Ein Vater tötet seine Familie

Ein Vater tötet seine Familie

Eine traurige Geschichte

„Weißt du noch, Papa, letztes Jahr? Als es die starken Gewitter im Sommer gab? Als es so stürmisch war? Und dass es sich im September so schnell abkühlte? Wie kalt es auf einmal wurde? Und dennoch hörten die Gewitter nicht auf. Und die Herbststürme fegten über uns hinweg. Und dann war doch am Samstagabend der große Sturm da. Und wir hörten drinnen im Haus, wie die Ziegel vom Dach der Scheune flogen. Wie das immer aufschlug auf dem Boden, wir hörten in der Küche beim Abendessen, wie die Ziegel zersplitterten. Weißt du das noch? Und wie du und Stefan dann am Montagnachmittag, es war ein grauer, kalter Tag, die Ziegel neu aufsetzen wolltet aufs Dach? Ihr seid mit der höchsten Leiter, die wir hatten, auf das Dach geklettert und habt von dort oben die Lage inspiziert. Ich weiß noch, wie ich auf dem Hof stand und du hast von oben geschrien: „Es sind mehr runtergekommen als ich gedacht hätte“. Und wie Stefan dann die Ziegel einzeln die Leiter hochtrug und du immer gerufen hast: „Pass auf, fall nicht runter“. Und dann bin ich in die Küche gegangen, wo Mutter die Marmelade eingekocht hat. Es roch überall nach Waldbeeren. Hast du den Geruch in der Nase, Papa? Waldbeeren? Und ich weiß noch, wie Mama am Fenster stand und sich ein feuchtes Küchentuch auf den Mund drückte und wie gebannt nach draußen starrte, zur Scheune. Wie du vorm grauen, wolkenverhangenen Himmel auf dem Scheunendach standest, während Stefan langsam Sprosse für Sprosse die Dachziegel hochtrug. Weißt du das noch? Stefan? Er war da gerade mal neun Jahre alt und hat schon so viel Kraft in den Armen. Neun Jahre alt. Erinnerst du dich an die Sammlung von kleinen Miniatur-Traktoren und Baggern in seinem Zimmer? Wie sie alle auf dem Regal waren bei seinem Bett? Die winzigen Trecker? Erinnerst du dich daran? Und wie Stefan dann nach einer langen Zeit erschöpft war vom vielen Tragen und immer langsamer wurde? Und hast du vom Dach aus Mama am Fenster gesehen, wie sie euch angespannt zusah? Und wie Stefan dann nach einer Stunde des Tragens fast auf der obersten Sprosse angekommen war und wie du dann – unzufrieden mit seinem Tempo – zum Dachrand gelaufen bist? Und wie du in die Luft getreten hast vor Wut? Du wolltest niemanden treffen, oder? Und weißt du noch, wie du dann die Leiter getroffen hast? Und als dann die Leiter langsam umgefallen ist? Wie ungläubig Stefan geguckt hat? Als er merkte, dass er jetzt mit dem Rücken auf Asphalt schlagen wird? Hast du ihm in die Augen gesehen, als er starb? Hast du das Splittern seiner Wirbelsäule gehört, Papa? Und wie die Mutter dann rausgerannt kam? Sie hielt das Küchentuch noch fest vor ihren Mund gepresst und deshalb klangen ihre Schreie so gedämpft? Wie sehr sie geweint hat? Und wie du oben am Dachrand standest? Hast du geweint? Und wie ich neben Mama stand und sie an der Hand festhielt, damit sie nicht umkippte? Der Arzt und der Pfarrer kamen dann, später noch der Leichenwagen. Und wie du noch am selben Abend auf dem Hof standest, bewegungslos, erstarrt. Und mit dem Gartenschlauch die Blutflecken weggespült hast. Weißt du das noch? Wie sehr Mama die Nacht geschrieen hat? Weißt du noch, was sie geschrieen hat? „Als du meinen Sohn getötet hast, habe ich zugesehen!“ hat sie geschrieen. Wie sehr sie geweint hat? Was hast du ihr erwidert? Hast du ihr was erwidert? Wie sehr Mama sich Schuldgefühle machte, dass sie nichts getan hat. Und dann bist du doch wahnsinnig geworden, ein paar Tage später. Da bin ich doch eines Nachts wach geworden, weil ich Krach aus dem Nebenzimmer hörte. Aus Stefans Zimmer. Und dann warst du es, der mit verweintem Gesicht alle kleinen Trecker und Bagger in eine Plastiktüte stopfte, mitten in der Nacht? Und wie der Wind durch die Flure pfeifte? Und wie du mich dann gesehen hast, in der Tür stehend? Und wie du dann mit tränenerfüllter Stimme zu mir gerufen hast: „Er hat doch gesammelt! Das war doch seine Sammlung! Die dürfen wir nicht wegwerfen! Das war doch seine Sammlung!“ und wie du dann umgefallen bist und weinend in seinem Zimmer lagst auf dem Spielteppich. Und dann hast du all seine Trecker genommen und am nächsten Tag an den kleinen Baum gefädelt, welchen du gepflanzt hast, als Stefan geboren wurde. An den neunjährigen Baum? Wie die Trecker im Wind immer hin- und herflogen und wie die Nachbarn über uns lästerten, weil sie es nicht verstanden. Und wie wir dann eines Abends am Küchentisch saßen – nur noch zu dritt, doch Mutter hatte immer noch für vier gedeckt und das brachte sie zum Weinen. Und wie du sie getröstet hast, bis dir keine Worte mehr einfielen? Und bis ihr beide geweint habt? Und dann hörte man doch das geöffnete Fenster, wie sich die Trecker an den Zweigen im Wind bewegten. Und dann hat Mutter geflüstert: „Als du meinen Sohn getötet hast, habe ich zugesehen!“ Und da wollte ich auch weinen, aber ich hatte keine Tränen mehr. Und du wolltest ihr antworten, doch du hattest keine Worte mehr. Und wie wir dann ein oder zwei Monate später im Garten standen und du hast mir erklärt, was Wiedergeburt bedeutet und ich habe nichts verstanden. Weißt du noch, wie dunkel es wurde in jener Nacht? Das letzte Gewitter des Jahres, direkt über unserem Hof. Und dann ist der Blitz eingeschlagen. In den Baum. In Stefans Baum. Und wie er die Nacht lang gebrannt hat. Und wir alle haben das verschlafen. Und dann haben wir es am nächsten Morgen gesehen, Papa. Und wie traurig wir alle waren? Nur Mutter hat nichts gesagt. Eine Stille hatte sich unserer Körper bemächtigt, wie? Wir alle schwiegen an dem Tag, nicht wahr? Und wie du mich dann am nächsten Morgen angsterfüllt gerufen hast? Und wie ich dann Mama im Bett lagen sah? Der Arzt und der Pfarrer kamen dann, später noch der Leichenwagen. Weißt du das noch, Papa? Erinnerst du dich?“

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