Endloses Leid durch die Handylautsprecher

Endloses Leid durch die Handylautsprecher.

Exkursion zur Gedenkstätte Buchenwald.

*

Ich habe Facebook-Profilbilder geschossen. Ich träge lächelnd in Weimar, über mir glotzen Schiller und Goethe imposant posierend in die Gegend, als würden sie sagen: „Mein Freund, lass uns ins Bauhaus-Museum gehen.“ Schließlich ist Weimar die Hauptstadt des Bauhaus und wir waren natürlich nicht im Museum, wir haben uns freiwillig das Schillerhaus angesehen, wir waren bloß noch im Schiller-Kaufhaus. Bauhaus haben wir später sowieso noch gesehen.

„Es ist interessant, anzumerken, dass der Schriftzug in Buchenwald – Jedem das Seine – nicht in klarer, abgehackter Nazi-Schrift geschrieben ist, sondern in der welligen, modernen Bauhaus-Schrift“, sagt uns die Gruppenführerin und zeigt auf den kleinen Torbogen. „Heute würde man dazu wohl Slogan sagen“, sagt sie. Wir stehen also auf dem Gebiet der Gedenkstätte Buchenwald, Konzentrationslager, 1937-1945.

Wir stehen vor den mit Grauen und Bedeutung vollgesogenen Steinen und fühlen kaum was. Ich erinnere mich an eine arte-Doku, in der jüdische Teenager beim Auschwitz-Gedenkstättenbesuch begleitet werden. Sie weinen zum Gotterbarmen, nicht aufgrund der grässlichen Vergangenheit, sondern weil sie eben nichts fühlten. Währenddessen erzählt die Führerin etwas über einen Häftling, dessen Leben auch verfilmt wurde. „Doch der Film weicht aus dramaturgischen Gründen natürlich weit von der Wirklichkeit ab.“

Anfahrt im Bus über die Blutstraße aus Kopfsteinpflaster, ab 1937 von den ersten Häftlingen gebaut. Die Stimmung ist gut. Ich spiele Karten mit Freunden. Ein Mädel spielt diesen Rihanna-Song aus dem Handylautsprecher: „I’m perfectly bad but I’m perfectly good.“ Dann das offizielle Mahnmal. Ein gigantischer Block von Turm, oben die Zahl 1945 in römischen Buchstaben. „Boah, blendet die Sonne“, rufen die Meisten. Ich auch. Wir steigen aus, die Stimmung sinkt langsam, doch kaum merkbar. Unten liegen die mit Steinkreisen zugemauerten Massengräber. Wir schießen Fotos. „Auf Facebook kannste sowas nicht bringen“, sagt einer. „Ja, das gibt miese Kommentare“, sagt ein anderer.

Zurück im Bus. „Kann der nicht mal die Klimaanlage anmachen?“ Kartenspiele. Handylautsprecher. Im Mülleimer klappern die leeren Bierdosen. Willkommen in der Gedenkstätte Buchenwald. Der Eintritt ist frei. Das Gleiche auf Englisch, Französisch, Russisch. Kleiner gedruckt: auch in Hebräisch.  Gigantische Parkplätze. Vier Schulklassen zähle ich. Ortseingangsschild:

BUCHENWALD.

Stadt Weimar.

In einen Kinosaal. Die Hälfte des Kurses schläft ein, ich bleibe mühsam wach. Ein trockener Film über Buchenwald. Das übliche Cellogeschrammel, die üblichen Überlebenden, die üblichen Archivfotos. „Man hat das alles schon gesehen“, flüstert mir mein Sitznachbar ins Ohr. „Ja“, sage ich, „das schockt kaum noch. Wird gleich wohl noch heftiger, schätz ich. Wenn man da selber im Krematorium drinsteht.“ „Aber die Sessel sind bequem.“ Ich nicke. Warum immer der selbe öde Doku-Aufbau?

Draußen sagt ein Freund: „Man muss aber auch dazu sagen, dass es in US-Gefangenenlagern mitunter genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer…“- Anderer Freund: „Man muss überhaupt nichts dazusagen.“

Auf dem Weg aus dem Kinosaal zum Haupttor des KZ, wo die Führerin uns erwartet, ruft einer: „Oh man, die Melodie hat mich total an diese Trauermelodie aus Drawn Together erinnert. Ich konnte das nicht ernst nehmen.“ Der Zynismus fängt an, mich anzukotzen. Tausende Gags über das Wort „Führerin“ später: die Führerin erscheint.

Auf einem Modell zeigt sie uns „natürlich nicht maßstabsgetreu“ den Aufbau des KZs. Dann durch den Gefängnistrakt. „Hier in Zelle 1 erhängte man die Gefangenen, indem man sie an die Gitterstäbe fesselte.“ „Hier wurden Leute gepfählt.“ „Und nun stellen Sie sich vor: Sie sind Insasse, Sie werden gequält, und vor Ihnen das Schild JEDEM DAS SEINE.“ Jemand wird angerufen. Der Klingelton ist ein Spruch aus einem Webcartoon: „Caaarl! Das tötet Leute!“

Auf dem Barackenplatz. In der Ferne ein großer Windrad-Park. Ich: „Wetten, der Windrad-Park gab ordentlich Diskussionen?“ – Kumpel: „Och, die stehen da doch windtechnisch total günstig.“

Die Weimarer ließen die Baracken 1947 abreißen. „Es passte nicht zum Charakter eines KZs, war die Ausrede“, war die Ausrede der Führerin. Ey, wurde Schindlers Liste hier gedreht? Ey, war Buchenwald Vorbild für Schindlers Liste? Nee, das war Auschwitz. Lass die uns später mal fragen! Bekommt die sicher oft zu hören, die Frage.

Gedenksteine. Auf den Gedenksteinen: Steine. Von jüdischen Besuchern wohl draufgelegt. Während dem Gang zum Krematorium eine lange Diskussion mit Freund, ob die Genickschussanlage neu errichtet wurde. „Irgendwie sieht die so neu aus.“ Uns wird vom Lagerkommandanten Koch erzählt, der auf der einen Seite ein sadistischer Antisemit war. Auf der anderen Seite ein liebevoller, gut gelaunter Familienvater. Sein Einfamilienhaus stand nur wenige Meter vom Todesstreifen der KZ-Grenze entfernt. Später im Museum ein Propaganda-Foto von ihm und seines lachenden Sohnes. Unterschrift: „PAPI MACHT WITZCHEN.“ Mir wird schlecht. I’m perfectly bad and I’m perfectly good.

Bloß! Nicht! Zeigen! Dass! Dich! Die! Krematorien! Mitnehmen! Sonst regen sich alle auf, oh guck mal, Matze muss raushängen, dass er betroffener ist als unsereiner, oh guck mal, der heult ja, das ist doch old news, das sieht man doch pausenlos im Fernsehen, nur weil der schwul ist oder was, rosa Winkel, hahaha. Aufstand der Aufrichtigen Arschlöcher oder what? „Bevor wir in das Krematorium hineingehen. Glaubt einer von Ihnen, dass er lieber draußen bleiben möchte?“

Routinisiertes Köpfeschütteln.

Routinisiertes Grauen.

Wir stehen vor Öfen, innendrin komplett verkohltes Holz. Es riecht ein bisschen nach Holz und Benzin.  Ich fühle kaum was und würde es gern. Den anderen geht es wohl kaum anders. Ey, doofe Frage, aber war das nicht total zeitintensiv? So ne Leiche, die braucht doch bestimmt vierzig Minuten. Nein, doch bloß fünfzehn? Was für einen Brandbeschleuniger hatten die denn? Haben Sie eigentlich schon mal Nazis hier durch geführt? Oder Holocaust-Leugner? Wie sind die denn so?

In den Keller. Abindenkeller. Haken an der Wand. „Hier wurden in der Endphase tausende erhängt.“ In der Ecke ein grauer, fast auseinanderfallender Hocker mit drei Stufen. Erst nach einer Weile fällt mir auf, wofür dieser Hocker gebraucht wurde. Zum ersten Mal empfinde ich was. Ein paar Mädchen haben Tränen in den Augen. Der Rest: nichts. Eventuell vielleicht: ratlos. Idiot zückt seine Spiegelreflexkamera und fragt sich, ob er auf den Hocker steigen darf und ein Foto von dem machen darf, „was für viele das war, was sie zum letzten Mal im Leben sahen“.

Genickschussanlage. Wurde größtenteils neu errichtet (Freund: „Strike!!!“). Im Vorraum kann sich jeder Besucher für etwas Geld eine Gedenkplakette für einen Angehörigen kaufen.

„Bitte besuchen Sie auch unser Gästebuch im Internet, die Seite ist inzw. hackerfrei.“

„Der Katholische FrauenVerein aus Osnabrück besuchte die Gedenkstätte im Juli 2011. Wir waren alle sehr betrübt.“

„Unfassbar.“

„Klasse 9d aus München grüßt:“

„NEVER FORGET!“

„Gott segne dieses Land. MfG, Herr ……. aus Berlin. Februar 2011.“

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

Wir schreiben nichts in das Gästebuch. Wir haben keinen Edding dabei.

Im Museum. Fotos von Schrumpfköpfen, original Briefe, eine Amputationssäge. WOW! IST DAS BLUT ODER IST DAS ROST?, ruft einer durch den Saal.

Papi macht Witzchen. Caaarl, das tötet Leute.  I’m perfectly bad but I’m perfectly good.

Das Massengrab im Wald. Ein paar neutrale, gesichtslose Stelen unter Buchen. Buchen, die der Förster bereits zum Fällen markiert hat.

In den Werkstätten haben die Häftlinge während des Bombenkrieges Duplikate vom Schreibtisch Schillers gefertigt. Hochkultur trifft Nichtkultur, Nichtleben. Es scheint Jahre her, dass wir ein paar Stunden vorher vor eben diesem Schreibtisch von Schiller standen, ein paar Kilometer weg.

Auf dem Weg zum Bus an der großen Gedenkplatte vorbei. Blumen, Rosen, Steine. „Warum werden die Juden denn als eigenständige Nation aufgeführt?“

Im Bus schweigen wir. „Keine Witze jetzt“, sagt jemand. Ein paar tun es trotzdem, heimlich. Jemand googlet mit dem iPhone „Schindlers Liste“. Am Ende kommen Touristen, denke ich, wie der gleichnamige Film. Irgendwer vorne im Bus redet schon wieder über die US-Lager.

Ein Freund sagt nach langem Schweigen: „Es hat mich nicht so berührt, wie es mich hätte berühren sollen. Ich bin nicht traurig. Bloß erschrocken.“ Nach und nach werden die Kartenspiele wieder rausgekramt.

Auf der Rückfahrt haben wir an einem McDonalds gehalten.

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3 Kommentare zu “Endloses Leid durch die Handylautsprecher

  1. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Super geschrieben. Dieser scheiss gruppenzwang ist schrecklich. Zeige Gefühle und du bist Tod. Die Erfahrung musste ich auch machen. Aber ich empfehle dir, deine Gefühle zu zeigen. Dieser Umstand hebt dich naemlich ab und macht dich zum Menschen.

  2. Und so geht es leider jeden Tag Schülern aus ganz Deutschland…. Ich komme selbst aus Thüringen und war zu meinen Schulzeiten 3 mal im Buchenwald. Nun wohne ich in Nordhausen – überall das Gleiche. Es ist erschrecken wie aufgeklärt und offen die Jugenglichen sind, aber wie sehr doch die Meinung der anderen ihr eigenes Leben einschränkt. Trotzdem glaube ich auch dass man nie bei so etwas genau die Gefuehle haben kann, die man sich zuvor erwartet hat- sein eigener Körper und seine Seele versucht sich automatisch abzuschotten und gefasster zu sein, als man da eigentlich wirklich wäre. Dies ist aber auch gut so, sonst bricht man da innerlich einfach nur total zusammen …. Großes Lob für deine ehrlichen Worte mit einem sensational guten Schreibstil!

  3. ‚Schön‘ geschrieben, ich war letztes Jahr in Auschwitz. Die Menschen, die Besucher, die Schaulustigen sind verstörend: Posieren unter „Arbeit macht frei“…muss mal meinen passenden Text dazu suchen.

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