Shut Your Eye Off Once In A While

Der Wecker klingelt. Ich überhöre ihn im Halbschlaf. Ich habe heute nacht geträumt, dass ich mit jemandem auf einer riesigen, unendlichen Wiese voller Apfelbäume stehe und mein Begleiter sie pflückt. Er wirft sie von einer kleinen Leiter, ich lege sie in den Korb. Die Äpfel schimmerten und flimmerten in der Sonne, jemand nahm mich an die Hand. Ich glaube, es war mein Begleiter, den ich sehr sehr sehr mag. Er zog mich die Alleen der Apfelbäume entlang und die Sonne würde niemals untergehen, das wusste ich.

Ich wollte jetzt nicht aufwachen. Nicht jetzt. Noch ein bisschen durch die Alleen. Nur noch ein bisschen. Der Wecker klingelt. Nur noch ein bisschen. Mein Radiowecker geht an. Bitte nur noch ein bisschen. Die letzte CD im Radiowecker wird automatisch gestartet.  Hier geht die Sonne nie unter. Lasst mich noch ein bisschen träumen. Track 1 beginnt und ich bin wach. Ich bleibe ein wenig liegen, mache die Nachttischlampe an und starre an die Decke. Noch ein Tag, der in wenigen Monaten für immer vergessen sein wird.

Dusche. Das Wasser strömt auf mich, ich bewege mich kaum. Nach vier Minuten stelle ich das Wasser ab, trockne mich, gleite in meine Anziehsachen. Weite, alte Jeans, zerfleddert, denim, was auch immer. T-Shirt ohne Schrift. Pulloverjacke ohne Schrift, schlicht schwarz.

Frühstück. Ich drücke mir ein, zwei Brote rein und trinke Zitronentee. Ich blättere durch die Zeitung und sehe, dass auch gestern ein Tag war, welcher in wenigen Monaten für immer vergessen sein wird. Ich fahre mit meinem Fahrrad drei Kilometer durch pechschwarze Wälder, weite Felder und verlassene Landstraßen.  Es wäre geradezu idyllisch, wenn ich mich nicht so sehr für den Bus beeilen müsste. Die anderen, jüngeren Schüler quetschen sich in den Bus als wären sie ausgehungert und im Bus würde sie ein festliches Buffet erwarten, doch es erwartet sie ein zu enger, verlotterter Schulbus mit vollgeschmierten Sitzen und einem cholerischen Busfahrer. Ich quetsche mich rein, setze mich neben eine ältere Frau, neben der sonst keiner sitzt. Ich krame mein Buch raus („Elementarteilchen“, ist ganz okay), fange an zu lesen, doch fange wieder an zu schlafen.

40 Minuten später komme ich am Gynasium an, langsam wird es hell. Ich frage mich, ob es irgendwo in diesem Land Gleichaltrige gibt, die das alles genauso sinnlos und idiotisch finden wie ich es alles finde: die Jugend, das Leben, die Liebe, das Denken, das Schreiben, das Lesen, das Glauben. Irgendwie gibt es nämlich keinen, den ich je (im echten Leben) getroffen habe, der genau so denkt und der in meinem Alter ist. Ich habe überhaupt noch nie jemanden getroffen, der von sich zugab, das alles mit ihm und um ihn herum, zu verstehen – egal, welches Alter, Gleichaltrige hin, Gleichaltrige her.

Meine Freunde sehen mich durch den Gang laufen, sie kommen auf mich zu und knuffen mir freundschaftlich auf die Schulter. Wenn es nach mir gänge, würde ich keinen Widerstand leisten, und vom Schulterschlagen ermattet auf den Boden fallen und schlafen oder liegenbleiben. Ich würde liegenbleiben, sie würden einen Lehrer holen, sie würden einen Arzt holen, sie würden meine Eltern holen, ich würde liegenbleiben, sie würden auf mich einreden, mir Angebote machen, mir die Polizei androhen, ich würde liegenbleiben, sie würden – „Und? Haste auch so wenig Bock wie ich auf Geschichte?“ Ein Freund schaut mir in die Augen, ich fahre mir durch die Haare, und sage: „Wie bitte?“ – „Ob du auch so wenig Bock wie ich auf Geschi hast.“ – „Ach so. Ja, ja, hab ich nicht…“ Was auch immer.

Es tut mir leid, so emotionslos und lethargisch für sie rüberzukommen. Ich würde es gern ändern, doch es klappt nicht. Ich bin keine Partykanone, kein gut gelaunter Wasserfall. Ich war das mal und ich frage mich, was seitdem anders gelaufen ist. Ach ja. So einiges. Verschwendete Jahre, schlaflose Nächte, die falschen Freunde, die guten Freunde, die ich in den Wind schoss. Dinge, die ich nicht hätte gestehen sollen. Daraufhin noch mehr schlaflose Nächte und noch mehr Lethargie. Eine Zeile aus einem Song von Smog fällt mir ein:

I slept in her black arms for a century.

She wanted nothing in return.

I gave her nothing in return.

Geschichte durchlebe ich mehr schlecht als recht. Wir sitzen in der Schulbibliothek, müssen Dinge recherchieren über Antisemitismus und Kaiserreich und ich fühle mich jämmerlich und ich kanns keinem zeigen, denn entweder würden sie sich wieder alle Sorgen machen oder sie würden wieder genervt sein von mir nervigen Depriklops.

Große Pause. Ich schweige. Kunst. Ich fühle mich noch erbärmlicher und guck immer wieder aus dem Fenster, wo ich letzten Samstag um vier Uhr früh am Rande einer Party lag und eine wunderbare Zeit hatte. Ich schreibe ein Gedicht, zeige es (natürlich) keinem und fühle mich ganz schön überflüssig. Ich weiß nicht, was ich tun soll, aber die Situation wird nicht dadurch besser, dass ich neben jemandem sitze, der die ganze Situation auslöst und mich nachts vor Trauer kaum schlafen lässt. Ich kann ihm das nicht sagen, ich kann es hier ja noch nicht mal formulieren.

Ich wäre gern von Nutzen. Ich wäre gern irgendwo und irgendwie und irgedwem sinnvoll. Ich würde gern einen Platz zugewiesen bekommen, mich jeglicher Grenzen berauben lassen und etwas schaffen, wovon ich zehre und profitiere.  Ich würde gern fliehen, ich würde aufstehen, den Kunstkurs um mich herum ignorieren, die ganzen Arschlöcher, die mit mir am Gruppentisch sitzen und nur darauf warten, dass ich mich wieder mit irgendwelchen Sätzen in ihren Augen disqualifiziere, während sie sich mit jedem Wort, welches sie sagen, nur noch mehr für mich disqualifizieren.  Ich würde aufstehen und vielleicht hinfallen, ich würde stürzen, ich würde alles ignorieren und mich zeitgleich für alles interessieren. Versteht ihr auch nicht, was ich schreibe? Egal. Was macht das schon! Ich versteh’s ja selber am Wenigsten! Und ihr kennt mich ja nicht mal, wo ist das Problem, hm? Ich denke schon wieder an Smog.

Most of my fantasies are of
To be of use
To be of some hard
Simple
Undeniable use

Doch natürlich fliehe ich nicht. Ich bleibe immer still sitzen und mach einen auf John Lennon und Jesus in der Bergpredigt: Wenn sie dich schlagen, dann setz dich und verlang nach mehr Schlägen. Ich liebe diejenigen, die mir etwas antun, weil sie mir eben etwas antun. Das sie mir was antun, ist nicht ihre Schuld und doch schmerzt es wie ein eingeklemmter Nerv zwischen Gelenken, die tagtäglich immer mehr arbeiten müssen, bis sie explodieren. Ich bin eine versiegende Quelle. Jedes Wort von mir leert mich weiter, jeder Blick von anderen erfüllt mich. Und jeder Eindruck, jede Anspielung, jede Anmerkung, jede Erlösung, jeder Gedanke, jede Furcht, jede Hoffnung verleiht mir Statur und höhlt mich doch von innen aus. Höhlenforscher und Geologen sprechen in diesem Zusammenhang von Erosion und sind angesichts der entropischen Herausforderung machtlos. Subjektiv ist alles im Arsch. Objektiv ist alles in Ordnung. Und alles, was der Wahrheit entspricht, wird nie gesagt werden.

Ohne die Person ist alles wie ein leerer Raum ohne Schall, ohne Raum und Zeit. Ich wünschte, ich könnte weit weg fahren und fliehen. Und es würde mich beschämen, die Person zu fragen, ob sie nicht mitkommen will.

In der Zweiten Großen Pause fliehe ich. Noch sitzen wir alle, meine Freunde und ich, am Tisch. Die Person ist schon wieder dabei und ihm nur in die Augen zu sehen, reißt mich in die tiefste Blockade. Ich schweige und stehe auf. Ein Freund folgt mir. „Matze, wasn los?“ – „Nichts“, lüge ich und geh weiter. Das Problem ist, dass ich es mir selber ja nicht mal erklären kann, was mit mir los ist.

Ich wäre gern wieder auf der Apfelbaumallee. Die Sonne geht dort niemals unter, die Äpfel werden niemals faulen, man selber bleibt immer so schön, so jung, so glücklich, so optimistisch, wie man es mal war.

Das Leben ist keine Allee. Ich gehe aus der Schule heraus, ich hätte jetzt eh eine Freistunde, die ich allein verbringen müsste. Ich gehe über den leeren, kühlen Sportplatz, klettere über eine niedrige Hecke und bin außerhalb des Schulgeländes. Eine kleine Landstraße, ein paar Häuser in der Nähe. Ich beginne einfach ein wenig zu laufen und versuche nachzudenken. Ich blicke nach vorne. Bäume auf jeder Seite der Straße. Eine Allee. Verfluchte Scheiße nochmal, denke ich, eine idiotischere Metapher geht ja wohl kaum.

Aber was soll’s. Ich laufe und blinzele kurz. Dann noch einmal. Und halte meine Augen komplett geschlossen. Ich bleibe stehen. Die Schule ist weit weg, ich fühle mich komplett frei und als hätten die letzten 18 Jahre meines Lebens so nie existiert. Ich mache die Augen wieder auf. Sonnenschein bricht durch das Geäst, ein Trecker in der Ferne, ich schließe die Augen wieder und stelle meine Sinne ab. Himmlisch. So müsste das Leben immer sein. Ich öffne die Augen wieder. Und gehe weiter. Ich denke schon wieder, zum dritten und letzten Mal heute, an ein Lied von Smog.

Live as if someone is always watching you
In all you do
Live as if someone
Is always watching you

Shut your eye off once in a while
Shut your eye off once in a while

Das Schließen der Augen ist keine Lösung, denke ich, aber es ist verflucht nah dran.

Ich beende diesen Text wie dieser Tag endet: ohne Moral, Pointe, oder Verbesserung. Morgen wird der Tag in etwa genauso ablaufen. Dann Wochenende. Dann wieder Schule. Und die Tage laufen wieder so ab. Und irgendwie bin ich alt, steige ins Auto und werde so weit wegfahren. Ende, aus, keine Moral, keine Pointe.

3 thoughts on “Shut Your Eye Off Once In A While

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