Die Fav-Mafia

„Lieber M!
Bitte seh dir mal diese Fotos an, vielleicht siehst du dann, worauf du dich eingelassen hast!!
Liebe Grüße, ein Opfer.“

So der originale Wortlaut des Briefes, der sich vor ein paar Tagen in meinem Postfach befand. Kein Absender, nur diese kurze Notiz und ein paar Polaroids in einem seperaten Umschlag, der mit „fand ich vor ein paar tagen in meinem postfach!“ beschriftet ist. Was kann man auf den Polaroids sehen? Alles und nichts.

  1. Eine Benutzeroberfläche auf Twitter.
  2. Ein Tweetautor (unkenntlich gemacht) eine Favstar-Seite betrachtend.
  3. Einen hastig hingeschriebenen Tweet, nur die Worte „Cappucino“ und „Fellatio“ sind lesbar.
  4. Fotos, wie der anonymisierte Tweetautor sein Haus verlässt (Hausnummer 89).
  5. Fotos diverser Geldkoffer.

Obwohl der Autor meines seltsamen Briefes nicht wollte, dass ich weiß, um wen es geht, konnte ich ihn recht schnell identifizieren aufgrund der Benutzeroberfläche auf 1.). Es handelt sich um @xxyy (echter Name der Redaktion bekannt). Durch Google kann ich seine Addresse relativ schnell herausfinden. Ich arrangiere mit ihm ein Treffen.

Unser erstes Treffen war relativ kurz, doch half es mir sehr, das Rätsel um die Polaroids zu entschlüsseln.
Berlin, Alexanderplatz. @xxyy (ab sofort als Dieter bezeichnet) kann ich schon von Weiten erkennen. Ein hagerer Mann in den Mittdreißigern, seine Hände zittrig durch das dünne Haar fahrend, eine winzige Zigarette zwischen den Lippen, sein Blick unstet und mich alle paar Sekunden durchdringend fixierend. Wir tauschen die Parole aus („Sascha“, er erwidert: „Lobo“). Dieter sieht sich um, nervös, schnell, hastig.
„Können wir reden?“ Er kann einem leid tun.
„Ja, können wir. Also: Was hat es mit diesen Polaroids auf sich?“ Er sieht sich erneut um, schaut mich an, zündet sich eine weitere Zigarette an, bietet mir auch eine an. Ich lehne dankend ab. Erst nach einer langen Zeit antwortet er:
„Kennst du Robert Hoyzer?“
„Klar. Der korrupte Schiedsrichter, der von der Wettmafia bezahlt wurde.“
Er mustert mich. „Wettmafia… du sagst es. Wie lange bist du bei Twitter?“
„Seit Mai 2009. Wieso?“
„Mensch, bist du naiv! Und du hast noch nie Kontakt mit einem von der Favmafia gehabt?“
„Von der was-?“
„Der Favmafia. Man schätzt, jeder zweite Twitteruser ist ein gekaufter User, welche gegen Geld Tweets anderer User faven. Oder was glaubst du, warum @soundso (Name der Red. bekannt) so gehyped wird?“
„Der User ist von der Mafia?“
„Der Favmafia, ja. Wieviel Follower hast du?“
„Naja, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren es etwa 480.“
„Mindestens 300 deiner User sind falsch! Twitter ist wie eine Droge. Sie macht dich high, anfangs findest du alles geil, doch wenn dann die Flut an Alltagsbeschreibungen und „Kaffee!! LOL“-Tweets über dir zusammenbricht, bist du wie ein Schiffbrüchiger auf hoher See.“
„Du formulierst unnachahmlich, Dieter.“
„Danke. Ich war wie ein Junkie, süchtig nach dem nächsten Fav. Ich konnte nicht mehr auf Toilette gehen, einkaufen oder mit dem Hund um den Block, ohne alle drei Minuten Favcharts, favstar.fm oder meine @-Replies zu checken. Wer hat gefavt? Wieviel Minuten bis zum nächsten Tweet? Ist dieser Tweet ethisch korrekt? Und wenn du dann noch merkst: Die Favmafia steckt überall drin, dann möchtest du nur noch raus aus diesem Twitter!“
„Aber solange man Tweets anderer favt, bekommt man doch Geld“, erwidere ich, das Konzept noch nicht durchschauend. „Gut, es ist unmoralisch – aber nicht schrecklich.“
„Klar. Aber wenn du einmal von der Favmafia weißt, versucht sie alles, um dich auszuschalten. Tausende unfollowen dich, niemand favt deine Tweets, dein iPhone wird gehackt, es tauchen peinliche Twitpics von dir auf.“
Ich schlucke. „Dieses Bild von Ihnen, wo Sie nackt Limbo tanzen mit diesen französischen—“ Er unterbricht mich:
„Ja, das Foto hätte ich selber nie hochgeladen.“
Ich bin baff. Dieter hat Insiderwissen. Sein monatelanger Kampf gegen die Favmafia hat ihn in den Underground abdriften lassen. Er raucht zwanzig Zigaretten pro Stunde, trägt den immergleichen Trenchcoat und Hut, hat Zweifel bei jedem, dem er begegnet. Durch seinen Onlinekampf ist er arbeitslos geworden. Er ist unrasiert, ungeduscht und ernährt sich von Tiefkühlpizzen. „Ich mache mich nur chic, wenn ich weiß, dass Besuch kommt“. Also nie.
„Twitter ist gar nicht so unbekannt, wie es scheint“, flüstert er mir ins Ohr. Sein Anzug riecht nach Gin, Bügelhilfe und Tränen. „Selbst die unscheinbare Bettlerin dahinten beim Karstadt – das ist die, die immer deine Tweets favt! Oder der Drehorgelspieler mit dem Zylinder… hat bei Twitter 5000 Follower.“
Doch wer steckt hinter dieser Favmafia? Der Datenkrake, die dafür sorgt, dass nur die gefavt werden, die gefavt werden sollen – jenseits von Geschmack, Humor und Fickwunschverdacht. Wer ist der Strippenzieher? Sascha Lobo? mspro? Stefan Niggemeier? Frank Schirrmacher?
Dieter weiß es nicht. „Ich kenne nur einzelne Glieder in der Kommandokette. Aber das ist der Mafiapöbel, nicht der Rede wert. Das einzige hohe Tier, von dem ich weiß, ist S T E.“
„Wofür steht S.T.E.?“
„Signore Twitter Elito.“
„Das klingt wie ganz schlecht ausgedacht.“
„Ist es aber nicht. Die von der Favmafia sind nur halt unoriginell. Deswegen sind User wie @x, @y oder @mlampin so beliebt. Diese Personen existieren nicht wirklich. Die Fotos, die du in ihren Avataren siehst, sind gephotoshopte Phantombilder der kanadischen Polizei aus den 70ern! Die Tweets der Leute sind automatisch generierte Sätze, geschrieben von nordkoreanischen Kinderarbeitern, die gar kein Deutsch können. Der Follow Friday… ein automatisch generierter Vorgang von den falschen Usern.“ Dieter reicht mir einen Umschlag. Auf ihm steht nur eine Handynummer. „Das ist die Nummer vom S.T.E. Rufe ihn nur an, wenn du dir sicher bist. Gib nichts über deine Identität preis, oder du bist des virtuellen Todes.“ Er dreht sich um, springt in die vorbeibrausende Straßenbahn, schon ist er weg. Dieter? Favmafia? Ist das alles ein Scherz? War das alles ein Traum? Nur der zerknitterte Briefumschlag mit der Handynummer in meiner Jackentasche ist der einzige Beweis für die Favmafia.

21.1.10. Anonymes Polaroid im Briefkasten.
Zeigt mich und Dieter, wie wir reden. Wer hat das fotografiert?
22.1.10. Anonymes Polaroid im Briefkasten. Zeigt mich und Dieter, wie wir reden. Foto aus einer anderen Perspektive.
23.1.10. Anonymer Zettel im Briefkasten. „übertreib es nicht du hurensohn! die favmafia ist schon hinter dir her – außerdem wollten wir dir nur sagen, dass das gartenpförchtchen beim öffnen und schließen ganz schön quietscht, ich würde das scharnier mal ölen, ist aber auch nicht dringend :-)“
24.1.10. Anonyme Anrufe. Kann nicht viel verstehen – höre nur die Wörter „Lobo“, „Fickwunschverdacht“ und „Retweet“ heraus.

Am 25.1.10 rufe ich den S.T.E. an.
Ein Mann meldet sich mit Hans-Werner.
„Spreche ich dort mit dem Signore Twitter Elito?“
Seine Stimme verdunkelt sich. „Wer spricht dort?“
„Das möchte ich nicht sagen. Sind Sie der S.T.E. oder sind Sie es nicht?“
„Woher wissen Sie von mir?“
„Von jemandem, den ich als Dieter bezeichnen möchte!“
„Ach, du meinst @xxyy!“
„Scheiße, woher wussten Sie, dass ich @xxyy meine?“
„Der Name passt rein assoziativ zu ihm.“
„Ach so. Dann ist es ja gut. Schönen Abend noch.“
„Ja, tschö mit ö!“
Ich lege auf und realisiere im selben Moment, dass der Anruf ja total sinnlos war.

26.1.10: Folgenden Artikel in der Zeitung.

FAVMAFIA LEGT TWITTER LAHM?

Berlin. Laut Informationen eines ehemals namhaften Twitterers namens Dieter – Name d. Red. bekannt – sei die deutschsprachige Twitterwelt mit korrupten Geldwäschern durchsetzt. „Die Favmafia“, so Dieter’s Ausdruck für die grassierende Kriminalszene, „ist überall. Sie lauert überall. Falls Sie diese Nachricht mit einem ironischen Unterton in Ihrer Zeitung veröffentlichen, weiß ich, dass Sie dazugehören.“  Twitter ist ein Microbloggingdienst, auf dem seltsame „User“ auf 140 Zeichen Notizen, Belangloses und gesegneten Schwachsinn in die Welt ballern. Nutzwert dieser Seite liegt irgendwo zwischen „Klowand“ und „Sack Reis in China“.

27.1.10. Investigativer Journalismus. Ich rufe bei verschiedenen Leitfiguren der deutschen Blogosphäre an und bin gespannt auf ihre Reaktionen.
1. Versuch: Markus Beckedahl, netzpolitik.org
Ich: „Was sagen Sie zu der Favmafia?“
Beckedahl: „Sagt mal, was geht denn hier ab. Ich telefonier gerade mit Leuten in Großbritannien darüber, ich hab weltweite Kontakte, schließlich bin ich einer der bekanntesten Blogger und Twitterer, das liegt aber nicht an der Favmafia, das ist eine große Lüge, folgst du mir eigentlich? Falls ja, welche meiner Tweets findest du am besten? Bitte auf einer Skala von eins bis zehn“-
Ich lege auf.
2. Versuch: Piratenpartei Deutschland, Parteizentrale.
PP: „Wir sind dagegen!“
Ich: „Ich habe doch noch gar nicht gesagt, worum es geht.“
PP: „Genau dagegen machen wir uns auch stark.“
Ich: „Ja, wenn das so ist, es geht um-“
PP: „Wir sind dagegen!“
Ich lege auf.
3. Versuch: Robert Basic, basicthinking.de
Ich: „Was sagen Sie zu der Favmafia?“
Basic: „Da weiß ich schon seit Jahren von.“
Ich: „Echt jetzt? Wow!“
Basic: „Glaubst du, sonst hätte ich meinen Twitteraccount @robgreen verkauft? Haha, da wär ich ja total behämmert!“
Ich lege auf.

Die Favmafia existiert. Aber nur in unserem Kopf. In Wirklich existiert sie nämlich gar nicht. (Falls Sie dieses überraschende Ende überrascht, liegt das daran, dass bei mir ein Sinneswandel stattgefunden hat. Das hat überhaupt nix damit zu tun, dass ich irgendwie von netten Leuten aus Korea ein paar Geldkoffer bekommen haben könnte – das sind urbane Legenden und Ammenmärchen. Und es hat auch gar nix damit zu tun, dass diese Website laut whois-Frage jetzt von den Cayman Islands aus geleitet wird. Das mit den Goldzähnen ist eine zahntechnische Pflicht gewesen und die Rolex habe ich zum Geburtstag bekommen. Ehrlich!)

7 thoughts on “Die Fav-Mafia

  1. Sehr interessant ist, dass du dich neulich mit Herrn Breuer getroffen hast. An diesen Tag warst du mehrere Stunden offline, das belastet dich. Dein Tweet „Wenn ich groß bin, möchte ich mit @A_Sevik auf ein Twittertreffen gehen und auf der Rückreise uns über alle lustig machen.“ bestätigt meinen (Fickwunsch-)Verdacht. Du wurdest in die Favmafia aufgenommen. Und durftest LSD und kleine grüne Pilze probieren. (Ich will das auch.)

  2. Da ich ja relativer Twitter-Newbie bin, sollte ich mir das vielleicht nochmal überlegen mit der Twitterei!
    Obwohl – naja – äh… hast du vielleicht Kontakte? Also..du weißt schon… allein mein Auspuff z.B., der fällt ja z.B. bald ab …z.B. ..und so… also, na dann! Hast ja meine Kontaktadresse…z.B. *umschau* TSCHAU!

  3. Na ja, schummeln bei Fussballwetten ist ein Verbrechen ohne Opfer. Wer so dämlich ist das er auf so was wettet ist selbst schuld.

    Aber das mit den Pilzen und LSD würde mir auch gefallen.

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