An der schönen blauen Ödnis

Ich bin 19 Jahre alt und ich muss den Donauwalzer von Strauss hören, damit ich zurzeit irgendwie was fühle, was über absolute bleierne Schwere hinausgeht. Was im Himmel läuft schief mit mir? Und warum gerade dieser höchst kitschige, zu Tode gespielte Standard-Walzer (bekannt aus: 2001 von Kubrick und dem Jahreswechsel vom ORF, aber in meinem Falle von Kubrick)? Gottseidank assoziiere ich damit nicht irgendwelche brunftgetriebenen Haarwachsdoppelscheiter-Österreicher, die sich wie bei obskuren Balzritualen in abgeramschten Ballsälen konzentrisch und paarweise um die eigene Achse werfen. (Ich assoziiere damit schon Kubrick: das Gleiten gigantischer Raumschiffe durch den unendlichfach gigantischeren Weltraum. Wer einmal den Klimax des Walzers in Verbindung mit den betont entschleunigt schwebenden Raumkapseln sieht, wird diesen Film automatisch als Meisterwerk einstufen und gern darüber hinwegsehen, dass der Film storytechnisch allenfalls Durchschnitt ist.)

Ich muss diesen Titel hören, damit mir noch was mental zustößt. Damit ich nicht im absolut gleichförmigen Alltag hier versinke. Nun sind die Abiturnoten noch elf Tage von mir entfernt, das Studium noch vier Monate.  Und ich merke, wie ich wirklich in dieses berüchtigte „soziale Loch“ gefallen bin, in den Abyss der Gemütlichkeit. Meine Handknochen glühen weiß vor lauter Anspannung und Ratlosigkeit, wo diese gesamte Anspannung hin soll. Zu mir selbst bin ich aggressiv und nicht sehr freundlich, zu anderen passiv bis abweisend. Sogar auf Twitter. Das tut mir leid. Die große Reuemaschine, das so-called Gehirn in meinem Kopf, bollert und pumpt mich mit 5000 Sinneseindrücken voll, alles wie gehabt, 100% pünktlich, 1a Service gerne wieder, doch seit Kurzem weiß ich nicht mehr, wo diese ganzen Erinnerungen, Gedanken und klammen Zukunftsängste hin sollen – ich kann den Scheiß nicht mehr verwalten. Ich liege hier und höre Johann Strauss, „An der schönen blauen Ödnis“. Was ist schiefgelaufen was hat mich bloß so ruiniert-?

Also schalte ich ab, komplett, liege bräsig und genervt von mir selbst im Bett, sage stundenlang nichts, denke minutenlang nichts. Ich weiß, ich weiß, das geht vielen so, erst recht in schweren Situationen, wo das Studium wie ein gähnender Abgrund sich vor einem auftut. Das Studium wirkt für mich so ein bisschen kafkaesk: wie das Schloss für den Landvermesser Joseph K. („Schloss“), wie das Gesetz für den Bürger („Prozeß“) – einfach nicht erreichbar, nicht verständlich. Mit sovielen neuartigen und fremden Ecken und Kanten, mit sovielen Unklarheiten und Ängsten behaftet. Der Gedanke, dass ich keinen Studienplatz bekomme, lässt mich wahnsinnig werden. Dann würde ich wahrhaftig durchdrehen oder gleich mit Anlauf und Hoppsalauf aus dem Fenster springen.

Noch kann ich aber nichts tun, um dem Studium seinen chimärenhaften Horror zu nehmen – ich habe mein Abiturzeugnis noch nicht. Ich habe schon Texte an eine Uni für ihre Eignungsprüfung geschickt, aber noch keine Antwort erhalten – das ist 8 Wochen her. Und meine Freunde sagen, dass 8 Wochen Wartezeit doch total normal seien und ich erst Ende Juli Bescheid wissen müsse. Aber jede einzelne Tag ohne einen Brief von der Uni lässt mich kaputtgehen.

Nun ist es so, dass ich auch hier zuhause nichts mehr von mir gebe. Ich bin so unendlich gelangweilt, auch von mir selbst, ach eigentlich bloß von mir selbst, aber in solch einem Maße, dass alles andere drumherum, alles andere um mich herum, verschwimmt und Relevanz verliert. Die Konturen verschwinden einfach, meine Ödnis übertüncht sie einfach mit ihrem glühenden Licht der Langeweile. Zuhause schweige ich so gut es geht – nicht, weil ich es will. Nicht, weil ich meinen Eltern es irgendwie „hähähä ich bin so fies“ schwer machen will. Nicht, weil es nichts zu sagen gäbe. Sondern einfach, weil ich nicht kann. Ich will auch gar nicht, ich will meine Stimme gar nicht hören.

Ich will auch meine Sätze gar nicht lesen. Ich verliere immer mehr Wörter. Ich bin mir ganz sicher, dass ich vor einem Jahr sehr viel eloquenter und stilsicherer schreiben konnte als heute. Ich schreibe nur Befindlichkeitsmüll, ironisch reflektierten Popmüll, Müll in general.

Nachts bleibe ich bis vier Uhr wach. Ich kann zurzeit eh nicht schlafen. Ich liege dann hellwach im Bett liegen, bewege mich gar nicht und starre bloß an die Decke. (Nicht, wenn ich bei meinem Freund bin oder vice versa.) Wenn ich dann wach bin, tippe ich missmutig an der Abschlussrede weiter, die ich beim Abiball halten muss. Mir will nichts einfallen.

Zitat aus Infinite Jest, Seite 680 um den Dreh:

One of his troubles with his Moms is the fact that Avril Incandenza believes she knows him inside and out as a human being, and an internally worthy one at that, when in fact inside Hal there’s pretty much nothing at all, he knows. His Moms Avril hears her own echoes inside him and thinks what she hears is him, and this makes Hal feel the one thing he feels to the limit, lately: he is lonely.

Dt. Übersetzung:

Beim Gedanken an seine Mutter findet er, dass sie ihn als Menschen, und zwar als guten Menschen, in- und auswendig zu kennen glaubt, während in ihm, wie Hal weiß, in Wirklichkeit gar nichts ist. Seine Mutter hört ihre eigenen Echos aus ihm heraus, glaubt aber, ihn zu hören, und das gibt Hal das einzige Gefühl, das er seit einiger Zeit bis Oberkante Unterlippe fühlt: Er ist einsam.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s