Irgendwann kann ich alles vergessen, was mich definiert.

Irgendwann werde ich wegfahren. Ich werde so weit wegfahren. Ich werde versuchen, nicht im Vorraus über die Fahrt nachzudenken. Ich werde womöglich nicht mal versuchen, wirklich wegzufahren. Man kann auch im Kopf wegfahren und der Kilometerzähler muss nicht betätigt werden, um Entfernungen zu bewältigen.

Kann ich mich selbst überhaupt verstehen? Irgendwann werde ich versuchen, all das zu ordnen, was ich denke. Es wird womöglich Wochen dauern. Nichts ist schwieriger als sich selbst zu verstehen. Doch zur Zeit stagniert alles und das Gefühl wächst immer mehr, dass diese Stagnation keine vorrübergehende Durststrecke ist, sondern nun ein elementarer Part meines derzeitigen Lebens. Nicht nur um mich herum stagniert alles, auch in mir stagniert alles. Meine Tage gleichen den anderen. Die selben Gespräche über Nichts, die selben Gedanken über Nichts, die selben Texte über Nichts. Ich werde in ein Vakuum gezogen, mir ist es relativ egal, da es zurzeit eh nichts gäbe, was ich vor dem Vakuum bewahren müsste. Sich dagegen wehren ist ebenso sinnlos: irgendwann, in einer der Physikstunden, in denen ich gern zugehört habe, ging es um Vakuen (das ist tatsächlich die korrekte Mehrzahl von Vakuum) und ich lernte, dass ein Vakuum so stark ist, dass alles andere dagegen machtlos ist. Einen Gegenstand, welcher ein Vakuum beinhaltet, könne man nicht auseinanderziehen, nicht mit der stärksten Kraft der Welt. Der Physiklehrer hat das demonstriert, vor der Tafel und natürlich hat jeder gezogen wie verrückt, um den luftleeren Raum wieder zu füllen. Nur ich hab damals schon abgewunken und gesagt, es sei sinnlos. Es ist sinnlos. Man kann Leere nicht füllen, nicht von außen. Etwas, was einen füllt, muss also zwangsläufig von innen kommen.

Ich würde mir gern das Hirn öffnen, eine Operation am offenen Hirn, und mir alle Gehirnzellen rausschneiden lassen, die mich dazu verleiten, so eine philosophische Jugend-Scheiße zu schreiben. Ich hab keinen Bock mehr auf Metaphern und Unschärfe! Ich hasse alles, was nicht alles klar darstellt und auf den Punkt bringt. Ich brauche dieses „Ich-verstecke-mich-hinter-elenden-Wortgerüsten“ eigentlich nicht mehr und dennoch schreibe ich irgendeine Scheiße über das Vakuum und irgendeinen bedeutungsschwangeren Scheiß.

Alles, was ich doch eigentlich bloß will, ist die Flucht nach vorne. Wegfahren, meinetwegen auch im Kopf. Alte Gedanken ausmisten, Freunde finden, alte Freunde mal von außen betrachten, neue Gedanken finden, schreiben, lesen, unglaublich viel lesen, sehen, hören, fühlen. Ich habe keine Angst mehr vor endgültigen, klärenden Gesprächen. Das sage ich jetzt. In Wahrheit würde ich mich doch bloß ducken. Dabei will ich das nicht mehr. Am ersten Tag, wo ich mich nicht mehr ducken wollte, wurde ich bitter enttäuscht. Doch das ist jetzt egal. Bald werde ich 18 sein und ich werde alles darum geben, dass mein 18. Lebensjahr eine Sinnüberreizung wird.

Vergessen kann ich’s trotzdem. Ich schreibe zwar viel, aber weniges ist gut. Ich sehe viel, doch 99,9% der Dinge langweilen mich. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Bild gesehen habe oder eine Situation oder einen Menschen, der mich so berührt hat, dass ich zitterte. Damals passierte mir das täglich. Ich höre zwar viel, aber weniges füllt meinen Kopf aus und ist im Stande, mich abzulenken. Und fühlen werde ich in den nächsten Monaten oder Jahren auch nichts. Auch wenn ich mir das sehr wünschen würde. Ich wäre gern eine Sturmböe, welche das verwelkte Laub von den Straßen fegt und die grauen Wolke bis an den Horizont verschiebt. Ich wäre eine Sturmböe, die Wirbelstürme formt und sie wieder zerstiebt. Ich bin ein versiegender Geysir, ein ermattender Strom, eine zerfallende Fontäne. Jetzt schreibe ich schon wieder so eine Metapher-Scheiße.

Was ich will: Ich möchte Leute treffen, die ich gar nicht wirklich kenne, von denen ich nur Buchstaben gelesen habe, manchmal nur maximal 140 Buchstaben. Manche Stimmen habe ich schon am Telefon gehört, manche habe ich schon auf Fotos gesehen. Ein Kopfsprung ins Ungewisse, ein Kopfsprung in einen modrigen Tümpel, in einen Bergsee, dessen Oberfläche himmelblau oszilliert.

Mich treibt so vieles nicht mehr an. Ich habe nichts mehr. Die Schule gibt mir den Ehrgeiz für mein Leben. Freunde halten mich bei Laune, ich halte sie bei Laune. (Es ist eine Zweckfreundschaft, weil es sowohl meinen besten Freunden wie auch mir zurzeit wirklich beschissen geht. Aus privaten Gründen. ) Zurzeit erhält mich das Wort am Leben. Ich schreibe pro Tag mindestens vier Seiten Text jeglicher Form: Gedicht, Story, Notizen. Nur ein Prozent dieser Texte werden überhaupt veröffentlicht. Nur ein Promille dieser Texte wird in diesem Blog veröffentlicht. Weil dieses Blog ja eher als Plattform für abgeschlossene Texte, lustige Texte gilt. Vielleicht wird sich das ändern. Vielleicht werde ich mehr hier veröffentlichen. Man wird sehen.

„Definiert mich“, würde ich gerne an meine Freunde schreiben. Ich werde immer verschwommener, unschärfer, gehe immer mehr in die Umwelt ein. Ich kann keine Krallen mehr ausfahren und sie sind stumpf. Ich bin passiv. Ich habe jetzt etwa 30cm Text geschrieben, in einer kleinen Schrift und ich habe nicht das Gefühl, mir etwas von der Seele geschrieben zu haben. Nichts hat sich geändert, seitdem ich anfing, diesen Text zu schreiben. Dabei war das meine Hauptmotivation. Alles ist bei mir inzwischen so eingerostet, dass mich nichts mehr aufweckt. Ich bin ungeheuer müde und ein Schneewittchensarg, ein Dornröschenschlaf, wäre schön. Wieder Metapher-Bullshit. In Gedanken schlage ich mich selbst. Schön wäre eine endgültige Moral und ich habe womöglich eine gefunden. Es ist keine optimistische. (Oder vielleicht doch? Alles ist möglich.) Lest das erste Wort eines jeden Absatzes.

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5 Kommentare zu “Irgendwann kann ich alles vergessen, was mich definiert.

  1. starker text. wer so ein hirn hat, so viel zweifel, der schaffte es auch zu dem, was ihn von innen füllt. ich habe keine beweise, aber so eine art von konziser forschung führt zu neuer erkenntnis.

  2. Irgendwann werde ich alles vergessen, was mich definiert. Aha.
    Wahrlich keine optimistische „endgültige Moral“ – aber warum wünscht Du die denn überhaupt? Worin liegt der Sinn einer solch finalen Instanz?
    Ich brauche sie nicht. Allerdings schreibe ich auch nicht, nicht zum Vergnügen und nicht zur Selbstfindung. Ich lese aber gern, auch Deine Texte, also bitte weiter schreiben!

  3. Pingback: Tweets that mention Irgendwann kann ich alles vergessen, was mich definiert. « #~{entsperren}~# -- Topsy.com

  4. „tu, was du willst“ (Michael Ende)

    schau in dich, und dann siehst du, was du wirklich willst … und dann leinen los …

    denk nicht über berechtigungen nach, über qualität oder sinn, just be it … ich wünschte, ich hätte deine fülle …

  5. hmm.
    ich war mal so, sagst du.
    sag ich zitat…
    Der Schlüssel zur Struktur des gesamten geistigen und physischen Universums ist der rhythmisch ausgewogene Austausch zwischen allen Gegensätzen.
    (Walter Russell)
    viel spaß beim wiederfinden…

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