This Is An Exit

„Schreckliches Wetter draußen, was?“

Ich streife mir meinen Mantel ab (Hugo Boss, 350€) und hänge ihn an die Edelstahl-Garderobe im Flur. Veronica schaut mich lächelnd an. 1,80 groß, braune Haare, Vater ein Latino, kaum Titten, viel Arsch, kann sich sehen lassen, trägt zurzeit nur Unterwäsche.

„Mann, Kevin. Deine Haare.“ Ich merke jetzt erst, wie verstrubbelt sie durch den ganzen Regen sind.

„Ja, schreckliches Wetter“, sage ich betont fröhlich und betrete das Wohnzimmer im Loft. Meine Lederschuhe (Lloyd, 200€, Tipp von Men’s Health) quietschen unangenehm und hinterlassen Wasserflecken auf dem frisch duftenden Linoleum.

„Wirklich schön geworden“, sage ich, um die nun einsetzende Stille zu unterbrechen.

„Ja, das Loft ist schön geworden. Hat auch gut Geld gekostet.“, sagt Veronica. „Ich geh mir mal was überziehen. Auf dem Tisch ist Wein.“ Sie verschwindet in einem Zimmer, ich setze mich auf ein Sofa und nippe vom dort bereitstehenden Rotwein.

„Lass dir nur Zeit“, rufe ich. „Was ist das für ein Wein?“

„Souvignon-blanc, 1986.“, ruft Veronica aus dem Zimmer.

„Blanc?“, rufe ich lachend.

„Ja, dann halt nicht blanc.“ Gott, wie doof die Schlampe ist. „Gefällt er dir denn?“

„Nicht übel. Wie viel?“

„Vierhundert. War kein Schnäppchen.“ Vierhundert für das Gesöff?

„Erinnert mich an Feige“, rufe ich.

„Ja, das hat der Verkäufer im Laden auch gesagt.“ Glückstreffer.

„Kommen die Anderen auch noch“, frage ich Veronica.

„Joan und Alex ja, Freddy ja. Marcus muss gucken, ob er sein Date mit so einer Crackhure im Chezelle’s absagen kann. Sonst kommt der auch.“ Ich frage mich, was Veronica gleich tragen wird, wenn sie aus dem Zimmer zurückkommt.

„Marcus? Was für ne Crackhure?“ Ein Kleid?

„Ach“, ruft Veronica. „Er hat sie irgendwie gefickt auf ner Fete im Hinterzimmer. Und jetzt hängt die an ihm dran wie ne Klette.“ Oder doch nur ein Top?

„Doofe Fotze“, rufe ich tonlos und etwas infantil, um auf Veronicas Niveau zu kommen. Nein, die wird ganz sicher ein Kleid tragen.

„Kannste laut sagen.“ Von Lacoste? Oder Hubert de Givenchy?

„Und Joan und Alex kommen auch noch?“ Ich schütte den Wein in eine hässliche Zimmerpflanze neben mir. Ob ihr Kleid rot sein wird oder blau? Oh Gott, bitte nicht grün.

Veronica seufzt. „Ja… leider.“ Sie wird sich wohl einen Wonderbra anziehen (sie lebt immer noch in den 90ern), damit ihre mageren Titten sichtbar sind.

„Die haben doch ein Kind. Warum geben wir uns mit denen ab? Wenn du ein Kind hast, dann war’s das.“ Aber ihr Arsch ist geil.

„Ja, schon. Ist heute eh das letzte Mal. Die beiden ziehen weg.“ Durchaus fickbar, die Frau.

„Ach, echt?“ Die Neuigkeit geht mir am Arsch vorbei. „Wohin denn?“

„Hawaii.“

Ich lache auf. „Hawaii. Warum Hawaii?“
„Ach, Kevin. Ich find das verfluchte Top nicht.“ Falsch geraten, kein Kleid.

„Zieh dir doch ein Kleid an.“

„Nein, Mann. 160 Ocken! Ich hab’s doch extra für heute gekauft. Ob ich das im Taxi liegen gelassen hab?“ Gleich fängt sie an zu heulen.

„Extra für heute“, wiederholt sie und fängt an, zu heulen.

„Du bist berechenbar, du alte Schlampe. Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin“, sage ich nicht leise.

„Was hast du gesagt“, ruft sie aus dem Zimmer.

„Ich hab nix gesagt.“

„Jetzt fang ich auch schon an, zu halluzinieren.“

„Bringt wer Koks mit“, frage ich.

„Ich hab noch was im Badezimmer.“

„Geil. Wo?“ Ich stehe auf, schenke ein Glas Rotwein auf und gehe in ihr Zimmer.  Sie steht oberkörperfrei vorm Spiegel. Ihre winzigen Titten sind verpickelter, als ich sie in Erinnerung habe. Ob sie Heroin nimmt? Dann muss ich sie nur noch mit Gummi nehmen. Scheiße.

„Zweite Schublade von unten. Ein Gramm. Kannst haben.“

„Das heißt ‚Kannst du haben‘, nicht ‚Kannst haben“, sage ich lächelnd und reiche ihr das Glas Rotwein.

„Du bist ein Schatz“, sagt sie. „Danke.“

Ich gehe ins Badezimmer, fische mir das winziges Gummitütchen aus der zweituntersten Schublade, reiße mir ein Stück Klopapier ab und platziere es auf der Fensterbank. Ich lasse vorsichtig das Koks auf das Papier rieseln. Ich hole meine American Express Card aus der Tasche, portioniere die Line und ziehe sie mit einem 100€-Schein. Ich schniefe mehrmals heftig, wische mir den Speichel vom Kinn und gehe dann zurück ins Wohnzimmer.

Veronica trägt ein Top, lila. Es sieht fürchterlich aus. Es betont ihre zu fetten Hüften.

„Wunderschön siehst du aus. Welcher Designer?“

„Marc Jacobs“, sagt sie stolz. „Dreihundertfünfzig.“

„Da werde ich fast neidisch.“ Ich schenke mir von dem Rotwein ein, den ich hinter ihr mickriges Bücherregal schütte, sobald sie nicht hinsieht.

„Du hast den Wein aber schnell auf“, sagt sie. Ich lächele, was man als freundschaftliche Geste interpretieren kann.

„Gibt es gleich noch Essen“, frage ich sie nonchalant.

„Ich habe gekocht.“ Das heißt: so wenig essen wie möglich und später noch beim Takeaway vorbei, bevor man noch was von dem Privatfreundeskreis-Fraß zu sich nehmen muss.

„Wie läufts denn beruflich“, frage ich sie. Das scheiß Koks wirkt nicht.

„Echt schwer“, antwortet sie gepresst. „Ich muss Mittwoch nach Japan und Fotos im Yuan schießen lassen.“

„Der Yuan ist in China“, sage ich.

„Nee, Japan.“ Unfassbar, die Alte. Es klingelt und sie geht zur Tür. Ich nutze die Gelegenheit, um die Weinflasche zu nehmen und etwas hinter den Fernseher zu schütten. Womöglich hab ich Glück und ich treff ein paar offene Kabelstellen. Ich höre einen Schuss. Mehr neugierig als schockiert gehe ich in den Flur und dann sehe ich Veronica, die über dem leblosen, blutigen Körper von Marcus steht.

„Er hat… er hatte eine Pistole.“

Ich schaue mir seine Brustgegend an. Total unidentifizierbar, reiner Fleischmatsch.

„Er hat einfach abgedrückt.“

Ich nicke träge. Friedlich sieht er aus.

„Sein Anzug passt nicht zu seinen Schuhen“, sage ich. Veronica nickt.

 

Geschrieben handschriftlich in den frühen Morgenstunden des 27. November 2010.

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2 Kommentare zu “This Is An Exit

  1. Die Mitte gefällt mir nicht, ebenso wie die teils derbe Sprache, die, meiner Meinung nach, ab und an ein wenig zu gestelzt wirkt. Dafür begeistert das Ende. Wirklich.

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