Feuertreppe – Verwende Deine Jugend

Es gibt diese Momente, in denen plötzlich alles glitzert und flimmert. Es gibt Momente im Leben, wo die letzten Monate der Leere, Trauer und Stagnation sich nur wie eine logische Hinführung zu diesen grandiosen Momenten anfühlen. Es gibt Momente, in denen alles plötzlich lösbar erscheint. Es gibt solche Momente. Es gibt sie nicht oft, aber gerade, weil es sie so selten gibt, sind sie so… keine Ahnung… wertvoll. Wertvoll. Ja, das Wort passt doch.

Es ist drei Uhr in der Früh. Ich bin auf einer Party. Vier Freundinnen und Stufenkameradinnen werden achtzehn, sie geben eine große Fete, alle sind gekommen. Die Stroboskope flirren, die Leuchten lassen den Zigarettenrauch flimmern. Ich fühle mich jämmerlich, ich zeige es nicht. Ich trinke zuviel, sage ich, doch trinke zu wenig, denn ich bin immer noch klar bei Verstand, bekomme alles mit und mich macht es traurig, wie seltsam Menschen doch sind, wenn sie auf Feten sind. Ein guter Freund denkt das selbe. Wir beide gehen nach draußen an die frische Luft. Es ist angenehm kühl, der Wind zersaust einem die Haare und bläht einem das T-Shirt auf. Wir werfen unsere Biergläser in das Gebüsch und gehen ein wenig.

Die kleine Halle, in der gefeiert wurde, liegt in unmittelbarer Nähe zu unserer Schule. Drei, vier Minuten zu Fuß entfernt. In die Schule kommen wir jetzt natürlich nicht rein, alles ist natürlich abgeschlossen. Doch uns kommt die Idee, die Feuertreppe hoch zu klettern. Die Notfalltreppe aus Eisen geht bis in die höchste Etage der Schule, 50 Meter ist sie hoch. Wir liegen 50 Meter über der Erde, in der Entfernung sehen wir die Lichter der Party. Fahrende Taxis. Ankommende Partycrasher. Flirrende Lichtblitze dann und wann. In der Schule brennen ein paar Notfalllichter, kleine Kontrollämpchen. Wir liegen direkt vor dem Fenster unseres Kunstraumes, aus dem Fenster, aus dem ich schon sooft sah und an andere Dinge dachte, während unsere Kunstlehrerin uns erzählt, dass Kunst nichts mit Kommunikation zu tun habe, was natürlich nicht stimmt.

Mein Freund sagt mir, dass er sich ein bisschen um mich sorge. Ich nicke bloß und wiederhole im Grunde all das, was ihr eh schon wisst: Ich werde immer verschwommener, unschärfer, gehe immer mehr in die Umwelt ein. Jugend kotzt mich an. Ich habe keine Verantwortung, doch muss sie übernehmen. Stagnation, Leere, Liebeskummer, Einsamkeit, große, grundlegende Verwirrung und Melancholie, grundlos, doch begründet. „We’re gonna blow yr. mind not yr. buildings.“ Ich erzähle ihm all das und mir passiert letztendlich das, was ich nicht tun wollte: Meine Stimme bricht, Tränen steigen in die Augen, ich vergrabe meinen Kopf in meinen Knien, flüstere nur noch irgendeine Scheiße. Und er hört zu. Er hört wirklich zu. Er klopft mir auf die Schulter. Und redet mit mir. Vierzig Minuten lang. Mindestens. Zwischendurch kommen auch andere Freunde hoch, sie liegen ein paar Stufen unter uns und plaudern. Ich lehne mich zurück, mit dem Kopf auf die äußere Fensterbank des Kunstraumes, und spiele eine Schnapsleiche, denn ich könnte jetzt nicht reden: mein Gesicht ist verweint, meine Stimmung ist düster und dennoch war ich noch nie glücklicher in diesem Jahr und 2010 wohl auch nicht.

Immer mal wieder, wenn wohl keiner hinsieht, klopft er mir auf die Schulter, sagt, dass alles okay werden wird und man durchhalten muss. Er spricht über meine Eltern. Über meine verhasste Herkunft und über das, was ich liebe und über den Hass gegenüber mir selbst, weil ich diese Dinge liebe. Er sagt, ich solle jede Chanche nutzen. Er lobt mich, schmeichelt mir, doch Schleimen ist das nicht. Das ist womöglich das erste wirkliche uneigennützige Lob aus purer Freundschaft. Ich bin viel zu froh, verwirrt und immer noch traurig, als dass ich ihm antworten könnte. Ich sage ihm, dass es so unfair wäre. Diese ganzen Leute auf der Party. Sie werden niemals Musik hören, die aus den Charts hervorragt, niemals Kafka lesen, niemals Dinge denken oder lesen, die einen grundweg erschüttern. Und der Freund sagt:

„Matze, hör auf, diese ganzen Party people zu beneiden. Das ist es nicht wert. Freu dich doch lieber, dich so abgestorben zu fühlen, denn das ist etwas, was sie niemals fühlen oder denken werden. Du denkst, sie seien glücklich, dabei sind sie leer. Sie sind arm an Gedanken, Handlungen und Emotionen. Du denkst, sie seien glücklich, doch sie sind arm und leer. Und du bist reich. Nutze deine Jugend.“

Er klopft mir nochmal auf den Rücken, sagt, dass ich durchhalten muss, er würde das doch auch, ich blicke ihm wirklich in die Augen, alles verschwimmt vor meinen Augen und dennoch ist in meinem Kopf alles ungewöhnlich klar und ich fühle mich glücklich, und er blickt in die Ferne, und ich klappe mein Handy auf und tippe eine SMS, und ich tippe: „Das einzige, was bleiben wird, ist die leere Glückseligkeit und die glückselige Leere“, und er sieht, dass ich eine SMS tippe, und er fragt mich, an wen ich sie tippe, und ich klicke auf schicken, und mein Handy vibriert, weil es eine SMS empfangen hat, und ich sage: „An niemanden“, und klappe mein Handy lächelnd wieder zu.

Am selben Abend, als ich im Bett liege, verschicke ich noch eine SMS, in der neunmal das Wort „danke“ vorkommt sowie einmal die Floskel „Danke, das es dich gibt“ und dreimal das Wort „ehrlich“. Die Antwort von ihm, in der er mir nochmals Mut gibt, kommt wenige Minuten später. Und ich fühle mich gut. Wie das die Smiths meinten. Als Morrissey sang. Über das Licht, das niemals ausgeht. Und ich fühle mich gut.

Ich fühle mich gut.

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3 Kommentare zu “Feuertreppe – Verwende Deine Jugend

  1. Sehr schoen.
    Es klingt so vertraut, aber das Bild, das du rundherum malst, ist doch so anders.

    Kann das nicht in Worte fassen.

    Gaensehauttext (fuer mich)!

  2. Das mag ich… Das mag ich wirklich!
    Sehr schöner Text, in dem ich mich selbst gut wiederfinden kann. Das Gefühl, das du beschreibst, kenne ich nur zu gut.
    Großartig in schöne Worte gefasst! :)

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