Niemals im Geist

Eine einzigartige, noch nie dagewesene und sowas von totally exklusive Blog-Kooperation von @silenttiffy und, äh,  mir.

Inspiriert von der GROSSARTIGEN (!!!!!!!!) @Menschette:

~Niemals im Geist~

°°Eine Jugend in Moll°°

Als ich 10 war, fuhr ich erstmals in ein Ferienlager. Da ging es zwei Wochen lang in irgendeine eichenholzdominante Schützenfesthalle ins Sauerland und dort erlebte man halt so das, was man in Ferienlagern erlebt: langes Aufbleiben, lange Wanderungen, lange Drogenflashs durchs Schniefen von Ahoi-Brause. Zwar war ich mit 10 Jahren noch eine typische Lagerlusche, die sich meist zurückhielt und entweder Bauchschmerzen oder Heimweh hatte. Aber ich erlebte da durchaus auch wunderschöne Kindheitsmomente – zum Beispiel unsere überaus überzeugende Darbietung von „Zu spät“ von den Ärzten bei der  Mini Playback Show.

Dort im Ferienlager gab es einen Betreuer mit dem Spitznamen „Wusa“ oder so. Trotz seines albernen Lagernamens hatte er ein ganz und gar unalbernes Erscheinungsbild. Für mich als 10jähriges Kind wirkte er ungeheuer weise, als hätte er das Wissen der gesamten Nordhalbkugel in seinem militärhaarschnittbebrillten Köpfchen. Als ich ihm bei den Vorbereitungen zu unserer einwandfreien „Ärzte“-Imitation am Mischpult traf, saß Wusa zigaretterauchend (ich glaube, das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt bemerkte, dass manche Menschen manchmal rauchen) und mit übergroßen Kopfhörern über seinen Ohren vor der Musikanlage. Mit seinen Fingern trommelte er imaginäre Schlagzeugsoli auf die Tischkante, während er mit seinem Mund ein E-Gitarren-Geräusch von sich gab, dass eigentlich nur Kinder wiedergeben dürfen, um als Resultat cool zu wirken (dieses mit geschürzten Lippen presswurstartig rausgedrückte „Dschudschu! Dschiodschu!“). Ich fragte ihn, was er hörte. Er antwortete: „Pörll Schäm.“ Davon hatte ich noch nie gehört. Er gab mir die klobigen Kopfhörer und ich drückte sie mir auf die Ohren. Ich hörte viel Rauschen, viel Dröhnen und eine kehlige Männerstimme, die sehr alt und klug klang und singend johlte: „Aaaahahaaahaaaaaa ai aaham still alive öhöhööööhöhöhai ai ahaaaham still alive.“ „Klingt wirklich cool“, log ich.

„Wenn du Pörll Schäm magst, wirst du die hier lieben“, sagte er und ich hörte die ersten Takte von „In Bloom“. „Die Band heißt Nirvana.“ Das war ein Bandname, den ich mir merken konnte: Nierwana. „Die hab ich mal live gesehen.“ Den Song „In Bloom“ kannte ich vom Hören, der lief oft im Radio 1live vom WDR.  Nun war das für mich ein ganz cooler Song, aber mehr auch nicht. Ich dachte auch anfangs, es gänge im Refrain um Tischtennis, da der Sänger immer „He likes to ping and pong“ sang. Ist mir heute noch peinlich.

Zeitwechsel, zwei Jahre später. Ich war 12 und in der fünften Klasse vom Gymnasium. Irgendwann im Bus fragte mich irgendein Nachbar aus der Oberstufe, welche Musik ich toll fände. Da man mit 12 meist noch keinen wirklichen Musikgeschmack hat, antwortete ich mit dem einzigen Bandnamen, der mir spontan einfiel – „Nierwana“, meinte ich stolz und lässig. Der Nachbar hatte ein paar Nirvana-Alben zuhause, die er mir auf CDs brannte.

Schon kurze Zeit später hatte ich die Best of-Compilation von 2002 auf Dauerrotation in meinem kleinen, blauen, quaderförmigen CD-Player-Block. Ich hörte nichts anderes mehr. Nur das eine Album am Stück. So gab es für mich auch nicht DEN MOMENT, in dem ich „Smells Like…“ zuerst hörte  – eine Art religiöses Erweckungserlebnis gab es da nie, da ich den Song halt schon durchs manchmalige Radiogedudel kannte. Außerdem war es 2003 und da liefen Grungebands wie die Vines, Foo Fighters oder Bush andauernd auf Heavy Rotation- der Nirvana-Sound hatte für mich nichts radikal Neues, ich wurde 15 Jahre zu spät geboren.

Irgendwann kaufte ich mir das damals frisch erschienene Tagebuch von Kurt Cobain und verstand kein Wort: „Hardcore“ „Fanzine“ „Sub Pop“ „Daniel Johnston“ „Sexismus“ „KKK“ „Patrick Süskind“ „Samenbank“ – jedes Wort, das ich nicht kannte, markierte ich mir. Um das Rätsel der zahlreichen Phantomwörter zu lösen, ließ ich mir von einem Freund, der schon über eine Internetverbindung auf seinem Hof verfügte, alle Songtexte zu den Alben ausdrucken. Die übersetzte ich dann in monatelanger Arbeit, bewaffnet mit einem Grundwortschatzwörterbuch von Langenscheidt und jugendlichem Idealismus. Ich übersetzte wörtlich, da ich von englischer Sprache keine Ahnung hatte. So wurde aus „Nevermind“ „Niemals im Geist“, aus „In Bloom“ wurde „In Pollen“ und aus „Penny Royal Tea“ der wahrhaftig „Königliche Pfennings-Tee“. Ich war nun noch ratloser als zuvor.

Um mein Unwissen zu kaschieren, kaufte ich mir rasch ein Nirvana-T-Shirt und malte mir mit Microsoft Paint ein großes Nirvana-Logo, das ich mir dann als DIN A4-Poster rebellisch übers Bett hing. Ich erinnere mich auch noch an besorgte Blicke meiner Mutter, als ich mich energisch darum bemühte, ein rotbraunes Holzfällerhemd zu kaufen, da Kurt sowas auch getragen hatte. Gottseidank hat sie mich davon abbringen können, obwohl ich die ganze Autofahrt zurück nach Hause geheult habe und sie mit rotzverschmierter Nase immer wieder vorwurfsvoll angreinte: „Die werden mich ohne so ein Hemd alle auslachen!“ Immerhin durfte ich mich an Karneval als Kurt Cobain verkleiden. Hatte leider keine Ahnung, wie ich mir das gelingen sollte. Statt goldblonden Golden Retriever-Löckchen herrschte auf meinem Kopf so wie heute ein starrsinniges schwarzes Blocksystem. Ich behalf mir mit einer zu großen Cord-Stoffhose, einem fleckigen 70er-Holzfällerhemd vom Dachboden sowie einer aufgemalten Kopfschusswunde (vor Mama verheimlicht im Schulbus von zwei Mädchen aufmalen lassen).

Mein Englischlehrer fand mein Engagement wohl irgendwie niedlich und brachte mich irgendwann im Schul-Treppenhaus mit zwei 13ern ins Gespräch: Sie hatten zottelige Haare, ihre mit Edding und Mercedes-Stern beschmückten Eastpaks hingen ihnen subversiv über die Schultern auf Hinterhöhe und sie trugen braune Pulliwesten. Für mich die Coolness in Person und Opfer meiner größten Bewunderung. Einer von den 13ern brannte mir „Bleach“ und ein Live-Bootleg, doch mit keiner der CDs konnte ich was anfangen. Das klang mir zu roh, zu doof, zu echt. Ich klammerte mich an die paar Zeilen aus den Tagebüchern oder Alben, die ich zumindest halbwegs verstand. Also schrieb ich ab sofort in jedes meiner Englisch-Hefte Zeug wie „I Hope I Die Before I Get Pete Townshed“ (keine Ahnung, wer das war) oder „Rape Me! Sue Me!“ (keine Ahnung, was das jetzt genau sagen sollte). Die umkringelten Anarchie-A’s durften natürlich nicht fehlen.

Damals war das auch noch die für meinen damaligen Geschmack äußerst fruchtbare Zeit, in der jeder Freund scheiße-einfach von Nirvana überzeugt werden konnte. Man musste einfach auf irgendwas Frust haben und schon sprang man den ganzen Nachmittag auf den quietschenden Betten in unserem Gästezimmer herum und hörte dabei „auf volle Pulle!“ das In Utero-Album.

Ich war von Kurts Tagebuch (obwohl ich noch weniger verstand als zuvor) enorm fasziniert. Ich beschloss, ebenfalls ein angepunktes und total rebellisches Tagebuch zu führen. Mit blauer, absichtlich sofort verschmierender Tinte schrieb ich auf karierte Blätter aus alten Bio-Ordnern meiner Schwester Sachen wie „12. September 05: War eis essen mit andre und felix!!!! Mir ist jetzt so schlecht! shit! Was muss ich tun um frei zu werden! eat my soul! rape me! rape me!!!“ Ich hab die Blätter immer noch, sie sind saupeinlich.

Was ist mir von Nirvana geblieben? Nichts. Irgendwann so um 2006 war dann meine Nirvana-Phase vorbei, und wurde durch eine etwa zwei Jahre währende White Stripes-Phase verdrängt (die dann wiederum so um 2008 durch Aphex Twin). Das Tagebuch von Kurt Cobain verstaubt in meinem Regal, die gebrannten CDs sind entweder weg oder zerkratzt, wirklich hören oder mögen tu ich die Musik auch nicht mehr. Nur das „Unplugged“ von 1993 finde ich heute noch gut („All Apologies“ zum Beispiel), aber hab das jetzt auch schon seit bestimmt vier Jahren nicht mehr gehört. Nirvana waren für mich einfach präpubetäre Geltungssucht, glaube ich. Mit dem ganze Gehabe generierte ich Aufmerksamkeit, ohne böse Absichten eigentlich, aber ich wirkte für meine Klasse plötzlich klug, wichtig und unnahbar.

Das ganze Gedöns von damals – zum 5. April schwarz gekleidet zur Schule kommen, Songzeilen in Referate einbauen, in den Deutschstunden WARUM AUCH IMMER meiner Klasse aus den Nevermind-Linernotes vorlesen – war harmlos-doof und im Grunde bloß ein seltsamer Katalysator für meine bis heute anwährende Musik-Obsession.

Im Nachhinein bin ich bloß froh, dass es keine Auswirkungen hatte, dass ich damals in jedes Schulheft „Rape Me“ an den Rand schrieb. Bei katholischen Klosterschulen hätte das auch schnell als echte Aufforderung missverstanden werden können.

6 thoughts on “Niemals im Geist

  1. Ach, wie schön, der Text!
    Aber das hier: „Wenn du Pörll Schäm magst, wirst du die hier lieben“ hat mich schon immer verwirrt. Bei mir war es umgekehrt: Ich ging voll auf Nirvana ab und daraufhin zeigte mir mein Cousin Pörll Schäm. Warum? Den Vergleich zwischen Nirvana und Pearl Jam hab ich nie verstanden (in die Un-Gleichung kann man gerne noch die genauso unterschiedlichen Alice in Chains, Soundgarden u.a. reinwerfen). Die Herkunft aus Seattle und die Tatsache, dass es sich bei den Bandmitgliedern um abgeranzte, langhaarige Jungs handelt, hat aber wohl für den Marketingbegriff „Grunge“ gereicht, der so eine Art Lifestyle, aber keine Musikrichtung beschreibt.

    Das einzige Nirvana-Album, das ich heute noch hören kann (aber das gern), ist In Utero. Ich mag immer noch die rotzige Albini-Produktion und den schmalen, melodisch-kaputten Grat.

    • Ja, In Utero ist auch so ein Kracher. Für mich auch viel besser als das stellenweise langatmige Nevermind und dem für mich komplett belanglosen Incesticide. Liegt höchstwahrscheinlich wirklich an Steve Albini, dem karitativen Goldesel des Rock-Business.

  2. Sehr schön.
    Besonders gefallen, da zu meiner Nirvana- Geschichte passend, hat mir „He likes to ping and pong“: Meine erste Eindruck hinterlassende Begegnung mit Nirvana trug sich an den wärmeren Herbstnachmittagen des Jahres 1993 tatsächlich beim Tischtennisspielen zu. Mein bester Freund und ich gingen dazu immer an eine Platte in einem Gelsenkirchener Park und immer, wenn wir da waren, saßen einige Meter von uns entfernt vier ca. 16jährige auf Holzblöcken (zwei Jungen allein, ein Mädchen auf dem Schoß des dritten) und hörten „In Utero“ auf ihrem mitgebrachten Kassettenrekorder. Sie redeten nie ein Wort miteinander, saßen nur rum, rauchten und sahen uns beim Spielen zu. Alle 15 Minuten stand das Pärchen kurz auf und lockerte die Becken (das musste sehr unbequem gewesen sein), alle 30 Minuten wurde das Tape umgedreht, alle zehn Minuten musste ich einen nicht erreichten Tischtennisball zwischen ihren Doc Martens aufheben (sie waren so wenig genervt wie zuvorkommend).
    Dann kamen Herbst und Winter, zum Tischtennisspielen wars zu kalt, ich wurde zwölf und begann mich ausgerechnet für wirklich schlechten Hardrock und Heavy Metal (Helloween, Blind Guardian und sowas) zu interessieren. Die einzige musikalische Vorliebe in meiner Biographie, die ich mir heute absolut nicht mehr erklären kann. Mir wurden im Park weitaus attraktivere Angebote gemacht.

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