Über Nachrichtensender

Ich lieg zur Zeit auf der Couch, der Laptop auf meinem Magen liegend. Im Fernsehen läuft arte, zur Zeit sieht man da eine Dokumentation über den Bosporus. Solche Dokus laufen da ja immer. Ich schalte ächzend um. Gut bewegen kann ich mich ja nicht. Jetzt: DW-TV. DW-TV gefällt mir. Das vergessene Aushängeschild der Öffentlich-Rechtlichen. Qualitativ hochwertiges Programm über Deutschland, im Wechsel auf Deutsch und Englisch. Das gefällt mir. Aber das derzeitige Programm nicht: Eine Dokumentation über German Design.  Auf N24 läuft eine Reportage XXL, so heißt es. Warum XXL? Nur weil die Dokumentation unglaubliche 45 Minuten lang ist (davon 15 Minuten Werbung)? Ich sah mal eine Dokumentation über den Amerikanischen Bürgerkrieg, die dauerte zehn Stunden. Interessiert hat mich das natürlich überhaupt nicht, aber für zehn Minuten war ich mit dem Kopf dabei.  Mir gings eher darum im Freundeskreis angeben zu können: „Ich hab schon mal einen Auszug einer zehnstündigen Dokumentation gesehen.“ Ich muss ja nicht erwähnen, dass der Auszug daraus bestand, dass ein sehr schläfriger, langsamer Sprecher mit einem Protokoll einer US-Senatssitzung aus dem Jahr 1867 das Publikum einlullte. Schnell umschalten auf Sky News. Britische Nachrichtenkanäle sind super! Interessant und hintergründig aufbereitet, modernes Design. So wie das Deutschlandradio Kultur, nur ohne Musik und Features. Und ohne Kultur. Hm. Vielleicht also doch nicht wie das Deutschlandradio Kultur. Zur Zeit geht es um ein Schiff, dass von somalischen Piraten entführt wurde. Ein Mann mit dickem Bart spricht gerade in die Kamera. Kommt es mir nur so vor oder ist im britischen Fernsehen immer ein Mann mit dickem Bart anwesend? Vielleicht hat der ja gar nichts zu sagen, aber er prostituiert sich mit seinem Bart für die Medien. Kann ja sein. Huch, jetzt wollte ich „Euronews“ schreiben, sah dabei aber zum Fernseher. Ich habe mich grundlegend vertippt: Ich schrieb „Ehrkida“. Über Euronews kann man nicht viel schreiben. Das ist ein französischer Nachrichtensender, der das ambitionierte Projekt verfolgt, zeitgleich ein Programm in deutsch, französisch, englisch, portugiesisch, russisch, spanisch, italienisch zu senden. Per Tonspurwahl (ich kenn das jetzt nicht das richtige Wort für) kann man sich seine Sprache auswählen, sich auf das von einem Lieben warmgehaltene Sofa katapultieren und sich mit russischen Fußballergebnissen von selbst einem Erz-Russen unbekannten Provinzclubs berieseln lassen. Oder sich die einzige Werbeunterbrechung auf dem Sender anschauen, die dauert aber auch mal gern zehn Minuten und zeigt aktuelle Ausstellungen moderner Kunst in Europa. Unterlegt wird diese Fotoslideshow von fürchterlichem Easy Listening. Die Synchronsprecher werden wegen der täglichen Synchronisationslast von 24 Stunden Programm, was in allen möglichen Sprachen gesprochen werden muss, alle zehn Minuten ausgewechselt, weil sie hechelnd an den Mikros hängen und in die Knie gehen, um Gott für einen Jingle oder die Kunstausstellungs-Werbung zu danken. Die Synchronsprecher klingen so unfreundlich und gestelzt, dass man denkt, ein Sprachcomputer säße vor den Mikros.  Schnell umschalten auf BBC World, dem besten öffentlich-rechtlichem Programm der Welt (teilt sich den Platz mit dem ORF). ARD und ZDF können sich die besten Krumen von den vorletzten Plätzen vor der Nase wegschnappen: diese beiden Sender sind weder exklusiv noch in irgendeiner Hinsicht modern.  Sie sind eher Elend. BBC World ist sehr klug. Weder reißerisch (N24, CNN, Al Jazeera English oder –oh Gott- FOX News) noch intellektuell (gibt kein Sender dafür). BBC World ist einfach BBC: Britisch, prägnant, gut. Allerdings hat BBC World einen großen Sportdrall. Letztendlich ist es egal, was man so guckt. Hauptsache, man guckt etwas, was einem gefällt. Ich kannte einen, der mir gestand, dass er immer von Super RTL auf arte schaltete, wenn es an der  Tür klingelte, klopfte, ächzte, rumorte, rumpumpelte. Das finde ich fürchterlich! Ich hackte dem Beichtenden die Hand ab und dann auch noch die andere. Jetzt hat er nie mehr die Chance, eine Fernbedienung zu ergreifen und darf sich weiterhin an schlechten, von Kindern gezeichneten Cartoons erfreuen.

(Nett ist das nicht. Aber da ich nicht Stefan Niggemeier heiße und zynische Texte über das Fernsehen schreiben kann, reichts halt nur für stumpfsinnige Körperamputationen. Man verzeihe mir dies.)

Illustration: Q. Thomas Bower.

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Ein Kommentar zu “Über Nachrichtensender

  1. Am besten gar nicht Fernsehen. Ab und zu ist es ok, zu besonderen »Anlässen«. Sonst einfach lassen. Bei mir klappt das ganz gut, seit zwei Jahren. Und ich vermisse es nicht. Stattdessen verbringe ich meine Zeit mit anderen Dingen, wie Timeline lesen, Bücher lesen, Blogs lesen, Magazine nicht lesen und Schulbücher nicht lesen. Das klappt auch ganz gut. Glaub ich.

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