Absolut lux: „Sitzen vier Polen im Auto“ von @silenttiffy

Hier sind drei Dinge, die mich eigentlich überhaupt nicht interessieren:

  •  die Bergwelt.
  • Lateinamerika.
  • Immigrations-Geschichten.

Überaus vielseitige Auswahl, will ich meinen. Und dennoch zählen „Die Wand“ von Marlen Haushofer (Bergwelt, bis sie einem oben wieder rauskommt), oder „2666“ von Roberto Bolano (Lateinamerika, bis man die Grillen im verdörrten Gras burschikos zirpen hört) zu meinen wirklich herzigsten Lieblingsromanen. Strange, isn’t it. Aber so ist gute Literatur halt: sie bringt einem Themen, die einen eigentlich so sehr interessieren wie die Kulturpolitik Lapplands, plötzlich sehr nahe und lässt es zu, dass sie einem wirklich ans Herz wachsen. Schon sieht man sich in Gedanken als neuer Kultursenator von Hammerfest, um dem etwas affigen Beispiel zu folgen.

Kommen wir nun zu dem dritten Thema, der Sache mit der Immigrationsliteratur, die mich eigentlich überhaupt nicht interessiert.

Alexandra Tobor aka @silenttiffy aka Roser Eule aka Alexandra Tobor verdammtnochmal kenne und schätze ich schon lange als ausgezeichnete (!!!) Twitter-Nutzerin. Vor ihrer Twitterzeit arbeitete sie bei Viva und der Spex.
So weit, so „hahaha typisch Twitt0r!“. Aber Alexandra Tobor ist gottseidank keine typische Twitter-Diva, die in irgendwelchen abgepunkten Szenevierteln bubbleteaschlürfend ihr Limoneneis fotografiert, um vor ihren Followern (und es sind derer viele!) damit zu prahlen. Stattdessen ist sie eine wunderbar freundliche, hilfsbereite, und übermäßig kluge junge Frau, die es versteht, neben feinsinnigen Humor auch sehr viel Weisheit und Güte in ihre 140 Zeichen einzubetten.

Nun hat Tobor also ihren ersten Roman veröffentlicht, den sie ganz gerne mit „Eine Integrationsgroteske“ untertitelt hätte. Herausgekommen sind „Teutonische Abenteuer“ – schuld des Entertainment-Marketing-Wahns vom Ullstein-Verlag, aber dazu später. Sehr viel wichtiger als der ganz okaye Titel und das affige Cover ist nämlich der großartige Inhalt dieses Romans.

Worum geht es? Es geht um „Alexandra“, ein jugendliches Alter ego der Autorin. Sie wächst im noch-sozialistischen Polen auf, doch kurz vorm Darniedersinken des Eisernen Vorhangs macht sie mitsamt ihrer Familie (Mama, Papa, kleiner Bruder) rüber in die BRD. Dort muss sie erstmal einen immensen Kulturschock verdauen, sich allmählich an den anderen Lebensstil gewöhnen und langsam in der BRD einleben. Kein leichtes Unterfangen, denn ihre Eltern sind zwar beherzt und freundlich, aber auch hoffnungslos verloren und überfordert vom Konsumparadies BRD. Ihre Oma mit der voluminösen Turmfrisur, die später auch rübermacht, nicht minder.

Das ist -gaaanz grob- die Story des Romans. Das Tollste daran ist jedoch, wie er geschrieben ist: voller Leichtigkeit, voller Humor und gleichzeitig immer mal wieder ins Nachdenkliche, Kindlich-Rührende abdriftend. Tobor schafft es dabei, nie politisch bierernst, altbacken oder nervig-moralistisch zu klingen, sondern schafft stattdessen simple „schöne“ Literatur.

Und der Humor! Härrlisch! Große Lacher gibt es eher selten. Vielmehr lächelt man konstant, grinst wie ein Honigkuchenpferd. Ob es das Verhalten der Familien beim Sperrmüll-Datum ist oder die ersten tapsigen Erforschungen des nahen Supermarktes! Oder die gruseligen Toleranz-Eltern, die ihr nerviges Bratzenkind und Alexandra zum Spielen zwingen, damit Bratzenkind Pluralismus lernt. Oder das mit dem Lambada tanzen! Oder das mit dem Konfettimachen! Oder das mit dem Gottedienst! Oder die HARIBO KLOBRILLEN! Lux! Ich könnte noch weitere Beispiele aufzählen. Aber man soll es ja nicht übertreiben, nicht wahr?

Beim Lesen dachte ich mir stets: „Wenn du das schon als ewig deutscher, preußischer Münsterland-Schlaffi so spaßig findest, wie geil muss das erst sein, wenn man sowas Ähnliches wie Alexandra hinter sich hat?“ Also das Emigrieren vom Ostblock in die BRD?

Das Buch ist wirklich toll. Man kann es nicht oft genug sagen. Deshalb sage ich es nochmal: „Es ist wirklich toll.“ Wenn das Buch, das übrigens wirklich toll ist, dann mit dem wunderwunderwunderschönen letzten Satz endet, blättert man weiter, liest das kurze Nachwort – und sieht dann Werbeempfehlungen für andere Bücher: „Mordsgouda – Ne Deutsche in Holland“, „Elchtest – N Deutscher in Schweden“. Ohne etwas gegen die Bücher sagen zu wollen, schreckt mich das Cover und die Beschreibung des Verlags extrem ab. Leider ist „Sitzen vier Polen im Auto“ vom Verlag auch bloß als so eine schnöde Multikulti-Comedy („Ne Deutsche aus Polen“) aufgebauscht. Ich hätte das Buch mit diesem Cover, diesem Titel und diesem Buchrücken-Promotext („GOODBYE, POLEN!“) – wäre mir die Autorin nicht schon länger bekannt – niemals in einem Geschäft gekauft, oder bei Amazon liebevoll in den Warenkorb gelegt. Das ist wirklich schade, denn der Roman ist niveauvolle Unterhaltung, humorvolle Weisheit, liebevolle Schilderung, anspruchsvolle Literatur. Keine „Hahahaha, Multikulti!!!“-Comedy.

Also bitte kaufen, liebhaben, der Autorin auf Twitter danken. Ihr danken für das Schreiben, für den Humor, für das Dasein.

Alexandra Tobor (toller Name!)

Sitzen vier Polen im Auto (doofer Name!)

Ullstein Verlag (leider)

268 Seiten (so viele?!)

ISBN (ach, die guckt doch eh keiner mehr nach)

(PS: Sehen Sie bald hier: Sitzen vier Rentiere im Auto. Kulturpolitische Abenteuer in Lappland.)

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Ein Kommentar zu “Absolut lux: „Sitzen vier Polen im Auto“ von @silenttiffy

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