Sommerhaus in Schweden, Restwasser.

Sommerhaus in Schweden, Restwasser.

Halbechte Kurzgeschichte.

*

Es ist der 1. Oktober, 18 Uhr, es ist heiß wie im Juli und ich sitze auf dem Marktplatz einer nicht weiter erwähnenswerten Kleinstadt und es ist wie immer keiner da. Es spielt momentan überhaupt keine Rolle, ob ich hier weiter nichtstuend im Herbstschatten einer Sommersonne rumhocke und mit trüben Gedanken Pink Floyd höre, denn in meinem Kopf entstehen Gedanken und ich lasse sie einfach vorüberziehen. Frauen ohne Alter; schreiendes Kind auf der Bank neben meiner; Witze ohne Pointe; und was, wenn ich doch nicht Kulturwissenschaften studieren sollte; und what exactly is a dream; and what exactly is a joke? Wurde das eigentlich jemals restlos geklärt? Oder ist das im Grunde egal? Die Leute klappen die Bordsteine hoch und Sonnenschirme ein, Feierabend, sorry Leute ehrlich aber wir schließen jetzt, ach gar kein Problem wir wollten eh jetzt sofort zahlen. Kind im Elternmantel schreitet über den Asphalt-Marktplatz. Die Plastikstühle des Rathauscafés werden gestapelt, aufeinander. Aus dem Springbrunnen fließt nun kein Wasser mehr, gurgelnd verschwindet das Restwasser im Abfluss. Das Kind schreit wieder, die Touristen haben ihr Eis auf. Aus dem Schreien wird Heulen, dann Weinen, dann Greinen, dann Murmeln, dann Wispern, dann Schweigen (noch nicht, aber bald). Kind ist müde, sagt die Mutter, ich bins auch, seit 18 Jahren schon, elender Scheißerfolgsdruck. Mit 15 hatte man die Frühstückskörbe und Gutscheine und Blumensträuße von der Volksbank und geraunt wurde auch: „Erst 15 und schon so…“ so was? Jetzt 18 und weiterhin mies. Das Kind auf der Bank neben meiner wird nun mit Handymusik sediert. Glocke geht, dingdingding, viertel nach sechs. Es wird schattig, es wird kühl, es wird kalt. Ein Schild auf dem Marktplatz zeigt die Entfernung nach Schweden an. Kinder erzählen ihrer Mutter, sie hätten Pizza gegessen, eine ganz große sogar. 910 km bis nach Moindal, Schweden. Hab das nie wirklich verstanden, diese zwei Personenraster, warum manche von sich selbst sagen: Ich kann Kinder nicht ausstehen und die anderen Manchen, die von sich selbst sagen: Ich liebe Kinder über alles. Ich will nach Schweden. Gutaussehende Menschen küssen sich an azurblauen tiefen oszillierenden Waldseen und abends gibt es Kaffee. Klischees haben etwas Tröstliches. Ich war noch nie in Schweden. Vielleicht gibt es da die gleichen trostlosen Marktplätze, vielleicht gibt es da Provinz, Hass und Tristesse. Albertslund, Dänemark, 630 km. Stört es jemanden, wenn ich sage, dass ich nicht mehr kann? Die Straßenreinigung kommt. Ein BMW fährt langsam sachte leise alles mal auscheckend über den Platz, sich alle Optionen offenlassend. Der Mann von der Straßenreinigung hat ein Laubgebläse. Durch das dank Morgentau schimmernde Herbstlaub laufe ich durch diesen geradezu schon idiotisch idyllischen Laubwald zu meinem schwedischen Sommerhaus, von April bis Oktober bin ich hier und morgen fahre ich heim, nach Deutschland, da sitz ich stundenlang auf einem Marktplatz und sterbe fast vor Angst, doch heute bin ich noch da und Björn, mein schwedischer, oder nein, Lars, Lars ist besser, und Lars, mein schwedischer Mitbewohner begrüßt mich mit seinen stets warmen und sanften Hand, er sagt, er werde das Haus gut in Schuss halten, er fahre jetzt erstmal ein paar Tage nach Stockholm fahren, es ist da zwar total teuer, aber das Nachtleben ist gut, sagt er und ich lächel verschmitzt, ich frage ihn, hast du die Adresse vom Marktplatz mit dem Schild, wo Maindal, Schweden, 910 km draufsteht, ja, ich hab sie mir auf unseren, äh, jetzt meinen Kühlschrank geklebt, ich ruf dich dann an, ich hab ja die Telefonzellennummer. Sommerhaus, später: Wir grillen Fisch aus dem See und ich will Lars fast küssen, einfach so, hab mal gehört, man macht das so an azurblauen Waldseen in Schweden, es passt einfach prima zur Stimmung, ihn nun zu küssen, aber ich versuch es nicht mal, ich will es und versuch es nicht mal, mein Kopf bewegt sich um keinen Millimeter und die allmählich im Wald vergehende schwedische Sonne zeigt mir, dass die Zeit gegen mich läuft und dieser Moment so nie wiederkommen wird, ich küsse ihn nicht, stattdessen gehen wir im letzten Sonnenlicht dieses letzten Tages im Schwedensommer im See baden, ich stürze in den See, das kühle Wasser umfängt mich, meine Klamotten ziehen sich mit Wasser voll, ich lasse mich nach oben treiben, ganz nach oben, Oberfläche, ich hole Luft und ich sehe Lars am Steg und er ruft irgendwas, doch ich höre nicht, was er ruft. Die Straßenreinigung vom Marktplatz ist einfach zu laut und übertönt alles. Die Glocke macht dingdingding, halb sieben, man bringt den Müll weg. Alle Stühle 1a weggepackt, sorgsam weggeschlossen. Der Abend kann kommen und er kommt, mit riesigen unaufhaltsamen Schritten und er zermalmt dich.   | für ej und js, 1 okt. 11.

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