Verstummte Ereignisse

Verstummte Ereignisse.

Story.

Der Fernseher flimmert bedächtig vor sich hin, ich habe den Ton ausgestellt. In kompletter Stille laufen die TV-Nachrichten an mir vorrüber. Einstürzende Gebäude, ein ausgebranntes Schulbuswrack, weinende Eltern, Politiker auf Wahlkampfveranstaltungen. Meine Mitbewohnerin kommt in mein Zimmer, öffnet mir das Fenster, bevor sie die Rolladen hochlässt. Sie fährt mit ihrem Zeigefinger über meinen Nachttisch und bläst übertrieben feste den sich dort angesammelt habenden Staub vom Finger. Das ist so kein Zustand, sagt sie, schau doch mal nach draußen. Ich wende meinen Kopf ab von den verstummten Ereignissen und blinzele verlegen in die Sonne. Das Wetter ist doch so schön für die Jahreszeit, sagt sie, geh doch bitte raus. Ihr Ton hat schon fast was Flehendes. Ich schaue sie etwas verwirrt an, glaube ich, denn sie fügt hinzu: Du könntest Brötchen für heute Abend holen. Daraufhin nicke ich träge, sie gibt mir Geld, ich gehe nach draußen und laufe unendlich müde meiner Straßenbahnhaltestelle entgegen.

In der Straßenbahn sitzen vor mir zwei junge Leute, ein Junge, ein Mädchen, beide etwa 20. Ich bin nicht viel älter als sie, doch halte mich für sehr viel älter. Das liegt nicht an etwaiger Lebenserfahrung, die ich ihnen voraus hätte (welche auch?), sondern an meiner generellen Abgestumpftheit. Altern ist im Grunde ein entropischer Prozess, es geht da nicht um Erfahrung. Das Altern lässt sich vergleichen mit Insassen einer Gefängniszelle, welche bloß darüber reden, wieviele Tage sie schon sitzen und wieviel noch kommen werden. Zumindest denke ich das, es stimmt aber ganz bestimmt nicht.

Die beiden unterhalten sich über Traumdeutung. Ein Thema, von dem ich nichts verstehe. Gerne würde ich den beiden von meinem Traum erzählen, den ich immer mal wieder in unregelmäßigen Abständen träume: Ich bin auf einer Kreuzung. Autos brausen an mir vorbei. Krach brandet an meine Ohren. Ich versuche sie irgendwie zu bedecken, aber womit soll ich sie bedecken? Ohne Arme? Ich stehe auf, ein mühseliges Unterfangen, doch ich bin dran gewohnt. Ich sehe, wieviele Leute mich anstarren. Ich versuche zu antworten, doch alles, was herauskommt ist derselbe Krach. Ich öffne meinen Mund, weit. Zu weit. Der Rand meiner Lippen reißt, ich ziehe den Mund nur noch weiter. Blut rinnt meinen Unterkiefer herab, tropft auf den Asphalt. Ich schreie und schreie – doch gottseidank kommt gar kein Laut aus der Kehle. Gern würd ich die beiden fragen, wie die Beiden meinen Traum deuten. Das Mädchen würde vermutlich sagen: Das ist einfach, das ist ein archetypisches Signal für Verschlossenheit. Sie schauspielern, würde der Junge sagen, Sie schauspielern sich durch Ihr Leben. Sie tun so, als würde Sie das nicht kümmern, doch in Wirklichkeit zerfrisst es Sie! Ich wäre wohl erschrocken und würde fragen: Was? Was zerfrisst mich? Die Beiden würden wohl mit ihren Schultern zucken und meinen: Das, was Sie halt bedrückt. Das können wir Ihnen auch nicht so sagen. Und das Mädchen würde wohl abschließend sagen: Das ist eh nur eine Deutung von mehreren möglichen. Daraufhin würde ich wohl nicken, vermute ich und die Beiden würden mit ihrem Gespräch fortfahren.

Doch ich spreche sie nicht an. Weil ich nicht sprechen kann. Also ich bin mir ziemlich sicher, dass ich physiologisch gesehen durchaus sprechen kann, doch ich will es nicht. Ich weiß nicht, warum ich es nicht will. Ich bin vor ein paar Monaten aus einer unruhigen Nacht aufgewacht und habe mir so überlegt, dass es doch ganz sinnig wäre, nicht zu reden. Seitdem rede ich nicht. Meine Therapeutin meinte, das ist irrationales Verhalten. Ich erwiderte, des irrationalen Verhaltens wegen geht man doch zu Therapiestunden. Daraufhin hat meine Therapeutin „natürlich“ gesagt, gekichert, sich geräuspert und sich etwas in ihre Kladde notiert. Das war dann meine letzte Therapiestunde.

Meine Mitbewohnerin hat sich daran gewöhnt, die Leute auf der Arbeit auch. Allerdings gehe ich nicht mehr zur Arbeit, seit drei Wochen nicht mehr. Ich bin nicht krankgeschrieben oder habe Urlaub, ich geh einfach nicht mehr hin. Seitdem habe ich von der Arbeit nichts mehr gehört. Ich wurde nicht gefeuert, niemand hat sich erkundigt, was mit mir los ist. Das Gehalt wurde auch komplett und pünktlich überwiesen. Ich glaube, sie haben mich vergessen oder dachten, ich sei bloß eine Halluzination gewesen. Nicht-Existenz als Kapital. Der ideale Beruf.

Das Schönste an der S-Bahn ist der Fernsehermonitor oben an der Decke. Hier laufen Werbehinweise, Wetteraussichten und Nachrichten, doch alles stumm und ohne Ton, um die Fahrgäste nicht zu belästigen. Ich schaue gebannt auf das stumme Geschehen und erfreue mich an der Distanz, die durch die Stille entsteht. Mir war schon immer klar, dass Bilder ihre Nähe und narrative Wirklichkeit verlieren, sobald man sie verstummen lässt. Bilder von Revolutionen, Unglücken, Emotionen oder Kriegen berühren ohne Ton nicht. Filme werden ohne Ton das, was sie sind: Filme. Sie sind nicht mehr echt, sondern werden zu den Illusionen, die sie sind. Sie lösen sich gewissermaßen auf. Und so entsteht Vergänglichkeit.

Ich entsteige der klimatisierten Straßenbahn und die sengende Hitze wirft mich fast um. Ich atme ein paar Mal tief durch und gehe zu einem Kiosk, an dem ich mir eine Zeitung kaufe. Nachdem ich bezahlt habe, knülle ich die Zeitung in meine Tasche. Eine Frau in der Schlange hinter mir fragt mich, ob ich sie denn gar nicht lesen will. Ich würde ihr jetzt sagen, ich lese keine Zeitung, die ist für meine Mitbewohnerin. Sie würde erwidern, aber es ist doch wichtig, sich zu informieren, Zeitungen sind doch ungeheuer wichtig. Ich würde daraufhin wohl sagen, ich bin jetzt zu müde, um darüber nachzudenken. Dann würde ich den Kiosk verlassen und die Käuferin und der Verkäufer würden die Achseln zucken oder die Augenbrauen hochziehen oder sich zumindest vielsagende Blicke zuwerfen. Doch ich sage nichts. Ich gehe zum Bäcker und kaufe Brötchen.

Auf der Rückfahrt entgleist die Straßenbahn, was natürlich sehr interessant ist, wenn man bedenkt, wie unwahrscheinlich so ein Ereignis ist. Ich sah gerade in den Monitor an der Decke. Dort lief ein stummer Bericht über ein Schulbusunglück. Der ausgebrannte Bus, verschmorte Plastiksitze, Leichentücher, blinkende Krankenwagen, weinende Eltern. Alles ohne Ton. Da ich monatelang keine Nachrichtentöne mehr „konsumiert“ habe, bin ich mir sicher, dass wirklich wichtige Ereignisse stumm geschehen. Sie machen kein Geräusch. Wenn etwas Wichtiges in meinem Leben geschehen würde, wäre es still, dachte ich. Das war natürlich falsch, das wusste ich auch. Logisch betrachtet macht das keinen Sinn. Ich schaute mir gerade an, wie Feuerwehrmänner das Buswrack in kompletter Stille betraten, da krachte es dann plötzlich laut, unheimlich laut, ein infernalischer Krach. Generell wankte die gesamte Bahn. Hinter mir schrien ein paar Fahrgäste. Ich machte ein paar Mal schnell den Mund auf, um zu sehen, ob ich schreien konnte, doch es kam nichts. Sowieso sinnlos, schätze ich mal. Der Rest ist schnell erzählt. Vor mir tauchte nochmal das Gesicht des Mädchens auf, welches in meiner Fantasie sagte: Das ist nur eine Deutung von mehreren möglichen. Daraufhin wankte die Bahn bedrohlich und kippte nach rechts über. Ich sah, wie ich nun auf dem Bordstein aufschlagen würde, doch den Aufprall bekam ich nicht mehr wirklich mit, da war schon alles still.

One thought on “Verstummte Ereignisse

  1. Du hast mir ein neues Wort beigebracht. Infernalisch. Und dieser Text ist von solcher Größe, weil man sich wirklich damit beschäftigen kann, was man fühlt, nach dem Lesen. Das ist eine große Leistung. Danke.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s