatus war noch lange nicht abzusehen. On Avery Island beinhaltet noch sehr viel den Fuzz-Effekt, also den Effekt, dass die Gitarre sehr übersteuert, fransig und rauschend klingt. Mangum nannte seine Musik auch nie “indie rock” oder “folk”, sondern stets “fuzz folk”.

On Avery Island beginnt mit “Song Against Sex”, einem minimalistischen, doch komplett großartigen Song mit rätselhaften Text, doch eingängigem Titel. Mangum verzichtet auf einen Refrain, sondern lässt in kurzgeschichten-artigen Strophen viel Raum, um seine Gedanken und traumartigen Situationen zu schildern. Vor allem die dritte Strophe macht die Intention von Mangum klar: verantwortungsloses Herumficken ohne Gefühl und Liebe, nur des Fickens willen, sei gefährlich und vor allem unästhetisch. In einem Interview mit Pitchfork sagt er 1997:

I’m grossed out about sex being used as a tool for power, about people not giving a shit about who they’re putting their dick into. I find that to be really upsetting. I’ve known a lot of people that have been heavily damaged by some asshole’s drunken hard-on. And that stuff really upsets me. It’s not against sex itself.

So singt er auch bei “Where You’ll Find Me Now” : “Smells good to me / as long as we stay in our clothes.” On Avery Island beinhaltet textlich also noch harmlose Metaphorik, fast schon zarte Bilder entstehen: “Follow me through the city of frost-covered angels. / I swear I have nothing to prove. / I just want to dance in your tangles / to give me some reason to move”, singt Mangum in „Leave Me Alone“, dem wohl schönsten Liebeskummerlied, was jemals geschrieben wurde. Auch klare Liebeslieder (so klar, wie es Mangum mit seinen abseitigen Songtexten erlaubt!) sind enthalten: “Naomi”, eine Ode an Galaxie 500-Gitarristin Naomi Wang.

Nach On Avery Island tourte Neutral Milk Hotel durch die Vereinigten Staaten. Es war damals eine Band unter vielen, der Masse kaum auffallend. Zwar wurde die Musikpresse langsam aufmerksam (“die waren von Elephant 6, die mussten gut sein!”), doch ein Hype entstand nicht.

Das änderte sich auch nicht nach dem Erscheinen ihres zweiten und letzten Albums, In the Aeroplane over the Sea (1998). Obwohl es heute als Meisterwerk gehandelt wird, gar als bestes Indierockalbum aller Zeiten, obwohl es die seltene Auszeichnung 10/10 von Pitchfork bekam und dort auch als bestes Album der 90er erwählt wurde, war die Resonanz 1998 entmutigend. Der Rolling Stone gab im Oktober 1998 drei von fünf Sternen und schrieb was von “blutleerem, verfaseltem Zeugs”. Dabei kann man Neutral Milk Hotel vieles vorwerfen, aber keine Blutleere.

Denn nicht nur die zarten Metaphern hatten sich seit On Avery Island geändert. Sowohl die Songtexte wurden ernster, packender, emotionaler, deutlicher. Aber auch das musikalische Gewand hatte sich geändert. Die Gitarre rauschte immer noch, doch die Band hatte sich mit Scott Spillane (Trompete und Horn), Julian Koster (Säge, Banjo, Bass) und Jeremy Barnes (Schlagzeug) erweitert – nicht im Standardrockoutfit GitarreBassSchlagzeug, sondern mit obskuren, veralteten Instrumenten. Passend zum Design des Albumcovers, dass eine verfremdete Postkarte von 1900 zeigt, wurde auch das Album mit Equipment aus den vierziger Jahren aufgenommen. Laut NMH sei die Platte “incomplete without surface noise”, also dem Knacken und Knistern einer LP auf Schallplattenspielern.

Mangum geht hier explizit in seinen Songtexten vor. Ob er über seine schwierige, von christlichen Fundi-Sommercamps geprägten Jugend erzählt (die legendäre “I LOVE YOU JEEESUS CAAAHRIIIHIIHIIIST”-Passage) oder das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie während seiner Pubertät (“And Mom would stick a fork right into Daddy’s shoulder / and Dad would throw the garbage all across the floor / as we would lay and learn / what each other’s bodies were for.”)

Auch Sexualität spielt eine große, undurchsichtige Rolle. Ob männliche Masturbation (“And how you’d build the tower tumbling through the trees / with holy rattlesnakes that fell all around your feet”) oder weibliche Masturbation (“She proves that she must still exist / she moves herself above her fist”) mit eindeutigen Onanievorlagen (“Semen stains the mountaintops”) in “Communist Daughter”  – all das spielt eine wichtige Rolle auf dem Album. Genauso wie, ja, doch, vermutlich schon, Ejakulation ins Gesicht. So singt Mangum am Ende von “Two-Headed Boy” : “And I will take you and leave you alone / watching spirals of white softly flow / over your eyelids and all you did will wait until the point when you let go…”

Doch wer nun glaubt, dass hinter Mangum ein verkappter Perversling und Homo steckt, soll sich an “Song Against Sex” erinnern. Und daran, dass “Aeroplane” vor allem ein Album ist, um die es um die Vergänglichkeit der Jugend geht. Im Titeltrack singt er: “And one day we will die / and our ashes will fly in the aeroplane over the sea / but for now we are young / and let’s lay in the sun / and count every beautiful thing we can see.” Denn – “how strange it is to be anything at all”. Im Outtake “Engine”, was es trotz herzergreifend trauriger Grundstimmung nicht aufs Album schaffte, singt er über Brustmilch (jaja, schon wieder so’n Perversling-Ding), doch falls es etwas gäbe, was mehr zum Leben verführt, dann “wake up your widows / and watch as those sweet babies crawl away…”. Tod gehört zum Leben, alles ist ein Kreislauf. Mangum meint es gut mit uns und will uns zum Leben verführen. Ganz im Stile des Fin du Siècle um Frank Wedekind und Gottfried Benn, dass – oh Wunder! – zu der Zeit in Mode war, die als größte Inspiration von Neutral Milk Hotel dient – die Jahrhundertwende 1880-1920.

Doch wer dient hier als Symbol für die Vergänglichkeit und Schönheit der Jugend? Wessen Jugend wurde auf die schlimmstmögliche Art und Weise beendet? Mangum nimmt Anne Frank als Symbol. Anne Frank, 1929 in Frankfurt als jüdische Tochter eines Industriellen geboren (“and she was born in a bottle rocket, 1929”, „Ghost“). 1933 flieht sie in die Niederlande und verschanzt sich ab 1942 mit ihrer Familie und Freunden in einem Hinterhaus. Dort wird sie erwachsen, macht ihre Pubertät durch und verliebt sich unglücklich. Während der Zeit ihres größten Liebeskummer wird ihr Versteck verraten. Die Gestapo verhaftet die etwa 10 untergetauchten Juden. Anne und ihre Schwester Margot sterben in Bergen-Belsen. “Holland, 1945” (man achte auf den Titel!) dreht sich komplett um Anne Frank – “but then they buried her alive, one evening 1945, with just her sister at her side, and only weeks before the guns all came and rained on everyone”. Im Gegensatz zur grässlichen Realität lebt Anne Frank bei Mangum weiter – “now she’s a little boy in Spain playin’ pianos filled with flames”.  Und bei “Ghost”  singt er: “I know that she will live forever, she won’t ever die.”

Doch bei Oh Comely, dem gigantischen, voller Hass und Trauer geiferndem leisen Akustikstück streut Mangum acht Minuten lang Salz auf seine Wunden: “I know they buried her body with others, her sister and mother and 5,000 families. And will she remember me? Fifty years later? I wish I could save her in some sort of time machine.”

Neben dieser expliziten Anne Frank-Referenz bildet “Oh Comely” das Nervensystem des Albums. Mangum schafft hier die Meisterleistung, in einem Songtext ein Sittengemälde zu erstellen – ob grässliche Jugend, Vergänglichkeit der Jugend, sexuelle Angst, unterbewusste Begierden, albtraumhafte Sequenzen. Man kann sich schnell zurücklehnen und verlauten, “Oh Comely ist soooo langatmig.” Richtig. Aber das ist die Stärke des Songs. Wer richtig zuhört, dem wird die Langatmigkeit als wichtige Zutat für den verstörenden Inhalt des Songs zuordnen können.

Enden wird das Album mit Tränen. In “Two-Headed Boy, Pt. II”, dem zweifelsohne traurigsten Song des Albums, besingt Mangum mit radikaler Offenheit erneut seine Liebe – zu wem? Wir wissen es nicht? Womöglich immer noch zur ideellen Anne Frank-Figur. “And in my dreams you’re alive, and you’re crying, as your mouth moves in mine, soft and sweet. Rings of flowers round your eyes and I love you, for the rest of your life when you’re ready.” Niemand kann sich diesen eindringlichen, enblematischen Zeilen verwehren. Hier ist kein Etepetete-Gesinge, kein gekünsteltes Tränendrüsen-Gewäsch. Der Hörer realisiert, dass es bei Aeroplane um unglückliche Liebeslieder geht – und das ist das Traurige.

Neutral Milk Hotel verschwand in der Versenkung. Der letzte Song, den Mangum je schrieb, “Little Birds”, handelt in ungewöhnlich klaren Bildern über den Tod von Matthew Shepard. Shepard, 21 Jahre alt, wurde in der Nacht vom sechsten auf den siebten Oktober 1998 von zwei betrunkenen Jugendlichen angegriffen, an einen Weidenzaun gefesselt, mehrere Stunden lang gefoltert und daraufhin zum Sterben nachts dort liegengelassen. Er starb fünf Tage später im Krankenhaus an den Folgen. Grund dafür war seine Homosexualität. Während der Beerdigung wurde über den Friedhof ein „God Hates Fags“ und „Faggot Matthew in Hell“-Banner ausgebreitet. Mangum widmet den Song Matthew Shepard und singt in der Rolle der Mörder: „Another boy in town at night he took him for his lover / And deep in sin they held each other / So I took a hammer and nearly beat his little brains in / Knowing God in heaven could have, never could forgive him.“ Erstaunlich klare Zeilen, ohne viel metaphorisches Schnickschnak.

Seitdem schweigt Jeff Mangum. Im November 2011 erschien eine großartige Box mit unveröffentlichten Songs und Postern. Seit 2010 tourt er wieder, ohne neues Material zu präsentieren. Seine Konzerte haben fast schon etwas Hippieeskes, etwas Religiöses. Alle Fans singen laut mit, die Fans stellen Fragen, Jeff antwortet, am Ende futtern alle gemeinsam Kekse.

Warum mag ich Neutral Milk Hotel so sehr? Nun. Spätestens beim Anne Frank-Vergleich in Oh Comely muss ich fast weinen. Danach muss ich wieder begeistert aufatmen, wenn Jeff Mangum bei Ghost aus sich herausgeht, in das viel zu nah am Mund positionierte Mikro „INTO A HOLE WHERE NO ONE CAN ESCAPE“ brüllt, und man regristiert, dieses Album, diese Texte sind keine bloße Metaphorik, hier geht es um mehr. Oh gott, hier geht es um so viel. Beim Untitled Song die Sau rauslassen, bevor dann bei Two-Headed Boy Pt. 2 alles versiegt. Die Grundessenz des Albums ist: Es wird immer Leid und Ungerechtigkeit geben, und es werden unschuldige, schöne Menschen darunter leiden, sterben (Anne Frank, Matthew Shepard).  Doch anstatt dies tagelang zu beweinen, sollte man nach der Maxime des Titeltracks leben: „for now we are young so let’s lay in the sun and count every beautiful thing we can see.“ Denn das Wunder des Lebens ist das Leben selbst: „How strange it is to be anything at all.“ Oh gott, ich liebe Musik. Ich liebe diese Musik. Und ich liebe den Sonnenuntergang, der gerade mein neues Schlafzimmer erhellt, in dem ich sitze, und ich liebe meine Freunde und ich liebe Jeff Mangum und ich liebe all das hier und liebe es, mit Freunden im Gras zu liegen und every beautiful thing we can see zu zählen. Denn es ist so seltsam, dieses Leben, diese Erwartungen, Ironie vs. Ideologie, diese Widersprüche und das ist schon wieder fucking geil.

Ich wünsche dir sehr viel Spaß und falls es dir nur ein Prozent soviel bedeutet wie mir, hab ich mit diesem Text alles richtig gemacht.

Dein Matthias

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