Großes Jahresendlistengesause 2011

Au Revoir, 2011! Ein Jahr ist nun fast vorüber. Fast. Es sind noch ein paar Tage. Ich wünsche mir manchmal, eine Band zu gründen, die irgendwann am letzten Veröffentlichungstag des Jahres (also 2011 wär’s der 19. Dezember gewesen) ein dermaßen geniales Meisterwerk raushaut, dass alle hippen Online-Redakteure ihre Jahresend-Bestenlisten hastig redigieren müssen, Musikzeitschriften aus lauter Furcht vor schmähender Leserpost kollektive „Wir haben versagt!“-Texte online gehen lassen und generell alle derbe verwirrt sind.

Eigentlich aber total egal. Denn was wichtig ist, in diesem Artikel zumindest, ist, was denn nun 2011 so erschien. In Sachen Buch, Film und Mucke. Vor allem in Mucke. Da kenn ich mich am Meisten aus, sozusagen. Ich las dieses Jahr kaum aktuelle Bücher, und Filme sah ich nur vereinzelt und die waren auch nur vereinzelt aus diesem Jahr. (Ich musste gerade zum Beispiel meine eh schon total spartanische Filmliste kürzen, als ich merkte, dass der Scott Pilgrim-Film schon 2010 erschien. Jetzt ist doch bloß Melancholia auf Platz #1. Lahm.)

Ich hoffe für 2012, dass es ein bisschen spannender wird. Hoffentlich erreicht uns im Falle der Musik mal wieder so ein großartiges Jahr wie 2009. Weiterhin hoffe ich, dass Thees Uhlmann etwas weniger wichtig wird, PeterLicht etwas weniger „Höhö, das gefällt bestimmt auch BWL-Studenten“-Musik macht, und dass ihr euch alle mächtig durch die Gegend verknallt.

<3 und xoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxo, euer Matzi.

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~{#MUSIK#}~

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BESTES ALBUM DES JAHRES

05. ONEOHTRIX POINT NEVER: Replica

Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never (lies: One-Oh-Tricks) bastelt seit längerem bereits aus alten Werbevideos der 90er Jahre seltsame Collagen, Montagen und Tracks. Nicht wirklich in ein Genre einzuordnen, das ganze. Lopatin ist klug genug, die erwartbaren Samples aus den Werbevideos („Oh mein Gott, Judy, schreddert diese Saftpresse etwa auch Innereien?“ – „Ja, Bob!“ – „Oh my Gaawd, ist das nicht fantastisch!“) zu vermeiden und kreiert aus den alten Schnipseln ganz eigene, vom Subjekt unabhängige Klangkosmen, die erstaunlich viel Gefühl und wenig nervige Ironie besitzen. Sicherlich für mich die Überraschung des Jahres.

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04. UNKNOWN MORTAL ORCHESTRA: Unknown Mortal Orchestra

Da muss man auf jeden Fall drauf achten, auf die Musikszene, die da gerade in Neuseeland entsteht. Unknown Mortal Orchestra ist ein mysteriöses Bandprojekt irgendwo aus diesem mysteriösen Land. Und obwohl das Plattencover unheimliche Architektur aus dem Ostblock zeigt, klingt die Musik komplett konträr zum Cover: sie klingt frei und ungebunden. Smack My Bitch Up, aber bitte langsam und in gegenseitigem Einverständnis. Ein schleppender Funk-Drumbeat, darüber eine rauchige (natürlich etwas verstimmte) Gitarre, androgyn-lässiges Gesinge drüber, alles einmal mit Hall versehen und fertig ist mein Sommerhit des Jahres, Ffunny Ffrends. Man hört es und die diesigen Wolken ziehen weg. Und zurück bleibt nur Lavendelduft.

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03. BELONG: Common Era

Joy Division trifft auf Unmengen von Krach. Irgendwo in diesem Geräuschnebel stecken die frühen 80er, man hört die Synthies, man sieht vor seinem inneren Auge die New Wave-Jugendlichen, die niemals müde durch niemals müde Städte fahren und gleichzeitig das alles bescheuert finden. Und während man noch all dieses 80er-Geschwurbel im Kopf hat, klart es auf und man erkennt, dass diese Musik – chaotisch, seltsam, hymnisch, wunderschön – perfekt zu unserer chaotisch, hymnischen, wunderschönen Welt passt. Ja, auch jetzt, auch hier, auch 2011.  Modern Talking trifft auf die Swans, 80er-Zuckerpop auf tiefe Düsternis, Metaphysik auf glasklare Offenheit, Lo-Fi auf Hi-Fi. Unverzeihlich, dass dieses Album nicht bekannter wurde.

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02. JOHN MAUS: We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves

John Maus, von Beruf Philosophiedozent auf Hawaii, macht seltsame Musik. Sie klingt wie abgelaufene Ahoi-Brause, die auf geschmolzenen Musikkassetten der 80er prickelt. Das kann man entweder großartig oder grässlich finden, aber wer es großartig findet, dem bleibt es im Kopf stecken und man erinnert sich so oft und so gern an die Musik zurück, wie sonst bloß an den Tag, als man Ahoi-Brause zum ersten Mal durch die Nase schniefte.

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01. PJ HARVEY: Let England Shake

 Ein Konzeptalbum über den kriegsähnlichen Zustand in Afghanistan, von einer in den 90ern hochgelobten Sängerin – das klang eigentlich sehr, sehr gruselig, doch überraschenderweise entpuppte sich diese Gruseligkeit als die größte Stärke des Albums. Über allen Songs liegt ein Schleier des Unwirklichen, der Angst, der Diskepanz. Diskepanz wozwischen? Zwischen der engelsgleichen Stimme, der wunderschön ruhigen Musik und den grausam-detaillierten Texten über Krieg, Folter, Leichen, Zerstörung und korrupte Politik.

„The West’s Asleep / Let England Shake“ ist die erste Zeile des Albums. Für die nächsten 35 Minuten folgt eine detaillierte Auflistung von Kriegsverbrechen, Impressionen und Gefühlen. Bis dann das Album mit einer unfassbar traurigen Geschichte eines sterbenden Soldaten endet. Klingt alles nach Kitsch, nach Pathos, nach Patriotismus? Oh hell no! Das ist ja das Große am Album: PJ Harvey ist klug genau, niemals tumbe und blöde Slogans rauszuhauen („Hey, böser Cameron, kein Blut für Öl!“, „War Is Death, weißte Bescheid!“), sondern stattdessen bloß ein paar Sätze rauszuhauen, die einem den Atem nehmen. So singt sie am Ende von „The Words That Maketh Murder“ (s.o.) die göttliche Zeile „What if I take my problems to the United Nations?“. Geiles Album, wichtiges Thema, super Umsetzung, warum nicht mal sowas aus Deutschland? Ach ja, richtig, wir sind viel zu sehr bemüht, Casper zu hören.

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EBENFALLS GANZ, GANZ TOLL

Moon Duo kombinierte auf „Mazes“ Punk, Apathie und Wüste.

Grouper brachte auf „A I A: Alien Observer / Dream Loss“ das Universum in seltsame Schwingungen und ließ sich davonwehen.

Battles ließen es auf „Gloss Drop“ ordentlich krachen, und sorgten mit My Machines auch für ein tolles Video.

Gang Gang Dance dachten sich die Popmusik der letzten 50 Jahre als weiße Leinwand und gingen dann auf „Eye Contact“ wie Jackson Pollock vor.

Amen Dunes sorgte auf „Through Donkey Jaw“  für tollen Grusel und DAS undefinierbare Album 2011.

Tyler, The Creator zeigt auf Goblin, dass Rap über gestörte Kids, miese Vaterbeziehungen und psychiatrischen Unsinn immer noch spaßig und klug sein kann.

Und Chuckamuck sind nicht nur privat abgefuckt und lustig, sondern zeigen auf „Wild for Adventure“ als deutsche Power-Pop-Hoffnung, wie es geht mit der allgemeinen Lustigkeit.

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KLASSIKER NEU ENTDECKT

Smog – A River Ain’t Too Much To Love (still, langsam, leise, groß). Deerhunter –  Weird Era Cont. (Messdiener nehmen Drogen, schließen sich mit ihren Gitarren ins Pfarrheim ein und haben sehr viel Sex). Boards of Canada – Music Has the Right to Children (Kindheit als Diagnose: so paranoid kann Schönheit klingen.) The Books – The Lemon of Pink (Vergangenheit ist OVER !!!). Stereolab – Dots & Loops (Frankodelisches, psychoesque, Musik zum Frühstücken). The Microphones – The Glow, Pt. 2 (Gutaussehender Junge macht gutklingende Jungsmusik für Erwachsene.) Broadcast – The Noise Made by People (Ruhe sanft, Trish). Animal Collective – Sung Tongs (Drogen nehmen, im Laubwald rumrennen, whoop whopp!). Slowdive – Souvlaki (Shoegaze my ass. So klingt herbstlicher Liebeskummer kurz vorm Hörsturz.)

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~{#VISUELLE MEDIEN#}~

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FILM

05. Super 8 (J. J. Abrams) – Unschuldige Jugendkomödie, hach.

04. Winter’s Bone (Debra Granik) – Drogendrama mit grobkörnigen, abstoßend-hinterwälderischen Bildern. Wohlig betrunken und im Halbschlafdelirium in einem fast leeren Kino in Dortmund geguckt.

03. Black Swan (Darren Aronovsky) – Weil durch den Film Millionen unschuldiger Teenies verstört wurden, die doch eigentlich nur einen fröhlichen Tanzfilm sehen wollten.

02. Eine dunkle Begierde (David Cronenberg) – So it goes: Psychoanalyse zur Zeit, als das alles noch ziemlich badass war.

01. Melancholia (Lars von Trier) – Ach, Lars.

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TV

TWIN PEAKS (arte, April bis Juni)

Klassiker, ich weiß, schon 20 Jahre alt. Aber wie die Mischung aus Horror (siehe oben), Drama, Soap, David-Lynch-Wahnsinn und Comedy in so eine großartige Serie mündete, ist wunderbar und hat mich über das Jahr gerettet.

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