Losgeschossen

Losgeschossen

Ein Bericht.

(Auszug.)

Eine Schreibmaschine ist eine Waffe.
Haut man die jemandem auf dem Kopf, ist der hin.

– Jörg Fauser

KAPITEL 1

Ein neuer Kick, ein neuer Kill, eine neue Statistik. Eine neue Fehlermeldung, ein neuer Blindgänger, ein neuer Statusreport. Ein neues Smartphone, eine neue Brieftasche, ein neuer Substanzverlust. Ein neues Absturzprotokoll, ein neuer Filter, eine neue Konstruktion. Ein neuer Schwanzvergleich, eine neue Facebookabfrage, ein neues Blinken und Glitzern. Ein neuer Vaterlandsverrat, ein neuer Konsens, ein neuer Pistolenlauf zwischen deinen Zähnen. Ich bin bereit, ich bin jetzt da, hallo, das Mikrofon nimmt schon auf, schon seit ein paar Wochen. Schieß los, hat das Mikrofon gesagt und daraufhin hab ich auch genau das gemacht, einfach mal geredet und man kennt das ja, man gerät dann ins Labern, man offenbart sich einfach dem Wort und das Wort hat Macht, das hatte es schon immer. Literatur ist an sich auch nur plumper Quatsch, sind auch nur zwar mit Bedeutung vollgesogene Buchstaben, aber Buchstaben sind Buchstaben, abstrakt, neutral und steril. Worüber will man denn noch schreiben? Es wurde doch über alles geschrieben und alles, was man schreibt, führt im schlimmsten aller möglichen Fälle einen Diskurs nach sich und dann sitzen da dann vollgewichste Studienräte und Feuilletonisten in perfekt ausgeleuchteten und prima verkabelten TV-Studios und bereden, ob ein neuer Groove durch das Land, die Welt, den Kontinent gehen solle. Oh gott, nein, bitte nicht, sagt der vollgewichste Studienrat, wir hatten ja schon 1834 einen Groove und postmoderner Groove groovt schlecht, aber Herr vollgewichster Studienrat, sagt daraufhin der vollgewichste Feuilletonist, das ist ja keine bloße intertextuelle Reflektion eines früheren Grooves, das ist neuer Text, neues Material, neuer Groove. Also doch bitte, Groove hier und dann da, schieß los, hat der Groove gesagt, füll die Seiten. Wo weißes Papier ist, lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Texte. Ein neuer Tag, ein neuer Monat, ein neuer Abschnitt. Also einfach in den Tag starten, beim ersten Kaffee die Nachrichtensender einschalten, Ton aus, Huey Lewis and the News spielen lassen und die Laufbänder erstmal in Ruhe warmlaufen lassen. In diesem Land dort hinten ist schon wieder etwas in sich zusammen gefallen, klingt nach menschlichem Versagen, im Grunde ist alles auf Dauer menschliches Versagen, menschliches Versagen klingt gut, private Katastrophen, humaner Verfall, anthropologischer Missmut, Vatermutterkind-Verrat, geht ganz gut ab und ein riesiger Berg von Geld wurde zur Seite geschafft, über die Berge gehievt, sorgsam weggeschlossen. Menschliches Versagen. Daraufhin hat man sich das Sektglas geschnappt und ordentlich gefeiert. Menschliches Versagen. 500 Tote beim Zugunglück. Menschliches Versagen. Explosion in einem stillgelegten AKW in Frankreich, bisher laut unseren Atomexperten noch keine Atomwolke im badischen Land. Menschliches Versagen. Ob man nun einen Zug entgleisen, einen Reaktor in die Luft gehen oder ein Flugzeug in ein Hochhaus knallen lässt, es ist und bleibt menschliches Versagen, denn Menschen sitzen im Führerhäuschen, in der Kommandozentrale und im Cockpit, es sind weder Hunde noch Wolken. Von meteorologischem Versagen hat bei Naturunglücken noch nie jemand gehört. Der Kontoauszug vorm Fernseher, quaderartig zusammengefaltet durch die Hosentasche, der ist schon alt und nichts Besonderes. Nur dieser Standardwerbetext, der immer auf dem letzten Blatt eines Kontoauszugs steht, zumindest bei der Volksbank. Die sind da ja immer flexibel, bei der Volksbank, die haben ja gut lachen, die werden von Bauern und Gutmenschen frequentiert, die legen nie in böse, in vergiftete, in menschlich versagte Aktien und Fonds und Blasen und Kredite an. Die bleiben bei ihrem Sparbuch, jedes Jahr 40 € mehr drauf und zum Weltspartag gibt’s ein Kartenspiel und ein paar Zinsen extra, lecker, lecker, mjam. Mit unserem extra Sparscheißkonto bekommen Sie noch weniger Risiko und dafür ein Skatkartenspiel zum Weltspartag, dauert ja nicht mehr lang, Ende Oktober, da werden Sie sich umgucken, Herr Große-Ommebrink, wie schnell der Monat vorüber ist. Tag der Deutschen Einheit, einmal Augen zu und schon ist Weltspartag und Sie können in Ihrer Lieblingskneipe beim vierzigsten Bier mit den Jungs Skat spielen, das ist doch fein, das ist doch ach Sie spielen kein Skat? Sie sind mehr so der Doppelkopfspieler? das ist doch gar kein Problem! da würde ich zu unserem extra-Karobubenfonds raten, da bekommen Sie den fünften Stich gratis, was sagen Sie? Oder doch eher ein Kalender, Notizbuch, Frisbee für das Kind, Dildo für die Frau, wir haben soviel zu verschenken, denn wir sind ja die Volksbank und das finden Sie doch gut, deswegen sind Sie doch hier. Wegen der Geschenke. Aufgrund der Volksbankwerbegeschenke arbeitet man bei der Konkurrenz mit Hochdruck an ähnlichen Artikeln. Commerzbank-Bratpfanne. Deutsche Einheitshits-CD der Deutschen Bank. Der Staat kann es eh nicht besser als der Markt, sagt mein Kopf und mein Bauch sagt, Ach nein, das ist doch eine dreiste und infame Polemik, wo wären wir denn, wenn wir das nicht privat regulieren würden, in einem Armutsstaat wären wir dann. Apropos Armutsstaat: Was ist mit Griechenland? Hat ordentlich viel Geld einkassiert dank der Faulheit, jetzt lebt es sich gut mit Ouzu und Zaziki und Gyros. Morgenthau-Plan, da wollten die Deutschland einfach in einen Agrarstaat machen, so richtig eiskalt, ohne Umzüge, Paraden und Uniformen. Klingt nach einem goldenen Zeitalter zumindest für die Anderen. Auf jeden Fall, und das ist es, was ich sagen will, es gibt eine große Diskrepanz zwischen Agrarstaat und Armutsstaat. Ton an, VOLUME auf volle Lautstärke. Um den konkreten Verfall Griechenlands von einer Griechenland-Expertin perfekt analysiert zu bekommen, begrüßen wir nun Vicky Leandros im Studio. Frau Leandros, Sie schrieben in der BILD-Zeitung, Griechen sind auf der einen Seite schön, allerdings ist das in Griechenland, das Finanzielle, nicht schön. Das Schöne im Unschönen, das Wahre im Falschen, die Ästhetik in der Katastrophe? Ja und nein, ich wollte damit ausdrücken, dass Griechenland weiterhin schön bleibt, Sie Europäer denken allesamt, dass die Sonne nicht mehr scheint und unsere jungen Männer nicht mehr braungebrannt und knackig aussehen, aber das tun sie sehr wohl. Um diesen Fakt weiter zu beleuchten, das Wunderschöne im Überaus Grässlichen, habe ich zum Einen Karlheinz Stockhausen per Telefonleitung in die Hölle am Apparat, und per Skype habe ich Rosamunde Pilcher da, hallo, ihr zwei. Stocki, Sie sagten nach den Terroranschlägen in Osnabrück, nein Verzeihung, Gladbeck, nein, New York City, dass das das tollste Kunstwerk aller Zeiten gewesen sei. Stocki, Sie waren mal Hitlerjunge. Stocki, Sie haben in ihrem Werk „Hymnen“ (jaha, was man halt so Hymnen nennt!) das Horst-Wessel-Lied gesamplet. Stocki, war das kritische Reflexion oder Nazi-Geilheit? Stocki, haben Sie geweint, am Todestag von Horst Wessel? Haben Sie geweint oder gelacht? Fragen wir nun Rosamunde Pilcher, ob sie sich vorstellen kann, in ihren Romanschauplätzen, meist Südengland, Horst Wessel wiederauferstehen zu lassen. Rosamunde, können Sie sich vorstellen-? Rosamunde? Rosamunde Pilcher? Frau Pilcher. Sie atmet nicht mehr, tot fischig und in passend kitschigen weinrotem Glockenrock auf dem doppelten Boden der Nachrichtenverwertungsanstalt TV-Studio Vier, ihr letzter Atem beschlug die Linse der Kamera 5, Halbtotale auf ihr nun gelblich aufgedunsenes Totengesicht. Wir sehen live und in Farbe die Totenmaske von Rosamunde Pilcher, natürlich bloß, weil Sie Ihre Rundfunkgebühren bezahlen. GEZ tut Gutes, meine Damen und Herren. Stockhausen, Sie sind schon tot, worauf muss sich Rosamunde Pilcher nun gefasst machen? Und meine Frage an Vicky Leandros schließt sich da an: Vicky, Sie sind derzeitig noch am Leben, was schätzen Sie besonders am Leben? Ich schätze den Rotwein, die Genüsse, die Kunst, die Fraulichkeit, das besinnungslose Rumvögeln bei Baumarkteröffnungen auf der Behindertentoilette. Außerdem will ich noch sagen, während die Leiche von Rosamunde Pilcher gerade den pflegenden Händen des Rundfunkpersonals übergehen wird, dass man den Griechen auch dadurch helfen kann, wenn man zum Beispiel mal öfters beim Griechen den Olymp-Salat oder die Große Gyrosplatte. Oder Birne Hellene, haha, ein Witz von mir und meinem Ehemann, bestellt. Kann man ja mal bringen. Stocki, wie sieht es aus in der Hölle? Sie haben sich ja noch gar nicht geäußert. Neben ihm hat sich soeben Horst Wessel materialisiert, schönen guten Tag, Herr Wessel, heute mal ohne Singer/Songwriter-Ambitionen, Herr Wessel, wie fühlt es sich an, wenn man schon 1930 als 23-Jähriger von Kommunisten getötet wird? Bevor die echte Sause, you know, was man so Sause nennt, wirklich losging? Horst Wessel antwortet nicht, nur das brodelnde Höllenfeuer füllt die Akustik. Währenddessen ist das erste Brötchen geschmiert und man kann ab zurück in das Wohnzimmer der Wahrheit zur Stunde der Entscheidung, in der uns Guido Knopp mit dramatischer Backgroundmusik erklärt, was die elliptische Flugbahn einer Gewehrkugel zu bedeuten hat. Ist die Kugel erstmal losgeschossen und ab geht’s Richtung russische Verteidigungslinie, dann gehen der Kugel zahlreiche Dinge durch den Kopf. Später dreht sich diese Tatsache und nimmt eine grausame elliptische Wendung des Schicksals: Dann geht so manchem russischen Soldaten die Kugel durch den Kopf. Warum wurde diese historische Synchronizität nie zuvor bedacht? Und warum jetzt erst? Warum sowieso? Und weshalb? Fragen, auf die auch die Geschichtsredaktion Ihres Zweiten Deutschen Fernsehens keinerlei Antwort, keinerlei Einflussnahme hat. Off, aus, Fernseher ausschalten, genug gesehen, genug erlebt, Zeitungen aus Prinzip in den Mülleimer stopfen, sich die Druckerschwärze vom Finger lutschen, damit die Mortadella nicht beschmiert. Im Türrahmen steht der Partner, doof grinsend, sein ranziger Bart lässt die Scheiben der Fenster der Küche beschlagen, mit noch vom Restalkohol schwammigen Stimme ruft er, In unserer Kindheit hieß Mortadella immer noch Kinderwurst, und du angewidert angeekelt an die Wand gestellt antwortest mit modernster deutscher Gelassenheit, Ja, bei uns hieß die Mortadella auch immer Kinderwurst, und daraufhin beißt du ab, verschluckst dich und fast muss er dir auf die Schulter klopfen mit seiner etwas zu sehr behaarten Hand, Pranke, Pfote, doch du kriegst noch so gerade die Kurve und wieder Luft.

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