Gruppenfotos – Mailauszug

Auszug aus einer Mail an einen tollen Menschen, 10. April:

[…]

Manchmal werde ich zornig. Einfach so. Man sieht es mir von außen nicht an, aber ich koche innerlich. Das kommt und geht. Zu meinem Geburtstag Ende Februar schenkte mir eine Tante eben eine dieser  verhassten Spruchkarten. Auf ihr steht: „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.“ Das ist ganz, ganz ekelhaft. Ich hätte an die Wand springen können, ich hätte ihr sagen können, dass das der erbärmlichste und unwahrste Aphorismus ist, den ich mir vorstellen kann. Ich hätte den Scheißtopf mit Kartoffeln vom Tisch schmeißen können. Ich hätte den Topf meinen Eltern an den Kopf werfen können, wie sie hinter der Tante stehen und mit ihrer Mimik von mir erwarten, dass ich mich brav und demütig für die madige Spruchkarte bedanke. Ich hätte all das tun können. Und alles wäre gut gewesen. Was ich getan habe: Ich habe mich brav und demütig für die madige Spruchkarte bedankt.

Doch es ist wohl klar, dass es nichts Falscheres gibt als diesen Satz: „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.“ So ne Carpe Diem-Scheiße ist nicht angebracht, nicht jetzt, dachte ich. Manchmal raten mir Kumpel in Bezug auf all das, was mich wortlos fertigmacht: „Steh doch einfach morgen früh auf und fang neu an!“ Oder: „Änder dein Leben. Ignoriere all die Probleme.“ Klar. Ich meine, ich würd ja gern bei strahlendem Sonnenscheine aus meinem Bette entsteigen, unter der Dusche „Morning has broken“ trällern und mir vorbeten: „Hier bin ich, achtzehn Jahre jung, mittelgut aussehend und mir strahlt die metaphorische Sonne aus dem metaphorischen Hintern“. Niedlich, so ein Idealismus. Aber verkrampfter Zukunftsoptimismus bringt mir nichts, bringt mir noch nichts. Einsamkeit, Intoleranz und Vorurteil vergehen nicht aufgrund von diversen rosa Sonnenbrillen. Wenn man das Leben stets aus falschen Blickwinkeln betrachtet, nennt man das Psychose. Und es erscheint mir durchaus manchmal psychotisch, was von mir gefordert wird: Meinen Traum leben. Ich habe einen Traum. Ich habe viele Träume. Mein Hirn und Herz zerbricht an der Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich kann mir alles vorstellen und alles erträumen, das ist ja das Schlimme. Denn in der Realität wird aus meinen Träumen nie was, ist noch nie was geworden. […] Ansprechen kann ich eh keinen, es kostet mich sogar bei Twitter Überwindung, auf andere zuzugehen. Ich versuche, krampfhaft mich in Menschen zu verlieben zurzeit. Egal, ob ich sie erreichen kann oder nicht. Und wenn’s Justin Bieber wär,  mir wär das mittlerweile so egal. Ich will bloß, dass ich den Kopf freibekomme, dass ich endlich mal wieder ein bisschen schwärmen kann.

Alle Freunde um mich rum können nicht wissen, wie das ist. Ihnen gelingt das alles scheinbar einfach. Sie finden ihre Freundinnen und ich finde gar nichts. Sie finden ihre Antworten und ich frage weiter. Ihnen gelingt das wie im Handumdrehen, während ich in 18 Jahren keinen im echten Leben getroffen habe, der genauso „veranlagt“ ist wie ich es bin und somit dasselbe fühlt und kennt. Das ist hart, das tut weh, und es berechtigt mich nicht dazu, mich irgendwie geil und geliebt zu fühlen. Nicht mit so einer „sozialen Konstellation“, nicht mit so einem Elternhaus. Meine Eltern fangen an, sich zu beruhigen. Sie reden wieder normal mit mir, sie sagen nicht mehr „Und immer schön mit den Mädchen reden“, wenn ich auf Partys gehe (das ist mir durchaus Recht). Dennoch sind es diese subtilen Grausamkeiten, die immer noch vorkommen. Als ich neulich in der Schule war, hat meine Mutter das Bild von mir an unserer Fotowand im Wohnzimmer von der Mitte rechts in die Ecke gesetzt. Neben mir lachen meine erwachsenen Geschwister in die Kamera, unter ihnen deren Kinder. Jetzt, wo man von mir keine Enkel erwartet, hängt man den Überbleibsel-Sohn (der eh bloß ein Unfall war), einfach an den Rand und blendet schön aus. Von außen sieht das immer noch wie eine idyllische Fotowand aus. Das ist das Subtile. Das ist das Fiese. Es gibt nichts Schlimmeres als Familienfotos.

[…]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s