Ich bin siebzehntausend Jahre alt

Prolog

Ich bin siebzehntausend Jahre alt, denke ich. Zeit, um zu verschwinden. Und lese mir etwas durch, was ich vor einem Monat geschrieben habe:

Ich bin mir zur Zeit relativ sicher, dass ich zwar einen Liebesbrief an dich schreiben könnte, doch er höchstwahrscheinlich ein sich nicht reimendes Gedicht werden würde mit vielen Symbolen, Metaphern und womöglich leeren Zeilen. Dass ich Liebesbriefe schreiben kann, die nur ich verstehen kann, finde ich (warum auch immer) beinahe tröstlich.

Ich habe soviel falsch gemacht in meinem Leben. Es soll alles aufhören. Das klingt wie ein Abschiedsbrief, merke ich gerade, doch für mich geht von diesen Zeilen eine Art von düsterem Optimismus aus, den ich nur zu gern fühle. Ich glaube, dass ich ein glücklicher Mensch werden möchte und ich es auch werden kann. Ich muss mich nur zusammenreißen und alles vergessen.

Das Jahr 2010 ist zu Ende. Wieder soll am Ende des Jahres ein autobiographischer Text in diesem Blog veröffentlicht werden. Ende 2009 schrieb ich an dieser Stelle darüber, wie schwer es ist, auf dem Land großzuwerden, wenn man es auf dem Land hasst.

Nun will ich versuchen, mich zu erklären und warum viele meiner Tweets auf Twitter seit kurzem Perspektiven von Trauer, Depression und Verwirrtheit aufweisen. Vielleicht ist das die letzte Krise meiner Pubertät, vielleicht (hoffentlich nicht) Teil eines größeren Ganzen. Ich hab innerhalb der letzten zwei Tage versucht, meine Gedanken zu ordnen – größtenteils für mich selbst. Doch auch für euch. Weil die Illusion schön ist, dass sich Menschen um einen sorgen, die einen gar nicht kennen.

Der Text besteht aus lauter Fragmenten und ist nicht wirklich schlüssig. Vielleicht verstehen ihn andere 17-Jährige, die nicht wissen, wo sie stehen. Vielleicht verstehen ihn alle. Vielleicht versteht ihn keiner.

Ich bin 17k Jahre alt

Ich habe Angst, dass ich beim erneuten Lesen dieses Textes alles löschen werde. Weil ich mich zwar mit all dem identifiziere, zu jeder Sekunde. Aber es nicht fassen kann. Ich bin gerade nicht unnötig melancholisch, bin nicht betrunken, bekifft, müde oder überaus zynisch. Ich bin, wie ich bin. I am what I am and who I am. Keine Ahnung.

Ich möchte nicht allein sein. Ich möchte nicht allein sein. Ich möchte nicht allein bleiben. Ich möchte gern soviel. Ach, wie gern ich alles von mir selber aus dem Fenster werfen würde, alle Texte von mir zerschreddern würde, alle Kleider in den Müll werfen, alle Geräte demolieren, jede Zelle in meinem Kopf löschen würde, alle Bücher verbrennen und alle Räume leeren würde, sofern mir dies die Gewissheit gäbe: Du bist nicht allein mit deinem Anders-Sein. Ich bin siebzehntausend Jahre alt, denke ich, und dennoch unglaublich allein. Nicht einsam. Aber allein. Allein. Allein.

Meine Eltern können mir nichts mehr geben, sowohl moralisch, geistig wie auch sonst. Außerdem ahnen sie es langsam. Glaube ich. Fühle ich. Die Fragen, wo denn meine Freundin bleibt, verstummen. Stille setzt ein. Meine Eltern. Ich mag sie, es sind nette Menschen, das ist leider alles.

Ich glaube, wenn ich aufhöre hier zu tippen, muss ich weinen. Der Kloß in meinem Hals wird größer und größer und ich wundere mich, dass ich noch so zusammenhängend tippen kann. Oder ist Zusammenhang eine Illusion? Was ist, wenn jede Verbindung eine Illusion ist? Was ist, wenn Liebe eine Illusion ist und wir alle nur die einsamen Schatten sind, die von trauten Dingen geworfen werden? Ich glaube: Wenn ich diesen Text nochmal lese, werde ich 4000000 Eimer vollkotzen. Wegen meiner pseudophilosophischen Weinerei. Und dass ich so einen Scheiss dann auch noch ins Internet stelle, ist die größte Widersprüchlichkeit in einem Meer der Widersprüche.

Ich hasse Fragezeichen. Wenn ich Fragezeichen sehe, muss ich schreien töten kotzen wütend werden. Ich möchte Antworten. Ich frage nun schon seit zig Jahren und Antworten gab es bisher keine für mich, während alle um mich rum Antworten fanden. Ich sollte aufhören, zu denken. Wilde Tage. Düstere Nächte.

Ich würde gern eine Liste erstellen, in dem ich alles aufschreibe. Am besten numerisch, steril, mathemathisch geordnet.

  1. Ich bin siebzehn Jahre alt. Mein Name ist M.
  2. Die Gleichaltrigen sind anders als ich, ich bin in so vielen Dimensionen anders als sie es sind.
  3. Diese Differenzen machen mich ungeheuer fertig.
  4. Auf Twitter bin ich der wortwitzelnde, charmante 140-Zeichen-LOL-Jongleur.
  5. Im wahren Leben bin ich still, karg und erschreckend langweillig.
  6. Freunde habe ich, ja, Eltern auch, aber meine Eltern sind auch komplett anders als ich und falls morgen jemand kommen würde, der mir sagen würde, ich wurde bei der Geburt vertauscht:
  7. Wundern würde mich es nicht.
  8. Und jetzt
  9. in genau diesem Moment
  10. fange ich an zu weinen
  11. wie der letzte idiot
  12. und tippe weiter und haue immer weiter in die tasten und korrigiere nichts weil ich weiß dass sich korrektur nie lohnt
  13. wie der ausspruch einer großen wahrheit einen so umhauen kann
  14. eine große wahrheit und ein unglaublich winziger mensch der in den nächsten jahre noch vom getriebe dieser umtriebenen welt zerquetscht
  15. werden
  16. wird

 

8 thoughts on “Ich bin siebzehntausend Jahre alt

  1. 17. nicht!

    Anderssein ist eine der größten Herausforderungen und zugleich das größte Geschenk!
    Ich wünsche Dir von Herzen die Kraft und den Mut, der zu bleiben, der Du bist!

  2. Hoffentlich liest du deinen Text in ein paar Tagen, Monaten, oder auch Jahren noch einmal. Er ist nämlich gut. Löschen wirst du ihn nicht, dazu hast du zuviel Respekt vor Texten an sich.

    Mal davon abgesehen, dass ich mich in deinem Text auf unterschiedlichen inhaltlichen Ebenen selbst erkenne, finde ich auch die Form sympathisch.
    Fragmente. Absätze kursiv, fett, normal. Komisch, aber genau so füge ich meine Gedanken auch oft formal zusammen, wenn ich Bruchstücke zusammenzwinge, die nicht recht wollen. Beispielsweise nach dem Tod einer meiner besten Freunde, sahen die Textfragmente fast genauso aus.

    Dann die Aufzählung am Ende – wie sie über die Zeilen hinweg aufbricht, wie sich deine Gefühle des Versuchs widersetzen, sie in eine numerische, nüchterne Liste zu pressen. Großartig. Hier kommt deine Persönlichkeit durch. Genau das ist die Kreativität und Originalität, weswegen ich deine Texte so gerne lese. Ich beneide dich darum, dass du mit 17 bereits so anders bist. Wirklich.

  3. Geht mir oft wie dir. Kenn‘ ich genauso, dieses Jugendlichsein, die Fragen nach der Freundin, die Fragen ohne Antworten, die Bruchstücke und Gedankenstränge, den Kloß und die zermalmende Wahrheit, die man nur selbst zu kennen scheint.

    „It gets better. Immer. Alles.“

  4. Hm. Hat sich nicht viel verändert in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

    Sieh es mal so: du hast mit 17 Jahren schon mehr über dich herausgefunden als andere Menschen jemals über sich erfahren werden. Irgendwann wirst du es auch schaffen dich selbst zu akzeptieren. Ab dann wirds besser. So in etwa.

    • seh ich auch so – bin jetz 32 und es hat sich nicht wirklich viel verändert – man findet zwar gleich/ähnlich/gesinnte, soll aber wahrscheinlich ewig an sich selbst rumdenken. obwohl solch erkenntnis mich schon zu bauchschmerzen auf lachbasis hingerissen hat…

  5. so ich habe mir das jetzt mehrmals reingezogen und musste nicht kotzen. denn wenn man die welt als einen garten sieht, so kann man parallelen herstellen. eine pflanze stellt nur durch die erbmasse einen bezug zu seiner herkunft her. aber keine pflanze hat eine ahnung davon, wo ihr same auf welchen fruchtbaren boden fällt. so schreibst du deine gedanken ins netz und weißt nicht, wer sie lesen wird und welcher nächste gedanke daraus erwächst. wörd

  6. „was michallein schreibt“ – um diese wahrlich nicht schöne, aber hier treffende Kurzform zu nutzen.
    Meine Zeit mit 17 ist lange her (die mit 32 auch … ;-). Aber ich habe das Gefühl, die eine oder andere Erinnerung besteht noch. Ein Gefühl, deutlich langweiliger und unauffälliger zu sein als andere, kommt auch später immer mal wieder hoch. Und dann braucht man solche Beispiele wie das deine. Und solche Kommentare wie hier. Um sich daran zu erinnern – wie das mit der Selbstwahrnehmung ist. An diesen grauen Tagen. Wo man sich als graues Teile einer grauen Wollmausumgebung fühlt.
    Und sich plötzlich nicht an die anderen Momente und Tage erinnert, die es sehr wohl genau so gibt. Nicht nur in wunderbaren Texten – sondern auch in der Realität.
    Ja, es ist ein Teil ausgehender Pubertät. Und doch – auch später kommt es immer mal wieder. Aber es gehört zu dir. Und ist ein Teil von dir, aus dem du auch schöpfst.
    Und wir – partizipieren daran.
    Und lesen es gern. Mit vielen Reaktionen.
    Gönn es Dir – und uns. Auch weiterhin. Ungelöscht.

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