Chimären

Nun, wo ich hier stehe, und ich mir ganz sicher bin, dass ich alleine bin, rekapituliere ich. Meine Begleiter sind verschwunden. Ich weiß nicht, wohin. Bis vor ein paar Minuten sah ich sie stets noch vor mir, wenige hundert Meter durch die menschenleeren Gassen verfolgt, sich immer wieder umdrehend und mir panisch „Man, beeil dich!“ zurufend. Wo sie nun hin sind, ist mir nicht klar. Es gibt drei plausible Möglichkeiten: 1.) Sie sind mir sozusagen entwischt, haben den Abstand zwischen mir und ihnen derart vergrößert, dass ich ihnen nicht mehr folgen konnte. 2.) Sie haben irgendwo innegehalten, irgendwo eine Pause gemacht, doch mir nicht Bescheid gegeben. 3.) Sie sind verschwunden, ganz simpel. Sehen kann ich kaum noch was. Ich weiß, dass die Nacht unmittelbar vor dem Sonnenaufgang am Dunkelsten und Kältesten ist. Es regnet wie aus Strömen und der Himmel ist bedeckt mit pechschwarzen, nicht sichtbaren Wolken. Ich hole mein Handy aus der Jackentasche und will Licht machen, doch das Display reagiert nicht mehr, womöglich liegt es an der salzigen feuchten Luft hier am Meer. Wenn ich ganz still bin und mein festes Atmen kurz unterdrücke, kann ich die vom Wind aufgepeitschten Wellen brechen hören. Wohin sind meine Begleiter verschwunden? Ich schließe die Augen und lasse mich rückwärts fallen. Ich lande in einer Sanddüne, komplett aufgeweicht durch den seit Stunden unentwegt fallenden Regen.

Im Lokal, als wir vier noch beisammen saßen, hatten die alten Herren, die am Tresen saßen uns seltsam angeschaut und gesagt: „Es ist die falsche Jahreszeit für Touristen. So lang hat es schon ewig nicht mehr geregnet. Das haben wir hier immer im Juli. Das regnet jetzt eine Woche so. Am besten, ihr kehrt wieder um.“ Ich hab mich ein wenig mulmig gefühlt, doch ihr fühltet euch stark oder tatet wenigstens so. Also tat ich auch so. Wir vier aßen in diesem Lokal allesamt Bratkartoffeln mit Speck und Spiegelei, dazu Bier und später einen Küstennebel. Im Nachhinein denke ich, dass die Leute am Tresen irgendwas hiermit zu tun haben. Während wir im Lokal saßen und schon unsere Rechnung gezahlt hatten, schauten wir aus dem Fenster. Es war gerade mal 19 Uhr und schon war es pechschwarz draußen. Der Wind blähte unter der verwitterten, hölzernen Eingangstür immer wieder einen Schwall kalter Luft in den Raum. Wir sprachen kaum ein Wort. Dann und wann hat einer von euch sein Handy rausgeholt und irgendwelche Fotos präsentiert. Ich schmunzelte dann. Mir fiel vor allem zum Ende hin auf, wie oft ihr euch angespannt angeschaut habt, untereinander. Mich habt ihr dabei nie angesehen, doch eure ausgetauschten Blicke verrieten mir, dass dieser spontan geplante Kurzurlaub von irgendeiner Sache gestört wird. Ich wusste nur nicht, von welcher Sache. Oder: ich weiß nicht, wie ich diese Sache beschreiben soll. Als wir da saßen und darauf warteten, dass einer von uns „So, dann lasst uns mal zurück in die Pension“ sagen würde, was bis zum Ende nicht gesagt wurde, sahen wir immer mal wieder aus dem Fenster in die Dunkelheit, die durch nackt flimmernde Straßenlaternen nur notdürftig, eigentlich gar nicht erhellt wurde. So düster und unnahbar wie das Wetter war auch unsere Stimmung. Wir sahen auf der langen und hohen Brücke, die über das Meer zur der Hallig kurz vor der Küste führte, dass mehrere Krankenwagen in Richtung Festland fuhren. Wir schwiegen schon fast den ganzen Abend lang, doch nun versuchten wir, die Sirenen aus dem Heulen des Windes und dem torpedierenden Regentropfen gegen die Fensterscheibe herauszuhören, doch der Wind trieb den Schall weg von uns hinaus auf das wogende Meer. Die zwei Männer am Tresen, die verlebt, zerlebt, nicht mehr wirklich aussahen, nickten sich zu und einer sagte leise: „Das wird heute Abend noch mächtig gewittern“. Und der Andere antwortete: „Ja, auf der Hallig gab es wieder Streit.“

Mich befiel eine leichte, im Magen schwelende Panik, die sich vorsichtig, behutsam nach oben windete und dem Efeu ähnlich mein Gehirn umschloss. Ich beugte mich zum Begleiter, der mir gegenüber am Tisch saß und flüsterte in sein Ohr: „Irgendwas stimmt hier nicht.“ – Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen, mehrere Sekunden lang, ich schaute auf meine zwei anderen Begleiter, die bewegungslos auf die fernen Blaulichter starrten. Dann flüsterte mir der Begleiter ebenfalls im Ohr: „Die zwei Männer am Tresen. Die sind falsch. Die sind nicht echt.“ Ich wisperte zurück: „Eine Illusion oder wie meinst du das?“, und er nickte bloß. Ich sah zu den zwei Männern und sie wirkten mir seltsam transparent, als könnte ich durch sie hindurchgreifen, wenn ich wollte. Dann blinzelte ich und alles war wieder normal. „Das alles hier ist eine Illusion“, sagte mein Begleiter zu meiner Rechten, der aus seiner traumartigen Starre erwacht war. Der Begleiter gegenüber mir ging auf die Toilette, ungewöhnlich schnell, als würde er am liebsten rennen, wenn er gedurft hätte. Nun nur zu dritt blieb uns nichts anderes übrig, als durch das Lokal zu schauen, immer wieder in unsere Gesichter zu blicken und zu hoffen, dass wir nicht auch transparent wirkten. Einmal sagte der Begleiter schräg von mir am Tisch zu seinem Gegenüber: „Du hast da was“, woraufhin er jedoch nur wenige Augenblicke „Nein, schon gut“ sagte. „Hab mich getäuscht.“

Als mein Gegenüber vom WC zurückkam, sagte er bloß: „Wir müssen jetzt gehen. Kommt. Wir müssen abhauen von hier. Los.“ Wir verstanden nicht, wieso. Irgendwas musste auf dem WC geschehen sein. Doch wir lieferten still Gehorsam, zogen unsere Jacken an. Ich sprach meinen anscheinend komplett verängstigten Begleiter an, was auf der Toilette sei, doch er sagte nichts. Während sich meine Begleiter vor der Tür aufstellten, um so schnell wie möglich gehen zu können, verschwand ich auf das WC, ich sagte zu ihnen: „Wartet kurz“, Neugier war schon immer ein Laster von mir. Ich weiß, dass der Flur zum WC unendlich lang schien, mindestens einhundert oder zweihundert Meter. Der Flur war so eng, dass nur eine Person gleichzeitig hineinpasste, dann und wann verschmälerte sich der Korridor sogar, so dass man seitlich gehen musste. Zudem wurde das Licht immer matter. Wie ist das möglich, dachte ich, das Lokal hatte keine so langen Flure, das hatte ich von draußen ganz genau gesehen. Auf der eichenen, schweren Tür am Ende des unendlich langen Flures waren die Buchstaben „WC“ eingraviert. Ich trat hinein und machte Licht. Die Halogenleuchte klirrte, als wäre sie monatelang nicht aktiv gewesen. Die Tür zum Damen-WC stand halb offen und aus der völligen Dunkelheit dahinter hörte ich ein leises, schluchzendes Atmen. Ich ging auf das Männer-WC. Irgendwas war dort, ich hörte es aus einer Kabine stetig klopfen, doch ich ging nicht näher hin, darauf hatte ich nun keine Lust, dafür hatte ich keinen Nerv.

Über den Stehklos war die Wand regelrecht mit Fotografien tapeziert, Fotografien aus einer längst entschwundenen Zeit, 90 Jahre alt mindestens, es waren allesamt Gruppenfotos. Ich blickte in die starren, längst toten Gesichter. Neben den Leuten, Frauen, Männer, Kinder stand ein Fotograf mit seiner damals noch großen Ausrüstung, die Kamera auf dem Stativ und wie er die Gruppe in das Visier nahm. Ich wollte mich gerade abwenden, da fiel mir auf, wie paradox das war. Der Fotograf war auf dem Foto mit drauf – wer hatte das Foto dann fotografiert? Ein Schauer lief mir meinen Rücken herunter. Das Paradoxe verstand ich nun erst: Diese Fotos mit dem Fotografen darauf waren unmöglich – und dennoch existierten sie. Der Flur außerhalb des WCs war auch unmöglich, dennoch gab es ihn. Ich lief zu einem anderen Foto, auch dort war der Fotograf deutlich auf dem von ihm gemachten Foto, wie war das möglich. Es war stets derselbe Fotograf und bei diesem Foto schaute er in die Richtung der mysteriösen Kamera. Nein, er schaute nicht in die Kamera, er schaute durch die Kamera. Er sah mich an! Und er lächelte mit seinem falschen Gesicht. Er lächelte mich an. Und mir fiel auf, dass ich dieses Gesicht kannte. Es war das Gesicht meines Begleiters, definitiv, wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ich merkte, wie irgendwer mir von hinten auf die Schulter fasste, ich hörte den Satz: „Auch Zeit ist nur eine Illusion“, und das nächste, woran ich mich erinnere, ist, wie ich mich durch die menschenleeren Gassen hetze, wenige hundert Meter vor mir meine Begleiter, die mir immer wieder zuschreien, ich müsse mich beeilen, sonst – – – und ihre restlichen Worte verstehe ich aufgrund des Regens und Sturm nicht. Also renne ich weiter und weiter, ich versuche sie einzuholen und ich merke, dass ich an denselben Häusern entlanglaufe, an denen wir schon vorhin vorbeikamen, obwohl wir uns nicht umgedreht hatten. Ich rief meinen Begleitern zu: „Wie ist das möglich!“, doch sie antworteten nicht. Später wurde mir klar, dass das alles hier eine Illusion ist, nur die Bedrohung – die namenlose Bedrohung irgendwo hinter mir, oder vor mir? – war echt. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, wie ich mich rückwärts in die nasse Sanddüne fallen lasse, nicht weit vom Strand entfernt. Ich höre aus der Ferne näherkommende Martinshörner. Da kommen Krankenwagen. Ambulanzen sind auf dem Weg, denke ich und bevor ich in die Ohnmacht oder den seelenleeren Tod hinabsinke, mutmaße ich, dass es wohl dieselben Ambulanzen sind, die ich aus dem Kneipenfenster habe kommen sehen.

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2 Kommentare zu “Chimären

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