Digital Close-Up. Hörspielmanuskript.

 

Digital Close-Up.

Die Geschichte des Georg Kust.

Ein fiktives Radiofeature von Matthias S. / @mlampin.

In Hamburg realisiert der bis dato noch unbekannte Aktionskünstler Georg Kust eine Kunst-Performance der besonderen Art. Im Zuge der Internetdatenschutz-Debatte um Facebook und weitere soziale Netzwerke startet Kust ein Projekt, in dem sein gesamtes Leben – auch sein komplettes Alltags- und Privatleben – via Livestream in das Internet übertragen wird. Die totale freiwillige Selbstdarstellung und gleichzeitig die totale Überwachung. Das Projekt wird über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Alles läuft wie am Schnürchen und ganz im Sinne des Erfinders, bis Kust abends jemanden kennenlernt, der ein ganz anderes Ziel verfolgt: die Produktion des ersten echten Snuff-Films, also einen Mord vor laufenden Kameras. Ein fiktives Feature, eine ernste Satire, eine Zukunftsvision?

Wurde im Juni 2010 geschrieben. Wurde im September 2010 vom WDR abgelehnt, dann im Februar 2011 im BR. Mir ist das natürlich nicht egal, aber ich bin stolz genug auf meine Arbeit, dass ihr sie lesen dürft.

(Danken möchte ich meinen Freunden Max und Simon, ohne die es dieses Hörspiel nicht gäbe und die mir beim Schreiben immer wieder halfen.)

ACHTUNG! ES IST LANG! (Gedruckt sind es 27 Seiten.)

Georg Kust (Sound wie aus einem Computerlautsprecher)

Digital Close-Up. Das Manifest.

Willkommen im Leben. Noch nie war unser Leben so öffentlich wie heute. Wir teilen im weltweiten Netz unsere Gedanken, Stimmungen, Launen, Lieblingslieder und Intimfotos mit wildfremden Menschen, die wir dennoch schnell zu Contacts, oder zu Friends befördern können. Sharing is Caring. Ein jeder kann sich heutzutage rasend schnell über dich informieren, sofern er dasselbe soziale Internet-Netzwerk bedient wie du.

Noch nie war unser Leben so öffentlich, aber auch zeitgleich so falsch und inszeniert. Seid ihr zufrieden damit? Mit der kompletten freiwilligen Überwachung durch Andere? Wie fühlt es sich an, nachts einsam die Facebook-Profile der besten Freunde und ärgsten Feinde aufzurufen und dort zu spionieren? Oh. Ein neuer Eintrag von… von Jessica? Die Jessica aus meinem Kochkurs? Et cetera. Der Tod ist ein Meister auf Google, würde Heine heute schreiben.

Wie fühlt es sich, werter Web 2.0-Lemming?

Seit dem Tod der New Economy liegt das Web 1.0 in den Todeswehen. Man überlässt sein Glück nicht mehr in Andere, sondern gestaltet selber mit. Soziale Netzwerke, Online-Kaufhäuser, Creative Commons… Die Gegenkultur in den 60er Jahren träumt von einem globalen Netzwerk, wo jeder und alles vereint ist: Avantgarde und Mainstream, Konservative und Liberale. Nazis und Naziklopper. Nun, etwa vier Dekaden später gibt es dieses globale Netzwerk, das Web 2.0. Wenn man will, kann man sich locker überwachen lassen. Ein freiwilliges Do-It-Yourself-CCTV.

Wir lassen uns permanent durch die anhand von sogenannten Smartphones überall anwesende Öffentlichkeit und distanzlose Kontaktfreudigkeit überwachen, freiwillig, erlaubt und aktiv. Jeder könnte mit ein bisschen Hintergrundinfo bei den schwersten Fällen der akuten Web 3.0-Krankheit (dem Internet der Echtzeit) ohne weitere Mühen rauskriegen, wo sich die Person zurzeit aufhält und was sie macht.

Ich werde diese Unsitte provokativ und im Selbstversuch auf die Spitze treiben. Permanente Videoüberwachung bei mir! Mein Alltag wird durch und durch gefilmt und per Livestream durch die Breitbandverbindungen in dein Internet und dein Hirn gestopft! Exzessives Knüpfen von Kontakten! Wildfremde Menschen werden mir zu Kontakten, dann zu Freunden! Das Private ist politisch. Und das Belanglose privat. Beziehungsweise: eben nicht mehr privat. Folgt mir, wie ich mir die winzigen Kameras in meine Brille montiere. Wie ich meine Wohnung voller Kameras installiere. Wie ich jeden Fremden in der Kneipe zum DVD-Abend einlade. Wie jeder sinnlose und intime Gedanke in den nächsten 7 Tagen in meinem Blog veröffentlicht werden wird. Welche Internetseiten ich aufrufe. Mit welchen Menschen ich verkehre. Was ich koche. Esse. Kaufe. Lese. Schaue. Höre. Sehe. Fühle. Rieche. Schmecke. Denke. Sage. Schreie. Brülle. Flüster.  Ein freiwilliges Do-It-Yourself-CCTV.

Und ganz im Sinne der Sammelwut der sozialen Netzwerke, werde ich diese Terabytes an Daten nach der Aktion unbefristet für jeden gratis zum Download anbieten.

Schaut zu, wie ich in der Öffentlichkeit bade und womöglich darin untergehen werde. In einer Woche geht es los.

Ansage:

Digital Close-Up – Die Geschichte des Georg Kust

Ein fiktives Dokumentarhörspiel von Matthias S

Christoph Rettig (zu einem imaginären Reporter hin. Im Off Geräusche durch einen Computerlautsprecher, dann und wann klingelt kurz das Telefon.)

Im Nachhinein ist das alles sehr schwer, es sich anzugucken. Seit dem Tod von Georg hab ich mir das nicht angeschaut. Das ist das erste Mal seitdem, dass ich das hier sehe. Ja, man sieht ja kaum was. Man sieht, wie er bei einem SpyTechnik-Ausstatter, also einem Verkäufer von Spionagetechnologie ist. Und er lässt sich für die Kamera erklären, wie die in seiner Brille eingebaute Mini-Kamera funktioniert.

Sprecher:

Christoph Rettig sitzt vor seinem Laptop und schaut sich mit uns zum ersten Mal seit dem Mord am Hamburger Aktionskünstler Georg Kust dessen Aufnahmen an. Rettig war der beste Freund, doch auch Co-Künstler von Kust. Er konzipierte mit ihm das Projekt „Digital Close-Up“. Kust dokumentierte und digitalisierte für sieben Tage sein komplettes Leben. Sein öffentliches Leben wie sein Berufsleben. Sein Privatleben wie sein Intimleben.  „Digital Close-Up“ sorgte 2010 für nationale Diskussionen. Die Grundsätze von Anonymität und Überwachung wurden neu diskutiert, die Rolle des Internets soziologisch neu durchdacht, doch auch Kritikerstimmen aufgerollt, die das alles nur für einen PR-Gag hielten.

Christoph Rettig: (Blätterrascheln)

Das sind hier die ersten Entwürfe von uns beiden für „Digital Close-Up“. Er hatte drei Kameras am Körper. Eine war in das Mittelgestell der Brille einmontiert. Sie war wirklich winzig, kaum sehbar. Und lieferte doch gerissen scharfe Bilder. Dann hatte er eine Kamera in seine Jacke integriert, ungefähr auf Brusthöhe. In seiner Armbanduhr war ebenfalls eine Kamera, die meistens dazu genutzt wurde, dass sein Gesicht gezeigt wurde. Dann hat er sich so vors Gesicht gehalten. Die drei Körperkameras übertrugen die Bilder an den kleinen Server in der Hosentasche von Georg. Der sendete die permanenten Datenströme inklusive GPS-Signal zu uns, wir bedienten dann den Schnitt.

Sprecher:

Wir, das sind vierzehn Freiwillige, darunter Christoph Rettig selbst. Sie waren die Helfer am Projekt „Digital Close-Up“. Sie saßen in der Wohnung von Rettig und schnitten die unterschiedlichen Kameraperspektiven zu einer Art Film weiter, der komplett ungefiltert als Livestream durch das Internet sendete. Die vierzehn Freiwilligen wurden „Digital Natives“ genannt. Digitale Ureinwohner. Eigentlich ein Medienbegriff für Netzaktivisten und Blogger.

Christoph Rettig: (Blätterrascheln)

In seiner Wohnung waren vierzig Kameras. Die meisten waren im Wohnzimmer, etwa zehn waren in der Küche und fünfzehn weitere verteilten sich auf den Rest. Alleine im Badezimmer waren drei Kameras. Eine über der Dusche, die andere beim Waschbecken, die dritte bei der Toilette. (Pause)

Ich weiß, das gehörte zum Plan mit dazu, aber es war schon letztendlich zum Ende hin unangenehm für mich, alles zu sehen. Unzensiert, unbearbeitet. Ich wusste alles über ihn. Mit welchen Frauen er verkehrte. Welche Geheimnisse er hatte. Was er aß. Wie er duschte. Wie er an den Intimstellen aussah. Georg befahl uns, die Kameras nie wegzubewegen oder irgendwo rauszuzoomen. (Pause)

Die Aktion hieß ja schließlich Digital Close-Up. (Längere Pause)

Und was mir ja bewusst war, war, dass nicht nur ich solche intimen Dinge meines Freundes sah. Sondern zigtausend Menschen im Internet. Wir hatten minutiös geführte Blogs über seine Aktivitäten, veröffentlichten Protokolle und Highlights auf YouTube, die gesamte Netzwelt und Blogosphäre sah gebannt zu. Wir hatten durchschnittlich 34.000 individuelle Zuseher am Tag. Das ist ne Kleinstadt!!! Er war nie alleine und komplett öffentlich.

(Pause)

Das haben wir bis zum Ende hin durchgezogen.

Sprecher:

Zu Gast bei Nathan Johnson. Er ist Kritiker, Feuilletonist und freier Journalist, arbeitete schon für die taz, FAZ sowie Cicero. Er führte mit Georg Kust ein Interview über die Aktion.

Nathan Johnson: (sehr tiefe, aber klare Stimme. Im Hintergrund Café-Atmo.)

Er sah mir sehr sicher aus. Er wusste, was er da tat. Auf jeden Fall. Ich habe ihn gefragt: „Herr Kust, haben Sie keine Angst, dass Ihnen was zustößt während all der Zeit? Das wäre ja alles unglaublich, wenn Ihnen was zustoßen würde. Sie wollen ja explizit Fremde zu Freunden machen und Sie zu sich nach Hause einladen, um damit zu demonstrieren, wie einfach man im Web 2.0 Fremde zu Freunden rekrutiert.“ Und er saß da nur, hat geraucht, mich müde angeguckt, gelächelt und dann sagte er bloß: „Ja, das wär unglaublich. Aber es wär vor allem revolutionär. Finden Sie nicht? Keiner würde sowas machen, denken Sie nach. Niemand würde mir was antun. Das Gesicht von ihm wäre einen Tag später doch weltberühmt.“ Ich fragte ihn: „Würden Sie dann das Projekt abbrechen, falls Ihnen doch etwas zustößt?“ – Und er bloß: „Nein, ich glaube nicht.“ Ich sagte: „Wenn Sie jemand beispielsweise ermorden würde, dann wäre das ein richtiger Snuff-Film.“

Sprecher:

Als Snuff-Film bezeichnet man reale Morde, die vor laufender Kamera ausgeführt werden, bloß des Filmes wegen. Der Kulturwissenschaftler Michael Vinken schrieb ein Buch über die Aktion „Digital Close-Up“. Er geht in einem Gespräch mit uns auch auf Snuff-Filme ein.

Michael Vinken: (Im Hintergrund Bücherei-Atmo)

Snuff ist der reale Tod im Film für den Film. Ich betone: es geht hier nicht um die offensichtliche Sichtbarkeit irgendeiner Gewalt an Körpern. Snuff-Filme zeigen nicht unbedingt Vergewaltigungen, oder Folterungen. Sondern Snuff zeigt den Tod!

Snuff ist Realität. Ohne Realität kein Snuff-Film. Der Streit um den filmischen Realismus bekommt bei Snuff-Filmen ein ganz neues Gewicht, da es sich bei ihnen um das Angebot der Eröffnung neuer Perspektiven auf die Vernetzung zwischen Medien, Realität und Tod handelt.

Medien, Realität und Tod. Alles drei kam bei Digital Close-Up vor.

Georg Kust: (Sound wie aus einem Computerlautsprecher, zitiert aus seinem Manifest)

Was hast du für Freunde? Welche Filme fandest du schlecht? Was ist dein Lieblingsclub?: Facebook.

Dein absolutes Lieblingsalbum? Welcher Song haut dich um?: Last.FM.

Welche Referenzen hast du? Wo hast du gearbeitet, suchst du Arbeit? Bist du anspruchsvoll?: Xing.

Was kaufst du? Welche Produkte sprechen dich an? Wie bewertest du deine Käufe? Was ist dein Kaufverhalten: Amazon.

Was für Fotos schießt du? Wo treibst du dich rum? Was interessiert dich? Bist du kreativ?: Flickr.

Aber auch:

wie groß ist dein Brustumfang? Bist du rasiert? Magst du es, von wildfremden Männern geil durchgevögelt zu werden, du kleine Schlampe?: Diverse Sexnetzwerke.

Sprecher:

Bereits nach der ersten Ankündigung der Aktion durch Georg Kust fand ein großes Medienecho statt. Innerhalb der ersten 24 Stunden wurden auf der inzwischen gesperrten Internetseite http://www.digital-closeup.net über 700 Kommentare veröffentlicht.

Diverse Internetkommentatoren:

Markus, 20, Speyer:

Alter ich find das voll heftig, was du machst. Aber im Grunde ist’s richtig. Ich versteh deinen Ansatz glaube ich nicht so voll, aber wenn das gegen Überwachung sein sollte, ist das gut.

Christiane, 43, Warendorf:

Eine traurige Aktion! Wer weiß, wie weit sogenannte Künstler in Zukunft noch gehen wollen. Ich warte nur darauf, dass jemand bald ganz viele Leute tötet und es Kunst nennt und dafür 700.000 Mark vom Steuerzahler bekommt.

Kai, 29, Bremen:

Och, wie süß. Ein bis dato unbekannter, belangloser und komplett nichtssagender Aktionskünstler will sich mit einer pseudo-relevanten Skandalaktion profilieren. Soll er mal machen. Ist ja nicht mein Leben, was er sich damit versaut.

Jeanne, 14, Heilbronn:

wir haben darüber heute in der schule diskutiert was ich voll spannend fand ^^ ich selber gib selbst voll wenig über mich preis ich bin nur bei schülervz angemeldet, das muss man aber auch sein, sonst wird man zum mobbingopfer

Georg Kust: (aus einem Computerlautsprecher. Im Hintergrund Straßenlärm.)

Das hier sind die ersten Aufnahmen von Digital Close-Up. Ich bin das personifizierte Grauen des Web 2.0. Für die nächsten 168 Stunden wird mein gesamtes Leben für Sie zuhause komplett zugänglich und erreichbar sein. Sie können mich jederzeit kontaktieren. Meine Adresse wird unten eingeblendet, meine Handynummer ebenso. Ich werde jeden in mein Haus lassen, jeden Anruf annehmen. Im Blog auf unserer Internetseite werden meine Mitarbeiter alles protokollieren, was ich tue. Im Livestream werden Sie aus drei Kameraeinstellungen wählen können. Aus Hüfthöhe von meiner Armbanduhr. Aus Brusthöhe aus meiner Jacke. Und aus Augenhöhe aus meiner Brille. Alle Passanten in meinem Blickfeld werden unverweigerlich online sein. Ob sie wollen oder nicht. Das ist das Google im echten Leben! Das ist die Konterrevolution! Und mein gesamtes archiviertes öffentliches Leben wird für Sie zum Download angeboten.

Bitte leben Sie mit mir mein Leben.

Christoph Rettig (zu einem imaginären Reporter hin. Im Off Geräusche durch einen Computerlautsprecher, dann und wann klingelt kurz das Telefon.)

Wir hatten so viele Ideen. Wir wollten alle paar Minuten eine Umfrage machen, in der die User entscheiden konnten, was Georg machen musste. Das wäre dann jedoch nicht mehr mit dem Konzept vereinbar gewesen, hat Georg uns gesagt. Es geht ja um ein öffentliches, aber nicht zwangsläufig ferngesteuertes Leben. „Das machen wir ein andermal“, hat Georg dann gesagt.

Georg Kust: (aus einem Computerlautsprecher. Im Hintergrund Straßenlärm.)

Das Projekt hat begonnen. Digital Close-Up. Sie sind dabei. Sie sind Ich. Ich bin nicht Sie. Ich bin das Web 2.0. Das Web 2.0 geht jetzt erstmal einkaufen.

Nathan Johnson: (sehr tiefe, aber klare Stimme. Im Hintergrund Café-Atmo.)

Und dann sah man wirklich, wie Herr Kust einkaufen ging. Der Weg zum Supermarkt mit der Straßenbahn, der Weg über den Platz. Dann kaufte er in Seelenruhe ein, während tausende zusahen. Das war live, das war echt, das war authentisch. Man wusste: „In diesem Moment steht jemand in einem Hamburger Supermarkt und legt sich Bananen in den Wagen.“ Es war surreal, ihm bei so Alltäglichem zu zusehen. Er ging einkaufen! Gott, er ging einkaufen! Er bezahlte per Kreditkarte. Seine Geheimnummer wurde nur durch Zufall nicht gezeigt.

Diverse Internetkommentatoren:

Stefanie, 38, Mülheim a.d. Ruhr:

wow du ziehst das ja durch respekt. aber pass bitte auf dich auf

Dieter, 51, Hamburg:

Wahnsinn, Leute! In den Supermarkt geh ich auch immer. Wahnsinnsaktion, Leute! Wahnsinnsaktion!

Michaela, 18, Bamberg:

LOL er benutzt den gleichen staubsauger wie ICH! :D (aber der ist auch echt gut der staubsauger)!

Maximilian, 24, Schwerin:

Geile Aktion versteh jetzt aba nicht, was das uns über Facebook sagen soll. Hä??

Michael Vinken: (Im Hintergrund Bücherei-Atmo)

Das Private ist das Politische. Diese Politik der ersten Person existierte für sieben Tage im realen Leben. Eigentlich kommt der Term der Politik der ersten Person aus der Frauenrechtsbewegung. Aber in den sieben Tagen war er wieder real.

Viele Leute haben sich ja gefragt: Warum macht der Typ das? Hat der so eine Art Verlangen, sich derart exhibitionistisch der Weltöffentlichkeit zu präsentieren? Oder hat er vielleicht psychische Probleme? Vielleicht einen Minderwertigkeitskomplex, den er dadurch kompensieren wollte? Man muss die Vergangenheit von Kust kennen, um zu wissen, warum er das tat.

Sprecher:

Zu Gast bei Johanna Kust, der Mutter von Georg Kust. Sie wohnt in einem Reihenhaus in Duisburg. Dort wuchs Kust auf, welcher 1972 geboren wurde.

Johanna Kust: (spricht zu einem imaginären Reporter hin, im Hintergrund eine „ratternde“ Kaffeemaschine)

Das mag verrückt klingen, aber er war schon immer so. Mit acht Jahren bemalte er unseren gesamten Hausflur rot. Ich nannte es verrückt, doch er nannte es Kunst. Also ließ ich es stehen. Es ist da heute noch, wenn Sie mal gleich gucken wollen… (Schnitt).

Und in der weiterführenden Schule, dem Gymnasium natürlich, hat er regelmäßig den Deutsch- und Kunstunterricht boykottiert. Die Werke, die sie in Deutsch lasen, fand er zu einfach und zu nichtssagend, den Kunst-Unterricht empfand er als Skandal, als Verblödung. (lacht)

Er hat mal auf ein Blatt einen großen Tintenfleck gemacht, ist zur Kunstlehrerin gegangen und wollte eine Eins plus. Die hat er aber nicht bekommen. Da ist er ausgerastet. Er wär fast damals wegen dieser Sachen von der Schule geflogen.

Christoph Rettig: (zu einem imaginären Reporter hin. Im Off Geräusche durch einen Computerlautsprecher, dann und wann klingelt kurz das Telefon.)

Ich weiß im Nachhinein wirklich nicht, was daran so spannend war, ihm zuzusehen. Meistens hat er unglaublich langweilige Dinge getan. Rasen gemäht. Spülmaschine ausgeräumt. Mit dem Hund spazieren gegangen. Einmal ging er ins Kino. Das fanden alle super, weil dann alle den Film mitsehen konnten, ohne sich die DVD zu holen oder selber ins Kino zu gehen.

Die meisten Zuschauer hatten wir entweder dann, wenn er mit Leuten interagierte. Er war zum Beispiel während der Aktion zu einer Anne Will-Sendung eingeladen und da konnte man ihm zum einen im Fernsehen sehen, dann jedoch auch aus seiner Augenperspektive im Internet. Da hatten wir sehr viele Zuschauer. Oder wenn er im Internet surfte oder Mails beantwortete oder sein Blog aktualisierte. Denn man sah ja die E-Mails, die Internetseiten, die er aufrief. Er rief auch pornografische Inhalte auf, und er (leises Lachen)

ja… er… er hatte dann auch Spaß mit den Filmchen. Vor der Kamera. (Lachen)

Und er wurde ja auch andauernd besucht von Leuten, die auch mal berühmt werden wollten. Manche besuchten ihn, er hat ja seine Kontaktdaten im Internet überall veröffentlicht dafür. Die besuchten ihn dann, guckten in die Kameras in der Wohnung und bewarben ihr neues Produkt, oder lasen aus ihren jämmerlichen Büchern vor, die keiner kaufte. Ich wollte dann ein bisschen Geld von den Leuten verlangen, aber Georg sagte dann bloß, dass wir bei Facebook oder so schließlich auch immer mit unterschwelliger Werbung bombadiert werden. Und seltsamerweise hatten wir dann bei solchen albernen Selbstdarstellern auch immer eine hohe Quote. Nur wenn Georg aus seinem Manifest zitierte, war die „Quote“ in Anführungsstrichen ziemlich mager.

Georg Kust (zitiert aus seinem Manifest vom Anfang, Ton wie aus einem Computerlautsprecher)

Schon 2003 werteten Microsoft und IBM Mailinglisten und Newsgroups unter sozialen Gesichtspunkten aus. Auch so konnte man sich schon immer durch unbedachte Veröffentlichung im Internet Nachteile einhandeln. Die Probleme gab es also schon vor der Einführung sozialer Netzwerke.

Allerdings wurden noch nie zuvor so detailliert, kategorisiert persönliche Informationen von Nutzern abgefragt und veröffentlicht, wie es bei den umfangreichen Webformularen der heutigen Sozialen Netzwerke üblich ist. Die automatisierte Analyse dieser Daten wurde dadurch enorm vereinfacht und die bereits genannten Probleme verschärft.

Beispiele: StudiVZ-Profile wurden von Dritten 2006 systematisch ausgewertet. Journalisten und Mediendienste besorgen sich in sozialen Netzwerken Bilder und Informationen. In den USA werden regelmäßig die auf sozialen Netzwerken verfügbaren Informationen bei polizeilichen Ermittlungen herangezogen.

Christoph Rettig: (zu einem imaginären Reporter hin. Im Off Geräusche durch einen Computerlautsprecher, dann und wann klingelt kurz das Telefon.)

Auch sehr toll war es immer, wenn Georg allabendlich die Zeitungsartikel über sein Projekt las und sich darüber aufregte. Falsch zitiert, nix verstanden, unnütz provokant. Er hat an keinem Kritiker ein gutes Haar gelassen. Und er hat sie auch immer aufgerufen, bei ihm anzurufen und mit ihm über den Artikel zu diskutieren, denn er wusste, dass sie das gerade sehen würden. Aber es hat in der gesamten Zeit nur ein einziger angerufen.

Nathan Johnson hieß er.

Nathan Johnson: (sehr tiefe, aber klare Stimme. Im Hintergrund Café-Atmo.)

Ich hab da angerufen. Ja. Ich wollte einfach wissen, wie fake das alles ist. Ich erwartete, dass das nicht seine wirkliche Telefonnummer war. Ich dachte, ich würde zuerst in eine Redaktion geschaltet werden, die die Anrufe filterte und nur die sozusagen guten Anrufe durchließ. Aber ähm, so war das nicht. Ich war sofort in seiner Wohnung und hörte ihn sowohl am Telefon wie am Laptop. Sehr interessantes Erlebnis.

Georg Kust: (wie aus einem Computerlautsprecher. Im Hintergrund Fußgängerzonen-Atmo.)

Ihr seid dabei. Digital Close-Up. Der zweite Tag. (Applaus)

Seit 27 Stunden läuft das Projekt. Ich stehe hier in der Großen Bergstraße in Hamburg. Hier haben sich etwa 20 Leute um mich versammelt, naja, ihr seht das ja durch die Kameras. Und ich werde jetzt einfach mit Leuten ins Gespräch kommen, die hier stehen.

Entschuldigen Sie, meine gute Frau! Sind Sie bei Facebook?

Ältere Frau:

Was ist das denn? Ist das das mit dem Internet? Nein, da bin ich nicht. Das brauch ich nicht. Aber Sie sind doch der Künstler aus dem Fernsehen. (kleines Gelächter der Menge)

Den hab ich im Fernsehen gesehen. Sie lassen sich doch filmen. Ich möchte das nicht. Filmen Sie mich im Moment?  (Schnitt.)

Junge Frau:

Ja klar bin ich bei Facebook. Das muss man doch sein. Heutzutage.

Alle meine Freunde sind da. (kleiner Applaus der Menge)

Georg Kust:

Weißt du denn, – ich duz doch einfach mal wie bei Facebook -, dass es da keine Kontrolle gibt, (Applaus beginnt verhalten, wird dann jedoch immer größer, je mehr Kust auflistet)

ob die Nutzerprofile echt sind oder Fakes? Dass es da kaum Verifizierung gibt? Personalisierte Werbung? Verwertung von Nutzerdaten? Auswertung und Nutzung durch Behörden, staatliche Agenturen und Nachrichtendienste oder die Polizei? Zwangsweise Veröffentlichung von zuvor privaten Einträgen? Extremistische Einträge? Das ist dir alles egal, haha?

(Schnitt)

Pubertierendes Mädchen:

Ob ich bei Facebook bin? Äh. Was wird das hier?

Georg Kust:

Ja, beantworte doch einfach die Frage.

Pubertierendes Mädchen:

Ja, also bin ich. Das ist wie Knuddelz. Das ist für mich wie Knuddelz mit etwas mehr Niveau. (Georg Kust lacht)

Aber, ey, ich halt mich da auch voll zurück, gib da auch nicht meinen echten Namen an und so.  Nur so Phrases, also so Mitteilungen, die mach ich voll oft wegen Langeweile und so.

Christoph Rettig: (zu einem imaginären Reporter hin. Im Off Geräusche durch einen Computerlautsprecher, dann und wann klingelt kurz das Telefon.)

Christoph liebte sowas. Er suchte sich Dumme aus, die er dann vor allen sozusagen agitieren konnte. Er missionierte sie. Er liebte das.

Georg Kust:

Mehr mehr mehr! Mehr Leute fragen! Du da! Bist du bei Facebook?

Jugendlicher:

Ich bin nicht bei Facebook. Hab ehrlich gesagt auch nie drüber nachgedacht.

Georg Kust:

Ja, und warum nicht?

Jugendlicher:

Irgendwie war’s uninteressant. SchülerKZ hat mir als Vernetzungsplattform immer gereicht und selbst da war ich kaum. Ne Freundin von mir hat Facebook und da so seltsame Apps, keine Ahnung, Bauernhof, Aquarium, Hunde füttern und so ein Kack halt, und jedes Mal wenn ich bei der war musste sie jede Stunde danach gucken. Davon war ich schlussendlich so genervt dass ich quasi einen Pakt mit mir selbst abgeschlossen habe, Facebook grundsätzlich zu meiden.

Georg Kust:

Würdest du sagen, Facebook hat dich einsam gemacht? Ich nehme an, du hast die Freundin verlassen.

Jugendlicher:

Also es war auf jeden Fall ein Teilgrund!

(Sarkastisches Raunen in der Menge)

Georg Kust:

Sagenhaft! Weiter so!

(zur Menge) DAS IST DER WIDERSTAND! DAS IST DIE KONTERREVOLUTION! DAS IST DER RICHTIGE WEG! Und was macht unsere Politik? GAR NICHTS! Nur Ilse Aigner löscht ihr Facebook-Konto!

WENN DIE LIEBE WEGEN FACEBOOK BRÖCKELT WAR SIE ES NICHT WERT! HALLELUJA! HALLELUJA!

Jugendlicher:

Das habe ich doch gar nicht gesagt, was für ein Scheiß, man.

Georg Kust:

HALLELUJA!

(Schnitt.)

Georg Kust:

Ja, liebe Leute hier in der Großen Bergstraße! Es werden ja immer mehr. Mittlerweile stehen hier an die 50 Leute. Ich les euch was aus meinem Manifest vor. (Kleiner Applaus).

Lesung aus dem zweiten Buch Mark Zuckerberg. (Vereinzelte Lacher.) Beziehungsweise Lesung von einem Artikel von netzwelt.de, 29. Juni 2010.

„Wenn Ihr Status ‚getrennt lebend‘ oder gerade ‚in Scheidung‘ lautet, sollten Sie Facebook meiden“, rät die amerikanische Akademie für Eherechtsanwälte. Denn immer mehr Anwälte nutzen das soziale Netzwerk, um Beweise in Scheidungsklagen zu finden.

In einer Studie gaben 81 Prozent der befragten amerikanischen Scheidungsanwälte an, dass die Zahl der Beweise aus sozialen Netzwerken in den letzten fünf Jahren stark zugenommen habe. Dabei nehme Facebook als Informationsquelle den unangefochtenen Platz 1 ein. 66 Prozent der Anwälte gaben an, das soziale Netzwerk als Informationsquelle genutzt zu haben.

Vielen Dank! (Applaus, doch auch vereinzelte Buh-Rufe) (Schnitt)

Ruft jetzt alle mit mir zusammen: (entrückte, bombastische Stimme eines Predigers) FACEBOOK IST DER SATAN! FACEBOOK IST REVISIONISTISCH! FACEBOOK IST DER SATAN! FACEBOOK IST DER SATAN! (Manche rufen mit.) Befreit euch von eurer Fessel namens Soziales Web! Das, was sie sozial nennen, ist in Wahrheit der Zerrspiegel davon! Sozial ist asozial! Facebook ist der Satan!

Diverse Internetkommentatoren:

Franzi, 31, München:

Sie und Ihr vehementer Facebook-Hass! Sie brauchen doch eh nur einen Grund, so eine Aktion machen zu können. Sie brauchen sowieso doch eh nur einen Grund, sich bekannt zu machen!!

Johannes, 19, Dresden:

Was für ein Quatsch, Franzi! Der Typ hat doch total recht. Ich hab nachdem ich das gesehen habe, erstmal sofort mein Facebook; Twitter; und Blogger-Konto gelöscht. Und ich fühle mich wirklich irgendwie… freier! Lebendiger!

Christian, 46, Kiel:

Sehr richtig, Franzi. Sehr richtig! All die Leute, die sich über Facebook aufregen, vergessen wohl, wie wichtig Datenschutz bei Facebook ist. Die Datenschutzerklärung bei Facebook ist mittlerweile länger als die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika! Also beruhigt euch mal wieder! Digital Close-Up ist der Satan!

Michael Vinken: (Im Hintergrund Bücherei-Atmo)

Da wurde mir dann klar, als ich diese Aktion in der Fußgängerzone sah und dann die Kommentare auf der Seite las, dass diese Aktion durchaus Relevanz hatte. Und nicht nur das. Digital Close-Up war eine geniale Aktion. Sie war grotesk und aufklärerisch zugleich. Sie war 1984 und die beste Utopie gleichzeitig. Dystopie und Paradies.

(Pause) Und zwei Tage später, nach erst vier Tagen, war alles schon wieder vorbei.

(Pause)

Johanna Kust: (spricht zu einem imaginären Reporter hin, im Hintergrund eine „ratternde“ Kaffeemaschine)

Christoph, Christoph Rettig. Der hat mich angerufen, als es passierte. Da berichteten sie es dann auch schon auf dem Kultursender im Radio.

Sprecher:

Doch noch lief alles wie am Schnürchen.

Neben manchen Kunstaktionen am Tag in der Öffentlichkeit wurde abends größtenteils das Privatleben von Kust übertragen. Am Abend des zweiten Tages ging er in eine Kneipe in der Hamburger Schanze, später in einen Club. In diesen Etablissements sprach er soviele Menschen wie möglich an. Wie ein soziales Netzwerk oder wie User sozialer Netzwerke, bei denen das Suchen und Finden von neuen Kontakten auch in eine Art Sportdisziplin entartet sei, so Kust.

Aus den Gesprächen mit den unbekannten Leuten ergaben sich mitunter belanglose, mitunter spannende Gespräche, die einen ganz eigenen Teil des Projektes darstellten.

Betrunkener Mann: (angeheitert. Im Hintergrund Kneipen-Atmo. Gläserklirren, Gespräche, leise Folkmusik. Sound wie aus einem Computerlautsprecher.)

He! Du bist doch dieser! Dieser Künstler mit den Kameras, oder?

Georg Kust:

Ja, genau. Georg Kust. Digital Close-Up. Willst du mein Freund werden?

Betrunkener Mann:

Was? Ich kenn dich doch gar nicht, alter.

Georg Kust:

Man muss sich heutzutage doch nicht mehr kennen, um Freundschaften zu knüpfen.

Betrunkener Mann:

Äh… ja…. Du, sag mal. Werde ich gerade auch gefilmt?

Georg Kust:

Auf jeden Fall! In meiner Brille hier ist eine Kamera.

Betrunkener Mann:

Darf ich dann mal wen grüßen? (Pause)

Geil, danke. Ich grüße Pit, Mark und Tobias! (grölt schief Fußballhymne) Ole ole ole ole! Super Hamburg! Sankt Pauli!

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Ich glaube, so wie ich Georg einschätze, liebte und hasste er diese Gespräche mit Wildfremden. Zum einen waren diese Gespräche natürlich sehr wichtig für Digital Close-Up. Sie belebten das Projekt und so weiter.

Aber… ich glaube auch… Georg verabscheute das alles im Grunde. Diese ganzen Leute, die er ansprechen musste. Er war eigentlich ein sehr schüchterner Mensch. „Das wird meine Therapie“, hat er mal gesagt bezüglich Digital Close-Up. Metaphorisch gesehen war das aber eine Chemo-Therapie, die Georg Kust am Ende … das Leben kostete…

Nathan Johnson: (sehr tiefe, aber klare Stimme. Im Hintergrund Café-Atmo.)

Georg Kust wusste sich zu vermarkten. Auch posthum. Zwei Audio-CDs namens „Gespräche mit wildfremden Freunden“, welche die Gespräche zwischen Kust und den fremden Teilnehmern in Kneipen und Bars versammelt. Ein kleines Büchlein, schlicht „Kommentare“ genannt. Da sind einfach bloß alle Internetkommentare zur Aktion versammelt. Ein sehr ironisches Büchlein. Und dann natürlich die ganzen Honorare für die TV-Auftritte und Interviews.

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Und dann, so um Mitternacht, ließ er sich mit dem Taxi zum nächsten Club fahren. Er tanzte da gut eine Stunde, lernte dann ein Paar kennen. Bei denen machte er wieder sein „Freunde“-Blabla. Und die haben dann sozusagen zugesagt, wurden in Anführungsstrichen seine Freunde. Und gingen mit ihm nach Haus.

Sprecher:

Live-Sex beim Kunstexperiment.

Flotter Dreier beim Skandal-„S“experiment des Aktionskünstlers Georg Kust / 80.000 Zuschauer live dabei

Schlagzeile der BILD-Zeitung vom übernächsten Tag.

(Sexgeräusche. Sound wie aus einem Computerlautsprecher.)

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Und mitten in der Nacht rief mich dann jemand von der Nachtschicht an. Wie gesagt, wir hatten ja 14 Freiwillige, die die Kameras bedienten. Und ein paar blieben nachts halt da. Und einer von der Nachtschicht rief mich um vier Uhr früh an, ich wachte auf. Und dann sagte der Typ am Telefon ein bisschen kichernd: „Du, Christoph. Die äh… die treiben’s!“ Mir war eigentlich klar gewesen, dass das passieren würde. Sowas sah Georg ähnlich! Provokation ohne Ende. „Ja“, sagte ich. „Mensch, er wollte es so. Alle Kameras voll drauf. Digital Close-Up halt“, sagte ich.

Normalerweise hatten wir um vier Uhr nachts maximal zwei-, dreitausend Zuschauer. Aber da schnellten die Zahlen auf einmal auf siebenundsiebzigtausend Zuschauer! Mitten in der Nacht! Die IP’s, die Zuseher kamen aus der ganzen Welt. Aber er wollte es ja so. Und die Nachricht „Sex bei Digital Close-Up“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das Internet.

Michael Vinken: (Im Hintergrund Bücherei-Atmo)

Das ist natürlich sehr ironisch, dass sich die Nachricht vom „Live“-Geschlechtsverkehr gerade bei Twitter und Facebook rasant schnell verbreitete.

Diverse Internetkommentatoren:

John, 48, Boston:

very good very hot sex. what was the name of the woman?

Elena, 34, Ludwigsburg:

Ich bin jetzt nicht superprüde, aber diese Seite hat ja keinen Jugendschutz. Könnten das nicht dann auch Kinder sehen?

Anonym, Berlin:

Hab den Link gerad via facebook bekommen. Geile Schlampe! Die hats ordentlich gebraucht.

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Die Internetkommentare über dieses Spektakel waren natürlich mitunter sehr… ekelhaft. Sehr sehr ekelhaft. Aber andererseits. Das war alles von Georg so verabredet gewesen. Nach dem Sex mit dem Paar verließ das Paar ja die Wohnung und dann sah man, wie Kust nackt auf dem Sofa im Wohnzimmer saß und eine SMS schrieb. Am nächsten Morgen sah ich dann, dass die SMS an mich ging. Und der Inhalt war: „Habt ihr alles aufgenommen?“ Und dann ein Lachsmiley.

So war Georg halt.

Sprecher:

48 Stunden später war Georg Kust bereits tot.

Johannes Neumair: (im Hintergrund Büro-Atmo.)

Mein Name ist Johannes Neumair. Ich bin Polizeibeamter an der Hamburger Davidwache. Und ich empfing am Beginn vom vierten Tag des Experiments Digital Close-Up einen Notruf aus der Wohnung von Georg Kust. Außerdem gingen hier bei uns in der Zentrale über 400 Notrufe von besorgten Livestream-Zuschauern ein.

Sprecher:

Noch nie konnte ein Mord in der Geschichte der Bundesrepubilk Deutschland so schnell und lückenlos aufgeklärt werden wie beim Mordfall Georg Kust. Das lag natürlich daran, dass es keine weiteren Verdächtigen geben und der Mörder sofort identifiziert werden konnte.

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Der erste reale Snuff-Film…

die Szenen vorm Mord sind alle immer noch legal als Download erlaubt. Die Mordszenen durften wir natürlich nicht zum Download anbieten – anders als die Sexszenen. Aber die Szenen unmittelbar vorm Mord…

die können jetzt noch gedownloadet werden. Und der Mord ist bei Filesharing-Seiten immer noch leicht zu erwerben.

Der erste Snuff-Film…

und ich bin dafür mitverantwortlich…

das macht mir immer noch sehr zu schaffen.

Nathan Johnson: (sehr tiefe, aber klare Stimme. Im Hintergrund Café-Atmo.)

Ich habe ihn gefragt: „Herr Kust, haben Sie keine Angst, dass Ihnen was zustößt während all der Zeit? Das wäre ja alles unglaublich, wenn Ihnen was zustoßen würde.“ Und er saß da nur, hat geraucht, mich müde angeguckt, gelächelt und dann sagte er bloß: „Ja, das wär unglaublich. Aber es wär vor allem revolutionär. Finden Sie nicht? Keiner würde sowas machen, denken Sie nach. Niemand würde mir was antun. Das Gesicht von ihm wäre einen Tag später doch weltberühmt.“

Sprecher:

Der Mörder von Georg Kust war geständig. Er sitzt seit einem Jahr in der Justizvollzugsanstalt Fuhlbüttel in Hamburg-Ohlsdorf. Stefan G. muss noch bis 2018 sitzen. Wir haben die Erlaubnis bekommen, ihn in seiner Zelle zu besuchen.

Stefan G.: (Blätterrascheln)

Das hier ist der Kust-Ordner. In den tu ich alles rein, was über mich in den Zeitungen steht und stand. Ich krieg da die Erlaubnis für, die alten Zeitungen aus der JVA-Bibliothek zu zerschneiden und die Artikel über mich werden hier von mir gelistet. (Pause)

Ich bin weltberühmt. Jede Zeitung hat mal über mich geschrieben. Ich war ja auch sehr mutig. Hab mich ja getraut, was viele mal wollten: Nen Snuff-Film machen.

Michael Vinken: (Im Hintergrund Bücherei-Atmo)

Im Grunde ist das bei Herrn Kust kein echter Snuff gewesen, denn Snuff-Filme haben nur die Intention, einen Tod zu filmen. Doch Kust hatte diese Intention ja überhaupt nicht. Der wollte ja nicht sterben. Der Mörder von Kust denkt zwar, es wäre ein Snuff gewesen, aber… das stimmt nicht.

Stefan G.: (Blätterrascheln)

Ich hab’s durchgezogen. Ich hab mich schon immer für das Thema interessiert und dann sah ich ihn in ner Kneipe. Ich hab mir das tierisch lange überlegt. Mir war ja klar, dass ich dafür in den Bau komme. Aber ich wollte halt die 15 Minuten Ruhm, wie Andy Warhol mal gesagt hat. Ich hab nicht 15 Minuten bekommen, sondern eher fünfzehnhundert, hah. Die Artikelzahl reißt nicht ab. Es gibt ja schon Bücher über mich… und jetzt ja auch ein Radio-Feature.

Johanna Kust: (spricht zu einem imaginären Reporter hin, im Hintergrund eine „ratternde“ Kaffeemaschine)

Abscheu. Ich empfinde Abscheu, wenn ich an den Täter denke. Abscheu. Wie jemand so medien…geil sein kann, einen Menschen zu töten. Während Unschuldige Menschen, tausende Menschen zugucken! Nur wegen der scheiß Kameras.

Wieso dürfen solche Menschen wie der Täter noch leben?

Wieso? Verdammt.

Johannes Neumair: (im Hintergrund Büro-Atmo.)

Herr Georg Kust war um 19.00 des dritten Tages in der Fußgängerzone am Sachsentor und zog da wieder sein Programm ab. Er diskutierte mit Passanten, las aus dem Manifest vor. Es war im Grunde eine „Wiederholung“ vom vorigen Tag. Gegen 20.30 aß er dann mit einer guten Freundin, Jennifer Grupp, zu Abend. Er aß in einem feinen Restaurant in der Innenstadt. Die Kameraperspektive war die gesamte Zeit sehr ungünstig, es war die Kamera aus der Armbanduhr. Also sah man nicht wirklich was. Woran das lag, dass das Abendessen kaum geschnitten wurde, ist unbekannt, aber ich gehe mal von Faulheit oder technischen Defekten aus. Die beiden unterhielten sich natürlich zum Einen über Digital Close-Up, jedoch auch über Alltägliches und Privates.

Gegen 22.30 fuhr Kust mit der Straßenbahn nach Hause. Er besaß kein Auto. Zuhause duschte er, wusch sich und zog sich ein anderes T-Shirt an. Dann ging er in eine Kneipe in der unmittelbaren Nachbarschaft seiner Wohnung. Er betrat die Kneipe um 23.17 Uhr. In der Kneipe traf er einen Nachbar. Er unterhielt sich mit dem Nachbar für etwa zehn Minuten.

Um halb zwölf traf er dann auf Stefan G.. Stefan G. hatte ihn bemerkt, kam auf ihn zu und verwickelte ihn in ein Gespräch über Digital Close-Up. Im Rahmen seiner Kunstaktion rekrutierte Georg Kust den Täter G. zum „Freund“.

Stefan G.: (Blätterrascheln)

Dann hat er mich vollgequatscht. Freundschaft, Facebook, das hat mich alles ja überhaupt nicht interessiert. Ich hab zwar gesagt, ich sei auf Facebook registriert, aber Quatsch! Das kannte ich gar nicht genau. Ich hab das erst durch die ganzen Zeitungsartikel hier gelernt, was Facebook überhaupt ist. Ich dachte, das ist so ein Computer-Programm.

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Das ist ja eh das Traurige, dass der Typ so ein Wichser war, der das sozusagen als seine Plattform missbraucht hat. Den Tod eines Menschen. Dem gings ja gar nicht um das Projekt von Georg. Der wollte einfach nur mal jemanden

das ist so absurd…

der brauchte eine Gelegenheit, jemanden zu töten! Vor einer Kamera! Elender Wichser.

Sprecher:

Bereits nach kurzer Zeit begleitete Stefan G. Georg Kust nach Hause. Laut G. wollte er sich von der Echtheit von „Digital Close-Up“ überzeugen. Kust begrüßte dieses Vorhaben außerordentlich, um auch die trotz der gigantischen Ausmaße des Projekts immer noch vorhandenen Skeptiker umzustimmen. Auf dem einminütigen Heimweg zu Kusts Wohnung unterhielten sich Kust und G.

(Sound wie aus einem Computerlautsprecher. Atmo einer Straße bei Nacht, dann und wann vorbeifahrendes Auto.

Geräusche zweier Paare Schuhe auf Asphalt, laufend.)

Georg Kust:

Und du machst was nochmal beruflich?

Stefan G.:

Taxifahrer.

Georg Kust:

Ah ja. Cool. Taxifahrer… mein Nachbar ist auch Taxifahrer. Wie läuft das Geschäft?

Stefan G.:

Ja, ich sag mal so, Taxifahren ist ja ein stabiles Gewerbe. Es gibt ja immer Leute, die ein Taxi brauchen.

Georg Kust:

Ja, stimmt eigentlich. Und was war so dein irrster Fahrgast bisher?

Stefan G.:

Och, da gibt’s so viele. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll.

Georg Kust: (lacht, dann ernst)

Aber mal ehrlich. Ich könnte niemals Taxifahrer sein. Ich hätte da regelrecht Angst vor. Man weiß ja nie, wer einsteigt. Da braucht es viel Mut für.

Stefan G.:

Du hast da ja zahlreiche Schutz äh mechanismen, sag ich mal. Wir werden eigentlich dafür geschult, jede Konfrontation zu meiden. Falls jemand irgendwie dir seltsam vorkommt, bloß nicht weiter nachfragen. Wenn dich jemand überfällt, gib ihm das Geld. Du hast eh nie so viel bei. Und jetzt mal ehrlich: Wenn dir so ein Killer sagt, „gib mir die Schlüssel und ich fahr weg“, dann gib ihm die Schlüssel! Es ist ja nicht dein Auto.

Georg Kust:

Ja, das ist echt nicht dumm.

Stefan G.:

Also Tränengas hab ich im Seitenfach, so ist das nicht. Aber… man muss als Taxifahrer defensiv sein. Was ich gemacht habe: Ich hab mir eine Kameraattrappe vorn unter den Rückspiegel geklebt und ein Schildchen und drauf geschrieben: „Dieses Taxi wird überwacht.“

Georg Kust:

Das hätt ich bei mir ja auch machen können. Vor mir ne Kamera und drunter schreiben: „Dieses Leben wird überwacht.“

Stefan G.:

Und das ist jetzt alles wirklich echt? Ich mein, das mit den Kameras bei dir? Das ist kein Fake? Ich werde gefilmt?

Georg Kust:

Nee, das Projekt ist doch so groß, das kann man gar nicht faken. Aber viele sagen mir sowas wie du: „Das ist doch fake“. Das liegt wohl daran, dass ich halt zwar immer gefilmt werde, aber mich nur manchmal am Tag als Künstler aufführe. Ich renn jetzt nicht die ganze Zeit rum und schrei „FACEBOOK IST BÖSE“, das hält man ja im Kopf nicht aus.

Stefan G.:

Du, sag mal, ich hab dich bei Anne Will im Ersten gesehen, letztens.

Georg Kust:

Ja, da war ich auch.

Stefan G.:

Kannst du mir irgendwie mal nen Kontakt zur ARD machen? Was vor der Kamera zu machen ist mein Traum.

Georg Kust:

Wir sind jetzt zuhause. Das ist mein Heim. (Pause)

Hier hast du genug Kameras.

(sich öffnende Tür, Jacken werden abgestreift, Schuhe ausgezogen)

Stefan G.:

(leise) Eine Kamera würd mir schon genügen…

Georg Kust:

Hast du was gesagt?

Stefan G.:

Ja, äh, wo hast du hier die Toilette?

(leise, dröhnende, beklemmende Ambient-Musik. Wird lauter.)

Sprecher:

G. und Kust tranken ein Bier, schauten einen Film im Fernsehen. Immer wieder dabei stand G. auf und ließ sich von Kust durch das Haus führen.

Eigentlich hätte es Kust alarmieren sollen, wie oft sich G. nach den Kameras erkundigte.

Wie unruhig G. wirkte.

Und dass er keinerlei Anzeichen machte, auch nach zwei Stunden nicht zu gehen.

Warum reagierte Kust nicht?

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

So normal er auch wirken konnte… er wirkte ja sehr nett, bodenständig und… normal. Aber das war nicht Georg. Das war wer anders. Georg war sehr viel vorsichtiger und schüchterner. Er hatte ja schon vorher Besucher, die sich über Digital Close-Up informieren wollten. Aber… Stefan (PIEP) war komplett seltsam, total merkwürdig. Der hat mir Angst eingejagt. Ich hab mich ins Auto gesetzt und bin losgefahren. Ich wollte einfach nur, dass Georg mit dem Typen nicht alleine ist. Ich hab mir die schlimmsten Horrorvisionen im Auto vorgestellt. Und…

(lange Pause. Zwitschernde Vögel.)

genauso ist es…

ja gekommen…

Sprecher:

G. lässt sich von Kust die Küche zeigen.

Christoph Rettig: (Im Hintergrund Park-Atmo.)

Wenn ich fünf Minuten vorher losgefahren wäre, hätte er noch gelebt, man. Ich … könnt ihr das Aufnahmegerät ausschalten? Könnt ihr das ausschalten? … Nee, jetzt. Ich möchte jetzt eigentlich auch nichts mehr sagen.

Sprecher:

G. möchte ungewöhnlich detailliert alles über die Küchengeräte und das Besteck wissen.

Diverse Internetkommentatoren:

Markus, 21:

Leute! Der Typ ist falsch! Der ist falsch! Ich kenn den Typen! Der ist kein Taxifahrer! Leute! DER IST FALSCH! GREIFT DA MAL EIN!

Dylan, 17:

hab voll das ungute gefühl gerade. können sich die redakteure mal dazu äußern?

Martina, 48:

Der hat ein Messer in der Hand! Der hat ein Messer! LEUTE der hat ein Messer! Messer! LEUTE!

Georg Kust:

Das Besteck hab ich mal damals noch mit meiner Freundin gekauft.

Stefan G.:

Ja, dasselbe haben wir auch.

Georg Kust:

Ich glaube, das ist Ikea-Ware oder so.

Stefan G.:

Auch das Fleischermesser hier?

Georg Kust:

Wieso?

Stefan G.:

Nur so…

Georg Kust: (Schreie, laute Stöhngeräusche von G., der das Messer immer wieder in den Körper von Kust treibt)

OH GOTT NEIN NEIN NEIN NEIN! HILFE! HIIIILFE! HILFE! SCHEISSE! RUFT DIE POLIZEI! DAS IST KEIN FAKE! OH GOTT! (et cetera)

Stefan G.:

Hör auf, so rumzuschreien. Sieht doch eh jeder. Ich hab’s geschafft.

Georg Kust:

HILFE  WARUM WARUM WARUM… (leiser werdend, am Ende wimmernd, dann flüsternd, dann Stille)


(Die selbe Szene des Mordes wird wiederholt, darüber gelegt nun jedoch:)

Statist(en):

Auszug des Chatprotokolls auf der Internetseite von Digital Close-Up.

<02.07 Uhr> scheiße
<02.07 Uhr> omg omg
<02.07 Uhr> OH MEIN GOTT
<02.07 Uhr> das gibts nicht
<02.07 Uhr> nummer von der polizei ?
<02.08 Uhr> oh verflucht oh
<02.08 Uhr> das istn albtraum
<02.08 Uhr> irreal
<02.08 Uhr> man kann nicht eingreifen alter
<02.08 Uhr> ruf einfach 110 an
<02.08 Uhr> man ist zum zugucken verbannt
<02.08 Uhr> scheiße ich mach das aus ich dreh gleich durch
<02.08 Uhr> und sag die sollen dich zur polizeistelle in hamburg verbinden
<02.08 Uhr> ja 110 reicht ich ruf auch schon an
<02.08 Uhr> lieber gott lass das nicht wahr sein
<02.08 Uhr> ob das n fake is
<02.08 Uhr> lass das bitte nicht wahr sein
<02.08 Uhr> wie willste das faken
<02.08 Uhr> lieber gott lass es ein fake sein
<02.08 Uhr> so hab mich nach HH verbinden lassen
<02.08 Uhr> wär vortäuschung einer straftat. strafbar.
<02.08 Uhr> was hat das arschloch gerade gesagt?
<02.08 Uhr> gott ist das krass
<02.08 Uhr> „Ich hab’s geschafft! Weltberühmt?“
<02.08 Uhr> gott ist das heftig
<02.08 Uhr> ja hat er gesagt
<02.08 Uhr> omg wie sick

Sprecher:

Georg Kust stirbt. Mitten in der Nacht, kurz nach 2 Uhr. 28.000 Zuschauer sind live dabei. Als sich die Nachricht vom Tod verbreitet, schnellt die Zahl auf 200.000 Zuschauer aus der ganzen Welt an. Dann werden die Streams von den Mitarbeitern ausgeschaltet. Stefan G. rennt nach draußen.

In diesem Moment kommt Christoph Rettig am Tatort an.

Stefan G.:

Draußen wurde mir klar – warum fliehst du überhaupt? Die Polizei wird doch bestimmt alarmiert sein und dein Gesicht kennt jetzt die gesamte Welt. Nicht fliehen. Fliehen ist feige. Ich hab mir ne Zigarette angesteckt und im nahe gelegenen Park auf meine Verhaftung gewartet.

Sprecher:

Christoph Rettig rennt schnell durch den Vorgarten. Später wird er angeben, dass die Haustür alarmierend weit offenstand. Er fand Georg Kust leblos in einer Blutlache liegend, halb unter dem Küchentisch. Das Messer steckte noch in seinem Körper. Christoph Rettig wollte sich dazu uns gegenüber nicht mehr äußern. Die Polizei wird zehn Minuten später um 02.20 Uhr eintreffen. Stefan G. wird um ca. halb drei morgens gefasst.

Stefan G.:

Als die Bullen ankamen, ich erstmal ganz lässig: „Leute. Vor euch steht der neue Star am Verbrecherhimmel.“ Fanden die nicht lustig.

Sprecher:

Bereuen Sie die Tat?

Stefan G.:

(längere Pause)

Nein.

(Schnitt.)

Sprecher:

Stimmt es, dass Sie gar kein Taxifahrer waren?

Stefan G.:

Das ist korrekt. Also ich war arbeitslos. Als das Projekt schon anfing, wusste ich: „Jetzt oder nie.“ Hab ihn dann halt kennengelernt, und den…

den Rest kennt man ja jetzt… (sympathisches Lachen)

Musik endet.

Stille.

Dann:

Michael Vinken:

Das Feuilleton hat erst nach längerer Zeit nach dem Tod von Kust begonnen, Digital Close-Up authentisch zu bewerten. Man soll über Tote ja nichts Schlechtes sagen, von daher nahm man davon lange Abstand. Es gibt zwei Gruppen, in die sich die Interpreten von Kust spalteten und spalten. Die einen fanden die Aktion eigentlich gut, die anderen jedoch fanden die Aktion zu übertrieben. Das Web 2.0 würde es nicht rechtfertigen, sich derart überwachen zu lassen und auch andere Unschuldige vor Kameras zu setzen. Jedoch finde ich, man muss sein Manifest besser deuten. Das rechtfertigt so eine Übertreibung. Somit handelt es sich hier um eine künstlerisch akzeptable Übertreibung, ein bisschen hyperbolische Drastik ist durchaus d’accord.

(Schnitt)

Er war anders und war gottseidank couragiert genug, auch gegen den starken Strom des Mainstreams zu schwimmen. Er hatte Mut, sich seiner eigenen Weltanschauung zu bedienen und diese auch tatkräftig zu unterlegen, ob man dies billigte oder nicht.

Stefan G.:

Er war das Genie. Ich sein Vollstrecker. Mehr gibt es da nicht zu sagen.

Nathan Johnson:

Sehr traurig. Ich hatte von Anfang an Bedenken. Und jetzt ist er tot. Dabei hätte ich so gern noch mehr von ihm gesehen. Von ihm wär noch so viel gekommen.

Johanna Kust:

Als Mutter ist man immer stolz auf seinen Sohn, vor allem, wenn er Einzelkind bleibt. Sein Vater verschollen, ich tagsüber lang berufstätig. Freunde hatte er eigentlich wenig, aber wir hatten eine riesige Büchersammlung. Die ersetzte sein gesamtes soziales Umfeld. Er war der beste Sohn, den ich mir vorstellen konnte. Wie gesagt: Von ihm hätte die Welt noch viel gesehen. Sehr viel. Da bin ich mir sehr sicher. Es ist unendlich traurig.

Ich bin mir sehr sicher, von meinem Sohn hätte die Welt noch viel gesehen! Er hat die Dinge angepackt!  Von ihm hätte man noch viel gesehen.

Christoph Rettig:

Er war die Liebe meines Lebens, platonisch gesehen. Er war mein künstlerisches, politisches und freundschaftliches Zentrum. Das Genie, mit dem ich zu arbeiten die Ehre hatte. Georg half mir, mich einzuordnen. Ohne ihn wäre ich zerbrochen. Mein Fels in der Brandung. Und jetzt ist dieser Fels auf einmal weg. Und ich bin ganz alleine übriggeblieben.

Georg Kust: (Mit Hall unterlegt.)

Diese folgenden 168 Stunden werden mein Leben für immer verändern. Hoffentlich zum Guten. Andererseits wäre es natürlich interessanter, wenn sie mein Leben zum Schlechten hin verändern würden. Darauf wäre ich dann auch sehr stolz.

Sprecher:

Die Überreste von Georg Kust wurden eingeäschert, dann über einem Berghang in der Schweiz ausgestreut. Die Webseite von Digital Close-Up wurde geleert. Der einzige, kleine Satz auf der weißen Seite lautet: „Dieses Konto“ (Pause) „wurde gelöscht.“

Ende.

(Vielen Dank für das Lesen. Ich würde mich sehr über Deine Meinung zum Hörspiel freuen.)

3 thoughts on “Digital Close-Up. Hörspielmanuskript.

  1. Hey!
    Hast du mal drüber nachgedacht, das Skript trotzdem im nichtkommerziellen Sektor zu realisieren? Bei Hoerspielprojekt.de werden in letzter Zeit immer mehr Hörspiele produziert, die sich weniger am kommerziellen, sondern eher am Radiohörspiel orientieren. Das wäre sicherlich eine Überlegung wert, schließlich ist das Skript wirklich gut. Wäre schade drum.

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