Lost And Found

Das Leben ist eine Reise. Nimm nicht zu viel Gepäck mit. (Billy Idol)

Kein Flug ohne Flügel. (Französisches Sprichwort)

 

LOST AND FOUND

Eine Kurzgeschichte für dich.

Jetzt stehst du am Flughafen. Um dich herum hasten Fremde durch die Gänge. Sie laufen durch dein Blickfeld, sind ein zwei Sekunden präsent und dann siehst du sie nie wieder. Sie gehen zum Kofferband, werden durch den Zoll geschickt, umarmen Freunde, Verwandte. Alle um dich herum kehren heim, nur du brichst auf. Du schaust dich um. Businessmenschen, die in ein Handy sprechen. Ältere Damen, die langsam, doch erhaben mit ihren Taschen durch die Gänge schlendern. Braungebrannte Jungs und Mädels, die aus dem Sommerurlaub wiederkommen. Dir war Urlaub immer fremd: das Konzept des Wegfahrens und eventuellen Wegbleibens sowieso. Wenn du im Urlaub warst, hast du schon an die Fotos gedacht, die du schießt, um später den Freunden und Mitarbeitern zu berichten, wie anders Mallorca doch sei, so frei von Klischees. Du hast Urlaub gemacht, um Fotos zeigen zu können. Du hast Urlaub gemacht, um darüber reden zu können, während dein Beruf daraus bestand, zu reden, um dann irgendwann Urlaub machen zu können. Jetzt stehst du am Flughafen und läufst vorsichtig zum Kofferband. Die Luft auf diesem Erdteil fühlt sich anders an, denkst du, irgendwie dicker. Du beschließt, das später mit deinem iPad zu googeln, doch du bist dir nicht sicher, ob dieses Land überhaupt WLAN besitzt. Du hast keinen Urlaub, erinnerst du dich, du bist aus geschäftlichen Gründen hier. Eine Präsentation, irgendwas mit Werbekunden, nichts wichtiges auf jeden Fall. In zwei Tagen wirst du wieder hier stehen, mit dem Rückflugticket in der Hand und wirst sagen: „Thank you“, deinen Koffer abgeben und ins Flugzeug steigen und in die Heimat fliegen. Deine Kamera hast du vorsorglich eingepackt, vielleicht gibt es ja was Wichtiges zum Fotografieren und Zeigen.

Jemand berührt dich. Du erschrickst aufgrund der unpassenden und auch inzwischen fremden Berührung, drehst dich um. Vor dir steht ein Mitarbeiter des Flugpersonals, Abteilung Gepäckrückgabe. „Sorry, there was a problem. With your baggage.“ Du verstehst sein Englisch kaum, er hat einen harten, seltsamen Akzent. „With my baggage“, fragst du verwirrt. „Yes.“ Er kontrolliert deinen Namen, alles hat seine Richtigkeit. Du musst ihm in sein Büro folgen.

„It is not easy to explain what happened to your baggage“, sagt er, nachdem du vor einem geräumigen Schreibtisch, welcher von Akten beinahe überquillt, Platz genommen hast. „In short, it has vanished.“ Er atmet tief durch. „We can’t find it.“ Du bist perplex. Wie, sie können es nicht finden? Es wurde doch am Startflughafen aufgeladen, wie soll es jetzt verschwunden sein. „Sorry, but I’m afraid I don’t underst-„, sagst du, doch der Flughafenangestellte unterbricht dich: „It’s only your baggage which has vanished. We already contacted the airport you started from. They said there has been no problem.“ Dein Gepäck war verschwunden. Am Startflughafen wurde es noch ordnungsgemäß verladen, hier am Ziel war es wie vom Erdboden bzw. wie vom Himmel verschluckt. Alle anderen Gepäcke wurden auch wieder ordnungsgemäß entladen, alle anderen Mitreisenden haben ihre Koffer. Nur deinen Koffer können sie nicht finden. „We actually don’t really know what has happened“, sagt der Angestellte. Du stellst dir vor, dass der Koffer aus dem Flugzeug fiel, während des Flugs. Du stellst dir vor, wie ein Koffer mit rasender Geschwindigkeit in den Atlantik kracht. Du stellst dir vor, wie dein Koffer einen Wal tötet. Du kicherst. „We know it sounds stupid. But eventually we will find it and until then-“ Er gibt dir diverse Formulare, die du unterschreibst. Dann bekommst du mehrere leere Zettel mit gestrichelten Linien, auf denen du eintragen musst, was sich alles im Koffer befand und wieviel es wert war. Du beschließst nicht zu lügen, erwähnst die Geschäftsformulare mit einem hohen matriellen Wert, die Garnitur Kleidung mit nicht so hohem, aber doch beträchtlichen matriellen Wert, das iPad und dein Tagebuch. Dein Tagebuch hat keinen matriellen Wert und so schreibst du bloß den Wert des Buches auf: „3 euros“. Kulturbeutel, Sandalen, Sonnenhut. Was hattest du noch bei? Eine Flasche Wein zur Begrüßung, hoher matrieller Wert. Ein Foto von deinem Hund. Kein hoher matrieller Wert: „3-4 euros.“

Nach 20 Minuten bist du mit der Auflistung fertig, sie geben dir ein Telefon. Du rufst deinen Vorgesetzten an, er ist wütend. Er ruft durch die Leitung: „Die Lufthansa ist so niederträchtig! Wieviel Geld man durch die verliert, jährlich! Das ist Schaden! Das ist volkswirtschaftlicher Schaden!“ Du denkst daran, dass auch deine Kamera im Koffer war. Hoher matrieller Wert. Keine Fotos. Nichts zum Zeigen. Kein sozialer Status. Der Flughafenangestellte guckt betreten aus der Wäsche. Sie sind verwirrter als du es bist. Dass Koffer woanders hingeschickt werden, dass sie beschädigt werden – okay, sowas kommt vor, relativ oft sogar, das ist rational erklärbar. Aber dass Gepäck einfach verschwindet, als hätte es nie existiert, nun gut, das ist seltsam. „I can’t express how sorry I am“, sagt er und du merkst, dass es diesmal keine Standardfloskel ist. Er verspricht, dich zu kontaktieren, sobald es Fortschritte gebe. Dir ist das alles seltsamerweise relativ egal. Ich laufe wie in einem Vakuum, denkst du, und als wäre alles Watte, durchaus kein schlechtes Gefühl.

Es wurde dir ein Taxi bestellt, du steigst ein. Der Taxifahrer ist gut gelaunt, hört laut Radio. Arabischer Pop dröhnt aus dem knarzigen Autoradio. Du bittest ihn, das etwas leiser zu stellen, doch er versteht kaum Englisch. „Where you go“, fragt er dich und du sagst: „Hotel. Swans Hotel. City.“ Er nickt und fährt los. Dann ruft er über die Musik hinweg: „Mickey.“ Du verstehst es nicht, antwortest: „What did you say“, er wiederholt: „Mickey. On t-shirt.“ Stimmt. Du hast eine verblichene Zeichnung von Micky Maus auf deinem alten, zu kleinen T-Shirt. „Yeah“, antwortest du bloß. „My kids like“, antwortet der Taxifahrer. „Yeah“, wiederholst du und blickst aus dem Fenster. Vororte rasen an dir vorbei, der Taxifahrer fährt viel zu schnell, aber hier darf man das bestimmt, denkst du. „He is nice“, sagt der Fahrer. „He is useful for children. He makes them laugh.“ Du nickst. Elender Smalltalk, denkst du, es gibt nichts Widerlicheres. Der Taxifahrer schaut in den Rückspiegel, fixiert dich mit den Augen und sagt: „It’s good to be useful.“ Du antwortest nicht.

In der Hotelbar trinkst du einen Schnaps, irgendein arabisches Gesöff, das Billigste, was sie da haben. Der Mann vom Flughafen hat dir einen 200er-Schein ausgegeben, in der wirren Währung, die sie in diesem Land haben. Der Schnaps schmeckt nicht, aber das findest du gut. Morgen hast du deine Präsentation, ohne irgendwelche Materialien. Es wäre eigentlich konsequent, denkst du, wenn ich wieder heimfliege. Ohne Materialien macht das alles keinen Sinn. Doch du entscheidest, doch zu bleiben. Du bezahlst den Drink, gibst Trinkgeld und stromerst hoch in dein Zimmer.

Du sitzt auf dem Hotelbett und hast nichts, was du aus einem Koffer auspacken könntest. Du legst dein spärliches Handgepäck (Handy, iPod, Zeitschriften, Flugzeugfraß) auf den Nachttisch. Der Koran und die Bibel liegen in der Schublade, friedlich nebeneinander. So könnte es ja eigentlich immer sein, denkst du. Du schaltest den Fernseher ein. Dokusoaps. Kopftuchtragende Frauen. Diskussionen. Und plötzlich das Pay-TV: Hollywoodfilme. Bruce Willis erschießt irgendwen. Pornos. „Lusty Housewive Fucks Milkman“ auf Kanal 11. „Lesbian Dildo Action“ auf Kanal 12. „Teenage Gay Boy Gets Sucked By Older Man“ auf Kanal 13. Die Bigotterie kennt keine Grenzen, denkst du. Du erlaubst dir den Spaß, zwischen Kopftuch, Diskussion und Schwulenporno hinundher zu schalten. Dann lässt du den Porno eher unabsichtlich laufen, geil werden könntest du jetzt eh nicht. Du trittst zum Fenster, ziehst die Gardine zur Seite, blickst in die Ferne. Wie geschäftig die alle sind, denkst du. Du hast nichts mehr, worüber du geschäftig sein könntest. Und noch viel schlimmer: Du kannst nicht mehr geschäftig wirken. Du kannst nicht mehr so tun, als wärst du geschäftig. Du rufst bei deinem besten Freund an, doch nur die Mailbox geht ran. Du rufst wieder beim Chef an. Er bittet dich, so schnell wie möglich zurückzukehren: „Dann kehren Sie halt wieder zurück! Wir schicken wen anders hin! Kommen Sie heim! Wir schicken einfach wen anders hin!“ Du fragst ihn, ob du nicht einfach die Präsentation ohne das Material halten könntest. „Nein, nein, das ist viel zu wichtig“, antwortet dein Vorgesetzter. „Sie sind ja nicht wichtig. Das Material ist ja wichtig. Sie sind ja vielmehr das Transportmittel für das Material.“ Er lacht. „Sie sind vielmehr eine Hülle. Sie haben keinen wirklichen Nutzen da. Die Araber da, wo Sie jetzt stecken – die wollen Sie doch nicht sehen! Die wollen ne Powerpoint-Scheiße und Thesenpapiere und Konzepte sehen. Nicht Sie. Sie sind da nicht nützlich.“ Der Vorgesetzte lacht wieder. Du bleibst höflich, er hat ja eigentlich auch Recht, du beendest das teure Auslandsgespräch.

Du duscht dich, hast keine Kleidung zum Wechseln, also müssen wieder die verschwitzten Sachen herhalten. Du ekelst dich ein bisschen. Du checkst aus dem Hotel aus, bezahlst brav die zwei, drei Minuten Porno. Du gehst nach draußen, die Hitze brüllt.

Du rufst nach einem Taxi, du willst noch die Stadt sehen, ein wenig herumfahren, bevor du zurück zum Flughafen fährst und dir das Rückflugticket buchst. Du wirfst dich geradezu auf die Rückbank des Taxis, rufst „Drive me a bit through the city“, der Taxifahrer von eben dreht sich um und lacht: „You again. Mickey.“ Du lächelst ein wenig. Das ist jetzt echt okay, denkst du, der Taxifahrer ist ja wenigstens nett. „You fly home again?“, fragt er dich und du antwortest ihm wahrheitsgetreu. „Oh sad“, antwortet er und dreht das Radio aus. Der arabische Pop verstummt. „Really sad.“ Er fährt dich durch die Stadt, er erklärt dir manche Sehenswürdigkeiten. Nichts davon ist wirklich beeindruckend, er erwähnt lobend die deutsche Botschaft, du nickst träge. Dann fährt er auf Kurs des Flughafens. Er sagt nochmal: „It’s good to be Mickey. Mickey is very useful. Are you useful?“ Du versuchst zu lächeln. Dein Chef sagt nein. Du zuckst mit den Schultern, sagst „I don’t know“ und blickst aus dem Fenster. Das Taxi hält vorm Flughafen, du bezahlst. „One idea“, ruft der Taxifahrer. Er öffnet das Handschuhfach und holt eine Polaroidkamera hervor. „Photo of mickey“, sagt er und drückt zweimal auf den Auslöser. Eins der Sofortbilder reicht er dir. „One for you. One for me“, sagt er lächelnd, sagt irgendwas auf Arabisch, was wohl „Auf Wiedersehen“ oder „Guten Flug“ bedeutet. Du hast nichts bei dir, außer dein Handy und dein iPod. Und dieses Foto. Dieses Polaroid, welches du fest mit den Händen umklammerst. Du hast doch ein Foto von deiner Reise, denkst du, doch dieses Mal wirst du es keinem zeigen. Lächelnd betrittst du den Flughafen.

3 thoughts on “Lost And Found

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