Autobiografie – Eine Zusammenfassung meines bisherigen Lebens

Autobiografie

Ich kann meinen Daumen aus- und wieder einrenken. Ich mag keinen Fisch. Ich kann Kaffee morgens nicht ertragen, sonst aber immer. Ich führe Tagebuch, aber liste dort keine privaten Dinge auf. Ich führe einen Terminkalender. Ich langweile mich manchmal schneller, wenn andere Menschen dabei sind. Ich liebe mich nicht. Ich hasse mich nicht. Ich bin mir relativ egal, meistens. Ich vergesse manchmal, mir meine Zähne zu putzen und schäme mich dann den Rest des Tages dafür. Ich kann keine Vogelstimmen unterscheiden. Ich habe keinen Lieblingssong der Beatles. Ich habe noch nie im Wald wilde Himbeeren gepflückt. Ich habe mich noch nie auf dem Land, aber schon sehr oft in Städten verirrt. Ich weiß, wie man ein Baumhaus baut. Ich singe nicht unter der Dusche, aber beim Autofahren. Ich singe nur, wenn keiner mir zuhören kann. Ich habe eine Biografie über James Joyce gelesen, aber keine einzige Seite von ihm. Ich war noch nie in Ost- oder Nordeuropa. Ich war noch nie auf einem anderen Kontinent als Europa. Ich bin noch nie nachts in ein Freibad eingebrochen. Ich weiß, wie man Kühe melkt. Ich kann stundenlang schwere körperliche Arbeit verrichten, wenn ich mich konzentriere und mich nichts ablenkt. Ich bin kein Mitglied einer Partei. Ich werde wohl auch nie Mitglied einer Partei. Ich habe, als ich 17 war, ein paar Wochen lang Schlafmittel nehmen müssen, um einzuschlafen.

Ich stelle mir gerne den eigenen Tod und meine Beerdigung vor. Ich habe ein sehr seltsames Vergnügen, mir vorzustellen, wer auf meiner Beerdigung weinen würde. Ich weiß von anderen, dass es ihnen da ähnlich geht. Ich habe Angst vor dem Tod und vor Schmerzen. Ich bekomme es erst sehr spät mit, wenn mich jemand ausnutzt. Ich sage nicht, „Das finde ich auch“, sondern „Dem stimme ich zu“. Ich vergleiche mich, dich und alles mit allem und allen anderen. Ich bin sehr ungerne nackt. Ich kann keine mathematischen Gleichungen lösen. Ich verreise ungern, bin aber gern unterwegs. Ich habe vor ein paar Tagen auf dem Würzburger Hauptbahnhof geweint. Ich kann sehr gut schlafen, wenn jemand neben mir liegt. Ich kann sehr schlecht schlafen, wenn jemand neben mir liegt und sich dauernd bewegt. Ich habe mehr David Foster Wallace als Goethe gelesen. Ich habe mehr Goethe als in der Bibel gelesen. Ich wollte einmal vom Dach springen, aber dann kamen Fahrradfahrer vorbei. Ich kann mir mein 60jähriges Ich nicht vorstellen. Ich schreibe sehr gerne, aber viel zu selten. Ich mag das Geräusch von Wellen, wogenden Bäumen, am Himmel vorbeiziehenden Flugzeugen, Rasenmähern. Ich glaube, Erinnerungen aus einer Zeit vor meiner Geburt zu haben. Ich glaube nicht an Wiedergeburt. Ich kann kein Fußball spielen. Ich kann nicht gut werfen. Ich habe viele Freunde in Badminton besiegt. Wenn ich Listen mache, vergesse ich stets die Hälfte. Ich habe mehr Whisky als Wein als Wodka getrunken. Ich mag Bier nur in geringen Mengen, danach muss ich es mischen. Ich finde mich meistens unattraktiv. Ich finde mich manchmal gutaussehend, wenn die Laune und die Musik stimmt. Ich trage gerne T-Shirts. Ich mag es nicht, wenn Leute auf einer Rolltreppe nicht stehenbleiben, sondern weiterlaufen. Ich sehne mich im Sommer nach dem Herbst und im Winter nach dem Frühling. Ich schaue nachts ungern in einen Spiegel. Ich weiß, wie man eine Pistole bedient. Ich werde niemals eine Pistole benutzen. Ich stand einmal wenige Meter entfernt von einem wildlebenden Rothirsch. Ich mag meine Stimme, wenn ich erkältet bin. Ich finde es mitunter sehr angenehm, einen Schnupfen zu haben. Ich mag es, Fieber zu haben. Ich finde Englisch besser als Französisch besser als Deutsch besser als Russisch. Ich kann mir keine Namen merken. Ich gehe ungern ins Bett. Ich bleibe lieber länger auf als länger im Bett. Ich achte bei alten Fotos auf mehr Details als bei neuen.

Ich habe meinen alten Laptop so lange benutzt, dass dort, wo meine Handballen beim Tippen stets lagen, die Farbe verblichen ist. Ich halte in meinem Bücherregal penible Ordnung, während meine CDs wild verstreut durch das Haus fliegen. Ich schäme mich meiner Familie. Ich mag meine Freunde. Ich war oft verliebt. Ich liebe mich weniger als dass ich geliebt wurde. Ich unterbreche Menschen beim Reden viel zu oft. Ich liebe Schnee, ich liebe Sommerregen, ich hasse Hitze. Ich habe „Tod in Venedig“ gelesen und seitdem machen mir schwüle Tage nichts mehr aus. Ich möchte niemals in einen schwulen Szeneclub gehen. Ich verschenke meist dumme Dinge. Ich verschenke meist wertvoller als ich beschenkt werde. Ich fühle mich meist sehr unangenehm, wenn ich beschenkt werde oder selbst etwas verschenke. Ich muss beim Lied „Lichen“ von Aphex Twin fast automatisch weinen. Ich habe noch nie eine Leiche gesehen. Ich habe noch nie ein Mädchen umarmt. Ich habe mir noch nie zwei Kirschen an die Ohren gehängt. Ich kaufe ungern gebrauchte Waren.

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Ich habe mehrfach gekifft, doch ohne jeden Effekt. Ich habe Angst vor Drogen. Ich werde durch frische Luft berauschter als durch Drogen. Ich habe mir mit fünfzehn unabsichtlich das Bein aufgeschnitten. Ich wurde mit einem geplatzten Blinddarm notoperiert, als ich 14 war. Ich hatte damals 42°C Fieber. Ich kann Familien oder alte Ehepaare im Zug nicht ausstehen. Ich unterhalte mich sehr gerne mit Fremden im Zug, da man schon im Voraus weiß, dass man sie nicht wiedersehen muss. Ich höre manchmal im Satz auf, zu reden, wenn ich merke, dass es alle langweilt. Ich danke meinen Eltern für das Leben, aber weiß nicht, inwiefern man sich da revanchieren muss. Ich habe keine Ahnung von Mode. Ich glaube, es wäre einfacher, gläubig zu sein. Ich merke dann und wann erschrocken, dass ich in manchen Punkten sehr konservativ bin. Ich finde die Geschichte Deutschlands sehr interessant. Ich mag keine Motorradfahrer. Ich male mir mitunter aus, wie es wäre, über Nacht einen genialen Roman zu schreiben und tausend Interviews pro Tag zu geben. Ich mag Interviewfloskeln wie (lacht laut) oder (schaut aus dem Fenster). Ich finde es unnötig, dass Interviews autorisiert werden müssen. Ich kann gut kochen. Ich bewirte gerne Menschen. Ich finde es sehr heilsam, mit Menschen Zeit zu verbringen, die nicht immer witzig oder interessant sein wollen. Ich wollte schon mehrfach Vegetarier werden, doch ich liebe den Geschmack von Fleisch. Ich liebe Theater. Ich habe kaum Orientierung und kann nicht navigieren. Ich komme gut mit älteren Menschen und Kindern klar.

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Ich wäre gerne ein durchschnittlicher Jugendlicher, der eine Ausbildung zum Bauingenieur macht, abends mit ein paar Kumpels ein paar Biere trinkt und eine normale, langjährige Beziehung führt. Ich liebe die Luft in Kirchen. Ich fange oftmals mit langen Texten und Geschichten an und höre dann ein paar Seiten weiter auf, sobald ich nicht mehr weiter weiß. Ich nenne das „Kommandotexte“, aber ich weiß nicht mehr warum. In einem meiner wiederkehrenden Albträume macht ein Fotograf das Foto einer Menschenmenge, ist auf dem Fotoabzug dann aber selber in der Menge zu sehen. Ich mag es, Dinge chronisch oder alphabetisch zu ordnen. Ich werde nichts verändert haben, wenn ich mal tot bin. Ich finde das Verlangen und die Sehnsucht manchmal schöner als das Endergebnis. Ich würde gerne fremdsprachige Texte schreiben. Ich habe Angst vor dem, was ich mal werden könnte. Ich habe mal auf die Vorstellung von Hal Incandenza onaniert. Ich würde seitdem gerne Tennis spielen.

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Ich bin schon mal auf einer Banane ausgerutscht. Ich bin an meinem ersten Schultag auf dem Gymnasium gegen einen Laternenpfahl gelaufen. Ich habe eine Abiturrede gehalten, die auf YouTube über 1.500 Klicks hat. Ich habe mehrmals langanhaltende Standing Ovations bekommen. Ich war mal in psychologischer Behandlung, aber nur, weil ich permanent bei Matheklausuren schlecht war. Ich wurde nach der psychologischen Behandlung nicht besser. Als Kind habe ich nur doofe Musik gehört, aber gute Bücher gelesen. Ich habe keinen Filmgeschmack. Ich mag weder Deutschrock noch -rap. Ich habe mal in Italien zusammen mit einem Freund eine 4kg-Wassermelone verspeist. Ich habe fünf Bücher mit jeweils über 1000 Seiten gelesen. Ich weiß nicht, wie ich zum Lesen kam. Ich hasse Wecker. Ich habe noch nie „Ich liebe dich“, sondern stets „Ich glaube, ich liebe dich“ gesagt. Ich würde Menschen gerne öfter „Du bist schön“ sagen, wenn ich denn wüsste, dass sie es nicht als Flirt oder Unannehmlichkeit auffassen würden. Ich mag Elfriede Jelinek. Ich bin neunzehn Jahre alt. Ich habe das Gefühl, der schönste Tag meines Lebens liegt bereits hinter mir. Ich glaube, wir würden uns gut verstehen.

21 thoughts on “Autobiografie – Eine Zusammenfassung meines bisherigen Lebens

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  6. Kaum zu glauben, wie schwer es ist, einen ehrlichen Text zu verfassen, der so viel ausdrückt. Den Willen, niemanden zu beeindrucken, akzeptiert zu werden, auch wenn man nicht so wie der Leser ist, wenn man ganz individuell ist.
    Wie (un)(gewollt)schön du dich zeigst, danke dafür!

  7. wow, stark! und inspirierend!

    mir geht seit monaten genau sowas durch den kopf genau so formuliert, über mich selbst dann… aber ich würde es mich nicht trauen, zu bloggen, denke ich…

    hast Du das so aus dem Kopf aufgeschrieben „an einem Abend“, oder „gesammelt“?

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  13. Schaurig schön. Unfassbar unheimlich.

    Bin jetzt doppelt so weit wie Du gekommen, rein zeitlich. Hierher über Volker Beck und seinen Retweet vorhin. Wünsche Dir, dass das www von heute Dir Deine Offenheit nicht allzuweit nachträgt. Meine von damals wirst Du nicht mehr finden. 3 oder 4 Pseudonyme, Berufe und Städte später.

    Gut, dass da Fahrradfahrer waren. Das Beste ist nicht immer gut genug, vielleicht kommst Du auch auf den Geschmack von Dauer, von Veränderung, von Unvergleichbarkeit. Oder weiter auf Deinen eigenen.

    Ich wär gern nicht so alttante, wie jetzt gerade. Wir hätten uns gut verstanden, glaube ich. Und trotzdem oder gerade deswegen aus den Augen verloren. Deine Kometenbahn hat meinen Staub gestreift und nochmal ein paar Sternschnuppen rieseln lassen. Guten Wech wünsch ich. Herzlich. Ah… schon wieder tantig!

  14. Pingback: Ich. | maigrueen

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