Aus dem Wald strömen Touristen

Der Wind rauscht durch den Wald, der sich vor Anstrengung mühsam reckt und streckt. Knarzend biegen sich die Äste, das Laub fährt über das Laub der anderen Bäume, der Nachbarn. Das Rauschen, das Knarzen, das Wispern,  seit vier Tagen jetzt, seitdem es windig ist, und es macht mich wahnsinnig. Die gigantischen Baumkronen der uralten Eichen strecken sich und ich stehe unter ihnen, etwas verwirrt, wie so ein bisschen Luft so verzweigte, organische, steinharte Gebilde zum Vibrieren, Zittern und Wanken bringen kann, direkt vor meinen Augen. Wenn man sich an die Baumrinde stellt und nach oben schaut, sieht es so aus, als würde der Baum vornüber kippen, entwurzeln, einen mit seinem tonnenschweren Gewicht ohne jegliche Anstrengung erschlagen, bis dann nach wenigen Wochen die ersten Eltern beim familiären Waldspaziergang ihre Kinder auf dem umgestürzten Baumstamm klettern lassen. Doch all das passiert nicht. Ich stehe bloß vor dem Baum, schaue nach oben, doch nichts kippt, entwurzelt, erschlägt. Stattdessen rauscht, knarzt und wispert alles. Das Geäst schwingt durch die Luft, die steife Nordbrise verwandelt den Wald in ein Ballett. Beim Theater spielen die untalentierten Kinder immer die Bäume, hier spielen die Bäume die Menschen, bewegen sich im Takt der Luft, knarzen unheilvoll, werfen Schatten und lassen ihr Laub durch die Luft nach unten auf den nassen, laubbedeckten Boden fallen. Nachts ist manchmal für ein paar Stunden Ruhe.

Das gleichsam konstante Hintergrundrauschen der nahen Autobahn ignoriere ich gekonnt, es ist Übung und Gewohnheit zugleich. Dann und wann kann man bei schönem Wetter von der laubbedeckten Autobahnbrücke in der Ferne den Kirchturm erkennen, bei günstigem Wind kämpft sich das unstete Geläut der Glocken durch das Rauschen der Blätter. Der Feierabendverkehr setzt ein, die Verkehrsaufkommen ändern sich, ich lege mich ins Bett. Mit weit geöffnetem Fenster höre ich dem Rauschen zu, das Rauschen der Autobahn – tagsüber laut, nachts leise -, das Rauschen der Bäume – tagsüber laut, nachts lauter. Die Felder sind nachts vom Vollmond und von den Blendlichtern der Windräder erhellt, die sich unablässig drehen und drehen und drehen. Die Windräder flattern, surren und verhaken sich.

Falls die Wolken günstig stehen und das Laub getrocknet ist, kann man sich im tiefen Laub des Waldes eingraben und sich Flügel aus Erde wachsen lassen. Das Laub prallt einem auf die Stirn und hinterlässt blutige Wunden. Die Tannenzapfen klackern durch das Geäst zum Boden und landen auf der Brust. Die Sterne weisen einem abends den Weg nach Hause. Nachts ist manchmal für ein paar Stunden Ruhe.

Plötzlich Menschen auf Erkundungsfahrten. Sie kartographieren mit ihren Digitalkameras den Tag. Sie stromern durch ihre fremde Heimat und lauschen dem Wind, der alles hinfortweht, was sie sind. Sie springen mit ihren Gummistiefeln in Pfützen, die so tief sind, dass sie vollends darin eintauchen. Der Herbst hält Einzug, der Feierabendverkehr setzt aus, ein Ellenbogen wäscht den Anderen. Die Kinder klettern auf den umgestürzten Baumstämmen. Urlaub unter Laub. Sie stechen ihr Gebiet ab und reden mit den Leuten. Ich schaue ihnen aus den winzigen Lücken im Dickicht hinterher und höre, wie die dumpfen Glocken läuten. Eine leichte Panik maändert als Efeu über das Land. Wer sich noch nicht kennt, verliebt sich ordentlich.  Der Vogel ist abgeschossen und liegt nackt im Laub. Kinder machen Fotos, aus dem Wald strömen Touristen. Mit Edding notieren sie kurze Worte in den Staub. Die restlichen Herbstferien regnet es.

Durch den Kreisel aus Wind bin ich gelaufen, mit etwas Glück habe ich gute Fotos der zerrissenen Wolken schießen können. Der Schatten der Bäume fällt auf mich herab und hier lebt es sich überdurchschnittlich gut, sagen die Stimmen auf den Radiosendern.

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