Ich weiß nichts (und das ist schon fast super)

Ich weiß nichts (und das ist fast schon super)

Text aus Fragmenten.

Ich habe kaum noch Lust. Ich habe viel zu viel Zeit. Ich denke über alles nach. Ich zerbreche mir immer den Kopf, ob ich will oder nicht. Ich schlafe nie früh ein. Ich liege immer ewig wach. Ich wurde nachts auf die Wange geküsst, ich habe gegrinst. Ich sprach wenige Worte, ich hoffte auf tiefes Herzklopfen. Ich habe dann geschlafen, ich war dann morgens wieder allein. Ich bin viel zu jung für diese Scheiße. Ich bin okay, doch ich bin allein. Ich sehe meine Freunde und ihre Freundinnen. Ich sehe all das, was mich demotiviert und ich schaue nicht weg. Ich hab den unfassbar hässlichen Idioten beleidigt, welcher T-Shirts mit dem Satz „Sorry, Girls, ich date nur Models“ trägt. Ich habe Freunde gefunden und sie dann vergessen, habe Freunde gefunden und sie bei mir behalten. Ich habe Freunde gefunden, mich in sie verliebt, dann blieben sie weg und ich war wieder allein. Viel fiel mir schwer, vielleicht viel leicht. Ich musste mich erwähnen und protokollieren. Musste Dinge gestalten, die ich nicht mag. Musste Bilder sehen, die ich hasste. Habe Geschmäcker entwickelt und sie dann erstickt. Habe Menschen gratuliert, damit sie mich mögen. Ich habe Notizen notiert, ich habe Romane zerschreddert, ich habe Tabellen analysiert. Ich habe mich gestritten. Ich habe mich als ungeeignet erwiesen. Ich habe mich verbündet. Ich habe mich verschlossen. Ich habe Busfahrten hinter mir, mit Kopfhörern und dem Blick, welcher sagt: Sprich mich nicht an. Ich hab mich im Bus neben Fremde gesetzt, die mir sympathisch wirkten: Sprich mich an. Ich halte im Bus meinen iPod extra offensichtlich dem Sitznachbarn hin, damit er eventuell das Albumcover erkennt. Das ist noch nie passiert. Ich habe Tweets geschrieben, Mails. Ich habe in den Armen eines Anderen auf Feuertreppen geweint, während unter uns Gleichaltrige feierten. Ich hab keinen Bock auf Zurückhaltung mehr. Ich hab Bock auf wildes, irrationales, frühlingshaftes Aufknospen und Verlieben. Wo du auch wohnst und was du auch machst. Ich habe mich kennengelernt, jetzt möchte ich dich kennenlernen. Ich träume nachts von idealen Begebenheiten. Dann wache ich auf und alles ist wie immer. Ich denke, dass alles gut werden wird. Aber verkrampfter Zukunftsoptimismus bringt mir nichts, bringt mir noch nichts. Einsamkeit, Intoleranz und Vorurteil vergehen nicht aufgrund von diversen rosa Sonnenbrillen. Wenn man das Leben stets aus falschen Blickwinkeln betrachtet, nennt man das Psychose. Und es erscheint mir durchaus manchmal psychotisch, was von mir gefordert wird: Meinen Traum leben. Ich habe einen Traum. Ich habe viele Träume. Mein Hirn und Herz zerbricht an der Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich kann mir alles vorstellen und alles erträumen, das ist ja das Schlimme. Denn in der Realität wird aus meinen Träumen nie was, ist noch nie was geworden. Ich träumte heute Nacht, dass ich tot im Schlafzimmer auf dem Boden lag. Mein Gehirn lag irgendwo separat rum, Blut bespritzte die ganzen Wände. Es war kein Selbstmord, glaube ich. Irgendwer kam ins Zimmer und deckte mich sanft mit Kissen und Decke zu, da die Person dachte, ich schliefe. Ich sei der interessanteste Junge unserer Stufe, hat man mir erzählt. Ich habe gelächelt und geplaudert. Ich wurde erwachsen, ich wurde müde. Ich habe geträumt, dann gehofft, dann nichts mehr. Ich fuhr mit dem Zug und starrte aus dem Fenster. Ich wollte nicht nach Hause fahren, wollte bei der Rückfahrt immer an einem fremden Bahnhof aussteigen. Ich gehe zur Schule, ich fahre mit dem Auto, ich möchte dich abholen kommen. Ich schrieb Klausuren, mit Krämpfen in der Hand, hab die Bögen beschriftet und müde eingereicht. Ich fühle mich einsam, ich bin recht sozial, ich fühle mich leer, doch bin total überfüllt. Ich habe keine Antwort für das. Ich habe keine Antwort erwartet. Ich habe keine Lösung. Ich habe keine Ahnung. Oder doch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts. Und das ist schon fast geil.

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3 Kommentare zu “Ich weiß nichts (und das ist schon fast super)

  1. „Ich wurde erwachsen, ich wurde müde. Ich habe geträumt, dann gehofft, dann nichts mehr. Ich fuhr mit dem Zug und starrte aus dem Fenster. Ich wollte nicht nach Hause fahren, wollte bei der Rückfahrt immer an einem fremden Bahnhof aussteigen. Ich gehe zur Schule, ich fahre mit dem Auto, ich möchte dich abholen kommen. Ich schrieb Klausuren, mit Krämpfen in der Hand, hab die Bögen beschriftet und müde eingereicht. Ich fühle mich einsam, ich bin recht sozial, ich fühle mich leer, doch bin total überfüllt. Ich habe keine Antwort für das. Ich habe keine Antwort erwartet. Ich habe keine Lösung. Ich habe keine Ahnung. Oder doch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts. Und das ist schon fast geil.“ Das alles, dass will ich jetzt am liebsten auf meine Wand schreiben, auf meinen Körper, in all meine Hefte, denn es ist so sehr ich, es ist so wahr, es tut so weh und es ist so wunderbar.

  2. Pingback: Ich wurde erwachsen, ich wurde müde. « flugunfaehig.

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