Kein Aufschrei geht durch unser Vaterland

Kein Aufschrei geht durch unser Vaterland (Titel geklaut von Max Goldt und Axel Springer, ja, wirklich.)

Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als eines Morgens aufzuwachen mit dem dringenden Wunsch, über 60 zu sein, weil einem dann Musik egal geworden ist oder gar mit dem Wunsch, eh taub geboren worden zu sein.

Dabei ist der Wunsch nicht unberechtigt.

Was im Radio, Fernsehen und Alltag um unsere Ohren braust ist eine Mischung aus alarmierend und doof.

Alarmierend, weil ich ungern in einer Generation lebe, die anscheinend nur noch gräuliche Musik über Handylautsprecher hören kann, die Musik ohne Text als langweilig, die Musik mit experimentellem Ansatz als Krach und die Musik mit politischen Tendenzen als nervig empfindet.

Doof, weil 99% der populären Musik zur Zeit oberflächliches Gedudel ist, was möglichst wenig Emotionen auslösen darf. 99% dieser Musik wird in formatierten Hitradios gespielt, wo sich der Wunsch nach Integrität und abseitigen Klängen eh erledigt. Die geradezu DIN-genormte Einheitsmusik aus diesen Ätherwellen soll möglichst keine Emotionen aufwerfen – vor allem keine Emotionen, die von sinnbefreiter guter Laune, unglaublich heuchlerischen „Summer-Feelings“ und dämlicher Nostalgie abweichen.

Was soll man tun? Sich hermetisch abriegeln? Auf die Massen scheißen, sie als „Lemminge“ bezeichnen und elitär rumstolzieren, spex lesen und verkümmern, weil man zwangsläufig mit diesem Gehabe vereinsamen wird?

Gute Miene zum bösen Spiel machen? Die Musik tolerieren und bei den identitätslosen Hörern dieser Musik Vertrauen erzeugen, indem man Sachen sagt wie: „Elektro? Haha, das ist doch keine Musik“ oder „Wenn’s nicht bekannt ist, kann’s doch gar nicht gut sein“ oder „Ich liebe auch richtig rohen, gemeinen Punk! Kennst du zufällig Billy Talent oder Green Day?“. Leute, die bei diesen Sätzen säuerlich aufstoßen mussten, reiche ich gern eine dankende Hand und biete ihnen Indie-Limonade wie Bionade an.

In den USA unterscheidet man noch diffiziler.

In Deutschland gibt es die Masse und die Underground-Gemeinschaft, wo neuerdings durch die Verdrängung von jeglichem Indie aus den Massenmedien selbst Tocotronic oder Muse auch als Underground gelten.

In den USA gibt es nicht zwei Musikhörerstufen, sondern derer vier. Die Masse, die eingängigen Party-Indie-Hörer (Muse oder Foo Fighters), die verhassten Hipsters, und die wahren Undergroundhelden. Hipster sind Menschen, die auf jeden Undergroundzug mit aufspringen, nur um ungeheuer Indie und rebellisch zu wirken. Eine bekannte Hipster-Band ist Animal Collective. Deren anfangs experimentelles Gefiepe, was den Undergroundhelden durchaus erfreuen konnte, wurde zu relativ mittelprächtigem Rockgeschwurbel, was alle Hipster angeblich toll fänden, da es ja so ungeheuer experimentell sei. Ein Trend, den viele Undergroundhelden sehr negativ auffassen, ohne bemerkt zu haben, wie belanglos die Debatte um Hipster ist. Ich hätte in Deutschland gar nichts gegen Hipster, denn das würde ja implizieren, dass es als cool und vertretbar und nicht selten gilt, Undergroundmusik zu hören.

Vor ein paar Tagen durchsuchte ich die Vinyl-Sammlung meiner Oma auf dem Dachboden. Knapp 100 Schallplatten und 2 Schellack-Obskuritäten waren  versammelt. Keine von diesen Erzeugnissen hat mich auch nur irgendwie angesprochen. Ich bin da zu optimistisch rangegangen. Glaubte ich wirklich, meine konservative Oma hätte Platten von Portishead oder Joy Division? Anscheinend ja, denn  ich war recht zornig, als ich bemerkte, dass es nur Heino-LPs gab, unglaublich unheimliche Volksmusik aus den 70ern, und ganz ganz schlimme Dinge. Die einzige Sprechplatte hat mich anfangs angewidert (eine Rede von Axel Springer), bis ich dann bei Recherchen über die Platte herausfand, dass Max Goldt damals in einem Fanzine über diese Platte etwas geschrieben hatte, die Kolumne sogar nach der Platte benannt hat: Kein Aufschrei geht durch unser Vaterland. So verzweigen sich also Parallelen in einem Leben. Und um der gräulichen Musikleidenschaft meiner Oma, Axel Springer und Max Goldt ein halbsarkastisches Denkmal zu setzen, nenne ich diesen Text auch Kein Aufschrei geht durch unser Vaterland – und ich finde diesen Namen wirklich überaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass schließlich keine Sau aufschreit angesichts der musikalischen Verwahrlosung in unserem Vaterland – und ich finde es ganz schön putzig, dass die Phrase musikalische Verwahrlosung der Jugend damals das komplette Gegenteil meinte, als Elternverbände meinten, gegen Metal, Underground, Psychodelic und NDW protestieren zu müssen.

Und beenden möchte ich den Text mit einem Anfang. Dem Anfang der Kolumne von Max Goldt, in der es um die Springerplatte ging:

Ja, noch während des Schreibens der Überschrift trug ich mich mit dem Gedanken, meinen Artikel mit einer breitangelegten Rezension der vor elf Jahren erschienenen Axel Springer-CD „kein Aufschrei geht durch unser Vaterland“, die ich heute früh im Spendenkeller des Spandauer Johannisstifts erstand, zu beginnen, aber Trevor, einer der beiden Herausgeber dieses schönen Druckerzeugnisses, der übrigens nach nur wenigen Bieren regelmäßig bisexuell wird und gestern im Loft bei dem doofen Sneaky Feelings-Konzert durch bedenklich entzündetes Zahnfleisch auffiel, würde sicher meinen, daß sowas die Leser nicht recht fessele. Also will ich meinen kleinen Beitrag drei Themen widmen, von denen ich sicher bin, daß sie den meisten Menschen den Atem verschlagen: Koteletten, korrektes Kaffeekochen und Ric Schachtebeck.

Schade, dass ich nicht weiß, wer Ric Schachtebeck ist. Ist aber gewiss ein lustiger Name.

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