Bitte keine Zitate mehr

Nennen wir meinen Kumpel einfach mal Samuel. So heißt er nicht, aber mir ist der Name gerade so eingefallen und er ist wirklich hübsch. Ins Deutsche übersetzt heißt er „Mein Name ist Gott“ und mein Name heißt übersetzt „Geschenk Gottes“, also bin ich ein Geschenk von Samuel? Oder von Gott? Und wie ist das mit Allah? Im Grunde ja total egal. Mir fällt auf, wie unglaublich wenig ich über Religion(en) weiß. Ich hab schon vor zig Kirchen gestanden und schon in zig Kirchen gesessen als Part irgendwelcher Stadtbesichtigungen. Aber ich war noch nie in einer Moschee oder Synagoge. Oh man, ich weiß nicht mal, ob man da einfach so reindarf. Bei Moscheen muss man die Schuhe ausziehen und ich glaube, man muss sich auch die Hände waschen. Aber ich weiß es ehrlich nicht. Und wie sieht das mit Synagogen aus?

Nennen wir meinen Kumpel einfach mal Samuel. Samuel ist derjenige aus meinem Freundeskreis, welcher die größte Affinität zu Partys und „Nachtleben“ hat. Nachtleben bedeutet hier in der Provinz natürlich bloß, dass laute Chartsmusik aus schlechten Boxen in überfüllte Bauernscheunen gebombt wird. Dennoch kann es recht lustig werden, wenn man es zulässt.

Gestern abend war’s, ich hatte mich gerade mit Zitronentee und Laptop im Zimmer eingemümmelt, ich wollte noch was schreiben. Es klingelt an der Tür, Samuel steht davor und holt mich ab zu einer Fete. „Überraschung“, ruft er und ich bin recht verärgert. Ich mag so spontane Überfallkommandos nicht. Ich zieh mir noch ne Jacke drüber, nehm Geld mit und fahre mit ihm los.

„Warum schleppst du mich denn jetzt mit auf so ne blöde Fete“, frage ich ihn. „Ich bin doch nicht mal eingeladen.“

„Wenn du da stets in deinem Zimmer hockst, wird das doch auch alles nicht besser. Du kannst nicht immer nur über Vergangenes nachdenken und dir ausmalen, was hätte sein können. Du machst dich noch total fertig deswegen. Dann und wann muss man dich aus dem Wust da rausgraben. Und das tu ich jetzt. Mir egal, wie du das findest.“ (Habe ich schon erwähnt, dass Samuel über all meine Probleme Bescheid weiß? Und er verdammt klug ist?) Mich erinnert das an eine SMS, die ich neulich bekommen habe und in der fast dasselbe stand.

Wir prallen auf der Fete auf, ich laufe missmutig zur Kasse und lasse mir einen Stempel auf die Hand drücken. Die ganzen intoleranten Spastis sind auch da, merke ich genervt, ich muss mich also wieder an die wenigen halten, mit denen man gescheit reden kann. „Let’s have a drink“, murmle ich zu Samuel und wir holen uns beide ein Bier. Er bestellt noch zwei Rum-Cola dazu. „Oh komm schon“, mäkele ich. „Diese ganze Alkoholscheiße ein andermal, nicht heute.“

„Seit dieser Sache mit [S.] trinkst du gar nichts mehr. Und noch viel schlimmer: Du feierst gar nicht mehr. Du schottest dich total ab und das nur wegen dieser einen mickrigen Tatsache.“

Es ist weder eine Tatsache noch ist irgendeine davon mickrig, doch ich bin Samuel überraschend dankbar. „Du brauchst manchmal einen, der die freundschaftlich in die Fresse haut“, sagt er, „und das bin heute ich.“

Und dann trinken wir. Und lästern. Und plaudern. Und schweigen. Ich will sogar tanzen, aber die Musikauswahl ist so jämmerlich, dass ich es dann doch lasse. Ich schaue Samuel aber gern zu, wie er mit anderen Witzbolden zu Song 2 und Take Me Out, den noch besten Liedern des Abends, abrockt. Samuel sieht nicht schlecht aus, denke ich. Und merke auf einmal, dass das der erste Gedanke über das gute Aussehen Anderer seit Monaten ist, der nicht von [S.] handelt.

Irgendwann um 1 Uhr stehen Samuel und ich an der Cocktailbar. Seine Freundin hält ihn an den Hüften fest, doch plaudert mit wem anders. Sie hört uns nicht zu. Samuel und ich reden über Filme, kommen auf Donnie Darko zu sprechen, Adams Äpfel, er ist echt ungeheuer klug, denke ich. Wir sagen ein paar Filmzitate auf. „Wie war das noch mal mit den Bockwurstfingern?“ – „Das war bei Inglorious Basterds, oder?“ Dann packt er mich fest an den Schultern und beginnt seinen Vorschlag erneut mit einem Filmzitat: „Ich als dein Anwalt rate dir… dass wir uns jetzt zwei ekelhafte Schnäpse bestellen, runterkippen und du guckst du dich nach irgendeinem gut aussehenden Jungen hier um und fängst an, mit ihm zu reden.“

„Aber ich bin doch wohl der Einzige hier, der was fürs eigene Geschlecht empf-“

„Mit so einer desolaten Einstellung hätt sich Hitler ja sofort erschossen“, witzelt Samuel sarkastisch.

„Hitler hat sich doch erschossen“, sage ich.

„Aber halt nicht sofort. Der hatte noch 12 Jahre Party. Und du machst jetzt auch Party.“ Er bestellt sich zwei Korn mit Brause (das ist wirklich abartig, bitte bestellt das nie). Als wir die klebrig-bittre Sache geschluckt haben (ich mag die Zweideutigkeit dieses Satzes, aber es geht wirklich nur um Brause mit Korn), packt er mich nochmal an die Schultern. Eigentlich mag ich das nicht, aber er darf das.

„Such wen und fang ein Gespräch an. Komm schon.“ Er zitiert einen Song von The Streets: „There’s plenty of fish in the sea.“

„Ja, schon“, meine ich. „Aber die Küste ist 200km von hier entfernt und Fernbeziehungen mag ich nicht.“

Ihr erwartet jetzt bestimmt ein Happy End. Dass ich einen Gesprächspartner gefunden habe, mit ihm stundenlang tolle Dinge besprochen habe und jetzt evtl. sogar eine Handynummer reicher bin, hm? Ihr erwartet, dass Samuel mir dazu gratuliert? Ihr erwartet, dass ich unglaublich froh bin?

Nachdem Samuel mir nochmal auf die Schulter haute, mischte er sich unters Getümmel der Party und ich blieb allein zurück. Ich stand noch eine Weile an der Theke, lauschte den Gesprächen anderer, aber klinkte mich nie ein. Ich blieb stumm. Wie immer halt. Und ging dann eine Stunde später nach Hause und hab mich wie immer komplett allein in mein Bett gelegt. Schluss, aus, kein Happy End, keine Pointe. Das Leben ist kein Filmzitat.
Und ich bin viel zu frustiert, als dass ich jetzt irgendwas Tiefsinniges oder Optimistisches daraus erkennen könnte.

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Ein Kommentar zu “Bitte keine Zitate mehr

  1. Ich persönlich denke beim Namen „Samuel“ zunächst an „Samen“, als zweites an das „Muh“ von der Muh-Kuh. Und Samu! wäre zumindest dem Klang nach sicher geeignet als Imperativ für irgendeine fremde Sprache („Säe!“). Jedenfalls sind die Freunde, die einen rauszerren und notfalls auch mal sanfte Gewalt dazu anwenden, gute Freunde (Zitronentee und Einmümmeln in allen Ehren!), nichts ist für die deprimierte Denkmühle störender als die gute, alte, dramatische Interventions-Ohrfeige, auch wenn sie symbolisch gegeben wird. Hin und wieder braucht es jemand Außenstehenden, der einem einen Satz wie den vom Abschotten und der einen mickrigen Tatsache ins Gesicht sagt, auch wenn das in den eigenen Augen meilenweit von der Wahrheit entfernt ist; was passiert, wenn man mal für einen Moment den Blick vom Worst-Case/ Ist-Zustand wendet und mit dem Schmachten nach dem Best-Case-Szenario innehält, ist, dass man nach Monaten neue Perspektiven bekommt, wie in diesem Fall.
    Euer Dialog mit der Streets-Zeile, wiederum wie eine Zeile aus einem anderem Lied: „You said there’s tons of fish in the water – So the waters I will test“. Ist das nicht bescheuert? Jemand sollte das umdichten und endlich den Punkt mehr herausbringen, dass es sinnlos ist, irgendwelchen Fischen hinterherzujagen, wir sind hier nicht bei Arielle, die kleine Meerjungfrau. Niemand erwartet ein Happy End. Und wenn man selbst aufhört, auf eins zu warten, wird man selbst viel happier.

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