Corona

Corona

Komm, setz dich, jetzt hab doch nicht ständig solche Angst, wirklich, nein, es gibt keinen Ärger, diesmal nicht. Du bist elf, ich bin fünfzig. Du kannst nicht stets davon ausgehen, dass  ich dir was Böses will. Die Erde besteht nicht nur aus schlechten Menschen. Schlechte Menschen sind, was du draus machst. Die Erde besteht vor allem aus Möglichkeiten. Der Erdball ächzt unter der gigantischen Last aller Möglichkeiten. Noch nie gehört? Manchmal kann man bei günstigen Windverhältnissen die Erde ächzen hören, bis alles ganz still ist. Und jetzt glaub nicht, dass man die ganzen Möglichkeiten ausnutzt. Der Großteil bleibt auf ewig ungenutzt. Ob das jetzt Schicksal oder Zufall ist, für welche Möglichkeiten wir uns letztlich entscheiden, weiß ich nicht. Oh boy, keine Ahnung, aber das ist jetzt kein Grund, so verlegen zu gucken, okay? Jetzt setz dich doch zu mir in den Staub. Ich bin dein Vater – ich erwarte, dass du das tust, was ich von dir will. Das ist das Grundprinzip moderner Erziehung, boy.

Setz dich. Den Staub kannst du dir doch später von der Hose abklopfen. Der Staub beißt nicht. Sonst kann ich dir die Hose auch später waschen. Was denn? Die Sonne blendet dich? Dann schau auf den Boden. Oder schau auf den Hof oder die Weide, mir völlig egal. Glaub aber nicht, dass ich dir Schutz vor der Sonne geben werde. Du bist so blass, werd‘ ruhig brauner. Deine Mutter war auch so blass, also früher, also ganz früher, bevor du gelebt hast. Bevor ich sie kannte. Lang, bevor ich sie kennenlernen durfte. Vor 30, 40 Jahren. Sie war so blass, dass man sie auf den alten überbelichteten Fotos nie wirklich klar gesehen hat. Sie stach niemals hervor, sie schimmerte immer weißlich. Die billigen Farbfilme aus dem What-a-Milkshake-Laden, also damals war da kein What-a-Milkshake, da war ein Krämerladen. Dieses Land verrottet, wenn es Milkshakes den Farbfilmen bevorzugt und nichts dabei verwerflich findet, nichts dabei empfindet. Versprich mir, immer weiter zu fotografieren.

Ich hab deine Fotos gesehen, letztens beim Elternabend. Sie hingen an der Wand, zwischen den ganzen lahmen Gruppenfotos. Ich hab’s ja an den Motiven sofort sehen können, dass es deine waren. Sie stachen aus der Menge heraus. Das Haus und wie es so einen Lichtkranz hat, weil die pralle Sonne direkt hinter dem Dach steht. Der Titel für das Foto war doch so toll, shed with a corona. Woher kanntest du das Wort corona? Ich musste in der Encyclopaedia nachschlagen, ehrlich. Deine Fotos stachen heraus aus dem ganzen Lachende-Kinder-hier-verregnete-Ferienfreizeit-da-Mist, immer dieselben Motive, man erstickt fast dran, sie bedeuten überhaupt nichts mehr, komplett austauschbar, Kopien von Kopien von Kopien. Hör mir zu. Langweile ich dich? Ich lobe dich. Das Foto von der Küche, wo ich koche – wo du den Verschluss so lange offen hieltest, dass der Film stundenlang belichtete. Ich merkte die Kamera auf der Fensterbank gar nicht. Ich bin ganz verwischt. Wie ein Geist. Caspar the friendly ghost. Den kennst du doch. Deine Mutter sah auf Fotos auch stets wie ein Geist aus. Ich habe mich ihr nahgefühlt, lächel nicht so erwachsen, ich meine das ernst. Deine Fotos, die… die Kamera war bloß für Schnappschüsse gedacht, hier fotografier doch mal den Weihnachtsbaum ist das das nicht ein toller Thanksgiving-Truthahn du musst wirklich dein Karnevalskostüm im Spiegel fotografieren. Und jetzt steh ich da letztens vor der Fotowand im Klassenraum und sehe diese beiden Fotos.

Die Mitschüler – mögen die das? Kommen die damit überhaupt klar? Verstehen die das eigentlich? Antworte mir doch mal. Du redest gar nicht mehr. Antworte mir doch. Antworte mir. Du redest seit wie viel Tagen nicht mehr mit mir? 54 Tage ist es nun schon her? 54 Tage ohne eine Silbe aus deinem elfjährigen Mund. Ich habe mich noch nie so einsam gefühlt. Ich weiß, warum du schweigst. Glaube ich. Für mich war das auch hart. Erinnerst du dich noch an den Geruch im Bestattungshaus? An den Fenstern klebten die Marienkäfer auf der Suche nach einem Refugium für den Herbst, und es roch nach Marienkäfern überall. Seitdem habe ich diesen Geruch in der Nase, wo ich gehe, wo ich stehe, Marienkäfer. Beim Kochen, beim Schlafen, beim Laufen, beim Arbeiten, Marienkäfer. Rede ruhig durch deine Fotos, es ist alles in Ordnung, boy, man muss nicht zwangsläufig mit Worten oder Silben sprechen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagen sie das nicht ständig im Fernsehen, wird es da nicht pausenlos gesagt? Ich… ich… ständig, ständig Marienkäfer. So ein ekelhaft-süßer Geruch, ganz fein, andauernd in der Nase. Die Sonne ist jetzt fast untergegangen. Es wird kalt, ich muss später noch kochen. Bitte rede doch mit mir. Was möchtest du später haben? Pfannkuchen? Ich könnte dir Pfannkuchen machen, magst du doch so gern. Hey. Bitte. Ich. Hör mal, ich kann morgen in die Stadt. Ich kann dir eine Fotokamera holen, eine professionelle. Fotos schießen, weißt du. Ich habe auch mal Fotos geschossen, als ich elf war.

Meine Kindheit besteht nur aus Erinnerungen. Wie meine Mutter tagsüber ständig schlief, stundenlang, sie hatte diese Krankheit, ich habe ihren Namen vergessen. Und dein Großvater war ständig im Keller, ohne Unterlass. Nur zum Essen und Schlafen kam er hoch, sonst saß er da unten und reparierte alles Mögliche aus der Nachbarschaft, kostenlos. Hauptsache, er saß umgeben von Schrauben und Kabeln und nicht bei uns oben. 1951 war das.  Und ich war draußen in unserem schäbigen Vorgarten. Schiefer Maschendraht, Laub, graues Gras, Wellblechgartenhäuser, du weißt, was ich meine. Und Fotos. Das Geräusch einer herauskommenden Polaroid. Oder das selbstzufriedene Klicken einer analogen Kamera, ein Abbild wieder auf dem Film gespeichert. Ich habe sie dann selbst entwickelt, in meiner winzigen Rotlichtkamera auf dem Dachboden, so weit weg vom Vater wie möglich. Jeder Meter zählte, physischer Meter, Zeit und Raum, es hatte seine Gründe. Du guckst so seltsam. Ich weiß, ich habe dir nicht erzählt, warum ich meinen Vater nicht ausstehen konnte. Hör mir weiter zu und es wird dir klar werden. Aber auch ohne weitere Erklärungen meinerseits musst du einfach wissen, dass man nicht immer  Gründe angeben kann, warum man bestimmte Personen nicht mag. Kennst du das, wenn man Menschen so unglaublich sehr hasst, obwohl man gar nicht weiß weshalb und obwohl sie einem nie etwas getan haben? Die Gründe, die dir selbst unbekannt sind, sind die stärksten Gründe. Ich glaube, das ist eine Warnung an uns.

Ich fotografierte vierzigmal unser Dach, an einem Tag. Immer fotografiert, wie die Sonne im Bezug zum Dach steht, ein Gefühl für Zeit und Raum bekommen, das Haus als physische, nicht als psychische Konstante verstehen, Distanz aufbauen, Licht als Waffe sehen. Corona. Meine Mutter fand die Polaroids interessant. Sie war immer mit ihrer rosablau geblümten Kochschürze oben in meinem holzvertäfelten Zimmer und lobte die Fotos, Tag ein Tag aus. Ohne auf die Fotos einzugehen. Tag ein, Tag aus. Absolut idiotisch, wenn du mich fragst. Denn sie lobte jedes Foto, permanent, es hatte überhaupt keinen Wert mehr, dass sie lobte, es wurde pure Routine, austauschbar, unpersönlich und beliebig. Sie hätte genauso gut nichts sagen können. Sie hätte genauso gut gar nicht da sein müssen. Vater sagte nie etwas. Er war schweigsam, so oder so, doch mit mir sprach er nie. Ich konnte tun, was ich wollte. Deine Großmutter schlief im mit Tüchern verdunkelten Schlafzimmer, dein Großvater hockte stumm im Keller.

Mein Leben war leer und ich injizierte das Leben in die Leere hinein. Osmotisch. Ohne es zu berühren.  Hinein und hinaus. Hinaus und hinaus und hinaus. Ich sag dir das, damit du weißt, dass ich deine Leere kenne, boy. Ansatzweise. Und ich wie auch versuchte, diese Taubheit zu füllen. Es schmerzt, es ist ein extrem verlangsamter Heilungsprozess, boy. Aber der Schmerz ist nur das, was du in deine Leere füllst. Verstehst du mich? Ist meine Botschaft bei dir angekommen? Gut. Tu nicht so, als würdest du nicht verstehen, was ich meine. Hohler, trüber Schmerz. Du kennst ihn sicherlich besser als ich und du bist erst elf Jahre alt. Zwischen deinem Herz und deinen Rippen sitzt er allabendlich und kommt nicht hervor, wie ein wichtiges Blatt Papier hinter einer Tischkante, uneinholbar, aber vorhanden. Es reißt dir das Leben auf, aber mal ehrlich, boy, was gäbe es da für uns zu verlieren. Okay? Ich versteh das schon alles. Irgendwie. Es wäre unmöglich für meinen Vater gewesen, sich für mich zu interessieren, Fotos oder dergleichen sich auch nur anzusehen.

Die Vorstellung, dass der Vater eines Tages meine Fotos in den Händen hielt, wurde mit der Zeit so unrealistisch, dass die Vorstellung unheimlich und unerträglich wurde. Manche meiner Albträume aus dieser Zeit verfolgen mich bis heute: er auf meinen Dachboden und seine Lippen formen lautlos das Wort „interessant“. Doch der Albtraum sollte sich bewahrheiten. Klischee, okay. Aber ist wahr. Eines Tages kam er auf den Dachboden, das war ein Wunder. Im religiösen Sinne des Wortes. Unmöglich, unwahrscheinlich, unfassbar. Thauma. Plötzlich stand er da, mit seinem alten abgewetzten Hemd, seiner verlumpten Latzhose, seinen mit Öl besprenkelten und großen, rauen Händen. Er stand mitten im Raum und blickte aus dem Fenster. Lange Zeit sagte keiner etwas. Ich sah mir seine Obere-Unterschicht-Kleidung an, ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen, ich hatte meinen Vater schon lange nicht mehr gesehen. Dann sagte er sehr leise, fast sanft: „Deine Fotos.“ Und dann eine lange Pause. Luft holen. Er wartet, ich warte. Alles pausierte. Alles bekam ein Gefühl für Zeit und Raum. Einfach… bloß… Stille… …ungefähr… so. Dann fuhr er fort: „Deine Fotos. Weißt du, die sind weg.“ Es war kein Bedauern, keine Verlegenheit in seiner Stimme. Ich fragte ihn, was er meinte. Ich habe einfach nichts verstanden. Ich habe mich wie ein Kleinkind angestellt, you see, doch ich fühlte mich erwachsen. Ich spürte in jenem Moment, ich war der Erwachsenere von uns beiden. Verstehst du das, Sohn? Manchmal merkst sicherlich auch du, dass du reifer bist als ich, in manchen Momenten zumindest. Kultiviere diese Momente, lasse sie reifen, baue sie aus, übe. Vielleicht ist dein Stummsein ein Signal davon. Ich weiß es nicht. Du bist schwer zu durchschauen, boy, ich mag das. So. Er sagte: „Deine Fotos. Weißt du, die sind weg.“ Ich verstand nichts, er wiederholte es, ich verstand nichts, er wiederholte es. Ballwechsel wie beim Tennis. Das Publikum schaut synchron von links nach rechts nach links nach rechts nach links. Er hatte Aufschlag und sagte: „Hab sie weggetan. Das war nichts mit Kunst, das war sinnloser Quatsch.“ 40 love. Daraufhin lächelte er, als wäre seine Entscheidung nachvollziehbar und natürlich auch die richtige. Und ging wieder nach unten. Dieses Wort, Quatsch, diese Einschätzung von oben herab, boy. Er entschied, was Quatsch ist, was man von ihm zu halten habe und wie er zu beseitigen sei. Meine Kamera wurde mir abgenommen. Ich bekam sie nur an Weihnachten oder Thanksgiving für ein paar Gruppenfotos, you see.

Junge, mein Sohn, ich finde du bist alt genug, zu erfahren, dass ich meinen Vater später in jener Nacht töten wollte. Ich stand an seinem Bett mit einem Küchenmesser und dachte, wow, erstich ihn! Hab’s nicht getan. Starb vor zwölf Jahren am Herzinfarkt. Umgefallen, tot. Du hast ihn nie kennengelernt und das freut mich. Es schmerzt, sowas zu sagen, doch es stimmt. Denn weißt du, ich bin seitdem ein Tennisball. Schau ruhig belustigt. Ich bin ein Tennisball. Von außen weich, Kunstfaser, samten, ich liege gut in der Hand. Ich bin ergonomisch geformt, aerodynamisch, ich zerschneide die Luft. Ich fliege sanft trotz unförmiger Statur, ich schwebe. Und von innen bin ich komplett leer, ausgehöhlt, nur Luft. Süßlicher Geruch absoluter Leere. Luft, nichts sonst. Ich bin ein verfluchter Tennisball, boy, und ich möchte, dass du es nicht wirst. Ein Wind zieht auf. Eiskalt. Wir stehen auf. Nein, hey. Geh nicht ins Haus. Bitte geh nicht ins Haus. Stelle dich dem kalten Wind. Schau in die Richtung, wo der Wind herkommt. Ja, so. Öffne deine Augen. So. Breite deine Arme aus. Na los, breite sie aus. Friere. Realisiere, dass du auf äußere Einflüsse reagierst. Das Leben ist ein Ballwechsel beim Tennis. Du reagierst auf sie, sie auf dich, du auf sie, sie auf dich. Sie leben, du lebst, sie leben, du lebst. Du lebst, boy. Realisiere das.

(2. Februar 2012)

One thought on “Corona

  1. Manchmal vergisst man fast, dass du ja wirklich schreiben kannst. Das… kannst du nämlich. Ohne jeden Zweifel. Ich meine, wirklich schreiben, nicht aufschreiben, was man gerade denkt oder fühlt. Das ist toll. Ich würde das gerne öfter lesen.

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