Guido Knopp, Charles Manson und ich

Guido Knopp, Charles Manson und ich

Was ich hasse, sind Liebesbeweise im Schüler-oder StudiVZ. Es gibt nichts Dümmeres, als seiner Angebeteten oder seinem Angebeteten per Buschfunk-Nachricht seine Liebe zu beweisen. (Wer Buschfunk nicht kennt: Das ist sowas wie TWITTER, nur 4.000mal doofer.)

Jeden Tag flimmern Botschaften wie „liebe schatzihonigpupsbitchi, i luv you 4 eva, wir bleibn ewich zusammen! wir heiratn, zeugn 4 kinda am tach und sterben alt und glücklich mit 29 jahren als harz fear-empfänger.“ über meinen Bildschirm. Ich würde mich anders verhalten. Falls ich jemals eine Partnerin finden sollte (letzte Hochrechnungen von Wissenschaftlern sagen dies für 2309 voraus), würde ich sie nicht mit „Hinterfotziges Bunnygirl“, „Geile Sau“, „Schatzipups“ oder „Schnuckelbärfurzknoten“ ansprechen. Ich würde sie wohl mit ihrem Vornamen ansprechen. Ich wäre optimistisch und realistisch zugleich und würde kaum schreiben, dass ich auch noch in 70.000 Jahren mit ihr zusammen sein werde. Ich würde also schreiben:

Liebe Partnerin meinerseits,

das mit uns geht bestimmt noch zwei Wochen gut.

Für diesen Monat höchstwahrscheinlich noch verliebt in dich,
dein Matze.

Ach, eigentlich möchte ich dann doch gar nichts in diesen verfluchten Buschfunk schreiben. Ich würde sofort zeigen, welcher sozialen Kaste ich angehörte: dem SchülerVZ- Pöbel. Ich wüsste eh gar nicht, wie ich jemand kennenlernen sollte. Ich kann weder wunderschön singen, brilliere nicht durch naturwissenschaftliche Kenntnisse, kann nicht bügeln, kein Abseits erklären, Sex and the City finde ich unlustig, Schuhe kaufen scheiße, toll aussehen tu ich auch nicht – – – diese ganzen Frauenklischees halt. Aber auch auf Feten werde ich wohl nie jemanden kennenlernen.

Ich kann nicht tanzen, hüpfen oder zumindest melodiös stampfen. Ich stehe meistens nur rhythmisch mitwippend an der Theke, und falls der DJ das Lied wechselt, wippe ich einfach weiter und denke mir: „Ich habe den Takt gefunden und bin nicht bereit, ihn zu ändern.“ Und ansprechen kann ich eh keinen, den ich nicht gut kenne. Sonst läuft’s immer so ab:

ICH: Hi, biste öfter hier?
POTENZIELLER PARTNER: Nee, ist doch bloß ´ne Fete.
ICH: Ach ja!
Peinliches Schweigen.

Meine Freunde sind auf Partys so präsent wie glückliche Rentnerehepaare in einem Werbespot für die Apothekenumschau.
Die sind sogar so gut drauf, dass die ernsthaft versuchen, den Songtext zu „Cotton Eye Joe“ von REDNEX mitzugrölen. Jedoch scheitert jeder bei:

Häpdabdapimpa cotton eye Joe
afdawärinklonk time ago,
ready to lumppampapow,
Häpdabdapimpa cotton eye Joe

Ich kenne also keinen Experten für holländische Countrytechno-Bands. Darüber bin ich relativ glücklich.
Ich bin halt kein Partymensch. Rum saufen oder rumsitzen oder grillen oder irgendwas begucken oder Kino oder DVD-Abend – okay! Aber Partys? Nee, nicht so mein Fall. Und das macht mich bei den meisten Partygängern so beliebt wie ein Bibelkreis in einem Pornokino. Und wer mag schon gern über Psalmen diskutieren, wenn man anderen Menschen beim Ficken zugucken kann? „Kommt drauf an“, grölen nun meine Leser, „ob es sich um gutbezahlte und nett aussehende Busenwunder und Mannesbilder aus den USA handelt. Oder ob es sich um Gerlinde und Dieter Brummwein aus dem Nachbarkaff handelt.“

Stimmt auch wieder. Ist gebongt.

Wenn Leute abends zu mir kommen, um ihre Wampe zu lüften und ihren Körper mit alkoholischen Genüssen verpflegen wollen (ja, heute reiten wir mal die Alkohol ist megacool-Welle mit!), dann versuche ich meistens, freundlich zu sein. Ich bin kein Grobian, Haderlump oder Stinkestiefel, um drei schönere Synonyme für „Arschloch“ zu verwenden. Zu meinen Freunden sage ich „Hallooh!“ und wenn sie bei mir anklopfen, sage ich: „Kommt rein! Legt eure Jacken ab! Ich werde euch wohl mit Gebäck, Getränk und Gesang bewirten, damit ihr Gebäck, Getränk und Gesang genießen könnt.“ Ich unterhalte sie mit knusprigen Gesprächsthemen, knackigen Gerüchten und krossen Polit-diskussionen. Ich erzähle ihnen die tollsten Geschichte und schildere Sachverhalte, Geschichtsereignisse und voll geile Witze LOL mit einer solchen Inbrunst, dass Guido Knopp erblassen und stammeln würde: „Oh gott o gott, liebe Zuschauer! So inbrünstig kann ich nicht sein! Egal, willkommen bei HITLERS HELFER!“

Wenn ich nicht freundlich bin, remple ich Freunde an, schelte sie als Oberlarry, Tunichtgut oder Fregatte. So coole Schimpfwörter, die ich aus den TKKG-Büchern habe. Falls einer von meinen Lesern jemals TKKG gelesen hat, wird er sich sicher noch an manche Fremdwörter erinnern, die dann kursiv gedruckt in Klammern erklärt wurden. „Halt‘ die Klappe, du blöde Fregatte! (Handelsschiff, hier: frauenfeindliches Schimpfwort)“ . So in etwa.

Ich schubse meine Freunde dann gerne in den Kaffeeautomaten, und verstümmle unliebsame Zeitgenossen mit einer solchen Inbrunst, dass sogar Charles Manson erblassen würde. Ich verbreite Lügen, dass zum Beispiel mein bester Freund zwielichtige Sexkontakte in Kirgisistan pflege und er abends nur nie mit losgeht, weil er gerade die kirgisische Präsidentengattin begattet.
Falls mir jemand dann Dinge ausleiht, kann er damit rechnen, sie nie oder stark beschädigt wieder zu erlangen. Falls man mir Buch, CD oder Film ausleiht, bekommt der Verleiher Buch, CD oder Film grundsätzlich erst nach ca. 7 Monaten wieder. Das ist aber noch nicht alles. „Also“, sage ich. „Ich weiß ja nicht, ob das schlimm für dich ist, aber ich sag’s mal schnell: Ich hab die wertvolle Erstauflage der gesammelten Werke von Hunter S. Thompson mit Orangensaft begossen. Ein paar der Seiten sind nicht mehr lesbar.“ Oder ich rufe: „Diese haarige, kotbeschmierte und teilweise zerbissene LP von Joy Division, die du mir verliehen hast, lag vier Monate lang in unserer Hundehütte. Bello gefiel sie gut!“

Mein Gott, so bin ich. Was soll ich mich ändern. Eh dafür zu spät. Und wenn mein Hund nun mal gerne Platten von britischen New Wave-Bands schätzt, wer könnte es ihm verübeln?

Dieser Text wurde am 20.5.10 von mir beim Poetry Slam „WortWurf“ im F24, Münster, vorgelesen und ich schrammte leider einen Punkt am Finale vorbei.

2 thoughts on “Guido Knopp, Charles Manson und ich

  1. ziemlich cooler text. aber schade, daß du nicht auf kommentare zu antworten scheinst ;).

    dein blog gefällt mir, das kafka-projekt schau‘ ich mir erstmal noch aus der nähe an – glaube aber, daß ich das auch mögen werde.

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