Brief an meinen Vater, den er nie lesen wird

Du brüllst irgendwas Plattdeutsches von unten ins obere Stockwerk und wie immer, wenn du dich aufregst, fängst du an zu nuscheln und du wirst nervös und fuchtelst mit deinen Händen wild herum. Du bist Choleriker, das wurde nie diagnostiziert, weil du es nie diagnostizieren lassen würdest, doch es ist offenkundig. Schon bei Telefonaten fängst du an zu brüllen, wenn man dich nebenbei etwas fragst. Schlagen tust du kaum, doch treten. Das ist übrigens eine meiner allerersten Kindheitserinnerungen, weißt du, wie du unseren Hund trittst, zweimal, dreimal, und er jault. Meine andere allererste Erinnerung ist, wie mein inzwischen lange toter Opa ein Huhn auf unserem Hof köpfte, um mich zu erschrecken, wie das blutspritzende kopflose Tier spastisch zuckend auf unserem Hof herumrast, bis die Bewegungen erstarben. Stille und leise Töne sind dir unbekannt, alles muss laut, angemessen und richtig sein. Angemessen und richtig fandest du es wohl auch, als du mich an den Fußgelenken über die Brüstung des Herrmanndenkmals gehalten hast. Ich hatte Panik, damals. Ich habe Höhenangst, noch immer. War halt dein Humor.

Dieser billige Rotwein, der übrigens seit bestimmt drei, vier Wochen auf dem Wohnzimmerschrank steht, ist für dich Anlass genug, ihn in höchsten Worten zu preisen und jedem Besucher etwas davon anzubieten. Der Wein ist bloß so ein Billigwein von der Pizzeria, den man automatisch dazubekommt, wenn man eine Bestellung mit mehr als 20€ aufgibt. Aber das hindert dich nicht. Richtigen, guten Wein würdest du für den Besuch eh nie kaufen, das ist dir viel zu schade. Der Adventskranz letztes Jahr war der Adventskranz vom vorletzten Jahr, er war schon gebraucht. Nichts hat Sinn ergeben. Aber hauptsache, man hat das bisschen bisschen Wachs gespart. Natürlich hattet ihr neue Adventskränze gekauft, doch die werden erst dieses Jahr gebraucht. Eure Nachkriegszeitmentalität, die euch von euren Eltern eingeimpft wurde bis aufs Blut, passt nicht mehr in diese Zeit, doch du wärst der Letzte, der sich diesen Fehler eingestehen würde. Du gestehst dir ja nie etwas ein. Und wenn dir ein Kind nicht passt, dann hängst du es einfach an den Rand der Familenfotowand, oder du hängst es für ein paar Wochen ab. Eigentlich liegt dir sowas Subtiles nicht, meistens sagst du bloß, dass ich unfähig bin. Du erstaunst mich also immer wieder. Ich kann dir natürlich auch zehntausendmal sagen, dass du anklopfen sollst, bevor du einfach so in mein Zimmer platzt, aber tust du nicht. Du schlägst laut die Tür auf, schaust blöd ins Zimmer und gehst dann weiter. Das ist ein Automatismus geworden. Du guckst gar nicht mehr wirklich, was ich treibe, du guckst einfach nur ins Zimmer und haust ab. Dann und wann stammelst du irgendwas. Privatsphäre ist für dich höchstwahrscheinlich unnützer Soziologenkram, nicht der Rede wert, unmännlich und hat man früher auch nicht gebraucht.

Ja, du merkst vielleicht, dass dieser Text zynisch ist, auch wenn du nicht weißt, was das Wort bedeutet. Ich könnte dir das Wort natürlich erklären, dumm bist du ja nicht, aber interessieren würde es dich nicht, also warum kümmern? Das ist sowieso dein Lebensmotto. Sowie „Alles, was anders ist, ist potenziell gefährlich“. Und „Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat.“ Es passt also nicht in dein Weltbild, dass ich sagen könnte: Du bist ein miserabler Vater. Denn schließlich denkst du, du seist alles, was ich habe. Und schließlich denkst du, du würdest mich kennen. Aber lass dir eins gesagt sein: Du weißt gar nichts von mir, nichts, nichtmal im Ansatz. Und hoffentlich kränkt dich das hier schön, zu wissen, dass irgendwelche Menschen im Internet, hunderte von Kilometern entfernt, mir doch näher sind, als du es je sein könntest. Und dass ich jeden meiner Freunde sehr viel wertvoller finde als ihr alle zusammen. Eure Hillybilly-Redneck-CDU-Biersaufen-Marschmusik-Plattdeutsch-Peripherie könnt ihr euch an euren sabberverkrusteten Hut stecken.

Du wirst senil werden. Das weiß ich. Wenn du Auto fährst, fängst du an, unbewusst irgendwas zu reden, und wenn man dich drauf anspricht, wirst du wütend, weil du nichts davon mitbekommen hast. Wenn du nervös bist, schreist du rum und da dir immer mehr Worte entfallen, sind es bloß tierähnliche Laute, die aus deinem Mund strömen. Inzwischen ergreift mich das gar nicht mehr. Es hat mich eine Zeit lang belustigt, jetzt bist du mir immer egaler.

Ich werd dir zeigen, dass das bessere Leben, welches ich zurzeit bloß in Gedanken führe, möglich ist. Ich werds dir zeigen. Und hier stehe ich, und ich weiß, dass ich Recht habe. Hier stehe ich, „bucklig, winzig und bebend vor Überzeugung, ein kleiner, strafender, begeisterter Prophet.“ (Thomas Mann)

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3 Kommentare zu “Brief an meinen Vater, den er nie lesen wird

  1. Ich wünschte, ich könnte meine Gefühle für meinen Vater so in Worte fassen. Vermutlich würde ich bei dem Versuch in hysterische Tränen ausbrechen, mich auf dem Boden zusammenrollen und die Musik so laut machen, dass er hochgerannt kommt, meine Tür aufreißt, mich da liegen sieht und etwas schreit wie „Das Leben ist kein beschissener Film, reiß‘ dich mal zusammen!“ Dass ich geweint habe, würde er nicht mal sehen. Na ja. So in etwa. Unglaublich, was du da schreibst. Weil ich ganz genau weiß, wie wahr das alles ist. Und ich wünschte, mir würde mal ein Vater begegnen, hier, „unter uns“, der es nicht so weit gebracht hat, sein Kind an diesen Punkt zu bringen, der Sprachlosigkeit. Oder den, nur noch solche Worte wie du finden zu können. Verdammte Scheiße.

  2. Warum darf eigentlich jeder Kinder kriegen? Warum gibt es Prüfungen für jeden Scheiss, den man machen möchte oder muß, aber keine Prüfung, ob zwei Menschen überhaupt als Eltern geeignet sind?
    Ich bin deutlich älter als Du, könnte selbst Deine Mutter sein, aber meine Kindheit/Jugend war ähnlich beschissen. Meinen Vater erkenne ich total in Deiner Beschreibung wieder, laut, tyrannisch, cholerisch….. nur dass mein Vater sogar auch gerne mal geschlagen hat. Wobei diese subtile Grausamkeit wie das mit den Fotos vielleicht sogar noch schlimmer ist – wobei es meinem Vater an verbaler Grausamkeit auch nicht gefehlt hat. So oder so ist es in meinen Augen Missbrauch, Missbrauch an der Seele und des Herzens des eigenen Kindes. Des eigenen Fleisch und Blutes.
    Ich wünsche Dir, dass Du Deine Träume verwirklichen kannst, dass Du aus Deinem Kaff da rauskommst und weg von Deinen Eltern, denn das Leben dort tut Dir offensichtlich nicht gut. Und dann, irgendwann, würde ich meinem Vater diesen Brief wirklich schreiben. Damit er Bescheid weiß. Oder Du verbrennst ihn irgendwo. Und kannst mit dem Thema dann abschließen.

  3. Ich bin immer wieder dankbar, dass es so viele andere im weiten, weiten Internet gibt, die auch einen riesengroßen Sack ‚Daddy Issues‘ mit sich rumschleppen. Meiner ist zwar anders, aber ich kann dich verstehen. Ich verstehe es, wie es ist, wenn der eigene Vater so wenig Vater ist, dass man sich fragt, warum er überhaupt noch da ist. Das ist traurig, das tut weh, aber: Niemand von uns ist damit alleine.

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