Unerbittliche Musik: „Selected Ambient Works Volume II“ von Aphex Twin

„Selected Ambient Works Volume II“ von Aphex Twin. Doppelalbum, 1994, Warp Records. Knapp drei Stunden langsame, leise, sehr minimale Musik. Sie bleibt im Hintergrund und drängt sich niemals nach vorne, ergreift niemals Partei und bleibt immer unnahbar. Und dennoch geht diese Musik tiefer als jede andere, die ich kenne. „SAW2“ wirkt wie ein musikalisches Unterbewusstsein – es ist ständig dort, und es beeinflusst dich permanent, und du kannst dich dem nicht entziehen, und du kannst nicht einschätzen, wie sehr es dich beinflusst. SAW2 sinkt in dich und bleibt dort auf ewig.

Es bleibt beim Hören immer dieser gewisse Zweifel, ob die Musik – wenn man es denn Musik nennen will, aber dazu später – wirklich erst Mitte der 90er veröffentlicht wurde. Vielmehr scheint es wahrscheinlicher, dass Richard D. James (so der bürgerliche Name von Aphex Twin) uralte, archetypische, uns allen unbewusst längst bekannte Melodien aufnahm und archivierte. Anders kann man es sich nicht erklären, dass die 25 Tracks einem so unendlich nah und doch so seltsam fremd vorkommen. James sagte in einem der wenigen Interviews über seine Musik über SAW2, er habe die Musik vorher in seinen Träumen gehört und versucht, im Studio wieder einzufangen. Na bitte, da haben wir das Unbewusste, das Heimliche und Unheimliche. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass der eine oder andere von diesen Träumen ein Albtraum war.

Die Musik wirkt so organisch, dass das Wort „Textur“ vermutlich besser passen würde. Es gibt selten in den Tracks etwas wie einen Beat – und falls doch, ist es meist das unablässige, leise und beruhigende Ticken eines Metronoms. Es gibt weder Gesang noch konventionelle Live-Instrumente. Es sind allesamt analoge Synthesizer, die James für die Aufnahmen nutzte. Es gibt keine Stimmungswechsel innerhalb eines Tracks. Es passiert generell sehr wenig. Und doch hauen einem die Tracks – vermutlich gerade wegen dieser hypnotischen, unerbittlichen Atmosphäre, die von ihnen ausgehen – in die Magengegend. Tracks wie „Stone in Focus“ oder „Rhubarb“, die so große Klangfelder sind, dass sie fast schon räumlich wirken, sind Massage und Anstrengung zugleich für das Gehirn. Massage deshalb, weil man sich zurückfallen lassen kann, über nichts nachdenken muss und wird. Anstrengung deshalb, weil es schwer werden wird, nach dem Hören der Songs nicht mit melancholischen Gedanken, hängendem Kopf und einem Gefühl wie nach zwölf Stunden bleischweren Schlafs dazustehen.  Wer konzentriert „Hankie“ hört und dabei keine fürchterlichen, Hieronymus Busch-esken, apokalyptischen Gedankenkinos zu sehen bekommt, ist vermutlich kein Mensch. Wer bei „Grass“ oder „Tree“ keine Paranoia entwickelt, ist ein Cyborg. Wer bei „Curtains“ keine David Lynch-haften Assoziationen hat, hat wohl keine Fantasie. Selten klang ein Glockenspiel unheimlicher. Für mich klingt so die Idylle, in deren Schattenseiten die Angst liegt.

Mein Favorit des Albums bleibt jedoch wohl „Rhubarb“. Ein knapp acht Minuten langes Stück, in dem innige Geborgenheit und tiefe Trauer Hand in Hand gehen. Alles verwaschende Streicher, simple Melodien. Und wenn bei 3:13 die weiteren Streicher hinzukommen, ist es meist um mich geschehen. Man ist an einem friedlichen Ort, man ist geborgen, es ist alles ruhig, doch man weiß, es wird nicht so bleiben. All das klingt gerade so kitschig, merke ich, und doch ist es das, was SAW2 am meisten auszeichnet: Es ist nicht einmal, keine einzige Sekunde, niemals auch nur annähernd an der steilen Klippe zum Kitsch. Niemals ist die Musik übertrieben, niemals ist auch nur ein Ton zuviel da, niemals wird man als Hörer in eine bestimmte Richtung getrieben. Ich gebe euch hier mein feierliches Versprechen, dass ich euch jeden Euro für das Album zurückzahlen werde, falls ihr von diesem Album nicht wenigstens einmal, in welcher Weise auch immer, „berührt“ werdet.

„SAW2“ gilt als eines der wegweisendsten Ambient-Alben. Es hat nun schon 18 Jahre auf dem Buckel und klingt in keiner einzigen Sekunde veraltet. Es ist ganz anders als 99% der übrigen Ambient-Alben: das Album lenkt nicht ab, ist keine Musik zum „Nebenbei-Hören“, sondern lässt einen nicht mehr los. Ein stiller Sog geht von diesem Album aus. Wer konzentriert hört, wird gefangen genommen. Momente, die einen Schauer über den Rücken jagen, wechseln sich im Minutentakt ab mit jenen, die einem fast die Glückstränen in die Augen treten lassen. Melancholie und Nostalgie, Trauer und Glück, Apathie und Furcht – mit diesen Gefühlen ist das Album durchtränkt. Es könnte echte Krisen bei Leuten mit Liebeskummer oder Trauer auslösen. Es ist für mich im Laufe der Zeit durchtränkt mit privaten Erinnerungen, schönen wie traurigen. Es ist majestätisch, magisch, imposant und dabei doch erstaunlich fragil. Es ist ein Fels in der Brandung. Es ist ein Trip. Es ist wunderschön.

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2 Kommentare zu “Unerbittliche Musik: „Selected Ambient Works Volume II“ von Aphex Twin

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