Traum

Ich war in einem Freizeitpark. Zusammen mit einem besten Freund und seiner Familie. Seine Familie hatte einen Austauschschüler aus den USA, dessen letzter Tag in Deutschland gekommen war. Die Sonne knallte auf die Anlage, die alles in allem sehr langweilig war: ein paar Türme mit Kletternetzen, ein paar kleine Beachvolleyball-Anlagen, oben in der höchsten Etage des Kletterturms ein Restaurant. Ich komme mir vor wie das fünfte Rad am Wagen auf dieser ja doch eher privaten Familienfeier. (Ich werde schneller tippen müssen, da ich merke, dass ich mich immer weniger an den Traum erinnere.) Ich liege still mit meinem Freund auf dem Rasen, alle langweilen sich ein wenig. Nur der Austauschschüler ist schon den ganzen Tag über mit der Schwester meines Freundes irgendwo in den Kletternetzen. Ich merke, wie mein Freund an der Schulter getippt wird von einem Mädchen, welches im wahren Leben bei einem Autounfall ihren Freund getötet hat. Derzeit liegt sie noch in der Intensivstation und ich denke oft an sie. Zurück zum Traum. Das Mädchen wirkt unglaublich glücklich und fragt meinen Freund, ob sie nicht mit ihm einen Platz zum Badminton suchen will. Mein Freund sagt sofort begeistert zu und da realisiere ich, dass ich ihn heute wohl ziemlich langweile. Sein Bruder gesellt sich (warum auch immer) zu den Beiden hinzu, ich bleibe liegen. Erst, als sie schon fast um die Ecke verschwunden waren, stehe ich auf und rufe: „Kann ich nicht mit? Dann können wir doch ein Doppel spielen.“ (Im Badminton bin ich sogar ganz gut.) Sie sagen zu. Doch irgendwie nehmen sie immer mehr Umwege, anstatt nach einem Platz zu suchen. Sie rutschen eine Wasserrutsche herunter, begehen ein Labyrinth und besteigen auch hohe Kletternetze. Ich will ihnen immer sagen, dass die Badminton-Plätze doch ganz woanders sind, doch immer wieder wird es verhindert: ein Hund springt mich an, eine Wasserfontäne spritzt mir in den Mund, ich verhake mich mit meinen Schuhen in einem Kletternetz. Ich rufe um Hilfe, weil ich mich allein aus dem Netz nicht lösen kann, obwohl die Schuhe nur ein wenig verhakt sind. Doch niemand hilft mir. „Das kann man nicht mehr lösen. Das müsste man schweißen“, ruft mir ein Besucher zu. Ich verzweifle immer mehr, meine drei Begleiter habe ich schon lange aus den Augen verloren. Mit Tränen in den Augen versuche ich, das Netz um meine Füße zu lösen und es klappt unglaublich gut, einfach und schnell. Ich sage zum Besucher, welcher unglaublich dick ist: „Schauen Sie, war doch ganz einfach, ich hab das selber geschafft.“ Der Besucher ruft bloß: „Das interessiert mich nicht“ und verschwindet. Ich suche weiterhin fieberhaft nach meinem Freund und seiner Begleitung – wo sind sie bloß hin? Oben auf dem Gerüst habe ich unglaubliche Höhenangst, ich muss fast krabbeln und darf nicht nach unten sehen.

Ich bin wieder unten angekommen. Der amerikanische Austauschschüler und die Schwester meines Freundes (er hat eigentlich keine Schwester) knutschen hemmungslos im Sand herum, rollen durchs Gras und sehen unglaublich glücklich aus. „How tragic!“, ruft die Gastmutter den beiden lachend zu. „It’s your last day, tomorrow he will be gone.“ Als würden sie jede Sekunde, die ihnen noch bleibt, ausnutzen, denke ich. Dann sehe ich meinen Freund wieder. Er steht zusammen mit dem Mädchen (welches sich traumartig halt in ein anderes, mir unbekanntes Mädchen verwandelt hat, was aber vom Aussehen her mehr seinem Geschmack entspräche) auf einer Kletterbrücke und reden lachend und schauen sich tief in die Augen. Neinneinnein, denke ich mit einer plötzlichen Explosion von Trauer und Einsamkeit, sie sollen sich jetzt nicht verlieben. Dann habe ich keinen mehr. Ich will zu ihnen hoch, auf die Brücke, doch sie ist unerreichbar, keine Stufen führen zu ihr. Neben mir wird ein Junge von einem Hund zerfleischt, und der Besitzer des Hundes ruft: „Oh gott, er hat sich ganz allein losgerissen!“ Ich versuche, zu ihnen auf die Brücke zu gelangen – irgendwie müssen die beiden da ja hin gekommen sein. Wieder beginnt eine Odyssee durch die ganze Freizeitanlage. Ich komme überall hin, verlaufe mich überall, muss oben vor Höhenangst wieder krabbeln, doch ich komme nicht auf die Brücke. Ich sehe ein, dass es zwecklos ist. Ich laufe traurig und komplett allein durch den heißen Sand einer sonnendurchfluteten und menschenübersäten Freizeitanlage. Irgendwo hier ist mein Freund unglaublich glücklich, doch ich kann nicht zu ihm hin. Alle verlieben sich um einen rum, man selber bleibt zurück. Die Eltern meines Freundes kommen mir entgegen, sie spazieren ebenfalls durch die Gegend. Ich frage sie, ob sie wüssten, wo mein Freund steckt. – „Oh, der braucht dich gerade nicht“, lacht seine Mutter, „der ist ganz glücklich so.“ Ich nicke bitter und gehe weg. Sein Vater sagt hinter meinem Rücken: „Ein kluger, seltsamer Junge. Er versteht’s nicht.“
Ich laufe immer weiter, die Sonne geht unter. Ich komme in das Restaurant dieser Freizeitanlage. Dort sitzen sie alle: die Eltern meines Freundes, der Austauschschüler, seine neue Freundin und zeitgleich die Schwester meines Freundes, sein Bruder, er selbst mit seiner neuen Freundin. Sie sitzt bei ihm auf den Schoß und sie haben schon ihre gesamten Gerichte und Getränke bekommen. Sie haben also ohne mich angefangen. Ich setze mich auf einen zufällig leeren Stuhl, mein Freund lächelt mich lasziv an, nach dem Motto: „Ich hab’s geschafft.“

Zeitsprung im Traum. Ich stehe allein auf einem Weg, vor mir das Wellenbad des Freizeitparks. Menschenmassen wogen hoch und runter im Wasser. Sie sehen alle glücklich aus. Ich schaue bis zum Horizont und merke, dass das Becken kein Ende hat, sondern scheinbar unendlich lang ist. Ich habe den Kopf auf einem Geländer vom Weg. Mein Freund kommt – diesmal gottseidank allein. Er sieht mir beim Weinen zu, legt den Arm auf meine Schulter. „Ach ja, richtig, du bist ja jetzt sozusagen allein zurückgeblieben.“ Ich weine noch mehr und sage: „Sieht so aus, als hätte ich verloren? Bin jetzt allein. Ich meine, ich gönne dir das, ich freu mich für dich.“ – Mein Freund sagt: „Dir stehen alle Möglichkeiten offen. Du bist gereift. Mach was aus dir, du schaffst das. Du bist nicht allein. Du hast immer noch mich.“ Ich hole meinen Führerschein heraus und zeige ihn vor. „Nein“, sagt er. „Nicht so erwachsen. Nicht erwachsen vom Alter her, sondern vom Kopf aus, vom Herz aus.“ – „Ja, die Erde dreht sich wohl weiter.“ Wir beide schauen den wogenden Massen im Wasser vor uns zu. „Du bist jetzt schlau genug, alles zu schaffen, was du willst. Du brauchst keine Stützräder wie mich mehr.“ Und er schaut mir in die Augen, alles verschwimmt und ich wache in meinem Bett auf. Ich habe das Gefühl, dass dieser Traum alles erklärt hat und mir alle Möglichkeiten aufzeigte – deshalb war er so traurig und schön zugleich.

Noch ein Wort. Ich hatte während des gesamtem Traums einen Ohrwurm von Broadcast und dem Song „Come On, Let’s Go.“ In diesem düsteren Lied lässt sich der gesamte Songtext auf meinen Traum übertragen. Das finde ich wirklich faszinierend. Der gesamte Text passt perfekt zur Deutung des Traums. „You won’t find it by your self / You’re gonna need some help / And you won’t fail with me around / Come on let’s go.“ Und vor allem:

When you’re looking for a friend
But it’s empty at the end
When everybody’s disappeared
You won’t be alone

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Ein Kommentar zu “Traum

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