Leiche 48

Leiche 48.

Story.

Ich wohne hier schon sehr lang, doch die Leute vom Fernsehen wollen mir das nie glauben. Wenn die Kameras aus und die Mikrofone entkabelt sind, sagen sie mir stets, dass sie es hier in der Gegend nicht einmal eine Woche lang aushalten würden. Ich kann das auf der einen Seite natürlich sehr gut verstehen. Dies ist kein Platz an dem man gerne leben möchte, schließlich wohne ich in einer Region, die für die Meisten unendliches Leid bedeutet. Dann und wann frage ich die TV-Reporter dann gerne: „Steckt im größten Leid nicht auch große Schönheit und Sehnsucht?“, doch die Reporter schütteln dann immer bloß den Kopf und sagen konsterniert: „Nein, eigentlich nicht.“  Und dann sage ich etwas sarkastisch stets: „Oh, dann habe ich mich wohl geirrt.“ Ich bin mir aber sicher, dass Sehnsucht und Leid meist Hand in Hand gehen. Vielleicht sind sie sogar identisch.

Auf der einen Hand das entsetzliche Leid, ja. Auf der anderen Seite jedoch der Gewinn. Natürlich ist diese Mordreihe hier eine grausige Sache, doch sie schlägt für mich auch viel Kapital heraus. Inzwischen muss ich nicht mehr arbeiten gehen, die Morde halten mich gut über Wasser. Bei den Ermordeten handelt es sich stets um junge Frauen, vergewaltigt, dann nackt im Staub liegengelassen, meist erdrosselt, manchmal erstochen, ein paar Mal waren sie gepfählt. Dies sei eine besonders animalische Art des Mordens, so die TV-Psychologen. Seitdem diese Reihe an Morden hier stattfindet, habe ich kaum noch eine ruhige Minute. Und anders als bei allen anderen hier ist mir das durchaus recht so. Sobald ich durch Nachbarn von einem Mord erfahre, oder durch das durchdringende Heulen der Polizeisirenen hier in der Gegend von einem Mord gewahr werde, mache ich mich auf den Weg.  Das muss ich, damit ich als Erster von den ganzen Trauernden am Tatort bin, das erhöht die Chanchen, dass ich als erster vom TV interviewt werde. Das ist meine kluge, kleine Marktlücke. Ich bin entweder der „besorgte/empörte Anwohner“ (Typ A) oder der „fassungslose Angehöriger“ (Typ B) – je nachdem, wie ich mich den TV-Reportern gegenüber verhalte und was sie dann später in ihren Berichten unter meinem Namen einblenden.

Typ A ist ziemlich leicht, das geht locker von der Hand. Einfach ein paar Floskeln rauslassen: „Und die Polizei macht garnichts“, oder „die Politiker schauen weg“, oder der Klassiker namens „habe Angst, meine Kinder abends allein noch weggehen zu lassen.“ Der Tonfall von Typ A reicht von wütend-rebellisch bis hin zu sorgenvoll-hysterisch. Typ B ist schwieriger und gestatte ich mir auch nur, wenn ich mich in medialer Topform fühle. Am besten wirkt es, wenn man auf Kommando Tränen in die Augen bekommt und dabei apathisch folgendes greint: entweder sowas wie „Ich kannte sie so gut, sie war so gut zu mir“ oder „das ist nicht möglich, das ist doch nicht möglich, Roswita war doch so jung“ (oder Jolanda oder Rosa oder Cherita oder Estefania oder Aurora… je nachdem, wie das Opfer halt heißt).

Tränen verkaufen sich gut. Auch gut gehen immer Bilder, wie ich Grabeslichter entzünde, Blumen niederlege, Mahnwachen vorm Rathaus abhalte (damit halte ich mich in der mordfreien Zeit öfters gern über’m Wasser). Sobald die TV-Teams weg sind, fahr ich zurück nach Hause und schau mir dann die Berichte der Spätnachrichten mit mir an. Ich bin durchaus selbstkritisch und analysiere genau, was ich hätte besser machen können, wo ich stammelte, wo man mir vielleicht angemerkt haben könnte, dass ich gar nicht mal den Namen der Leiche wusste. Das Honorar für die Interviews fordere ich dann später schriftlich ein, das bringt noch mehr Geld als einfach blöde von den Reportern vor Ort ein bisschen Kohle für die Tränen zu verlangen.

Am Tollsten war für mich neulich Leiche 47: Estefania Hermosillo, 19 Jahre alt, natürlich arbeitslos, Kehle aufgeschnitten, lag nackt im Hinterhof unseres Wohnblocks. Obwohl ich sie nicht wirklich kannte (immerhin kannte ich sie vom Sehen – die anderen Opfer kannte ich nie!), wohnte sie nur ein paar Wohnungstüren von mir entfernt. Das war toll. Ich war also somit sofort am Ort des Geschehens, im Hinterhof und konnte auf die anrückende TV-Armada warten. Damals war sogar ein BBC World-Truck dabei, der im Rahmen einer Reportage über die Mordserie filmte. Die BBC gab mir wirklich enorm viel Kohle. Während ich auf die TV-Wagen wartete, schrieb ich mit meiner Tochter Rosa bereits mit blutroter Tinte „WARUM?“, Bibelverse oder „RACHE“ auf alte Pappschilder. Teelichter steckte ich mir auch in die Hosentaschen, zum späteren Entzünden vor Kameras. Dann heuchelte ich mir vor den zahlreichen Teams irgendeine krude Mischung aus Typ A und B zusammen und ging die paar Schritte nach Hause.

Ein paar Abende später fragte mich meine Tochter, ob ich die ganze Trauerheuchelei fürs TV bloß deshalb machen würde, weil ich mit der hiesigen albtraumhaften Realität nicht umgehen könne. Sie schaute mir in die Augen und sagte: „Ich glaube, du weinst ihnen da bloß etwas vor, weil du das alles im Innern bloß für ein großes Medienspiel halten willst. Weil du schlicht und ergreifend nicht realisieren kannst und willst, dass hier immer wieder junge Frauen bestialisch vergewaltigt,  abgestochen, und dann wie Müll in den Straßenstaub geworfen werden. Und weil die Polizei auch nach knapp 50 Toten keine Spur haben, gar keine.“  Ich überlegte und sah Bilder vor mir: Frauen, die in der sonnenverbrannten Landschaft unter Dornenbüschen lagen, mit Blut überströmt, komplett nackt, dreckig. Ich sah die Kameramänner vor mir, wie ich in ihre Geräte blickte, um möglichst anrührend im TV rüberzukommen, während sie, die Kameramänner, träge die Geräte auf ihrer Schulter trugen und Kaugummi kauten. Für sie ist es genauso Routine geworden wie für mich, dachte ich, die Medien routinisieren das Grauen. Wir gelangweilten Voyeure, dachte ich. Dann fasste ich mich, blickte in das Gesicht von Rosa, meiner Tochter: „Nein, nein, keine Bange. Ich mach es wirklich bloß des Geldes wegen.“ Sie fragte: „Versprichst du mir das?“ – „Ich verspreche es dir.“

Etwa fünf Tage nach diesem Gespräch und neun Tage nach Leiche 47 fand sich dann Nummer 48. Die Leiche der 22-jährigen Frau wurde in der Umgebung der Straßenkapelle, östlich der Hauptstraße in die Vororte, gefunden. Die Tote maß etwa einen Meter siebzig, hatte schwarzes, langes Haar und war schlank. Sie wies nur eine blutige Verletzung vor, einen tiefen Stich in den Unterleib in der Leistengegend. Dem Obduktionsbericht zufolge war der Tod jedoch durch Strangulation und Bruch des Zungenbeins eingetreten. Sie war sowohl vaginal wie anal vergewaltigt worden. Sie lag nackt in einen blauen Plastikmüllsack eingewickelt unter einem rostigen Müllcontainer. Im Container fand man ihr Portmonee und dort ihren Personalausweis. Ihr Name war Rosa F. und war somit meine Tochter.

Zwar mit mulmigen Gefühl, doch der Eingebung, das Richtige zu tun, malte ich meine Schilder, zündete Kerzen an, legte vor den Kameras die Rosen in den heißen Staub nahe des Müllcontainers, wo Ermittler die Leiche meiner Tochter untersuchten. Ich war wenige Meter von ihnen entfernt und sprach in die Kameras der TV-Teams. Ich verriet ihnen, dass es meine Tochter sei. Ich dachte, das bringe mehr Geld und es würde mir mehr Authenthizität verleihen.

Eine TV-Reporterin sah mich mitfühlend an und fragte mich, was ich aufgrund dieser grausamen Gewissheit nun fühle und denke. Ich sah zum Kameramann, der mit träge halb geschlossenen Augen die Kamera auf mich hielt. Ich überlegte, was ich fühlte und dachte. Doch gar nichts. Ich fühlte gar nichts. Keine Trauer, kein Wut, keine Furcht, kein Zorn, kein Entsetzen. Das überraschte mich ein wenig. Ich dachte an Rosa und versuchte Bilder von ihr in meinem Kopf wachzurufen. Das wäre jämmerlich, wenn ich hier vor den Kameras keine Träne rauskriege, dachte ich. Doch nichts half. Ich fühlte wie immer – wie bei jedem anderen Opfer – garnichts. Doch das konnte ich der Reporterin natürlich nicht sagen. Ich sagte, wie unmenschlich, grausam, fürchterlich das alles sei. Und ich sagte: „Ich leide.“

Die TV-Reporterin nickte wissend, wohl für die Quote. Sie fragte mich, ob in diesem, meinen, grenzenlosen Leid nicht auch eine Art von Sehnsucht stecke. Ich schaute sie an und dachte: Nein, eigentlich nicht.

(Siehe auch.)

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2 Kommentare zu “Leiche 48

  1. Am schmalen Grat zwischen ironischem Bruch und namenlosem, bloß angedeuteten, beiläufig und monoton geschilderten Grauen. Sehr guter Text.

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