Abziehbilder

 In der Provinz ist schon Regen eine Zerstreuung.

Edmond und Jules de Goncourt, Idées et sensations

Bald feiere ich Silvester. Bald ist das Jahr zu ende und bald können wir alle über dieses seltsame 2009 nur noch lachen. Dieses Jahr war doch viel zu antizyklisch, in jeder Hinsicht. Sei es wirtschaftlich, politisch oder metrologisch. 2009 war kein Jahr der Sensationen, kein Jahr der Umbrüche und Revolutionen. Ja, in Teheran, da haben ein paar junge Menschen versucht, durch das Internet eine Revolution einzuläuten, was leider natürlich nicht geklappt hat. Der Twitter-Hashtag #iranelection war ein paar Wochen äußerst wichtig, es gab ein paar Zeitungsartikel, und dann kümmerte sich halb Twitter doch lieber wieder um Twilight oder die Jonas Brothers.

Obama ist ja auch Präsident geworden, neulich. Ich sage „neulich“, weil es mir auch wirklich so erscheint, als sei Obama erst seit kurzem im Amt. Ich weiß noch, wie ich im Januar recht traurig war, weil die spannenden Vorwahlen vorbei waren und es nicht mehr tägliche Zeitungsartikel über die grenzenlose Dummheit von Sarah Palin zu lesen gab. Zwischen Januar und Dezember liegen bekanntlich 12 Monate. Und in diesen 12 Monaten hat Obama nicht viel gerissen. Klar: Gesundheitsreform, versprochene (!) Schließung von Guantanamo, neue Soldaten für Afghanistan. Viel versprochen, wenig gehalten. Viele finden Obama gar nicht mehr so großartig. Ich fände es zu vorschnell, wenn ich hier ein starkes Urteil erlauben könnte. Mich und Obama trennen einen halben Erdball – und viel Ahnung in US-Politik habe ich auch nicht. 2009 war ein Jahr, was zwar da war, aber eigentlich relativ überflüssig. Klar, es gab viel gute Musik, nettes Wetter und in der Zeitung konnte man auch Interessantes lesen. Aber im Vergleich zu Jahren wie 2000 oder 2006 ist 2009 ein müder Abklatsch.

In den Provinzen ist es manchmal ähnlich. Auch dieses Jahr war kein Brüller. Aber auf dem Land sind Jahre selten Brüller.

50 Prozent der jungen Leute aus meinem Umfeld finden es hier großartig. Sie fahren auf Traktoren durch die Gegend, reden plattdeutsch und feiern in Scheunen, wo es nach Heu riecht. Andere sehnt es nach Metropolen. Sie wollen durch die Welt reisen, Szenemagazine abonnieren und Bands wie Akron/Family per Lautsprecher hören, ohne dass man schief angeguckt wird. Hier ist es leider nunmal so, dass jede Band, die nicht wie Green Day oder Bon Jovi klingt, nicht gut ist. Ich würde mich zu beiden Gruppen zugehörig fühlen. Zum einen weiß ich, dass mich sehr viele darum beneiden, dass zu unserem Haus nur eine Landstraße führt, dass ich direkt in einen tiefen Wald sehe, wenn ich meinen Kopf ein wenig drehe und aus dem Fenster sehe, dass ich plattdeutsch sprechen kann und rauschende Landjugendparties feiere.

Zum anderen allerdings möchte ich hier weg. Es ist großartig hier, wirklich. Aber ist es nicht die Welt, in der ich leben und arbeiten möchte. Gefühlte 70% der Schüler in meiner Stufe machen ein Praktikum beim Landmaschinenbau. Ich mache mein Praktikum in Essen (einer Großstadt, würde ich sagen. Eine Kleinstadt, würden andere sagen.) in einem großen Buchhandelsgebäude. Ich könnte mir nichts schöneres vorstellen. Die Landmaschinenbau-Fraktion belächelt mich allerdings, schließlich „sei sowas ja kein richtiger Beruf“. Eine ältere Frau sagte mir, in so einem Land sollte ich mich schämen, dass ich so ein Praktikum mache. Das Land geht vor die Hunde, sagt sie, wir bräuchten mehr Pfarrer! Mach was, womit man Menschen helfen kann!

Jaja. Klar. Natürlich.

Ständig schwärmen Leute von modernen Trends und Tics, die man leider nur in den Metropolen macht. Auf dem Land macht das keiner, trauern sie. Ich aber gähne und sage: Ach was! Bei solchen Sachen trauert ihr, aber wirklich coole Sachen machen, wo euch dann die Großstädter beneiden könnten, die macht ihr einfach nicht! Die Schwärmer fragen dann stets: „Was denn zum Beispiel?“ Mir fällt dann immer spontan was ein, zum Beispiel mit einem Mountainbike an einem grauen Nachmittag mit Höchstgeschwindigkeit über ein abgeerntetes Maisfeld zu rasen (das habe ich heute noch mit ein paar Leuten gemacht). Die Gesichter der Schwärmer erhellen sich, sie haben den Spaß ihres Lebens, vor allem wenn sich so ein Maisstoppel in den Radspeichen verfängt und man unentspannt zu Boden gleitet.  Mit blauen Augen, aufgeplatzten Lippen und aus den Ohren rausströmenden Endorphinen bedanken sie sich für die Idee. Gern geschehen. Der Nerd in der Runde sagt dann noch: „Ich werde das nächste Mal meinen Camcorder mitnehmen und am Computer die Filmkörnung der Videos stark erhöhen und die Helligkeit stark reduzieren, damit das Feld noch grauer und wir noch perspektivenloser erscheinen.“ Und aufgrund der allgemeinen Gutmütigkeit und Euphorie hauen ihm diesmal nicht alle auf die Fresse, weil er Intellektuellen-Scheiße labert, sondern alle lassen ihn friedlich gewähren. Ja, Harmonie auf dem Land erscheint immer harmonischer als Harmonie in der Großstadt.

Den kursiv geschriebenen Text habe ich 2008 geschrieben, der Text war zwar (wie man leicht merkt) eher auf Humor aus als auf Reportagen-Charakter. Aber die Dinge, die ich dort schreibe, sind wahr. Komplett. Es bräuchte definitiv mehr Integration von Großstädtern und Landmenschen. Die Städter sollten lernen, dass wir hier keine ziegenfickenden, stiernackigen Rednecks à la „Bauer sucht Frau“ sind. Wir sollten lernen, dass die Städter keine oberflächliche Aggro-Menschen sind, die weder „hallo“ noch „tschüss“ sagen können.

Ich sehe außerdem, dass immer mehr Aspekte aus dem Städterleben hier in der Provinz ankommen. Die Mitgliedszahlen bei Landjugend und Schützenverein sind rückläufig, keiner kann Plattdeutsch, immer mehr treten aus der Kirche aus (was ich trotz meiner Abneigung gegen die Kirche als traurig empfinde).

Was bleibt zu sagen? In ein paar Wochen ist 2010. In ein paar Monaten 2011. Und in ein paar Jahren ist es 2012. Und in ein paar Jahrzehnten sind wir eh alle tot. Dann kümmert es ja auch keinen, ob wir ziegenfickende Rednecks oder oberflächliche Aggro-Menschen waren.

Fotos: Max Lampin

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3 Kommentare zu “Abziehbilder

  1. den bildern nach wohnst du da, wo ich wohne. dem inhalt nach auch. dem atlas nach nicht. ich kenne auch die großstadt. und viele kleinere städte. viele dörfer. nicht überall sieht man in erster linie, dass der andere einfach nur ein mensch ist. was schade ist. mach um himmels willen dein praktikum. landmaschinen, das lernt sich immer. (ich hätte damals in berlin nie gedacht, dass ich eines tages, rund 10 jahre später, noch traktor fahren lernen muss, damit ich holz holen kann, wenn ich warm duschen möchte.)

  2. Ich bin jetzt endlich dazu gekommen, das zu lesen – das hast Du wieder sehr gut gemacht :)
    Hab mich wieder dran erinnert, dass ich a) die Klappe halten wollte, wenn ich von was keine Ahnung hab und b) hab ich vergessen.

    Achja: Das mit dem Mountainbike hört sich spaßig an :D
    Und die kath. Kirche geht mir eigentlich ziemlich auf den Senkel (Vorbot von Kondomen, Zölibat, etc.), warum ich sie aber trotzdem für was Gutes halte, ist, weil halt auch so soziale Projekte und so ;)

    Was ich eigentlich sagen (und Dir irgendwie vermitteln) wollte, war „schreib weiter, auch, wenn es unregelmäßig ist und ich fast nie was kommentiere. Ich finds immer toll“.
    Soo. Genau :)

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