Nun ist er weg. Wahre Story.

Ich sitze in diesem Scheißzug nach Oberhausen und frage mich, was dazu geführt haben könnte, dass ich nicht öfter mit dem Zug fahre. Natürlich: Bahnhöfe sind oft dreckige Konsumhöllen, die nach muffigem Beton stinken. Dennoch ist es sehr viel sinniger, mit dem Zug zu fahren als mit dem Bus. Züge sind leise, schnell, man findet meist einen Sitzplatz und oft ist dann dieser Sitzplatz auch groß genug, um in Ruhe Zeitung oder ein Buch zu lesen. Außerdem lernt man oft neue Menschen kennen. Einmal saß ich einem etwa 35jährigen Mann gegenüber. Seine verfilzten Haare wurden von einer sibirischen Fellmütze verdeckt, die ich an sich niedlich finde, doch seine war mit braunen zähen Flecken unbekannter Herkunft verkrustet. Der Mann trug einen ausgeleierten Strickpullover mit wirrem Flimmer-Muster, was ich an sich sogar sehr schön finde, doch sein Pullover war durch eine ausgebeulte und unfassbar stinkende Lederjacke verhüllt, auf der unzählige Buttons, Badges und Fähnchen angepinnt waren. Die Zugfahrt mit ihm war grausig. Dann und wann freute er sich so über „die so scheißengelbe Sonne“, dass er mit seiner prankigen, fleischigen und behaarten Hand gegen die Fensterscheibe schlug, so sehr, dass die Scheibe klirrte und jeder im Waggon wachwurde und genervt und kollektiv „Orrr“ machte. Das war schon fast wieder lustig. Unheimlich wurde es dann, als der Waggon fast leer wurde, doch ich mich aus Pietätsgründen noch immer nicht woanders in den Waggon setzen wollte. Auf einmal fragte mich der Mann, ob ich eine Freundin hätte und wie so der Sex mit ihr sei. Ich verneinte. „Sex ist saugeil.“ Er erzählte dann von seiner ersten Freundin (sie hieß anscheinend Susanne) und dann erklärte er mir, dass er es im Wald mit ihr getrieben habe und auf einmal sei der Förster gekommen und dann mussten sie halbnackt durchs Gebüsch rennen. Und ich hätte kotzen können, denn ich wollte mir diesen Mann beim besten Willen nicht halbnackt vorstellen. Zu alledem trug er auch noch eine extrem knappe, enge kurze Hose. In Mannheim ist er ausgestiegen, schlug mir dabei auf die Schulter und ich bemerkte seinen durchdringenden Gestank nach Fusel. Mir war schlecht, bis ich in Karlsruhe dann ausstieg.

Doch das ist jetzt alles vorbei.

Ich sitze in diesem Scheißzug nach Oberhausen, schaue auf die Anzeige oben an der Decke. Do, 14. Apr 2011. 10:33. Der Typ, der mir jetzt gegenüber sitzt, sieht besser aus. Sehr viel besser. Und er ist jünger. Er ist vielleicht 19, höchstens 22. Er hört iPod und streicht sich dann und wann mit einem gelben Textmarker Passagen in seinem Buch an. Er trägt ein knallbuntes T-Shirt, auf dem irgendwas mit „Broken Audio Tapes“ steht. Ob das ne Band ist, frage ich mich hektisch und gehe mein doch recht großes Pop-Wissen ab, um womöglich ein Gesprächsthema zu finden. Doch mir fallen bloß die Tapes’n’Tapes ein. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie er heißt. Woher auch? Er sitzt nah bei mir, maximal siebzig Zentimeter entfernt. Er könnte das hier sogar lesen, wenn er sich anstrengen würde. Doch er markiert bloß ein wenig in seinem Roman herum. Wenn er nichts zu tun hätte, bliebe mir wenigstens die vage Hoffnung, dass er mich irgendwie ansprechen könnte. Aber warum überhaupt? Für ihn bin ich ein mittelgut aussehender Teenager mit Kopfhörern auf den Ohren, der sich irgendwas auf einen Zettel schreibt. Wir kennen uns ja gar nicht. Ich schaue aus dem Zugfenster. Rasant flirren und flimmern Bäume, Felder, Höfe, Straßen an mir vorbei und im Fensterglas reflektiert mein eigenes Gesicht, welches unzufrieden in die Sonne blinzelt.

Ja klar, eitel Sonnenschein, Frühling, alle Pflanzen knospen, hormonelle Kernschmelze, alles begehrt irgendwas, es ist regelrecht zum Verzweifeln. Aber okay, denke ich, hier bin ich, jung, mit Köpfchen und dem lausigsten Flirt- und Freundefind-Potenzial meiner Schule. Fremde ansprechen kann ich partout nicht. Freunde ansprechen dafür umso mehr. Der Typ vor mir hat sein Buch weggelegt auf die Fensterbank des Abteils und schaut ebenfalls besonnen in die Sonne. Ugh, denke ich, wenn ich ihn schon ansprechen will, (und ich will es ja! Auch wenn ich nicht wirklich weiß warum), dann muss ich es jetzt tun. Aber was soll ich sagen? „Was für ein Buch liest du?“ Ja herrje, das klänge ja als wären wir ein altes Ehepaar: „Roswita, was lieste?“ Ich könnte auf seine schicken Kopfhörer deutend fragen, was für Musik er hört und daraufhin heucheln, jene Band sei saugeil. Das würde sogar klappen. Aaw fuck, er sieht wirklich gut aus. Ich fühl mich ziemlich mittelmäßig, überflüssig und aufgedunsen. Ich bin mir sicher, ich habe noch nie hässlicher ausgesehen als heute, Do, 14. Apr 2011. 10:41. Er sieht fragil aus, doch voller Stärke und als könnte er mich mit einem Schlag töten.

Dann packt er zusammen. Nein! Noch nicht! Ich will sagen, hey, wie heißt du, hey, gib mir deine Nummer, hey, warum gehst du schon, geh noch nicht. Ich sage: …. nichts. As always. Er stopft seine Jacke in seine Tasche, fummelt sich die Kopfhörer in die Hosentasche, nickt mir noch zu und ist raus.

Ich blicke ihm hinterher. Und schaue aus dem Fenster. Er hat sein Buch auf der Fensterbank vergessen. Zitternd drehe ich es um. „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Das ist eines meiner ewigen Lieblingsbücher. Das wäre unser Gesprächsthema gewesen. Nun ist er weg.

One thought on “Nun ist er weg. Wahre Story.

  1. niemand schreibt trauriger als du. wobei: kann ehrlichkeit traurig sein? ich glaube, es ist das immer zurückhalten müssen, das mich beim lesen so traurig stimmt.

    das nächste mal genau gleich oder die frage nach buch, leben, absicht oder einfach eine einzige frage ohne selbstzensur?

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