Tweet Zwanzigtausend – für Euch

Ein Nachrichtenstudio.

Nachrichtensprecher: …laut Aussagen des Bundesgrenzschutzes gehe es dem Kind mittlerweile aber wieder gut und erwäge, in Zukunft auch Fahrscheine für den Zug zu kaufen.

Kommen wir nun zu einem anderen Thema. Seit Wochen wird im Münsterland eifrig geschraubt, hantiert und gewerkelt. @mlampin, Twitterbenutzer, achtzehn Jahre, Idol einer gesamten Generation, feiert sein Twitterjubiläum. Der zwanzigtausendste Tweet soll, so ein Sprecher der mlampin-Brigade für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, in den nächsten Stunden veröffentlicht werden. Anlass genug, zurückzuschauen auf die bewegte Geschichte eines Twitterers, der sich selbst niemals gut genug war, und dem Publikum auch nicht. Unsere Mitarbeiterin Katrin Müllerhodenstein mit einem Portrait eines Ausnahmetalents, eines Jungspundes, eines kreativen Tunichtguts, eines wilden Wasserfalls der Emotionen, eines Nashorns der Gemütlichkeit, eines sagt mal, wie lang geht die Aufzählung hier eigentlich noch weiter, eines Chronisten der Belanglosigkeit, eines Waschbeckens der lustvollen Unschuld, eines Mahners der Durchschnittlichkeit-

Abrupter Schnitt.

Bericht: Twitter. Ein Name, ein Fanal. 2006 von einer Horde junger Wilder aus dem Silicon Valley gegründet. Ziel von Twitter ist es, sich als Nutzer cooler als ein Facebooknutzer zu fühlen.

Auch Mlampin zieht es in den eisig-kalten Winternächten des Julis 2009 zu Twitter und kommt davon nicht mehr los.

Dr. phil. Jacob Jacobsen, politischer Journalist mit ausufernden Handbewegungen: Was Mlampin mit einer großen Eloquenz bei Twitter schafft, ist die Kunst, Sätze zu schreiben, die nicht länger als 140 Zeichen sind. Die Qualität der Sätze ist dabei meistens so lala bis so durchwachsen bis kompletter Schrott. Aber wenn man bedenkt, dass ich für einen politischen Kommentar in einer überregionalen Tageszeitung mehrere Anzeigenplätze schalten muss, weil sonst mein Text da nirgends rein passt – dann finde ich das überaus erstaunlich, überaus interessant. Und bewundernswert. Und bin scheißeneidisch.

Bericht: Nun, knapp zweieinhalb Jahre später, kann ein großer Meilenstein gefeiert werden. Im Hause der Mlampins knallen die Sektkorken gegen die 70er-Jahre-Sperrmüll-Lampen mit Blumenmotiven, denn es heißt: Der 20.000. Tweet steht bevor.

Doch was bedeutet die Zahl 20.000 wirklich? Der Mathematiker Billy Gerwitz muss es wissen. Seit Jahr und Tag manövriert er sich durch den Kosmos der Zahlen, berechnet zum Einschlafen die eulersche Zahl (irgendwo zwischen 9 und 10), und kann inzwischen „Hallo, wie geht es dir?“ auf Algebra sagen.

Billy Gerwitz: Mathematiker 20.000 ist eine runde Zahl, was bedeutet, dass überproportional viele Nullen vorkommen. Vergleichen Sie das zum Beispiel mit der Zahl 34827384, wo keine einzige Null drin vorkommt.  34827384 ist also nicht rund, höchstens sechseckig. Wenn man 20.000 durch 2 teilt, kommt 10.000 heraus. Was herauskommt, wenn man die Zahl verdoppelt, weiß ich noch nicht. Aber ich promoviere da zurzeit drüber, danach schreib ich das bei WolframAlpha rein und dann kann mir keiner was.

Bericht: Auch das Feuilleton erinnert sich gerne an die kulturelle Schlagkraft von mlampin. Unvergessen seine großen Werke „Ich hab sturmfrei“ (Sommer 2009), „Scheiße, einen Korb bekommen :‘-((((“ (30. Dezember 2010), oder „Ich kann nicht kochen, es gibt Kekse und Saft“ (etwa täglich).

Der Nagetierzüchter und Literaturkritiker Marcel Reich-an-Karnickeln erinnert sich:

Marcel Reich-an-Karnickeln: Was mir bei mlampin besonders gefällt, ist, dass er nicht auf Rumänisch schreibt. Oder auf Russisch. Oder Isländisch. Das sind alles Sprachen, die ich nicht verstehe.

Bericht: Doch welches Werk von @mlampin schätzen Sie persönlich am Meisten?

Marcel Reich-an-Karnickeln: Ich fand den Tweet über die Todesfuge sehr gut. Irgendwas mit so nem Kerl in nem Haus und dann ein Grab in den Wolken. Ach, das war ja von Paul Celan, nicht von @mlampin. Naja. Ähm. Ich fand seine Sturmfrei-Tweets gut.

Bericht: Matthias, der nebulöse Drahtzieher hinter seinem mlampin-Kollektiv, will seinen 20.000 Tweet selber wenig feiern. Laut seinem Pressesprecher muss er noch seine Englisch-Hausaufgaben machen und dann nach dem Dschungelcamp ab ins Bett.

Das hindert zahlreiche Fans jedoch nicht daran, sich in Großstädten einzufinden und „Public-20.000ster Tweet-Lesing“ zu zelebrieren. Promis wie Dieter Nuhr, Til Schweiger oder Detlev D. Soost werden in der Berliner Volksbühne je ein Wort abwechselnd vom Tweet vorlesen. Eintritt kostet etwa fünfzig Euro, die Dauer des Vortrags beträgt etwa vierzig Sekunden (mit Pause).

Andere Twitter-Größen wie Ashton Kutcher, Justin Bieber oder Barack Obama wollen irgendwann in den nächsten Tagen ihre Grüße überbringen.

Justin Bieber: Hey, super cool to be on the program. Yeah, I just wanted to say that uhm mlampin is a pretty cool guy, you know, uhm. The first time I uhm read a tweet of him I was like, you know, uhm, „Oh my Gawd! What the, uhm, you know, fuck? How super cool is that.“ And basically uhm, you know, I was like, „Oh my Gawd!“ Yeah. That’s pretty much about it. You know. Uhm.

Barack Obama: kann seltsamerweise perfektes Deutsch Ich als Präsident der Vereinigten Staaten freue mich sehr darauf, auch meine zweite Amtsperiode mit Tweets von @mlampin zu versüßen. Da sind die Atombömbchen aus Teheran oder die doofen Republikaner plötzlich auch nur noch Menschen.

Bericht: Doch was soll drinstehen im Tweet 20.000? Laut Insidern aus dem Organisationsteam soll im Tweet folgendes auffindbar sein: eine Mischung aus Liebe, Hass, seltsamen Humor und sehnsuchtsvollem Gegreine für Musik, die kein Arsch kennt.

Was auch immer drin steht – wir werden uns drauf freuen und berstend vor Geilheit retweeten und faven, bis wir mit Sabber triefend und zerrissenem Kleid auf dem Parkettboden unserer Großstadtwohnung liegen und mehr verlangen. Und das ist das größte Geschenk, was wir @mlampin heute geben können. Zurück ins Studio.

Nachrichtensprecher: Ein denkwürdiger Tag, ein erstaunlich unlustiger Beitrag. So ist das halt, wenn man voller Ambitionen was Lustiges ins Blog kleckern will und am Ende klingts doch nur so, als hätte man „Die Dreisten Drei“ rückwärts geguckt.

Kommen wir zur Politik. Während des letzten Beitrags hat sich Kanada aufgelöst. Wie es zu diesem Fauxpas kommen konnte, versucht uns nun Horst Lichter zu erklären, der zwar nicht in Kanada wohnt und auch sonst keine Ahnung von Irgendwas hat, aber dafür einen drolligen Schnurrbart hat. Hallo, Horst! Grüße nach Berchtesgaden!

___________Und nun mal schluss mit lustig:________

Ich danke euch allen, dass ihr mich 20.000 Tweets lang ertragen habt. Naja, von ertragen kann hier keine Rede sein, man kann mich ja stets entfolgen. Perfides System eigentlich. Naja, auf jeden Fall toll von euch, dass ihr nicht Entfolgen geklickt habt. Ich hab euch alle ganz ganz doll lieb und ich verspreche feierlich, dass ich keinerlei Emotweets mehr schreiben will. Das Versprechen brech ich aber eh bald wieder. Tschüssi :D

One thought on “Tweet Zwanzigtausend – für Euch

  1. Durchaus amüsant, ich musste sogar etwas grinsen.
    Was sagt man zu so einem Anlass? „Herzlichen Glückwünsch“? „Um Himmels Willen“? „Lass dich einweisen“?
    Auf die nächsten 20.000! (und ich dachte, meine 12.000 sind krankhaft..)

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