Das Haus

Das Haus (Illustration: flaf)Die Verwandtschaft kam zu Kaffee und Kuchen, die Schwiegereltern kamen später abends noch auf ein Bier vorbei. Die ersten Baupläne werden verteilt und gierig mit „ooooh“ und „ach soooo“ bewertet, wie man das sonst bei Nacktfotos von in Würde ergrauten Kardinälen erwarten würde. Erdnüsse knabbernd beratschlagen sich noch der Ehemann und sein Schwiegervater über die besten Helfer hier in der Nähe und wenn zwei, drei Monate später das Fundament und der Keller fertig ist, läuft man zum kahlen, zerklüfteten Grundstück, kalt ist es, und man denkt, dass es noch ein langer Weg sein wird, bis man dann ins Haus einziehen kann. Ein paar Monate später sind dann die Wände hochgezogen, die Wände isoliert, der Dachstuhl errichtet und abgekleidet, beziegelt und der Dachboden wird mit Glaswolle und Spanplatten eingerichtet, die Stromkabel werden gezogen, Gras gepflanzt, Gas und Wasser und Strom kommt rein, auch die Fenster natürlich. Es wird gefliest, Boden verlegt, Rohre verlegt, tapeziert, Lampen gekauft, Mobilar, Treppengeländer, der Keller wird entfeuchtet. Umzugskartons werden gepackt, man schaut zurück in die Wohnung, ob man etwas vergessen hat, aber es liegen nur noch nackte Räume da, geradezu ohne Identität, die jetzt nämlich in den mit Panzerband zugeklebten Umzugskartons steckt. Man packt alle Kartons in ein Auto, fährt zwei-drei mal zwischen Wohnung und neuem Haus hin und her, verlädt und entlädt, alles wird thematisch geordnet, das Panzerband abgerissen und in den Müll damit und alles kommt langsam aus den Kartons und das gesamte Inventar eines frühreren Lebens breitet sich nun auf Schränken, Boden und Tischen aus: Besteck, Bücher, Teller, CDs, DVDs, schöne Dinge, Fotos, Erinnerungen, ganze Inkarnationen, ein zweites Mal wird ausgemistet, ob man das überhaupt hier noch braucht. Und dann könnte man bereit sein, im neuen Haus zu leben. Und die ersten Freunde kommen, trinken Bier, lachen über Diverses, gratulieren und versprechen, beim Ausstatten des Hauses zu helfen, und falls ihr noch irgendwas braucht, hier ist meine Nummer, ruft mich ruhig an, gar kein Problem, etc. Die Verwandtschaft kam zu Kaffee und Kuchen, die Schwiegereltern kamen später abends noch auf ein Bier vorbei. Das Bier wird knapp, am Ende gibt es nur noch alkoholfrei und die frisch Eingezogenen freuen sich, endlich was für das neue Haus einkaufen zu gehen. Die Nachbarn beäugen die Neulinge zuerst skeptisch, dann atmen sie erleichtert auf, dass die neuen Nachbarn auch so normal sind wie sie selber, kommen tagsdarauf auf ein Bier vorbei, welches inzwischen eingekauft wurde. „Uns gefällt es sehr gut hier“, sagen die neuen Nachbarn und die alten Nachbarn sagen: „Es ist auch gut hier“ und man lacht und denkt sich, dass es in Zukunft reichen wird, an Weihnachten eine Packung merci vorbeizubringen und vielleicht dann und wann mal zu grillen, aber bitte bloss nichts Ernstes. Und dann geht man, wenn alle weg sind, gähnend ins Schlafzimmer, zieht sich den Schlafanzug an, seufzt was à la „home. sweet, sweet home“, man legt sich gemeinsam ins neue und deswegen harte Bett, die Federn knarzen verdächtig laut, man fragt sich, warum nicht das Wasserbett?, löscht das Licht, wünscht sich eine gute Nacht und möchte eigentlich nur noch zurück in die alte Wohnung.

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4 Kommentare zu “Das Haus

  1. Hat er doch neulich schon Geschichte geschrieben – mutmaßlich brillant – da isser wohl auf den Geschmack gekommen. Nu schreibt er immer weiter Geschichten – und was für welche: Alptraumhaus oben, parabolisch-kafkaesk & zuvor Modern Stalking, diabolisch-humoresk & hiernach der Beziehungsfail, gar gereimt-kästneresk… die Nietzschegeschichte zum Hören, philosophisch-grotesk, nicht zu vergessen! Da werd ich glatt noch zur Geschichtsforscherin auf meine alten Tage… Mehr von dem Stoff!

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