Nationaler Ethikrat und die Jugendherbergen

~Betr.: Abschrotten aller Jugendherbergen – ein Fanal für die Zukunft~

Rede gehalten von

Dr. Detlev Reinschreier

(Nationaler Ethikrat, Bundesverteidigungsministerium, Willys Flotte Hüpfer-Kegelverein e. V.)

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Meine Damen und Herren,

wir haben uns heute hier versammelt, um nach reiflichen und auch nötigen Jahren der Bedenkzeit unseren Beschluss kundzutun, alle Jugendherbergen auf deutschsprachigem Gebiet abzufackeln, uns jauchzend in den Trümmern zu wühlen und zum Wohle unserer Kinder nie wieder diese garstigen Institutionen der General-Ödnis in Betracht zu ziehen. Darauf ein Prosit mit dem Sekt.

Ja, der Herr Meier in der vorletzten Reihe guckt schon ganz skeptisch, aber Herr Meier, keine Bange, ich erklär es Ihnen allzu gern noch einmal ausführlich, warum unsere Interessensgemeinschaft zur Überzeugung gekommen ist, dass wir mit der Komplettverschrottung aller Jugendherbergen der Utopie einer perfekten Welt mit einem Siebenmeilenstiefel-Schritt näherkommen.

Nun, Herr Meier, liebe Damen und Herren, liebe Presse, liebe Kinder, liebe Gattin, liebe Henriette, Mama und Papa, lassen Sie mich erklären, warum Jugendherbergen der Unrat der deutschen Bildungspolitik sind.

Punkt 1, den wir denPunkt über die Jugend“ genannt haben, weil das so dolle klingt: Jugendherbergen bringen der Jugend so viel wie Fliegenfänger den Fliegen. Nur weil Jugend draufsteht, ist Jugend nicht drin. Als Jugendlicher will man möglichst entspannt dem kollektiven Bildungsnirvana entgegenschimmeln. Da wird man nur allzu ungern mit der lästigen Pflicht einer Klassenfahrt konfrontiert. Leider gehen tendenziell alle Klassenfahrten aber in diese grauen, zutiefst uncoolen und immer nach alten, pappigen Nudeln riechenden Gebäude, die immer entweder irgendwo aufm Deich, innem Wald oder inner Innenstadt stehen, nie aber an wirklich außergewöhnlichen Orten, sondern fünf Bushaltestellen weiter weg mindestens.

Ja, ich höre, Ihr Applaus gibt unseren Thesen recht, aber ich muss Sie alle bitten, Ihre Begeisterung zu zügeln. Danke. Auch in Anbetracht meiner Kinder dort hinten in der vorletzten Reihe, Jenny und Luca, sieben und neun Jahre alt, potzblitzgescheit die Kleinen. Lasst uns ihre Jugend nicht nehmen, indem wir sie in einer Jugendherberge versauern lassen.

Denn das führt mich zum zweiten Punkt unserer Argumentation, den Punkt über die Einrichtung“. Wer schon mal in einer Jugendherberge war, kennt das Prozedere. Man kommt nach einer für alle Sinne erbärmlich langweiligen Busfahrt mit brustbehaarten Busfahren, die auf Hälfte der Strecke auf irgendeiner zentraldeutschen Autobahn auch gern mal ihr Hemd ausziehen, weil ihnen so heiß ist, an der Jugendherberge an und muss einchecken. Wie im Stasi-Gefängnis werden einem die absurdesten Regeln aufgedrückt: Nachtruhe um 22 Uhr, Bettenpflicht um 24 Uhr, keine Drogen, kein freudiges Flaschendrehen, keine freie Liebe – kurzum: Nichts, was Jugendliche begeistert. Stattdessen gibt es einen elend unspaßigen „Spaßraum“ mit Internet-Cafe, auseinanderfallenden Brettspielen und Gratiszeitschriften vom Fremdenverkehrsamt. Wer die Gratiszeitschriften unachtsam liegen lässt oder auch sonst gegen eine der drakonischen Regeln verstößt, wird vom Jugendherbergen-Personal vor die Wand gestellt und erschossen. Naja, ich übertreibe. In Wahrheit wird ihnen ordentlich der Marsch geblasen. Also, man ermahnt sie. Doch Ermahnungen sind für Jugendliche einfach „not cool“. Das ist Englisch und heißt „uncool“. Die Betten knarzen und falls man die arme Sau ist, die im Doppelbett unten schlafen muss, kann man als Gute-Nacht-Lektüre die ganzen Filzstift-Schmierereien auf dem Bettkasten über einem lesen. Das reicht vom zwanzigfachen „Ich war hier“-Schriftzug bis zu eindeutigem Handynummerntausch. Morgens darf man in die viel zu enge Gruppendusche, natürlich ohne Sichtschutz und ohne Heißwasser, dafür aber mit am Hahn klebenden Brusthaaren des Busfahrers, der auch in der Jugendherberge übernachtet. Das führt den mittlerweile psychisch komplett labilen Jugendherbergler zum Frühstück.

Und das führt uns zum dritten Punkt, dem „Punkt über die Verpflegung.“ Wie bitte? Die Presse möchte nun Fotos schießen? Gern. Hier. So. Lächeln? Ja? Was meine Schokoladenseite ist? Oh, äh, nie drüber nachgedacht. So in etwa? Ja? Ist das gut? Okay. Haha. Hallo. Ja, ich halt auch mal mein Thesenpaper in die Kamera. Sollen meine Kinder auch mit aufs Bild? Nein, das ist doch überhaupt kein Problem! Jenny! Luca! Die Mistbiester sind wohl wieder rauchen. Dann halt nicht.

So. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. DerPunkt über die Verpflegung“. Wer glaubt, Gammelfleisch und Instant-Käse gäbe es nur in ZDF-Politmagazinen als Sommerlochfüller, hat noch nie in einer Jugendherberge gespeist. An den Seiten sich purpurn wellende Mortadella! Schmierig-alte Salami, die nach Thrombosestrumpf schmeckt! Uralter Käse, der inzwischen ein Eigenleben führt und bereits auf zweitem Bildungsweg das Abitur nachholt! Reis, der so aneinander pappt, dass muskulöse Köchinnen ihn auf einen Teller meißeln müssen! Hühnerfrikassee-Soße, deren Hauptzutat entweder Sperma oder Dreck oder Cäsium ist! Lunchpakete, die lieblos aus einer Bifi, einer Alibi-Orange, einem scheiße schmeckenden Saftpäckchen und einem auseinander proffenden Käsebrötchen zusammengeschustert wurden! Unfreundliches Personal, das nicht mal Ersatzgeschirr holt, wenn man den Teller vor Ekel gegen die Wand schmeißt!

Das bringt uns zum vierten und letzten Punkt, denPunkt über das Personal“. Kennen Sie Jugendherbergen-Personal? Also ich nicht! Sie auch nicht, was? Keiner kennt das! Das liegt daran, dass das auch keine Menschen sind. Das sind extra ausgebildete Spezialkräfte der Haudraufpackzu-Sonderpägagogik. Der finster grinsende Abyss der Dienstleistungsgesellschaft! Der garstge Behemoth der Schullandheim-Landschaft!

Leider, leider hat der Bundesrat unser Gesetz nicht erlassen, jegliches Jugendherbergen-Personal für vogelfrei zu erklären. Ja, ich weiß, es ist ein herber Rückschlag, aber wie gesagt, wir vom Nationalen Ethikrat haben ja bereits beschlossen, alle Jugendherbergen abzufackeln, hurrra. Das Bombardement beginnt in zwanzig Minuten.

Vielen Dank.

 

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