Über meine Gymnasiastenlyrik

Gedichte sind so eine Sache bei mir und waren es schon immer. Obwohl ich bestimmt drei-vier die Woche schreibe (und ich schätze, das ist untertrieben), bin ich mit vielleicht einem Gedicht alle zwei Wochen zufrieden. Die gebe ich dann ein oder zwei Freunden, die mit aufrichtigem Interesse lesen und Feedback abgeben. Sie sagen: „Diesen Reim würde ich vermeiden“, „Das ist doch total unklar“ oder „Das fand ich wirklich schön“. Sie sagen allerdings auch fast immer: „Damit kann ich nicht wirklich was anfangen.“ Und das Problem ist: ich auch nicht bzw. ich auch nicht mehr. Sobald ich ein Gedicht geschrieben habe, sobald es hinter mir ist, lese ich es noch etwa zehnmal vor lauter Langeweile, lege es dann in meine Texte-Schublade, meinetwegen auch in meinen Giftschrank (was de facto die selbe Schublade ist). Und krame es dann meistens erst nach Wochen, manchmal gar Monaten heraus. Spätestens dann weiß ich, ob ein Gedicht von mir mindestens für mich gut ist oder ob es die Zeit zumindest für mich überstehen kann. Denn wenn ich es noch verstehe – wenn ich noch weiß, wozu ich jene oder diese Metapher nutzte – dann ist es gut und resistent gegen „die unablässig mahlenden Mühlen der Zeit“, wie man so schön sagt. Wenn ich noch die Bilder hervorrufen kann, die ich mit den Zeilen hervorrufen wollte und wenn ich noch weiß, was ich dort und da dachte und fühlte, dann gefällt es mir. Dann ist es mir auch schon fast ziemlich egal, ob ich jede konkrete Anspielung verstehe.

Das muss ich mit einem Beispiel verdeutlichen. In meinem Gedicht „Goldene Zeit“ schrieb ich mit rotem Kuli neben folgende „Strophe“ das Wort „Dadaismus“:

den Worten die Bedeutung
rausreißen gewissenhaft drauf
rum kauen ausspucken
und dann mit der Fußsohle
zerquetschen und drauf spucken
und wegtreten

Mit den Silben hüpfen wie ein Ball damals in diesen goldenen selbstvergessenen Tagen am
Abendgrauen der ganz nahenden Katastrophe.

Mir ist erst später wieder eingefallen, dass mit dem hüpfenden Ball der Dadaist Hugo Ball gemeint war, über den ich ein paar Tage vor der Niederschrift einen sehr interessanten Text gelesen habe. Und die „goldenen selbstvergessenen Tage“ kann man natürlich auch deuten für die zwanziger Jahre, jaja, dem „Abendgrauen“ der folgenden Katastrophe, die sich ankündigte, natürlich. Ja, ja, man kann, und man kann auch alles zerfasern, und man kann auch den ganzen Bullshit in irgendwelche klebrigen „Reclam – Erläuterungen und Dokumente“-Bände pappen und sich dann freuen. Kann man. Doch mir ist dieses exegetische Gelaber ziemlich fremd. Im Nachhinein ist mir das scheißegal, der Bezug zum Dadaismus, zum Ball, und dass ich die Nazis erwähnt habe, find ich schon fast peinlich, denn das ist so ein simples Thema… aber die Idee von goldenen, selbstvergessenen Tagen am Abgrund des Grauens – ohne irgendeinen verfluchten politischen Subtext – die Idee finde ich schön, fast autobiographisch (aber nur fast) und einfach das Bild, was ich mir dabei vorstelle finde ich ganz nett. Wo ist der Spaß an der Lyrik, wenn man jede Zeile so mit Bedeutung und „uh, kritischer Analyse, uh“ vollwichst, bis nix mehr übrigbleibt? (Dass das ein paar dürfen ist klar: Allen Ginsberg darf das, Paul Celan darf das, Hilde Domin darf das, Baudelaire darf das, Stefan George auch, und ich hab ganz viele vergessen). Aber für meine stumpfe Gymnasiastenlyrik ist mir das viel zu anmaßend. In einem anderen Gedicht habe ich sogar versucht, einen jämmerlichen Bezug zum „Tod in Venedig“ von Thomas Mann zu verknüpfen und das ist mir so peinlich. Doch Abhärtung macht hart und drum beiße ich den sauren Apfel:

Komm, leg dich zu mir hier an den Strand, während unsere Typhushaut sich nach und nach abpellt.
Komm, spring von Gondel zu Gondel, und erzähl mir Schmeichelhaftes, etwas, das mich erhellt.

Diese Laberlyrik, so mit irgendwelchen intertextuellen Bezügen vollgepropft, dass ich beim Schreiben ganz vergessen habe, dass es doch recht hübsch ist, im Liebesrausch von Gondel zu Gondel zu hüpfen. Aber hauptsache Thomas Mann und mich irgendwie intellektuell fühlen. Ich könnte mich schlagen vor lauter Verpropftheit! Kein Wunder, dass die Leutchen sagen: „Kann ich nicht soviel mit anfangen“, denn meine Leser sind in meinem Alter und ich kann wirklich nicht von ihnen verlangen, dass sie Thomas Mann kennen und selbst wenn: wozu auch? Würden sie das Gedicht dann mehr mögen? Nur weil sie die blöde Anspielung gecheckt haben? Lahm.

Wenn ich Gedichte schreibe, sind sie meistens total leer, ohne irgendeine mögliche Interpretation, einfach so ein Gedanke oder ein Wort und da faser ich mir dann einen dran ab, schließlich will man ja die Mathestunde halbwegs entertaint vorüber bringen. Wenn ich Gedichte mit tiefer, wichtiger Bedeutung schreibe, handeln sie meistens von privaten Dingen. Manchmal existiert eine Mischform: für mich persönlich tiefgehend, nahe gehend (wie gesagt: bloß für mich), und auf der anderen Seite sind die Zeilen auch total leer und nur aneinandergereihte Wörter mit gutem Sound. Das folgende Gedichtchen, mit dem ich diesen erschreckend sinnfreien Aufsatz beenden will (ich hatte einfach mal Bock, zu sagen, dass es mich unfassbar viel Überwindung kostet, ein Gedicht von mir der Öffentlichkeit preis zu stellen), ist in einer Deutschstunde entstanden und dann mehrmals umgeschrieben worden und jetzt ist es für mich halbwegs gut. (Ich sage gleich vorraus, dass ihr damit nichts anfangen werdet können, weil es halt leider irgendwo bloß für mich Sinn macht, tschuldigung. Aber es hat eh bis hier keiner mitgelesen, höchstwahrscheinlich haben beim Wort  „Gymnasiastenlyrik“ alle aufgehört, und das tröstet mich. So, hier jetzt also dieses Gedicht.) Es trägt keinen Titel.

Auf Knien deinen Hut abnehmend.
Wie Arbeiter, die unter Wellen tauchten.
Düstere Anatomie mit all ihrer
Schönheit, eingebettet in die Worte.
Sand zwischen deinen Fingern
Sonne auf deinen Gesichtern:
und deine Blicke in den morschen Schiffen die wir
nutzten um den ganzen Wolkenbrüchen zu entgehen
die auf unsere Köpfe fielen
Mit Porzellanlippen über deinem Gehirn
mit Rebellen in deiner Familie und
nebligen Gedanken von Tragödie und Verlust.
Auf Gruppenfotos voller leerer Menschen.
Ich gebe dir mein Wort, zu schweigen.
Ich gebe dir mein Wort um zu schweigen.
Alchemie und versteckte Werke
Recherchen für Familienportraits
und deine tote Mutter hält ihre toten
Hände aus dem Totenbett
Namen, die wie Trauergestecke geflochten werden
in gekränzte Bücher voller verschlossener Seiten
und Füße die ahnend über Korridore huschen wie
vergessene Ahnen in alten Tagen
Küss mich auf die Erde und
wirf mich weg und schieb den
Mond vor die Sonne und glaube
deinen Taten und sonst keinem

sonst keinem.

Ende, aus, Fanfare, die Lyrikpreise bitte bloß postlagernd schicken, merci. Es ist regelrecht zum Verzweifeln, dieses Geschreibe.

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