Das Unvermögen, sich zu finden

Irgendwann im Sommer, während meiner twitterfreien Zeit, hab ich einen Text geschrieben. Er war nichts wirklich Besonderes, mal abgesehen von seiner Länge. Kurzgeschichten, die 20 Computerseiten lang sind, haben bei mir absoluten Seltenheitswert. Kurze, extrem kurze Geschichten finde ich immer besser als lange. Vor allem, wenn sie von mir stammen. Okay, mein ewig unvollendeter Roman hat 300 Seiten, aber da stürz ich auch mit schöner Regelmäßigkeit in tiefe Schreibblockaden, bis ich dann wieder einen Monat lang schreibe wie ein Wilder. Mit der Story bin ich noch nicht mal wirklich angefangen, ich glaube, falls ich den Roman jemals beende, wird er 700 Seiten lang sein. Dann druck ich ihn mir aus, leg ihn in den Nachttisch und bin stolz auf das Kilo Papierverschwendung. Verlage werden den eh nicht haben wollen, zu experimentell und seltsam. Wie dem auch sei.

Ich werde diese 20-seitige Kurzgeschichte hier jetzt auf keinen Fall ganz veröffentlichen, lesen würde die eh keiner komplett und eine wirkliche lineare Handlung gibt’s auch nicht. Nur Fragmente, die in mehr oder weniger losem Kontext zu einanderstehen.  Außerdem beinhaltet das Manuskript wohl die versautesten und explizitesten Passagen, die ich jemals geschrieben hab, aber damals (also vor vier Monaten oder so) war das notwendig. Wer die Story ganz haben will, sollte sich auf so einiges gefasst machen.

Ich drucke nur ein kleines Kapitel der kompletten Story ab (die übrigens den total sinnfreien Titel +30 hat). Das kleine Kapitel besteht nur aus einem einzigen Gedankenmonolog des namenlosen Protagonisten. Das Kapitel war eigentlich erst recht in meinen Giftschrank gelandet, doch als ich mir die Story vorhin nochmal durchlas, fiel mir auf, dass das Kapitelchen gar nicht mal sooo scheiße ist. Sozusagen als Widmung oder Anfangszitat, hier ein Tweet von heartcore, der neulich die Kernessenz des Kapitels (ohne davon zu wissen) ganz gut zusammenfasste. Keine Angst, diese Story ist eigentlich wirklich nicht sehr autobiographisch, außer natürlich die mehr oder weniger philosophischen Gedanken da drin. Ein Titel für das Kapitel (schöner Reim) ist mir nicht eingefallen, vielleicht fällt euch einer ein.

 

Das ist gar nicht mal so peinlich wie ich dachte, denke ich und reiße das Plakat von den Wänden, wo für eine bestimmte Art von Margarine geworben wird. Big O hat mir erzählt, dass diese Margarine auch als Gleitmittel sehr gut funktionieren würde, aber ich hab meine Gründe, warum ich Big O nicht ausstehen kann und einer dieser Gründe ist, dass er immer daran denken muss, wie er Männer begattet. Ich hab damit kein Problem, latent ist‘s doch jeder ein bisschen, aber das andauernde Gelaber über ihn und seine Identität geht mir auf den Keks. Auf jeden Fall reiße ich das Plakat runter, falte es sorgfältig und lege es in einen Plastikkarton, weil ich mir ganz sicher bin, dass ich jetzt ausziehen werde. Aus Gründen, Gründen, die ich selber nicht ganz verstehe, aber bei denen ich mir sicher bin, dass ich sie habe und dass sie berechtigt sind. Meine Wohnung riecht nach Zigaretten, Milch und durchdringender Schmierseife. Irgendwo in diesem Scheißgeruch liegt die Wahrheit der Menschheit. Meine fetten, fleischigen Finger verschnüren den Plastikkarton mit Kabelbinder. „Ich hab das Gefühl, alles zu verlieren, und Ungewissheit ist einfach brutal“, schreibt mir F. per SMS. Er hat definitiv Recht, doch er soll sich nicht überschätzen: Noch viel brutaler als Ungewissheit ist es, alle Freunde zu verlassen, alles, was man sich hier in der Szene aufgebaut hat, einfach zu fliehen vor allem aus Gründen, die man selber nicht ganz versteht und die man dennoch als ungeheuer wichtig erachtet. Ich hoffe, ihnen das alles plausibel erklären zu können, aber zurzeit ist es sehr viel wichtiger, einfach wegzukommen von allem, und: von allen. Das Gefühl, sich selber zu verlieren, durchflutet alle Synapsen und lässt einen ertrinken in der Matsche, die sich Verlust nennt. Oder so ähnlich. Ich hab in der Schule immer unterm Schultisch wunderbare Gedichte geschrieben, voller klarer Metaphern, bittersüßer Vergleiche und einem geschwungenen Schema, ich hab sie allen Freunden gezeigt, sie bei Zigaretten und Rotwein vorgelesen, dann wildfremde Menschen geküsst und es auch ernstlich bereut. Meine Jugend war so wunderbar und dennoch geprägt von so ziemlich allem, was ich mir erarbeitet habe: Ansehen, Stolz, doch auch Gefühle von Ohnmacht, Sinnlosigkeit und dem Sich-Nicht-Finden-Können in der Welt. Typisch pubertäres Verhalten und das war mir auch ständig bewusst, doch ich denke heute, wo meine Pubertät dann doch geendet hat, daran, dass ich unglaublich viel Recht damals hatte mit meinen Gedichten. Ich sollte sie veröffentlichen. Vielleicht nur für mich allein in einem kleinen Büchlein, Auflage: 1 Exemplar. Vielleicht auch 2 Exemplare, falls ich wirklich mal einen Seelenpartner oder die große platonische Liebe meines Lebens finde. F. war immer nah dran, Seelenpartner zu sein, doch die unüberbrückbaren Unterschiede schließen ihn von mir aus. Ich weiß, dass sie alle, alle meine Kontakte, bald weg sein werden und ich letztendlich ganz allein dastehen würde. Deswegen ziehe ich den Stecker, vorzeitig. Gehe hinaus in die Welt. Ich frage mich, ob ich mich verabschieden soll. Ich wähle die Nummer von drei Menschen, die mir wichtig sind, doch dann lege ich mein Handy weg: Abschied ist unnütz. In ein paar Monaten würden wir uns eh nichts mehr sagen können zum Abschied. Nur weil man sich verabschieden KANN, heißt das nicht, dass man sich verabschieden SOLL. Modalverben sind tröstlich.

Gestern abend war F. noch da. Er blieb bis heute morgen, hat hier übernachtet. „Wie lang darf ich denn noch hier bleiben?“, fragte er mich und ich hab geantwortet: „Keine Ahnung, so lang du willst“, aber ich meinte es nicht ernst. „Wir sollten hier erstmal aufräumen“, sagt F. So räumen wir auf: die Weinflaschen, die Sticker, die Etiketten, die CDs, die LPs, die Fotobücher, die Decken, die Kissen, die Laken, die Bildbände, die Romane, die DVDs, die Fernbedienungen, die Krümel, die Essensreste, die Süßigkeitenverpackungen, die Luftpolsterfolie der neuen Spielekonsole, die neue Spielekonsole, die Rohlingsspindel, die Briefe, die Briefmarken, die Fotos, die Polaroids, die Planen, die Pakete, die Karten, die T-Shirts, die Zigarettenstummel, die Bierdeckel, die Trommeln, die Kronkorken, die Aschenbecher, die Kaffeetassen, die Cocktailgläser, die Gitarren, die Pinsel, die Leinwand, die Acrylfarben, die Tuben, die Zettel, die Kondome, die Ungewissheit, die Vertrautheit, die Freundschaft. Nach zwanzig Minuten sind wir dann fertig. Alles ist wieder ordentlich, geradezu klinisch rein, mir ist unglaublich schlecht.

Gestern abend hab ich ihn angerufen: „Du kannst vorbeikommen, wir gucken schlechte Filme, trinken ein wenig Schnaps und du kannst deine Gitarre mitbringen.“ Seine Gitarre ist super – er hat sie schwarz lackiert und ein bisschen Poesie von Paul Celan reingeritzt, aber so klein und schlecht geritzt, dass man sie nur lesen kann, wenn man es auch wirklich will und das will keiner. „Du kannst echt auch hier pennen, gar kein Problem“, sage ich.

Ich kann mir sein Gesicht am anderen Ende der Leitung vorstellen, dass ein unglaublich süffisantes Lächeln über sein Gesicht huscht, er die Stirn hochzieht und die Augen mit seinen Lidern halb bedeckt, damit er noch fragiler und verträumter und nachdenklicher erscheint. Ich liebe diese Mimik. Zu wissen, dass er sie nur wegen mir macht, diese Ich werde keinen weiteren Erwägungen im Wege stehen-Mimik, lässt mein Herz wie wild schlagen. Ich höre mich sagen: „Junge, komm doch jetzt einfach heut abend vorbei.“

Am nächsten Morgen, also heute früh, lagen wir dann ewig in unseren Betten.

„Lass uns da einfach nicht rausgehen, okay“, sage ich. „Lass uns einfach hier im Bett bleiben und hoffen, dass uns niemand heute benötigen wird.“

„Wir könnten Filme schauen“, sagt F.

„Wir könnten Musik hören.“

„Wir könnten uns unterhalten.“

„Wir könnten nachdenken.“

„Wir sollten nachdenken.“

„Wir müssten nachdenken.“

„Ja, das müssten wir wohl“, sagt F. Modalverben haben etwas Tröstliches. Es graut der Morgen und mir graut davor.

Zehn Stunden später habe ich alle Umzugkartons gepackt (es sind nur zwei), packe sie in mein mickriges Auto und setze mich hinters Steuer. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo ich jetzt hinfahren will. Ich fahre los und beschleunige. Ich fahre innerorts 70 km/h, scheiß drauf, ich will hier einfach weg, dritter Gang, vierter, fünfter. Außerorts. 100. Autobahn. Sechster. Ich kurbele das Fenster runter und schmeiße das Handy raus.

Ende.

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