Der Kontext vom Kunst-Diskurs bei Retho Q. Storch – Eine Intervention

Nur selten ist Kunst ein derart offenes Ventil für den spießbürgerlichen Frust einer gequälten Existenz wie in den fotografischen Arbeiten von Retho Q. Storch, dessen Werke eine sowohl intime wie auch verstörende Wirkung auf den Betrachter haben und im Kontext des aktuellen Foto-Diskurses wohlig unschön prickeln. Wir trafen den Ausnahmekünstler bei einer Ausstellungseröffnung in Milzbach an der Wampe.

Retho Q. Storch: „Handy haben wir mit – Half Past Polaroid„, 2012, Kugelschreibertinte auf Papier auf Kirsche auf Glasteller auf Tischdecke auf Tisch, 34x249x49 mm, Tinakothek der Moderne (Milzbach a. d. Wampe)

Wie sieht der Mann aus, der die Fotografiekunst aus ihrem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf erweckte? Der dafür sorgte, dass Familienleben und Asozial wieder als Synonyme gelten? Wie sieht der Mann aus, von dem die FAZ urteilte, dass er „wirklich voll geile“ Kunst mache? Antwort: Er sieht ganz ok aus. Jeans, T-Shirt, nix Besonderes auf jeden Fall. Haben wir uns mehr von erwartet. Egal.

Wir sitzen in einem kleinen Cafe nahe der Galerie, in der berühmte Werke von Retho Q. Storch, dem Shootingstar der Kunstbranche, erstmals einem großen Publikum präsentiert werden. Seit 1958 ist Stoch im Geschäft, schockierte durch Nacktfotos von seiner Mutter seinen Vater, später dann die Kunstwelt. „Kunst“, so der 109-Jährige, „ist mir echt fucking wichtig.“

Seine Werke wirken zufällig, sind jedoch genau durcharrangiert. Insbesondere bei Werken wie „Meine Mama hat gesagt, ich bin mittlerweile zu alt für Sonnenbrillen“ (1971, mit Pommesfett getränkte Glaswolle auf Beton, Pinienrinde, Innereien) wird das offenkundig. Der Storchismus – ein Kunst-Diskurs, der von Storch selbst initiiert wurde und sogar ein paar Mitverfechter hat -, fußt auf der Annahme, dass „das Zufällige echt fucking kacke ist, doch das Nicht-Zufällige, das halt nicht.“ So notierte auch der berühmte französische Fußballspieler Philosoph Jacques Derrida in seinen legendären „Notes on Storchism“: „Storchism is basically something really, really really cool. In its context, it’s even cooler. PS: Where are my stupid glasses?“

Besonders gespannt ist das kunstfreudige Publikum auf die Enthüllung seines neuesten Werkes, „Handy haben wir mit – Half Past Polaroid“ (siehe oben). Nur allzu zufällig und nichtssagend wirkt die Komposition dieses Meisterwerkes. Storch selbst dazu: „Dieses Werk entstand während meiner sogenannten Gelben Phase. Dort versuche ich, fernöstliche Weisheiten und derzeitige Medientrends gegeneinander auszuspielen und am Ende so stolz drauf zu sein, dass ich den Rest total vergesse.“

Storch, der an „Handy haben wir mit“ etwa siebzehn Jahre täglich arbeitete, interpretiert sein Werk so:

„Also, dieser Zettel, der ist sozusagen, also basically, das geht nur im Kontext mit Eltern, Eltern fahren eine Zeit lang weg und sagen dem Sohnemann, der allein daheim bleibt, sozusagen ist’s auch eine reversal des Bibel-Gleichnisses mit dem verlorenen Schaf, ach äh, mit dem verlorenen Sohn, also die sagen dem, was er zu tun hat. Doch: Das Handy nehmen sie mit, die Kommunikation ist noch da, McLuhan noch nicht dekonstruiert. Die drei Kirschen – drei natürlich als Symbol für das Kreuzzeichen, für das Christentum, für die erste Chartplatzierung von meinem Lieblingsalbum, Kirsche als Symbol für Wollust. Kirsche eine sehr feminine, lüsterne, dickfette Frucht, geradezu samten, obszön samten, wenn Sie so wollen. Und innendrin der steinharte Kern, eregiert vor lauter Steinhärte, vor lauter Widerspruch von Libido und Thanatos, von Venus und Mars. Die Blümchen auf der Tischdecke sind natürlich vaginale Symbolik, isjaklar. Außerdem äh, der nicht angespitzte Bleistiftstummel – nur durch das Milchglas des Tellers erkennbar – ein Versagen des Phallus, keine äh Potenz mehr, also ein Schlappschwanz, der dem Mächtespiel von Kirche, Familie und Weltraum total ausgesetzt ist. Ein Selbstporträt! Außerdem fand ich die-“ [an dieser Stelle war der Akku von unserem Aufnahmegerät leer.]

Dennoch ist es klar, was Storch sagen will durch seine natürlich wirkende Ornamentik des domestisch-erlebbaren Grauens. Als Teil der räumlichen Struktur weist das Werk unteranderem auch einen Kugelschreiber auf, der bedrohlich in die differenzierte Szenerie hineinschaut. Die Frage bleibt, ob es der Kugelschreiber ist, mit dem auch der Zettel beschrieben wurde. Oder war es gar ein Anderer-? Storch bietet keine Lösungen für diese Frage, der Betrachter muss damit klarkommen, seine eigenen Denkmuster hinterfragen.

Storchs Interventionen bleiben deshalb so spannend, weil sie im kontextuellen Diskurs, aber auch im diskursiven Kontext erlebbare Diskrepanzen zwischen Fotografie, echtem Leben und einer kakophonisch-kanonischen Wertdeutung des Unbewussten. Die Ausstellung „BUM BUM BUM MOLOCH MOLOCH WAAAAHHHHHH“ versammelt Fotografien aus den Jahren 1958 bis 2012, ist für Besucher ab 70 Jahren geeignet und bietet tägliche Führungen von der Kunstwissenschaftlerin Dr. Matratze Wedelfleisch an.

Retho Q. Storch: „Georg Wilhelm Friedrich Hegel Can Suck My White Punk Boi Dick„, 2012, Vertäfelung, 230x190cm, Privatbesitz (Schlafzimmerdecke).

One thought on “Der Kontext vom Kunst-Diskurs bei Retho Q. Storch – Eine Intervention

  1. Wenn ich nicht noch innerlich bebte ob der Prägnanz der komplex durchinszenierten Situation würde ich vorschlagen, dass da dringend eine Konferenz fällig ist mit einem Impuls-Vortrag zum „Schw.-Tabu“… Wir alle wissen, was gemeint ist, dank der „Rinder“ und doch bleibt Schw. ANZÜGLICH – das Tabu verbietet EINE Ausschreibung und ruft damit zwangsläufig zur Diskussion von mehr als einem Tabu auf…

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